Deadline: 15.10.2026

Welche Reform braucht der Sozialstaat? Sozialpolitische Staatsmodernisierung zwischen Austerität, Krieg und Deindustrialisierung

Call for Papers für ein Themenheft des Leviathan – Berliner Zeitschrift für Sozialwissenschaft. Deadline: 15. Oktober 2026

Herausgeberinnen: Katharina Bluhm (Freie Universität Berlin) und Anke Hassel (Hertie School of Governance)

Die Sozialstaaten aller entwickelten Gesellschaften stehen unter wachsendem Anpassungsdruck: Demografische Alterung, schwaches Wirtschaftswachstum, zunehmende soziale Ungleichheit, Migration sowie die digitale und ökologische Transformation treffen auf angespannte öffentliche Haushalte und schwindendes Vertrauen in die Leistungsfähigkeit staatlicher Institutionen. In dieser Situation erscheint Sozialpolitik vielfach vornehmlich als Kostenfaktor – oder bestenfalls als unverzichtbare Voraussetzung gesellschaftlichen Zusammenhalts. Auch das Leitbild des sozialinvestiven Wohlfahrtsstaats, das Antworten auf sogenannte „neue soziale Risiken“ versprach, verband sich vielerorts mit Ökonomisierung, Privatisierung und einer starken Präferenz für individuelle Absicherung. Gleichzeitig verschärft die Frage, wie inklusiv der „alte“ Sozialstaat, seine kollektive Absicherung und Umverteilung sein können und dürfen, die politische Auseinandersetzung. Die skandinavischen Länder gelten dabei weiterhin als die erfolgreichsten Beispiele für eine Verbindung sozialer Investitionen mit umfassender sozialer Sicherung. Doch auch dort sind die Wohlfahrtsstaaten keineswegs gegen soziale Polarisierung und autoritären Rechtspopulismus gefeit.

Bevölkerungsreichere, sozial und strukturell heterogenere Länder haben sich in der Vergangenheit schwerer getan, diese Wende zu sozialen Investitionen zu vollziehen, nicht zuletzt, weil ein sozialpolitischer Konsens sehr viel schwerer herzustellen beziehungsweise durchzuhalten ist. Die Bundesregierung unternimmt gegenwärtig einen neuen Reformanlauf, der mitunter mit der Agenda 2010 von Gerhard Schröder verglichen wird und doch gerade keine einfache Neuauflage sein kann. Die Bedingungen sind dafür heute schlechter als damals, zugleich sind die Probleme und die politischen Herausforderungen umso dringlicher.

Der Leviathan lädt zu einer gesellschafts- und sozialpolitischen Debatte über die Aufgaben und Funktionsweise des entwickelten Sozialstaates ein, der nicht entsolidarisiert und Ungleichheit weiter vertieft, sondern zur Staatsmodernisierung, zum sozialen Zusammenhalt und zu wirtschaftlicher Entwicklung beiträgt.

Themen könnten sein:

  • Agenda 2010 – revisited
  • Sozialstaat und Steuerpolitik – was bringen Erbschafts- und Vermögenssteuer?
  • Soziale Rechte und Gerechtigkeitsdiskurse
  • Chancen und Risiken der Digitalisierung – Digital Divide, Chancen und Grenzen der Selbstverantwortung
  • Rentenreform zwischen Umverteilung und Zukunftsinvestitionen
  • Ein neuer Anlauf in der Diskussion über Flexicurity in Deutschland?
  • Komparative Perspektiven
  • Schnittstellen zwischen der Europäischen Union und ihren Mitgliedsstaaten
  • Sozialpolitik und Ökologie

Wir freuen uns auf Ihre Abstracts (ca. 500 Wörter) bis zum 15. Oktober 2026. Bitte schicken Sie diese an Katharina Bluhm: katharina.bluhm(at)fu-berlin.de und Anke Hassel hassel(at)hertie-school.org.

Nach einem Auswahlprozess durch die Herausgeberinnen müssen die fertigen Manuskripte bis zum 15. März 2027 zur Begutachtung (double blind peer review) eingereicht werden. Das Heft wird im September 2027 in Open Access erscheinen.

Zum Call for Papers (PDF)

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