Gertrud Koch | Rezension |

Der stereoskopische Blick

Rezension zu „Benjamin. Eine Biographie“ von Howard Eiland und Michael W. Jennings

Howard Eiland / Michael W. Jennings:
Walter Benjamin. Eine Biographie
Deutschland
Berlin 2020: Suhrkamp
1021 S., EUR 58,00
ISBN 978-3-518-42841-2

Biographen haben mit Archäologen eines gemeinsam: Sie setzen aus Fragmenten ein kohärentes Gesamtbild zusammen, das jedoch restaurativ ist, das also etwas herstellen soll, das schon einmal da war. Das historische Objekt, das so aus den verbliebenen Scherben seiner Vergangenheit entsteht, ist also weder reine Imagination noch reines Faktum, sondern ein aus Fragmenten Zusammengefügtes. Wenn nun das historische Objekt, das das Begehren des Biographen auf sich gezogen hat, eine Person ist, die aus dem Rudimenten überlebter Verhältnisse in eine chronologische Erzählung über sie transformiert wird, so wird aus dem Objekt ein fiktives Subjekt, das dennoch das faktische Objekt des Biographen bleiben muss.

Walter Benjamin, der Philosoph des Fragments, der sein Leben gleichermaßen erzwungen wie selbst beendete, steht in vieler Hinsicht quer zu der Absicht, sein Leben biographisch auf die Reihe einer Erzählung zu bringen. Und so verwundert es nicht, dass die zahlreichen Benjamin-Biographien Erzählperspektiven wählen, die, setzt man sie gegeneinander, den fragmentarischen Charakter seines Lebens und Werks immer wieder bestätigen. Auf die erste Biographie Werner Fulds aus dem Jahr 1979 folgte 1985 die von Bernd Witte, der wiederum die unvollendet gebliebene und posthum edierte Mono-/Biographie Jean-Michel Palmiers aus dem Jahr 2006. Eli Friedlander zeichnete 2012 ein „Philosophisches Portrait“, ein Jahr später erschien Uwe-Karsten Heyes Buch zur Familie Benjamin und mit Howard Eilands und Michael W. Jennings „Walter Benjamin: a critical life“ die wohl bis dato umfassendste Biographie, die nun auf deutsch vorliegt. Lorenz Jäger meinte 2017 die fragmentierte Vita Benjamins als „Leben eines Unvollendeten“ skizzieren zu können und 2020 eröffnete Eva Weissweiler mit „Echo deiner Frage. Dora und Walter Benjamin. Biographie einer Beziehung“ eine feministische Perspektive auf Benjamins Ehe.[1]

Die Fülle an Essays, Sammelbänden und Monographien zu Benjamins Werkaspekten, die auf die angewachsene, historisch-kritisch edierte Ausgabe seiner Schriften immer weiter und minutiöser rekurrieren, ist mittlerweile unüberschaubar, das Forschungsfeld dementsprechend von labyrinthischem Zuschnitt.

Die zahlreichen ausführlichen Kritiken und Stellungnahmen, die sowohl in Reaktion auf die 2014 publizierte Originalausgabe der Biographie von Eiland und Jennings als auch auf die in diesem Jahr vorgelegte deutsche Übersetzung erschienen sind, zeugen nicht nur von der herausragenden Qualität der Biographie, sondern auch vom anhaltenden Interesse an Walter Benjamins Leben und Werk. Denn das umfangreiche Buch erzählt nicht nur detailreich aus seinem Leben, sondern flicht eine Werkbiographie in diese Erzählung ein. So schaffen es Eiland und Jennings, der üblichen disziplinären Aufteilung in Biographismus hier und Ideengeschichte dort zu entkommen. Der sachliche Stil, in dem das Buch insgesamt gehalten ist, liegt also auch im Material begründet, das einer ständigen Vermittlung zwischen dem Denken und den historischen und personellen Konstellationen, in denen es stattfand, bedarf. Benjamins Leben ist eben auch verkörpertes Denken, keines das außerhalb von Körper und Welt entstand oder deren Transzendierung anstrebte. Durch das Bemühen, das Leben Benjamins als Produkt von Erfahrungen zu beleuchten, aus dem seine Philosophie sich in der sprachlichen Form verschiedenster Genres herausprojizierte, ist eine elegante Gesamtdarstellung entstanden, die dem von Benjamin selbst gewählten und inszenierten Rätselcharakter seiner Person Respekt zollt und dennoch ein Porträt entwirft, das sein Werk als eine Selbstreflexion in der Auseinandersetzung mit anderen Textsorten begreift.

Gerade eine Biographie zu Benjamin steht ja vor dem Dilemma, der Multilateralität von Gedanken und Denkanlässen Herr werden zu müssen, die aus den elementarsten Alltagsbedürfnissen ebenso sich bilden wie an der Auseinandersetzung mit einzelnen Kunstwerken, die ihren Rätselcharakter bereits eingeschrieben haben. Um hier nicht in ein endloses Spiegelkabinett der Verweise zu geraten, wie es zum Teil in dem ähnlich umfangreichen fragmentarischen Buch von Palmier geschieht, muss man vielleicht die Aporie aushalten, dass man, um die eine Form zu zeigen, in eine andere ausweichen, kurz: aus dem Rätselhaften eine Erzählung über ein Rätsel machen muss. Insofern ist Eiland und Jennings die vielleicht eleganteste Version dadurch gelungen, dass sie nicht selbst ins Orakelhafte ausweichen.

Von der Prämisse ausgehend, dass Benjamins Werk die Reflektion auf die Erfahrung bestimmter historischer Konstellationen war und im Kern eine materialistische Komponente hatte, die im Erfahrungsbegriff sich manifestierte, greifen auch die Autoren der Biographie auf die detailreiche Konturierung der historischen Zeitumstände, Verwerfungen und Innovationen zurück, um das Denken Benjamins in diese Kontexte einzulassen. Mit einem quasi stereoskopischen Blick entfalten sie das Wechselspiel aus Bestimmung durch die Geschichte und Bestimmung der Geschichte. So wird dem Leser ein durchaus historischer Lebensroman dargeboten, der Benjamin selbst in seinen ‚Denkbildern‘ zu bestimmen versucht.

Fragt man sich nun, was denn die Materialbasis dieser kulturgeschichtlichen Erzählung ist, so beschreiben die Autoren sie in der Einleitung folgendermaßen: „Mit der Veröffentlichung umfassender Editionen seiner gesammelten Werke und Briefe sind jetzt fast alle seine Schriften einem interessierten Publikum zugänglich gemacht worden. Aus diesen nun veröffentlichten Aufzeichnungen leiten wir das hier vorgelegte Bild seines Charakters und seiner Lebensgeschichte ab.“ (S. 23) Und natürlich kommen zu Benjamins eigenen Werken all die derjenigen hinzu, die sich als Zeitgenossen, Freunde oder Autoren auf ihn bezogen. Biographien, das wird in diesen nüchternen Auskünften deutlich, sind immer relational, sie beziehen sich auf andere Darstellungen ebenso wie auf Selbstauskünfte. Will man aus diesen eine chronologische Erzählung destillieren, ist man auf raumzeitliche Koordinaten angewiesen, wie sie etwa Briefe enthalten, in denen meist Datum und Adresse sowohl von Absender wie Empfänger genannt werden. Aber abgesehen von diesen, möglicherweise noch durch erhaltene Poststempel verifizierten, Angaben, die ein Zeitgitter hergeben, sind Briefe gerichtete Kommunikationen, sie wollen jemandem etwas in einer bestimmten Form mitteilen. Briefe sind anders als Tagebücher relational auf einen Adressaten hin formulieren, wechseln mit diesem oft Ton und Couleur der Mitteilungstendenz. Für diese hermeneutische Exegese sind Literaturwissenschaftler, die es mit adressierten Lektüren gewohnheitsmäßig zu tun haben, nicht eben schlecht gerüstet. Die Tagebücher sind eine weitere Spur, die von außen nach innen führt, indem sie Reflexionen auf Erlebtes zurückbiegen auf die Selbstreflexion. Besonders plastisch wird diese Methode biographischen Forschens und Schreibens anhand der Notate Benjamins zum Selbstmord, der für Jahre eine wiederkehrende Überlegung war, die sich in Port Bou nicht einfach erfüllen sollte, sondern ihre handlungsrelevante Dramatisierung in einer Zuspitzung physischer Umstände erfuhr. Zuvor, so die Biographen, mündete Benjamins Einstellung zum Selbstmord im Resumee seiner Schrift „Der destruktive Charakter“: „Er lebt nicht aus dem Gefühl, daß das Leben lebenswert sei, sondern dass der Selbstmord die Mühe nicht lohnt.“ (S. 480; in Bezug auf Baudelaire schreibt Benjamin, dass „die Moderne im Zeichen des Selbstmords stehen“ müsse, S. 811) Der Selbstmord ist ja nicht nur Resultat einer psychischen Verfassung, sondern auch schon immer ein Thema der Philosophie (von der Antike bis zur Sozialphilosophie von Marx und Durkheim) und die Behandlung, die die Autoren diesem Themenkomplex angedeihen lassen, ist charakteristisch für ihr Vorgehen insgesamt. Sie geben der Versuchung, Benjamin zu psychologisieren, dankenswerterweise nicht nach und lassen seine Gedanken und Worte ganz im Kant‘schen Sinne vernünftig, das heißt reflektiert, werden, in dem sie sie als Erfahrungen begreifen, die schließlich das Leben ausmachen.

Natürlich sind Eiland und Jennings wie alle anderen Biographen keine Demiurgen, sie sind weder Götter noch Teufel, die sich über das Leben eines Toten hermachen, sondern Erzähler, die Perspektiven nicht nur eröffnen, sondern auch einnehmen. Es wird deutlich, dass sie Benjamin als eine Gründungsfigur eigener Art innerhalb der Kritischen Theorie begreifen, etwa wenn sie Benjamins ironische Bemerkung, dass Adorno sein einziger Schüler gewesen sei, dahingehend interpretieren, dass Adorno sich eines Gedankens Benjamin bemächtigt habe, ohne die Quelle zu nennen. Insgesamt aber versuchen sie es zu vermeiden, die fruchtlosen Liebeskämpfe darum, wem Benjamin denn nun ganz zugehöre, weiter zu führen, und schildern ihn durchaus als Solitär. Dennoch stellt sich nicht nur für diese Biographie eine medienhistorische Frage: die nach dem internen Zusammenhang zwischen den Medien der Kommunikation und der Person, deren Leben man aus diesen medialen Dokumenten destilliert. Es ist im Kern die Frage, wie sich das historische Subjekt als ‚einzelnes Allgemeines‘ aus den soziotechnischen Bedingungen der Kommunikation bestimmen lassen kann. So werden wir in einigen Dezennien die Frage aufwerfen müssen, ob Menschen, die Briefe schrieben, andere Subjekte waren als die, die E-Mails tippen oder über Mobiltelefone kommunizieren. Biographien aus „Selbstzeugnissen und Bilddokumenten“, wie eine Biographie-Reihe im Rowohlt-Verlag untertitelt ist, werden sich auf andere Textquellen einstellen müssen. Der schmale Grat zwischen Zeugnissen des Selbst, wie sie in langen Briefen und ausführlichen Tagebuchaufzeichnungen vorliegen, und den Kurzmitteilungen der Social Media-Klientel ist noch nicht ausgemessen und vermutlich ist diese Art überlieferter Subjektivität für eine ganze Generation verloren, deren Festplatten und Speichermedien noch nicht würdig als Nachlass erfasst wurden. Vielleicht lässt sich ja die Biographie von Eiland und Jennings irgendwann auch einmal medienhistorisch erschließen. Der historische Kontext der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts markiert genau die Schwelle, an der die älteren und die technischen Kommunikationsmedien begannen, sich zu überlagern und nicht wenige Texte Benjamins beschäftigen sich mit diesen damals neuen Medien der Aufzeichnung und Archivierung. Kracauer hat das Dilemma des Historienfilms darin gesehen, dass er in einem Medium stattfindet, das erst später entstanden ist und in der größeren Präsenzerfahrung genau die historische Distanz verwischt, aus der heraus er gedacht ist. Umgekehrt kann man für Eiland und Jennings Buch sagen, dass es eine mediale Affinität zum Textuellen bewahrt und eher sparsam mit Bilddokumenten umgeht. Dass es ausgerechnet von Benjamin keinerlei Ton- oder Bewegtbildaufzeichnungen gibt, er also nur im Medium der sprachlichen Erzählung und Mitteilung und der Fotographie erfahrbar ist, rückt ihn bei aller Gegenwärtigkeit seines Denkens als historische Person in eine mediale Distanz, die seine Zeitgenossen, die überlebten, nur wenige Jahre später überwanden. Die neuen technischen Massenmedien blieben Gegenstand seines Denkens, aber wurden nie in eigene Performanz überführt. Ein Brief an Pollock enthält in einer Aufstellung seiner Ausgaben auch den Eintrag „Kino, Ausstellungen, Theater 50,--Frs.“ (S. 734) und an dieser Stelle fällt auf, wie viel wir wissen über die Lektüren Benjamins aus der Pariser Zeit, aber wie wenig über die Filme, die er gesehen hat. In seinen Schriften werden nur wenige Filme selbst Gegenstand der Reflektion, vor allem Mickey Mouse und Chaplin. Eiland und Jennings zitieren aus dem Essay „Erfahrung und Armut“, in dem die Aufhebung der Schwere von Dingen und Lebensumständen in den Metamorphosen des Animationsfilms als „erlösend“ erscheinen. Dagegen stehen die unendlich elaborierteren Essays zu literarischen Werken des achtzehnten, neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts, die den ästhetischen Erfahrungsraum ausmachen, den Benjamin bewohnte.

Der Entwurf von Benjamins Leben, den die Biographie zeichnet, entfaltet sich durch ihr textuelles Material und die indirekte Rede aus Memoirs und Briefen zum Porträt eines Philosophen und Intellektuellen, der das ‚Neue‘ mit nachtwandlerischer Klarheit vor sich auftauchen sah, ohne sich ihm je anvertrauen zu wollen. So schaut die Biographie im textuellen Medium des langen neunzehnten Jahrhunderts auf das kurze zwanzigste (Hobsbawm) sowohl vor wie zurück. Die Dichte der biographischen Erzählung ist auch dem Verharren auf den Grenzen, die Benjamin Mühe hatte zu überschreiten obwohl er ihre Überlebensfunktion klar vor sich sah, geschuldet. Ein stereoskopischer Blick aus dem einundzwanzigsten Jahrhundert, das im Doppelbild von Person und Zeitläufen aufgefächert wird.

  1. Howard Eiland, Michael W. Jennings, Walter Benjamin: a critical life, Cambridge, Mass. u. a. 2014; auf deutsch: Walter Benjamin. Eine Biographie. Ins Deutsche übersetzt von Irmgard Müller und Ulrich Fries, Berlin 2020; Eli Friedlander, Walter Benjamin. A philosophical portrait. Harvard University Press, Cambridge, Mass. 2012; auf deutsch: Walter Benjamin. Ein philosophisches Portrait. Beck, München 2013; Werner Fuld, Walter Benjamin. Eine Biographie. Rowohlt, Reinbek 1990; Uwe-Karsten Heye, Die Benjamins. Eine deutsche Familie. Aufbau Verlag, Berlin 2014; Lorenz Jäger, Walter Benjamin. Das Leben eines Unvollendeten. Rowohlt, Berlin 2017; Jean-Michel Palmier, Le chiffonnier, l'Ange et le Petit Bossu. Esthétique et politique chez Walter Benjamin, hg. von Florent Perrier, Marc Jimenez, Klincksieck 2006; auf deutsch: Jean-Michel Palmier, Walter Benjamin – Lumpensammler, Engel und bucklicht Männlein. Ästhetik und Politik bei Walter Benjamin, hg. von Florent Perrier, aus dem Französischen von Horst Brühmann, Frankfurt am Main 2009; Eva Weissweiler, Echo deiner Frage. Dora und Walter Benjamin. Biographie einer Beziehung, Hamburg 2020.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.

Gertrud Koch

Prof. Dr. Gertrud Koch ist Senior Professor für Filmwissenschaft an der Freien Universität Berlin und Visiting Professor an der Brown Unversity, USA. Forschungsschwerpunkte: Ästhetische Theorie, Repräsentation, Film- und Medientheorie. Zuletzt erschienen: Breaking Bad, Diaphanes, Berlin 2015; Die Wiederkehr der Illusion. Film und die Künste, der Gegenwart, Suhrkamp, Berlin 2016; Zwischen Raubtier und Chamäleon. Texte zu Film, Medien, Kunst und Kultur, hg. von Judith Keilbach und Thomas Morsch, Fink, München 2016. Sie ist Mitherausgeberin zahlreicher deutscher und internationaler Zeitschriften.

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