Tagung

Der Platz der Psychoanalyse. Psychoanalytische und pädagogische Analysen gegenwärtiger Erziehungs- und Bildungsverhältnisse

03. - 06. Oktober 2027
Organisator: Kommission Psychoanalytische Pädagogik (DGfE)
Veranstaltungsort: Universität Osnabrück

„Die Menschen haben es jetzt in der Beherrschung der Naturkräfte so weit gebracht, daß sie es mit deren Hilfe leicht haben, einander bis auf den letzten Mann auszurotten. Sie wissen das, daher ein gut Stück ihrer gegenwärtigen Unruhe, ihres Unglücks, ihrer Angststimmung.“ Sigmund Freud

Die gesellschaftliche Gegenwart wird zunehmend als zerrüttet und krisenhaft beschrieben. Krisendiagnosen zeichnen einerseits das Bild einer polarisierten und gespaltenen Gesellschaft, einhergehend mit Enthemmung und Gewaltbereitschaft bis hin zu neuen Kriegen und Aufrüstung; andererseits die Zunahme von Einsamkeit, Bindungslosigkeit und Rückzug, im Besonderen im Kontext digital und virtuell vermittelter Beziehungsformen. 

Diese diffusen und spezifischen Ängste, die auch die Bildungsinstitutionen und pädagogischen Beziehungen durchdringen, werfen pädagogisch und psychoanalytisch die Frage nach Rissen oder gar Auflösungserscheinungen im sozialen Band auf. Gegenwartsdiagnosen der strukturalen Psychoanalyse sehen etwa „eine Zeit (…), die der Gefahr der Auslöschung des Subjekts des Unbewussten ausgesetzt ist“ (Recalcati). In einem zunehmend medial wie algorithmisch vermittelten und sozial-technokratisch gesteuerten Leben erhält Begehren und Trauer keinen hinreichenden Resonanzraum mehr. Affekte entladen sich in roher Aggression. Der Andere wird zur Projektionsfläche des eigenen Unheimlichen und als solcher bekämpft. Funktionale, optimierbare Subjektivierung lässt keinen Raum für Unbewusstes, Bruch und Begehren. So erzeugte emotionale Verarmung führt in eine innere Leere, die durch identitäre Versprechen, fanatische Zugehörigkeiten, rigide Sozialtechnologien und Gewaltphantasien gefüllt wird. 

Wie lassen sich diese das subjektive Erleben und die gesellschaftlichen Verhältnisse betreffenden Krisentendenzen psychoanalytisch und erziehungswissenschaftlich in den Blick rücken und analysieren? Wie deuten und fassen die verschiedenen Strömungen Psychoanalytischer Pädagogik jene psychosozialen Phänomene zwischen Einsamkeit und Gewalt? Wie ändern sich die Handlungskontexte für pädagogische Arbeit und das Selbstverständnis von Pädagog:innen vor dem Hintergrund dieser veränderten gesellschaftlichen Verhältnisse und gewandelten Subjektivierungsweisen? Welche Bedeutung haben diese Dynamiken für die Psychoanalyse und die Erziehungswissenschaft als wissenschaftliche Disziplinen? Und welchen Platz nimmt die Psychoanalyse und die Psychoanalytische Pädagogik in der Analyse gegenwärtiger Erziehungs- und Bildungsverhältnisse ein?

Mit der Tagung wollen wir danach fragen, ob und wie die Psychoanalytische Pädagogik in unruhigen und stürmischen Zeiten dem Unbewussten, Unberechenbaren und Nicht-Wissen – aber auch dem Nicht-wissen-Wollen – in Wissenschaft und pädagogischer Praxis Rechnung trägt. Folgende Themen können in Tagungsbeiträgen fokussiert werden:

Aktuelle Phänomene des Aufwachsens und der Subjektbildung: 
Wie erleben bzw. verarbeiten Kinder und Jugendliche die gesellschaftlichen Bedingungen, in denen sie aufwachsen? Wie vollzieht sich heute Subjektbildung und wie wird diese vor dem Hintergrund der genannten Dynamiken in den verschiedenen Strömungen der Psychoanalyse und Psychoanalytischen Pädagogik gefasst? (Wie) lassen sich zeitgenössische Phänomene (z.B. Einsamkeit, Schulangst, selbstverletzendes Verhalten, Essstörungen, Digital-Sucht, rassistische/rechtsextreme/sexuelle Gewalt, (Identifikation mit) Diagnosen wie ADHS und Autismus-Spektrum-Störung) in Relation zu den gesellschaftlichen Dynamiken analysieren? 

Psychoanalytisch-pädagogische Professionalität: 
Pädagog:innen sind wie Kinder, Jugendliche und erwachsene Adressat:innen gleichermaßen von den gesellschaftlichen Transformationen betroffen, sollen aber zugleich erzieherisch und bildsam tätig sein. Vor welchen Herausforderungen und in welchen Spannungsverhältnissen stehen Pädagog:innen in der Gegenwart? Welche Auswirkungen haben gegenwärtige Phänomene wie Bindungslosigkeit und Aggression auf Familien, Bildungsinstitutionen und das Gemeinwesen? Wie wird dies in Konzepten pädagogischer Professionalität berücksichtigt und welche Rolle erhält darin wiederum die Psychoanalyse? Welche psychoanalytisch orientierten pädagogischen Formate eröffnen heute möglicherweise neue Räume für eine Subjektbildung, die dem Unbewussten Rechnung trägt und wie ließen sich diese im Kontext pädagogischer Professionalität diskutieren?

Psychoanalytisch-pädagogische Disziplin: 
In der Erziehungswissenschaft und der Wissenschaft allgemein hat die Psychoanalyse einen peripheren Stand. Angesichts einer Dominanz empirischer Bildungsforschung, kognitiver Psychologie, Neurowissenschaft und Verhaltenstherapien, scheint der Platz der Psychoanalyse an den Universitäten und Hochschulen unsicher(er) geworden zu sein. Welchen Platz hat die Psychoanalyse in Wissenschaft und pädagogischer Praxis, wenn Versprechen von Evidenz und technologisches Handlungswissen dominant werden? Wie kann die psychoanalytische Pädagogik ihren Stand als Teildisziplin der Erziehungswissenschaft stärken? Inwiefern ist die Erfahrung des Unbewussten Teil von Forschungs- und Erkenntnisprozessen?

Kontakt: tagungpsypaed(at)uni-osnabrueck.de.

Als Keynote-Sprecher:innen haben zugesagt:

  • Prof. Dr. Adrian Gaertner (Psychoanalytiker; ehemals Hochschule für Angewandte Wissenschaft Bielefeld)

  • Prof. Dr. Julia König (Bergische Universität Wuppertal)

  • Prof. Dr. Robert Pfaller (Kunstuniversität Linz)

Die Tagung wird organisiert von Dr. Anna Hartmann (Universität Regensburg), Prof. Dr. Lisa Janotta (Universität Osnabrück), Marco Kammholz, M.A. (Bergische Universität Wuppertal)

CfP (PDF)

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