Deadline: 15.07.2026

Von der linken zur rechten Hand des Staates. Polarisierungen und autoritäre Transformationen

Call for Papers für die Bourdieu Lectures vom 25. bis 26. Februar 2027 an der Universität Bielefeld. Deadline: 15. Juli 2026

Die von Pierre Bourdieu auf empirischer Grundlage entwickelte Unterscheidung zwischen der linken und der rechten Hand des Staates gehört zu den einflussreichen Diagnosen moderner Staatlichkeit. Bourdieu hatte den Staat zunächst als „Zentralbank symbolischen Kapitals“ beschrieben – und kritisiert –, der dem Denken und dem Wahrnehmen als eine Art Letztinstanz Anerkennung und Legitimität verschafft. Im Kontext seines globalisierungskritischen Engagements stellte er hingegen auch die sozialpolitischen und kulturellen Errungenschaften heraus, die sich im Staat verdichten und die er durch die “neoliberale Offensive” gefährdet sah. Hier entwarf er das Bild der beiden Hände: Während die linke Hand für soziale Integration, Umverteilung und Gerechtigkeit steht, verweist die rechte Hand auf staatliche Kontrolle, Disziplinierung und die Durchsetzung ökonomischer Imperative.

Vor dem Hintergrund gegenwärtiger globaler Entwicklungen stellt sich die Frage nach der Aktualität dieser Diagnose neu. Prozesse der ökonomischen Globalisierung, geopolitische Konflikte und kriegerische Auseinandersetzungen führen zu einer engen Verschränkung von Wirtschafts-, Sicherheits- und Außenpolitik. Supranationale Institutionen (wie die EU oder UNO) und völkerrechtliche Bindungen geraten unter Druck, während autoritäre und illiberale Regierungsformen weltweit an Bedeutung gewinnen. Die Erosion demokratischer Institutionen im Sinne der Entstehung von Post-Demokratien geht zugleich mit einer anhaltenden und sich vertiefenden sozialen Ungleichheit einher. Dabei verdichten sich die Verflechtungen zwischen politischen und ökonomischen Eliten, die zunehmend in der Lage sind, staatliche Entscheidungsprozesse direkt zu beeinflussen. Zugleich führen die multiplen Krisen zu unterschiedlichen Formen politischer und kultureller Polarisierungen, die häufig quer zu Klassen und Milieus liegen.

Die 2. Bourdieu-Lectures gehen von der Diagnose aus, dass sich das von Bourdieu beschriebene Spannungsverhältnis seit den 1990er Jahren nicht nur fortgeschrieben, sondern qualitativ verändert hat. Die Logiken von sozialstaatlicher Integration und staatlicher Kontrolle driften nicht nur auseinander, sondern geraten in ein zunehmend strukturell widersprüchliches Verhältnis. Zugleich entstehen neue, oft instabile Verbindungen beider Seiten, insbesondere im Kontext neokonservativer, autoritärer und faschisierender Transformationen staatlicher Strukturen und kultureller Felder.

Die 2. Bourdieu Lectures nehmen diese Entwicklungen zum Anlass, das Verhältnis von linker und rechter Hand des Staates unter gegenwärtigen Bedingungen neu zu bestimmen. Ziel ist es, das empirische Fundament sowie die analytische Reichweite von Bourdieus Perspektive zu prüfen und für eine zeitgenössische Diagnose neo-sozialer und politischer Transformationen fruchtbar zu machen. Leitfragen, die sich von mikrologischen Strukturen der Alltagspraxis bis zu makrosozialen Strukturen politischer Steuerung erstrecken, sind dazu unter anderem aber nicht ausschließlich:

  • Inwiefern haben sich sozialstaatliche und disziplinierende Logiken strukturell entkoppelt oder neu verschränkt?
  • Welche Rolle spielen autoritäre Transformationen und neue Formen des Konservatismus für die Hemmung oder Aktivierung der linken wie rechten Hand des Staates?
  • Wie verändern Globalisierung, geopolitische Konflikte und kriegerische
  • Auseinandersetzungen politische wie moralische Ökonomien?
  • Welche Bedeutung kommt der zunehmenden Verflechtung politischer und ökonomischer Eliten zu?
  • Welche Rolle spielen digitale Medien für Polarisierung, Kontrolle, neue Öffentlichkeiten, Machtstabilisierung und Propaganda?
  • Wie verändern sich in Zeiten rechtsextremer Mobilmachung, Autoritarismus und Faschisierung machtförmig strukturierte Konflikte um Ein- und Ausschluss zu Rassismus, Klassen-, Geschlechter- und planetarischer Verhältnisse?
  • Wie wirken sich Prozesse der Privatisierung und Differenzierung im Bildungssystem auf soziale Ungleichheit und Politisierungsverhältnisse aus?

Wir würden uns freuen, wenn Vortrags- oder Workshopangebote (auch in englischer Sprache) zu den oben skizzierten oder auch zu verwandten Themen eingereicht werden.

Einreichung

Abstracts von ca. 500 Wörtern (Einzelbeiträge) bzw. ca. 1.000 Wörtern (Workshops) sind bis zum 15. Juli 2026 zur Einreichung erbeten.

Bitte senden Sie Ihre Beiträge an: bourdieu-lectures(at)uni-bielefeld.de

Rückmeldungen erfolgen bis zum 15. September 2026.

Sprachen: Deutsch und Englisch

Organisation

  • Prof. Dr. Ullrich Bauer (Universität Bielefeld)
  • Prof. Dr. Uwe Bittlingmayer (Pädagogische Hochschule Freiburg)
  • Dr. Barış Ertuğrul (Universität Bielefeld)
  • Charlotte Hüser (Zeppelin Universität)
  • PD Dr. Jens Kastner (Akademie der bildenden Künste Wien)
  • Lilli Kim Schreiber (Zeppelin Universität)
  • Prof. Dr. Franz Schultheis (Zeppelin Universität)

Zum Call for Papers (PDF)

Newsletter