Konferenz/Kongress/Symposium
Philosophie des Hungers
Die Tagung verfolgt das Ziel, mit dem Phänomen des Hungers eine menschliche Erfahrungsebene in den Blick zu nehmen, die in vielerlei Hinsicht relevant für aktuelle sozial- und geisteswissenschaftliche Forschungsfelder ist. So soll das Hungerhaben im Rahmen eines interdisziplinären Austausches als ein empirischer Erfahrungsgehalt begriffen werden, entlang dessen sich das menschliche Sichfinden in einer zunehmend als problematisch erlebten Umwelt genauer untersuchen lässt. Aus subjekttheoretischer Perspektive verweist uns der Hunger, bzw. die am eigenen Leib gespürte Notwendigkeit sich zu ernähren, auf ein menschliches Selbstverhältnis, das für die Moderne und ihre konzeptionellen Grundlagen eine Herausforderung darstellt. Denn hier zeigt sich die neuzeitliche Vorstellung des homo clausus (Norbert Elias), also des in sich geschlossenen Einzelmenschen ebenso inadäquat, wie idealistische Subjektverständnisse von autonomen und souverän der Welt gegenüberstehenden Personen.
Ungeachtet dieser realitätsfernen Idealisierungen hat sich das beschriebene Subjektverständnis jedoch tief in die globalen Produktionsverhältnisse eingeschrieben, in welchen ein Bedürfnis nur als relevant verstanden wird, insofern es mit Zahlungsfähigkeit hinterlegt ist. Im liberalen kapitalistischen Weltmarkt manifestiert sich die moderne Vorstellung der Subjektautonomie in der Annahme einer stets vermögenden und am Markt frei wählenden Konsumentin. Wer nicht warenförmig zu konsumieren vermag, der soll auch nicht essen – so ließe sich die alte biblische Polemik zeitgemäß umformulieren.
Diese hochproblematische Grundausrichtung der polit-ökonomischen Verhältnisse schlägt sich nicht zuletzt auch im Bereich der Sorgearbeit nieder. Effizienzdruck und Unterfinanzierung provozieren eine Konstellation, in der die Befriedigung menschlicher Grundbedürfnisse oft nur noch schlecht und unter Inkaufnahme gesundheitlicher Folgeschäden auf Seiten der Mitarbeitenden gewährleistet werden kann. Darüber hinaus sind existenzielle Grundbedürfnisse wie das Hungerhaben auch insofern gesellschaftspolitisch relevant, als sie eine entscheidende Rolle bei der Gewährleistung politischer Stabilität spielen. Ihre Befriedigung stellt eine notwendige Voraussetzung für die Aufrechterhaltung sozialer Ordnung dar und ihre Missachtung ist selbst für autoritäre und hochgradig ideologisch gestützte Regime ein riskantes Unterfangen. Auf globalem Niveau wiederum ist ein extremes Ungleichgewicht zwischen einem umweltzerstörenden Überfluss und absoluter existenzieller Not zu beobachten – in gewisser Weise ein Ungleichgewicht des Hungerhabens, das nicht zuletzt zu der zunehmenden Migrationsbewegung der vergangenen Jahrzehnte und den damit verbundenen sozialen Konflikten beiträgt.
Vor diesem Hintergrund geraten entsprechend nicht nur anthropologische Fragen nach dem Mensch-Natur- und dem Mensch-Mensch-Verhältnis, sondern auch Aspekte wie die gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse, die (auch im globalen Maßstab zu denkende) Verteilungsgerechtigkeit sowie die Herausforderungen einer gegenwartsadäquaten Organisation von Sorgearbeit in den Fokus der Auseinandersetzung.
Diesem Gedanken folgend beabsichtigt die Veranstaltung, u.a. Forschende aus den Feldern der Phänomenologie, Leibphilosophie, Ethnologie, Rechts- und Moralphilosophie, Soziologie, Wirtschaftswissenschaften, kritische Theorie und Ernährungswissenschaften in einen fruchtbaren Dialog zu bringen. Der konzeptionelle Dreh- und Angelpunkt der Tagung, entlang dessen die verschiedenen Perspektiven in Dialog gebracht werden sollen, liegt dabei in der epistemischen Schnittstellenposition des Hungers. Denn einerseits stellt er eine in höchstem Maße subjektive Erfahrung dar, welche sich durch ihre eigenleibliche Betroffenheit in eigenwilliger Evidenz auszeichnet. Andererseits bildet die Ernährungsbedürftigkeit jedoch darüber hinaus eine allgemeine menschliche Grunderfahrung, so dass das Hungerhaben einen Spagat zwischen partikularen und universalistischen Perspektiven ermöglicht.
In diesem Sinne erhofft sich die Tagung schließlich nicht zuletzt auch normative Einsichten hinsichtlich der Frage nach der politischen und ökonomischen Ausgestaltung heutiger Gesellschaften im Angesicht sozial-ökologischer Krisen. Wir suchen insbesondere interessierte Referierende zu folgenden Themengebieten:
- Rechts-/Moralphilosophie: Hunger als Kriegswaffe. Diskurse zwischen völkerrechtlicher Ächtung und geopolitischer Realpolitik
- Körpersoziologie/kritische Psychologie: Essstörungen als Rebellion gegen hegemoniale Körperbilder, subjektive Emanzipation und objektiver Ernährungsnotstand
- Wirtschaftssoziologie/politische Ökonomie: Die Rolle des Hungers in aktuellen wirtschaftssoziologischen bzw. polit-ökonomischen Debatten
Organisatoren: Manuel Schulz und Thiemo Breyer
Kontakt: manuel.schulz(at)uni-koeln.de