Konferenz/Kongress/Symposium
Eine neue Sprachsoziologie für eine neue Gesellschaft? Zur Revitalisierung der Sprachsoziologie
Sprache ist Mittel, um gesellschaftliche Ordnungen und Zusammenhänge zu re-produzieren und sie soziologisch zu untersuchen. Sie ist Medium der Identitätsbildung von Individuen und Kollektiven und damit nicht nur linguistischer Analysegegenstand. Durch Sprache zeigen sich Zugehörigkeiten, werden (implizite oder explizite) Motive zugeschrieben und Agency markiert. Über Sprache wird zudem die soziale Welt geordnet und sortiert, Denkbares wie Sagbares über Benennungen und Kategorisierungen, interaktive und diskursive Aushandlungen in Relation gesetzt. Diese Bedeutung von Sprache für soziologische Fragestellungen wurde im Zuge des linguistic turn weitreichend hervorgehoben (etwa Fishman 1972; Schütze 1975; Luckmann 1975, 1983; Knoblauch 2003; Schäfer 2011). Für die gegenwärtige Soziologie allerdings lässt sich diese Bedeutung von Sprache nicht mehr attestieren. Vielmehr scheinen Fragen nach, über und zu Sprache vor allem in den Nachbardisziplinen wie Linguistik und Literaturwissenschaft verhandelt zu werden.
Wir glauben, dass die Soziologie „Sprache“ wieder deutlicher in den Blick nehmen sollte. Mehr noch, dass es Zeit ist für eine Wiederbelebung – oder gar eine neue Sprachsoziologie? Der stete Wandel sprachlicher Formen und sozialer Verhältnisse setzt unseres Erachtens eine Beschäftigung mit Sprache aus soziologischer Perspektive und deren Reflexion zentral. Denn es finden sich gegenwärtig vielfältige empirische Phänomene, die auf der Ebene einer Sprachanalyse erkenntnisgewinnend begriffen werden können. Zu nennen sind hier etwa der politische Rechtsruck, der auf der Ebene neuer Sprachroutinen vormals etablierte sprachliche Konventionen unterwandert (Wodak 2018) und darüber Teile des Erfolgs wie des Schreckens rechter Positionen begründet. Hinzu kommen öffentlichkeitswirksame sprachideologische Kämpfe, welche die richtige Art des Sprechens, mit Bourdieu gesprochen: der „legitimen Sprache“ (1987; 1990) thematisieren – prominent etwa die politisierte Debatte um gegenderte Sprache. Eine Suche nach dem richtigen Ausdruck in Zeiten von Polykrisen zu Klima und Krieg macht sich bemerkbar. Durch „existenzielle Probleme“ (Scheffer 2021) werden andere Formate der Artikulation von Appell und Kritik virulent. Parallel dazu fragen Diskurse über (post-)koloniale Sprachen und sich etablierende Wissenschaftssprachen – etwa das Englische – wie Sprachnorm und -form dazu beiträgt, wer als sprechfähig gilt (Tupas 2025). Auch der mediale Wandel produziert sowohl neue Formen des Sprechens als auch des Nicht-Verstehens (Stichwort: „Internetsprache“ und „Meme-Kultur“; etwa Nowotny / Reidy 2022). Hierbei ist auf generationelle Differenzen zu verweisen, die auch in der Herausbildung von Jugendsprachen wie dem „Kiezdeutsch“ (Wiese 2012) münden, sowie gruppenspezifische Unterscheidungen nach sich ziehen, die bspw. aus der un-bewussten Verwendung von Dialekt (Christen 2017), von Fachsprachen (Becker 2018) oder gendersensiblen Sprachformen (Smrdelj et al 2025) resultieren. Auch die Erweiterung vermeintlicher Kommunikationspartner:innen an den Außengrenzen des Sozialen fordert die Sprachsoziologie heraus. Mensch-Tier und Mensch-Technik-Interaktionen, der rasante Fortschritt von Künstlicher Intelligenz, etwa bei Large Language Models, vollziehen maßgebliche Veränderung in der Sprachnutzung und auch im Wissenschaftsbetrieb (Toro / Fuhlrott 2026).
Diese und weitere Phänomene fordern die bisherige soziologische Beschäftigung mit dem Phänomen der Sprache in Gegenwartsgesellschaften heraus – und zwar sowohl auf der Ebene einer Erweiterung der Analysegegenstände, als auch auf der Ebene theoretischer wie methodologischer Zugänge zu Sprache. Mit der Tagung thematisieren wir die Bedeutung von Sprache für soziale Prozesse und die vielfältigen Formen sprachlichen Wandels sowie ihre analytischen Zugriffe. Dabei verfolgen wir zwei Ziele: Erstens möchten wir im Sinne eines Mappings zusammenführen, welche wissenschaftliche Projekte und Fragestellungen im Kontext von Sprache in der Gesellschaft aktuell bearbeitet werden. Zweitens visieren wir eine Wiederbelebung der Sprachsoziologie an. Diese kann gleichermaßen an (sprach-)soziologische Traditionen wie auch an eine Vielfalt empirischer Arbeiten zu soziologischen Analysen von Sprache anknüpfen. Diese beiden Ziele stehen im Dialog mit Nachbardisziplinen, auch wenn der Fokus auf einer soziologischen Herangehensweise liegt und damit eben auch immer das Verhältnis von gesellschaftlicher Ordnungsbildung und Sprache thematisiert. Folgende Fragen sollen damit unter anderem adressiert werden:
In welchem Verhältnis steht Sprache zu etablierteren Grundbegriffen der Soziologie wie Kommunikation, Interaktion, Diskurs?
Welche sprachsoziologischen Gegenstände bringen die verschiedenen Wandlungsmomente der Gegenwartsgesellschaft mit sich (Klimakrise, politischer Rechtsruck, Digitalisierung, Demografischer Wandel, Verschärfung sozialer Ungleichheiten, fortschreitende Ausdifferenzierung von Lebens- und Arbeitswelten)?
- Welche Impulse zur Analyse von Sprache lassen sich aus den Nachbardisziplinen (Linguistik, Anthropologie, Literaturwissenschaft) soziologisch anschlussfähig machen? Wie sähen Bestrebungen aus, Sprachwissenschaften und Sprachsoziologie (wieder) zusammenzuführen?
Wie kann eine macht-sensible Sprachanalyse aussehen? Wie blicken Studien zu Macht als sozial konstruierter Praxis von Hierarchie auf Sprache?
- Welche Erklärungskraft wird der Sprache in der Analyse zugebilligt? Was wird in der Analyse als Sprache untersucht (Worte, Sprechstile, Argumentationsformen, Kommunikationen, Interaktionen usw.)? Auf welcher Aggregatsebene wird der Analysefokus gesetzt – einzelne Sprechereignisse (parole) oder Sprachsysteme (langue)?
- Was ist die Rolle der Sprachsoziologie disziplinär und interdisziplinär? Wie ist das Verhältnis zu anderen Bindestrichsoziologien? Ist die Idee einer Sprachsoziologie aus der Zeit gefallen und sollte die Soziologie Sprachanalysen anderen Disziplinen überlassen?
Willkommen sind Beitragsvorschläge aus der Soziologie, Literaturwissenschaft, Sozial- und Kulturanthropologie, Linguistik und angrenzenden Disziplinen, die sich dem Verhältnis von sozialer Ordnung und Sprache widmen. Wir freuen uns besonders über empirische Beiträge, gerne auch aus laufenden Forschungsprojekten. Für Beitragsvorschläge bitten wir um ein Abstract (ca. 500 Wörter) des Vorhabens bis zum 15.11.2026 an sarah.boysen(at)uni-due.de und hannes.kraemer(at)uni-leipzig.de.
Die Tagung wird am 22. & 23.02.2027 an der Universität Leipzig stattfinden. Reise- und Übernachtungskosten können voraussichtlich nicht übernommen werden. In Härtefällen wenden Sie sich bitte an die Tagungsorganisator:innen.