(Nicht-)Wissen und (Un-)Sicherheit in der Pandemie

Ein Beitrag zur Reihe "Sicherheit in der Krise"

Pandemien sind Wissenskrisen. Zum einen sind sie „impossible to predict. The next epidemic will come. But nobody knows when and nobody knows where“ – das hieß es noch in der Krisenübung, die die Gesundheitsminister:innen der G20-Länder 2017 in Hamburg durchführten.[1] Nun, da eine Pandemie, wie sie seit gut zwanzig Jahren im Feld der Global Health Security prophezeit war, tatsächlich eintrat, tauchen zum anderen in der akuten Bewältigung eine Reihe weiterer Problematiken auf, die sich um den Nexus von Sicherheit und Wissen entfalten. Der vorliegende Beitrag versammelt einige dieser Krisenmomente: erstens das Problem der infodemic als unsicherem Wissen; zweitens das Problem der Produktion sicheren Wissens, das sich in den Begriffen „Evidenz“ und „Experiment“ verdichtet; drittens das Problem der Kommunikation von Wissen; das viertens auf das Problem möglicher Konsequenzen von Wissen hinweist, dem Problem also, dass mehr Wissen nicht zwangsläufig zu besserem Infektionsschutz führt.

 

Infodemic

Im Management der Pandemie 2020 verdoppelt sich das zentrale Problem der Ansteckung: „We’re not just fighting an epidemic; we’re fighting an infodemic“,[2] das machte der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Mitte Februar auf der Münchner Sicherheitskonferenz deutlich. Für Institutionen wie die WHO handelt es sich aktuell um einen Krankheitsausbruch, in dem sich ein „seit dem Mittelalter“ bekanntes Phänomen in „nie dagewesenen Ausmaß“ verschärft, weil sich Gerüchte und falsche Informationen, maßgeblich über Informationstechnologien, aktuell schneller ausbreiten als das Virus selbst.[3] Zu den wichtigen Eindämmungsmaßnahmen der Ausbruchsbewältigung gehört also auch die Unterbrechung all jener Infektionsketten, die gefährliche Informationen übertragen – beispielsweise in Kettenbriefen bei Whatsapp oder durch virale Hits bei Youtube, in denen alternatives Wissen zu Pandemie zur Verfügung gestellt wird. In der aktuellen Pandemie arbeiten WHO, Social-Media-Anbieter und Informationskonzerne wie Google erstmalig eng zusammen, um problematische Falschmeldungen in Social-Media-Postings herauszufiltern und wenn möglich zu löschen. Zugleich erarbeiten spezielle Teams der WHO Informationsangebote, die auf die jeweiligen Falschmeldungen zugeschnitten sind. Um entgegen vielfältiger problematischer Meldungen die Verbreitung von zum einen sicherem und zum anderen gesichertem Wissen zu fördern, werden ferner alle Suchanfragen und Beiträge zur Pandemie direkt mit solchen Informationen aus sicheren Quellen verlinkt.

Zuletzt haben sich ausgerechnet einige Regierungsvertreter als informationstechnische super spreader erwiesen und mit Meldungen für Unsicherheit gesorgt: Bereits im Moment der öffentlichen Mutmaßung des Präsidenten der USA, dass die Verabreichung von Infektionsmittel gegen COVID-19 hilfreich sein könne, gingen selbst Laien davon aus, dass es sich um eine gefährliche und missverständliche Information handelte – die Zahl der entsprechenden Vergiftungsfälle nahm dennoch zu.[4] Beim Tweet des französischen Gesundheitsministers, demzufolge Ibuprofen eine bestehende COVID-19-Infektion verschlechtern könne, war die Einschätzung der Lage weitaus komplizierter. Die Meldung war deswegen verunsichernd, weil es auch für Experten (der Gesundheitsminister ist selbst Mediziner) naheliegend schien, dass sie zutreffen könnte. Deswegen sprach die WHO zunächst eine Warnung aus und konnte erst nach Prüfung der lediglich begrenzten neuen Informationen zu Ibuprofen Entwarnung für das Schmerzmedikament geben.[5]

Aus der Perspektive der Wissenschaftsforschung interessiert das weite Feld unseriöser Meldungen, Gerüchte, fake news, alternativer Fakten und Verschwörungstheorien, weil es direkt auf die Probleme sicheren Wissens, genauer: der Sicherung von Wissen und Sicherheit durch Wissen, verweist. Pandemischer Infektionsschutz ist aufgespannt zwischen der schnellen Eindämmung von unsicherem Wissen und der schnelleren Produktion und Kommunikation von evidenzbasiertem Wissen. Sowohl die rechtzeitige Herstellung von Wissen wie auch seine überzeugende Vermittlung können dabei zum Problem werden.

 

Evidenz

So kommentiert der Medizinstatistiker John Ioannidis, es handele sich nicht nur um eine „once-in-a-century pandemic“, sondern auch um ein „once-in-a-century evidence fiasco“, wenn über weitreichende Maßnahmen wie lockdowns entschieden würde, ohne dass eine fundierte Wissensbasis bezüglich des Virus oder hinsichtlich der Effekte der Maßnahmen existiere und die vorhandenen Daten unzuverlässig seien. In ähnlicher Stoßrichtung bezeichnet Andreas Diekmann die aktuellen Regierungsentscheidungen aufgrund der herrschenden Unsicherheiten als das Erproben „experimenteller Politik“.[6] Mit der Metapher des Experiments wird – unabhängig von einer Präferenz für bestimmte Maßnahmen oder einer Tendenz der Kritik – jedes (Regierungs-)Handeln unter Unsicherheit beschrieben: Während die einen die Strategie des mehr oder weniger harten Durchgreifens, samt social distancing, lockdown und flattening-the-curve, als „unprecedented public health experiment“ bezeichnen,[7] gilt für die anderen vor allem Schwedens vergleichsweise milder Umgang mit der Pandemie als „Experiment“, „Hochrisikoexperiment“, „Menschenexperiment“ oder „Versuchslabor ohne Kontrolle“.[8]

Das Sprachbild des Experiments ruft ein tief ins Imaginäre des Wissenschaftlichen eingelassenes Sicherheitsversprechen auf. Experimente bieten idealerweise kontrollierbare Bedingungen, um jene Annahmen, die man zu einem Gegenstand aufgestellt hat, entweder in gesichertes Wissen zu überführen oder sie zu widerlegen. Experimente operationalisieren die Trennung von Wissen und Nicht-Wissen sowie Sicherheit und Unsicherheit anhand spezifischer Verfahren, die paradigmatisch im soziomateriellen Gefüge des Labors situiert sind. Gegenüber den Kontrollbedingungen des Labors birgt vor allem das archetypische Bild des experimentellen Versuchs in der Alchemie die Gefahr, dass einem der Versuchsaufbau um die Ohren fliegen könnte, eben weil die Dinge noch nicht sicher sind. „Evidenz“ ist nicht nur in der Pandemie ein wichtiger Sicherheitsbegriff, hier wird nur einmal mehr deutlich, wofür er eine Lösung bieten soll: für die grundsätzliche Prekarität, Situiertheit und Umstrittenheit von Wissen im Allgemeinen und insbesondere von wissenschaftlichem Wissen. Stärker noch als außerhalb der Krise konfligieren die Produktion von gesichertem Wissen sowie die Entfaltung seiner Konsequenzen mit anderen Zielen und Erfordernissen: Die Zeitlogik wissenschaftlicher Evidenzproduktion inklusive langsamer Publikationsroutinen reibt sich mit der Schlagzahl des hyperventilierenden Medienbetriebs und am politischen Handlungsdruck. Die Verfahren des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns – diagnostische Tests, Virusbeforschung im Labor, Fallstudien wie in Heinsberg, mathematische Modellierung – sollen in der Pandemie eindeutige Antworten auf (scheinbar) eindeutige Fragen liefern; an diesem gesellschaftlichen Anspruch können sie nur scheitern. Deutlich wird dies beispielsweise an den Verfahren der in vergangenen Krankheitsausbrüchen bereits „erprobten“ Beschleunigung von Impfstoffproduktion. Ohne eine Impfung als ultimativem techno-fix – eine von den zugrundeliegenden Zusammenhängen abstrahierende, technologische Intervention in ein komplex gelagertes Problem – bleibt das SARS-CoV-2-Virus noch lange eine Gefahr für unsere Gesundheit und unsere Lebensweise. In sogenannter emergency research oder outbreak research soll deswegen unter massivem Zeitdruck sicheres und unsicheres Wissen über ein halbwegs unbekanntes Virus in ein massenhaft herstellbares und sicheres biomedizinisches Produkt überführt werden. Wie schon in der Ebola-Krise in Westafrika wird dabei der Krankheitsausbruch selbst zum experimentellen Raum beziehungsweise zum laborativen Setting. Unter anderem die WHO versucht über governance manuals die Goldstandards und ethischen Maßstäbe regulärer Versuchs- und Entwicklungsprozesse mit dem Handlungsdruck der pandemischen Entwicklung abzugleichen, damit es eben nicht zu „Menschenexperimenten“ kommt.[9]

 

Kommunikation

Die Wissenschaftler:innen als Produzent:innen von Evidenz haben im pandemischen Wissen-Sicherheit-Nexus ein weiteres Problem: die sichere Kommunikation. Damit ist weniger die Sicherheit von Kommunikationsdaten gemeint, mit der sich aktuell die Entwickler:innen einer Corona-App beschäftigen, auf der angesichts des möglicherweise langen Wartens auf den Impfstoff viele Hoffnungen liegen. Vielmehr geht es um die in den letzten Jahren vieldiskutierte Wissenschaftskommunikation und die damit einhergehende Schwierigkeit, die extreme Spezifizität und Beschränktheit von wissenschaftlichem Wissen einer wie auch immer gearteten breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. So weist der Virologe Christian Drosten, der für seine Leistungen in der Wissenschaftskommunikation gerade einen Sonderpreis der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) erhalten hat,[10] in einem seiner Podcasts ausdrücklich darauf hin, dass es für solche Übersetzungsleistungen innerhalb der Wissenschaft eben keine „Erfolgsmaße“ gebe und dass, im Gegenteil, ein solches Engagement gar „gefährlich“ für die wissenschaftliche Reputation und Karriere sein könne.[11] Wie schwierig schnelle, öffentlichkeitswirksame Kommunikation von Wissen sein kann, zeigt sich beispielsweise an der Präsentation der Ergebnisse der Studie aus dem Kreis Heinsberg kurz vor den Ostertagen. Aufgrund des gewählten Zeitpunkts, bezüglich der Art der Darstellung und weil die Kommunikation an eine journalistische Agentur ausgelagert worden war, kam es zu deutlicher Kritik. Während all diese Kritikpunkte die Qualität der Studienergebnisse an sich unberührt lassen, ist nicht von der Hand zu weisen, dass sie die Qualität der Studie dennoch berührt haben. [12]  

Obwohl derzeit viele Wissenschaftler:innen mal mehr und mal weniger deutlich darauf hinweisen, dass sie bezüglich der Regierung der Pandemie „keine Fakten schaffen“,[13] tun sie grundsätzlich genau das: Wissen wird geschaffen und Fakten stehen schon etymologisch für etwas „Gemachtes“. Es ist insofern wenig überraschend, dass sich die Ausführungen Drostens zumindest über weite Strecken in quasi lehrbuchartiger Weise als genau das lesen, was die Science and Technology Studies (STS), die Akteur-Netzwerk-Theorie und die Spielarten des Neuen Materialismus seit vielen Jahren anhand zahlreicher Fallstudien verschiedenster Art zu verdeutlichen suchen: dass wir nicht in die Welt hinausziehen und dort Fakten einsammeln, die wie Äpfel vom Baum und Leuten wie Newton auf den Kopf fallen. Stattdessen müssen wir uns geduldig und aufwendig mit den verschiedensten Dingen – seien es nun Viren, lockdowns, Gesichtsmasken, emotionale Ansteckung oder anderes – auseinandersetzen, um ihnen entlang ihrer Eigenarten und Widerständigkeiten zumindest ein paar Informationen abringen zu können. Dieses Wissen ist nicht einfach von seinen Entstehungszusammenhängen abzulösen, es ist nicht gebrauchsfertig. Was von den hochgradig begrenzten Wissensbeständen in politische Entscheidungen, Vorsorgeprogramme oder in sichere Medikamente übersetzt werden kann, ist keineswegs evident, sondern, im Gegenteil, Gegenstand von langwierigen Auseinandersetzung – unter Laien, zu denen auch die politischen Entscheidungsträger:innen gehören, wie auch in Expertenkreisen. Wissenschaftskommunikation, nicht nur in der Pandemie, wirft die Frage auf, wie Wissen in jene Kontexte hinein übersetzt werden kann, in denen es relevant werden soll. Die Kommunikation wissenschaftlicher Erkenntnisse ist deswegen so schwierig oder – um es in den Worten Drostens zu sagen – „gefährlich“, weil im Versuch der Kommunikation offensichtlich wird, dass die Trennung des Wissenschaftlichen vom Gesellschaftlichen, Wirtschaftlichen, Politischen zwar einerseits notwendig, aber zugleich unmöglich und immer wieder aufs Neue problematisch ist. Die seit einigen Jahrzehnten wachsenden Bereiche der Wissenschaftskommunikation oder des Research and Development verhandeln diese Trennung zwischen Wissenschaft „an sich“ und dem Rest der Welt auf spezifische Weise neu.

 

Konsequenzen

Im Zentrum des zeitgenössischen Infektionsschutzparadigmas der Global Health Security steht die eingangs zitierte Annahme, dass wir bezüglich pandemischer Gefahren nur wissen, dass sie kommen werden, aber nicht wann, wo und in welchem Ausmaß. Eben weil die Ausbreitung eines unbekannten Virus nicht mit Prognosetechniken der Risikokalkulation vorhergesagt werden kann, hat sich im Feld der globalen öffentlichen Gesundheit die Sicherheitsstrategie der Preparedness durchgesetzt: eine möglichst gute, weil umfassende Vorbereitung auf die unausweichliche, aber zu gleich unbestimmte Gesundheitskrise. Spätestens seit dem Ebola-Ausbruch 2014–2016 in Westafrika, der sich nicht nur durch eine verschleppte internationale Reaktion, sondern auch durch massiv überforderte lokale Gesundheitssysteme auszeichnete, gilt die nationale systemische beziehungsweise infrastrukturelle Preparedness als sicherheitsrelevantes Wissensobjekt. Da nicht zu prognostizieren ist, welche Krise kommen wird, gilt es, detailliertes Wissen darüber herzustellen, wie gut nationale Gesundheits- beziehungsweise Public-Health-Systeme für den worst case vorbereitet sind. Als Donald Trump kürzlich in einer Pressekonferenz verkündete, die USA wären weltweit „rated number one“ in pandemischer Vorbereitung, und zum Beweis den Ausdruck einer farbigen Karte präsentierte, bezog er sich auf Teile des Global Health Security Index. Er soll, wie andere Evaluierungstechnologien, die angesichts des Problems pandemischen Nicht-Wissens etabliert wurden, Daten über systemische und infrastrukturelle Vorbereitung verfügbar machen.[14] Dass dieses teilweise aufwendig produzierte Wissen über „Lücken“ globaler Preparedness nur dann Sicherheit schaffen kann, wenn sich die Logik der Vorbereitung auch tatsächlich in einer Schließung dieser Lücken materialisiert, wurde und wird vielerorts recht banal, aber dennoch dramatisch an der Knappheit von Schutzausrüstung deutlich.[15] Zwar liegt für viele Länder inzwischen Wissen zum Stand der pandemischen Preparedness vor; wie die WHO kürzlich deutlich machte, zeigt sich dabei aber vor allem, dass tatsächlich keiner ihrer Mitgliedsstaaten ausreichend auf die Pandemie vorbereitet war.[16]

Nicht nur im Fall fehlender Atemschutzmasken verweist uns die Pandemie darauf, dass die Konjunkturen und (Dis-)Kontinuitäten dessen, was als relevantes Wissen überhaupt produziert, gefördert, angehört oder eben entfaltet werden kann, gesellschaftlich situiert sind. Die Konsequenzen dieser wesentlichen Einsicht der (nicht zuletzt feministischen) Wissenschaftsforschung und STS gilt es ernst zu nehmen, allerdings unabhängig von der derzeitigen globalen Krise.