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Mittelweg 36 – Der Podcast

Gespräche über Literatur, Theorie, Gesellschaft

Zur neusten Folge (Link)

Hannah Schmidt-Ott und Jens Bisky sprechen einmal im Monat mit den ständigen Gäst:innen Marie Schmidt und Carlos Spoerhase sowie Wissenschaftler:innen aus dem Hamburger Institut für Sozialforschung über irritierende, bemerkenswerte und abseitige Themen aus Literatur, Theorie und Gesellschaft. Egal ob Romane, wissenschaftliche Studien, Gegenwartsbeobachtungen oder Sozialfiguren diskutiert werden: stets geht es um Menschen, wie sie sich aufeinander beziehen und was sie dabei freiwillig und unfreiwillig produzieren. In der Überzeugung, dass die Welt nicht unbeobachtbar ist, werden konzentriert-schweifende Gespräche ohne Belehrungsabsicht aber voller Interesse an der Wirklichkeit geführt.

Hannah Schmidt-Ott ist Redakteurin beim Online-Fachforum Soziopolis
Jens Bisky ist leitender Redakteur des Mittelweg 36
Marie Schmidt ist Literaturkritikerin bei der Süddeutschen Zeitung
Carlos Spoerhase ist Professor für Literaturwissenschaft an der Universität Bielefeld

Der Podcast kann auf allen gängigen Plattformen, unter anderem iTunes / Apple, Google, Deezer und Spotify gehört werden.

Kontakt: podcast(at)his-online.de

Episode 01: Aufsteigen

Geschichten von und über Aufsteiger:innen erfreuen sich anhaltender Beliebtheit. Wir lesen und hören gern von gesellschaftlichen Grenzüberschreitungen. Was macht den Reiz dieser Erzählungen aus? Wie prägen sie unser Verständnis von sozialer Ungleichheit? Und wer ist jetzt eigentlich der Klassenverräter? Wir sprechen über Natasha Browns Roman „Assembly“, der die Geschichte einer Schwarzen Frau erzählt, die in Armut aufgewachsen, nun viel Geld bei Ihrem Job in einer großen Londoner Bank verdient, und über Charles Tillys „Durable Inequality“, eine Studie, die der Dauerhaftigkeit sozialer Ungleichheit auf den Grund gehen will. Mit Marie Schmidt, Carlos Spoerhase und Thomas Hoebel.

Literatur:

Natasha Brown: Assembly. Hamish Hamilton 2021.
Natasha Brown: Zusammenkunft. Aus dem Englischen von Jackie Thomae, Suhrkamp 2022.
Charles Tilly: Durable Inequality, University of California Press 1998.
Charles Tilly: Why? Was passiert wenn Leute Gründe angeben … und warum. Aus dem Englischen von Enrico Heinemann. Mit einer Einführung von Thomas Hoebel und Stefan Malthaner, Hamburger Edition 2021.

Episode 02: Antun

In dieser Episode geht es um kollektive sexuelle Gewalt. Wir sprechen mit Laura Wolters, Wissenschaftlerin am Hamburger Institut für Sozialforschung, und der Literaturkritikerin Marie Schmidt über die Studie „Vom Antun und Erleiden. Eine Soziologie der Gruppenvergewaltigung“, die in diesen Tagen in der Hamburger Edition erscheint. Angeleitet von der Frage „Was geht hier vor?“ untersucht Laura Wolters konkrete Gewaltsituationen und die Deutungsmuster der Beteiligten. Im Podcast reden wir über ihren Zugang zum Thema, die Besonderheit der Verletzung, die durch sexuelle Gewalt zugefügt wird, und warum es für die Analyse hilfreich sein kann, das Normale in der Brutalität in den Blick zu nehmen.

Literatur:

Laura Wolters: Vom Antun und Erleiden, Hamburger Edition 2022.
Samira Bellil: Durch die Hölle der Gewalt, Pendo 2003, original: Dans l’enfer des Tournantes, Folio Documents 2002.
Ann J. Cahill: Rethinking Rape, Cornell University Press 2001.
Heinrich von Kleist: Die Marquise von O..., in: Ders., Adam H. Müller (Hrsg.): Phöbus. Ein Journal für die Kunst 1 (1808), 2, S. 3–32.
Anthony Burgess: A Clockwork Orange, William Heinemann 1962
Amia Srinivasan: The Right to Sex, Bloomsbury 2021.

Episode 03: Publizieren

„Es wird für den Druck geforscht“, sagt Luhmann, aber was bedeutet dieser Umstand in Zeiten von Peer Review und Online-Repositorien? Wir sprechen mit Carlos Spoerhase über die wechselseitige Beeinflussung von Sozialwissenschaften und Publikationswesen und fragen nach Autorschaft und Genrekonjunkturen, Büchern und anderen Selektionsmechanismen und dem Zusammenhang von Veröffentlichung und Öffentlichkeit – stets unter der Prämisse, dass, wie die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Mittelweg 36 argumentiert, „Publikationsregime“ einen privilegierten Beobachtungsposten für Veränderungen nicht nur im Publikationssystem, sondern auch in Wissenschaft und Gesellschaft darstellen.

Carlos Spoerhase ist Professor für Literaturwissenschaft an der Universität Bielefeld.

Literatur:

Carlos Spoerhase (Hg.): Publikationsregime, in: Mittelweg 36 , Heft 2, April/Mai 2022. Bestellbar via https://www.hamburger-edition.de/zeitschrift-mittelweg-36/alle-zeitschriften-archiv/artikel-detail/d/2751/Publikationsregime/
Anke te Heesen, Valentin Groebner, Michael Wildt (Hg.): Sonderdruck. Wissenschaftliche Texte mit Widmungsqualität, 2016ff.
Clayton Childress: Under the Cover. The Creation, Production, and Reception of a Novel, Princeton University Press 2019.
Michael Hagner: Zur Sache des Buches, Wallstein 2015.
Wolfgang Hottner: Theorieübersetzungsgeschichte. Deutsch-französischer und transatlantischer Theorietransfer im 20. Jahrhundert, J.B. Metzler 2021.
Brief von Peter Szondi an Hans Magnus Enzensberger, in: Steffen Martus, Carlos Spoerhase: Geistesarbeit. Eine Praxeologie der Geisteswissenschaften, Suhrkamp 2022, im Erscheinen.

Episode 04: Nachholen

Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine herrscht dort Krieg und wir stellen fest, dass wir wenig wissen über die Geschichte und Gegenwart des Landes. Angesichts dieses Nachholbedarfs entscheiden wir uns für das Naheliegende: Gemeinsam mit der Literaturkritikerin Marie Schmidt wenden wir uns drei Büchern zu, die ganz unterschiedliche Schlaglichter auf die Ukraine und ihre Bewohner:innen werfen, aber gemeinsam haben, dass sie viele Einzelheiten aufrufen, die sich zum Panorama verdichten. Wir sprechen über „Unsere Anderen“ von Olesya Yaremchuck, „Offene Wunden Osteuropas“ von Franziska Davies und Katja Makhotina sowie „In Isolation“ von Stanislaw Assejew.

Marie Schmidt ist Literaturkritikerin bei der Süddeutschen Zeitung

Literatur:

Felix Schnell: Räume des Schreckens. Gewalt und Gruppenmilitanz in der Ukraine 1905–1933, Hamburger Edition 2012.
Franziska Davies / Katja Makhotina: Offene Wunden Osteuropas. Reisen zu Erinnerungsorten des Zweiten Weltkriegs, wbg Theiss 2022.
Ilya Kaminsky: Republik der Taubheit, Hanser 2022, aus dem Englischen übersetzt von Anja Kampmann.
Miron Zownir / Kateryna Mishchenko: Ukrainische Nacht, Spector Books 2015.
Olesya Yaremchuk: Unsere Anderen. Geschichten ukrainischer Vielfalt, ibidem Verlag 2021, aus dem Ukrainischen übersetzt von Christian Weise.
Serhij Zhadan: Internat, Suhrkamp 2018, aus dem Ukrainischen übersetzt von Juri Durkot und Sabine Stöhr.
Stanislaw Assejew: In Isolation. Texte aus dem Donbass, Edition.fotoTAPETA 2020, aus dem Ukrainischen und Russischen übersetzt von Claudia Dathe und Sofiya Onufriv.
Wassili Grossman: Leben und Schicksal, Ullstein 2020, aus dem Russischen übersetzt von Annelore Nitschke, Madeleine von Ballestrem, Arkadi Dorfmann und Elisabeth Markstein.

Episode 05: Generalisieren

Was haben Chicago und Fruchtfliegen gemeinsam? Sie nehmen in der Soziologie beziehungsweise der Biologie jeweils die Rolle von „Model Cases“ ein. Es handelt sich um besonders gut beforschte Einzelfälle, deren Eigenschaften generalisiert werden und unser Verständnis allgemeinerer Vorstellungen – etwa von der amerikanischen Stadt – unverhältnismäßig stark prägen. Anhand des gleichnamigen Buchs von Monika Krause sprechen wir über das Generalisieren in den Sozial- und Literaturwissenschaften und fragen nach der Bedeutung von Gelegenheitsstrukturen in Forschungsprozessen, den Folgen der Kanonisierung von Denker:innen und der Rolle, die Geschichtsphilosophie bei der Konzentration auf „Model Cases“ spielt.

Carlos Spoerhase ist Professor für Literaturwissenschaft an der Universität Bielefeld.

Literatur:

Andrew Piper: Can We Be Wrong? The Problem of Textual Evidence in a Time of Data, Cambridge UP 2020.
Angela N. H. Creager / Elizabeth Lunbeck / M. Norton Wise (Hg.): Science without Laws: Model Systems, Cases, Exemplary Narratives, Duke UP 2007.
Daniel Silver / Cinthya Guzman / Sébastien Parker / Lars Döpking: The Rhetoric of the Canon: Functional, Historicist, and Humanist Justifications, in: The American Sociologist 2022.
Heike Behrend: Menschwerdung eines Affen. Eine Autobiografie der ethnografischen Forschung, Matthes & Seitz Berlin 2020.
Laurent Binet Die siebte Sprachfunktion, Rowohlt 2018, aus dem Französischen übersetzt von Kristian Wachinger.
Marc Escola: La preuve par Proust, in: Nouvelle revue d’esthétique 2/2020, S. 53–68.
Monika Krause: Model Cases. On Canonical Research Objects and Sites, Chicago UP 2021, erscheint 2023 in deutscher Übersetzung in der Hamburger Edition.

Episode 06: Lesen

In der Sommerfolge sprechen die Literaturkritikerin Marie Schmidt und die Wissenschaftsredakteurin Hannah Schmidt-Ott über das Lesen als Praxis und Geschäft. Es geht um die Entwicklungen des Feuilletons unter dem Primat der Klickzahlen, die Untiefen des Rezensionswesens und die Folgen der Déformation professionnelle. Außerdem gibt’s Lesetipps für den Sommer.

Literatur:

Andreas Reckwitz: „Die Gesellschaft der Singularitäten“, Suhrkamp 2017.
Isaak Babel: „Wandernde Sterne. Dramen, Drehbücher, Selbstzeugnisse“, Hanser 2022, aus dem Russischen übersetzt von Bettina Kaibach und Peter Urban
Juliet Mitchell „Psychoanalyse und Feminismus. Freud, Reich, Laing und die Frauenbewegung“, Suhrkamp 1998, aus dem Englischen übersetzt von Brigitte Stein und Holger Fliessbach.
Jennifer Egan „Der größere Teil der Welt“ Schöffling & co 2010, aus dem Englischen übersetzt von Heide Zeltmann.
Jennifer Egan „Candy House“, Simon & Schuster 2022.
Marie Gamillscheg: „Aufruhr der Meerestiere“, Luchterhand 2022.
Sven Pfizenmaier: „Und draußen feiern die Leute“, Kein & Aber 2022.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.