Konferenz/Kongress/Symposium

Sozialität der Nacht. Dimensionen nächtlicher Aktivität und Passivität

10. - 11. Juli 2026
Organisator: Philipps-Universität Marburg
Veranstaltungsort: Philipps-Universität Marburg

Einen großen Teil des Lebens verbringen Menschen in der Nacht. Je nach Jahreszeit und geografischer Lage ist unter ‚Nacht‘ jedoch etwas anderes zu verstehen, weil ihre zeitliche und symbolische Eingrenzung und zugleich ihre Abgrenzung zum Tag sowohl naturell als auch sozial geformt sind. Die Nacht ist ein vielschichtiges Phänomen, das – sozial, kulturell und historisch – unterschiedlich erlebt und interpretiert wird (Galinier et al. 2010; Gleichmann 2006; Koslofsky 2011). Während die Nacht in Abgrenzung vom aktiven Tag oft als Zeit der Ruhe, des Rückzugs und des Schlafs betrachtet wird, ist sie zugleich ein Raum sozialer Interaktion, kultureller Praktiken und spezifischer Dynamiken. Als Bruch zum Tag stellt sie eine „formidable social barrier between two successive days and the social activities they encompass“ (Aubert/White 1959: 52) dar und markiert nicht nur eine zeitliche, sondern auch symbolische Grenze.

Historisch betrachtet führt die Entwicklung und Verbreitung künstlicher Lichtquellen zu einer beschleunigten Belebung und Ausdifferenzierung nächtlicher Aktivitäten (Ekirch 2001). Diese „colonization of the night“ (Melbin 1978a: 100) geht mit einer Ausdehnung sozialer Aktivitätsräume und spezifischer „night-time spaces“ (Lefebvre 1991) einher, die insbesondere von Männern, jungen Menschen sowie stigmatisierten Personen bewohnt werden (Melbin 1978b). Tag und Nacht fungieren dabei als Grenzziehung zwischen verschiedenen Gruppen und deren Aktivitäten, was Raum für deviantes Verhalten und soziale Normbrüche ermöglicht. Analysen hierzu finden sich bereits in frühen soziologischen Forschungen. So etwa in der „Taxi-Dance Hall“-Studie (Cressey 1932), in der gerade das Nachtleben in Chicago das Spannungsgefüge zwischen einer jungen, vielfältigen Bevölkerung und den restriktiven Normen aufzeigt.

Gleichzeitig wird diese Kolonisierung der Nacht kritisch gelesen und als Verdrängung der Nacht interpretiert. So kritisiert etwa Jonathan Crary (2015) das Leben in einer 24/7-Gesellschaft, die sich u. a. durch einen anhaltenden Konsum und Mediengebrauch auszeichnet, woraus eine „Auslöschung der periodischen Zeit, […] des alltäglichen Pulsschlags von Wachheit und Schlaf und des althergebrachten Wechsels von Werk- und Ruhetagen“ (Crary 2015: 31) folge. Normativ wird die Nacht hier in Abgrenzung zum Tag verstanden, die sich durch soziale Zurückgezogenheit und Passivität auszeichnet. In dieser Denkweise fungiert die Nacht als Rahmen für Ruhe, Schlaf und Träume. Auch hier zeigt sich eine soziale Dimension nächtlichen Verhaltens, das Susie Scott (2025) analytisch aufgliedert in solches, das (un)sichtbar und (nicht-)erlaubt ist und für das spezifische nächtliche Dramaturgien eingesetzt werden. Dies lässt sich auch am kulturellen Schlafverhalten beobachten: Der konsolidierte Nachtschlaf folgt weniger einer biologischen Grundlage, sondern entspricht vielmehr den sozialen Erwartungen an den Schlaf. Bei diesen „social etiquettes of sleep“ (Williams 2007) handelt es sich etwa um das Einhalten der Nachtruhe und das Schlafen durch die Nacht, um den ungestörten Schlaf gesellschaftlich sicherzustellen. Doch auch jenseits des Schlafs zeichnet sich die Nacht durch spezifische Passivitäten aus, wie etwa nächtliches Warten, Schichtarbeitspausen oder das Wachen am Krankenbett. Solche Praktiken strukturieren die Nacht als Raum der Verlangsamung und konstituieren eigenständige, oft am Tag unsichtbare Sozialformen.

Sozial- und kulturwissenschaftliche Analysen setzen sich seit jeher mit diesen Besonderheiten der Nacht auseinander (Brandellero/Rodrigues/Pardue 2025; Shaw 2018). Zugleich wird eine dichotome Gegenüberstellung von Tag und Nacht kritisch betrachtet und durch ein flexibleres Verständnis ersetzt, das die Mehrdimensionalität von Nacht in den Blick nimmt. So betonen etwa Enrico Petrilli und Alberto Vanolo (2024), dass Tag und Nacht in einem nichtlinearen Verhältnis zueinanderstehen und ein eindeutiges Verständnis der Nacht schwierig sei. Sie fordern daher einen lokalen „nocturnal gaze“ (Petrilli/Vanolo 2024: 7), der den nächtlichen Relationen folgt. Dabei erweist sich die Nacht als Raum von Deterritorialisierung und Reterritorialisierung: Während Dunkelheit gesellschaftliche Ordnungen destabilisieren kann, versuchen Akteur:innen durch Beleuchtung, Überwachung und Regulierung Kontrolle zurückzugewinnen (Williams 2008). Die Nacht lässt sich damit als Schauplatz fortlaufender Ambivalenzen und Ambiguitäten verstehen, die nächtliche Sozialitäten zugleich bedingen und diese erst hervorbringen.

Die Tagung möchte Beiträge versammeln, die die Nacht als vielschichtigen Bestandteil sozialen Lebens analysieren und dabei sowohl nächtliche Aktivitäten als auch Passivitäten in den Blick nehmen. Neben theoretisierenden Arbeiten und empirischen Analysen gegenwärtiger Verhältnisse, sind auch solche Beiträge explizit eingeladen, die sich historisch oder kulturvergleichend mit nächtlicher Sozialität auseinandersetzen. Dabei stellen sich nicht zuletzt methodische Fragen: Welche Zugänge ermöglichen es, nächtliche Phänomene in ihrer Flüchtigkeit und partiellen Unsichtbarkeit zu erfassen? Wie lässt sich Nacht erforschen, wenn Informalität und soziale Schließung den Zugang erschweren? Als Orientierungspunkte für Einreichungen bieten sich zudem folgende drei Themenfelder an:

Räume und Akteur:innen

  • Wie werden nächtliche Räume sozial strukturiert und von wem werden sie bewohnt?
  • Welche Rolle spielen Alter, Geschlecht, Klasse und andere soziale Kategorien für die Erfahrung der Nacht?
  • Wie unterscheiden sich nächtliche Erfahrungen zwischen urbanen, ländlichen und transkulturellen Kontexten?

Praktiken und Zeitlichkeiten

  • Welche Formen nächtlicher Aktivitäten und Passivitäten existieren und was ist an ihnen spezifisch?
  • Wie konstituieren sich nächtliche Lebenswelten – von Clubkultur und Sexarbeit über Straßenszenen bis hin zu nächtlicher Pflege und Schichtarbeit?
  • Wie verändern (digitale) Technologien nächtliche Zeitlichkeiten und Sozialitäten? Welche Praktiken der Beleuchtung, Verdunkelung und des Energieverbrauchs strukturieren die Nacht?

Kontrolle und Transgression

  • Welche Ordnungen, Kontrollen und Sicherheitsregime prägen die Nacht?
  • Inwiefern fungiert die Nacht als Raum für Transgression, Devianz oder soziale Normbrüche?
  • Welche ökologischen und materiellen Transformationen der Nacht zeigen sich?

Wir bitten um Zusendung von aussagekräftigen Abstracts (max. 500 Wörter) zu theoretischen und empirischen Analysen nächtlicher Sozialität bis zum 15. April 2026 als PDF per Mail an Nico Wettmann (nico.wettmann(at)uni-marburg.de) und an Frederik Peper (peper(at)uni-koblenz.de). Eine Rückmeldung über die Annahme wird bis zum 30. April 2026 gegeben.

Call for Papers (PDF)

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