Tagung
Interdisziplinäre Perspektiven auf kapitalistische Politik und Gesellschaft in der Gegenwart
Gemeinsame Tagung der DGS-Sektion Wirtschaftssoziologie und der DVPW-Sektion Politische Ökonomie
Die Entwicklung kapitalistischer Gesellschaften ist gegenwärtig von tiefgreifenden ökonomischen, politischen und sozialen Umbrüchen geprägt. Standen die vergangenen Jahrzehnte im Zeichen einer fortschreitenden Globalisierung von Produktions- und Finanzströmen, der Ausweitung marktförmiger Steuerung und des Rückzugs des Staates, so haben sich diese Prozesse zuletzt – nicht zuletzt mit dem Erstarken der Neuen Rechten – erheblich verändert: An die Stelle der Globalisierung tritt eine neue Geopolitik; zusehends repressive Staaten greifen direkt in das Wirtschaftsgeschehen ein; die Klimapolitik gerät unter Druck; und Marktlogiken scheinen gegenüber Monopol- und Asset-Logiken auf dem Rückzug – nicht zufällig gilt in Teilen des Silicon Valley inzwischen die Devise „competition is for losers”. Vor diesem Hintergrund gewinnt die klassische Frage nach dem Zusammenhang von Staat, Markt und Gesellschaft neue Aktualität.
Politische Ökonomie und Wirtschaftssoziologie bieten jeweils eigene Ansätze, um diese vielschichtigen Veränderungen zu beschreiben, zu analysieren und zu erklären. Zwischen beiden bestehen bereits Überschneidungen und Verbindungen – aus Sicht der beiden Sektionen besteht darüber hinaus jedoch erhebliches Potential, sie durch eine interdisziplinäre Herangehensweise gewinnbringend zu verknüpfen. Im Kern geht es darum, die gegenwärtigen Verschiebungen im Verhältnis von Staat, Markt und Gesellschaft weder allein als interessengeleitete Reorganisation kapitalistischer Ordnungen zu begreifen, noch ihre Analyse auf die Dynamik von Märkten oder Netzwerkstrukturen zu begrenzen. Vielmehr liegt es nahe, aktuelle Phänomene kapitalistischer Gesellschaften aus einer interdisziplinären Perspektive zu betrachten, die kapitalistische Interessen mit soziologischen Konzepten wie Netzwerken, sozialen Bewegungen oder Zukunftsimaginationen in Dialog bringt.
Diese Wechselwirkungen zu beleuchten, ist der Gegenstand unserer gemeinsamen Sektionstagung. Sie versteht beide Perspektiven als komplementär und lädt ausdrücklich zuBeiträgen ein, die ihre theoretischen und empirischen Erkenntnispotenziale miteinander verbinden. Besondere Aufmerksamkeit gilt den neuen Konfigurationen von Staatlichkeit, Marktorganisation und gesellschaftlicher Ordnung: Geoökonomische Konkurrenz, Rückschritte beim Klimaschutz, die Expansion digitaler Infrastrukturen und die fortschreitende Finanzialisierung werfen grundlegende Fragen nach den institutionellen Grundlagen des Kapitalismus auf, während wachsende Ungleichheiten, soziale Krisen, Polarisierung und autoritäre Tendenzen die Bedingungen demokratischer Politik verändern. Zugleich stellt die Dominanz von Big Tech Firmen die Geltung von Marktprinzipien in Frage. Ihre Ursachen zu klären und ihre Folgen für gesellschaftliche Integration, politische Legitimität und wirtschaftliche Dynamik zu bestimmen, ist aus Sicht beider Sektionen dringend geboten.
Wir laden daher Beiträge ein, die theoretische und methodische Brücken zwischen Wirtschaftssoziologie und Politischer Ökonomie schlagen. Ausdrücklich willkommen sind auch Beiträge, die aus einer der beiden Traditionen heraus neue Anschlussmöglichkeiten eröffnen. Empirische wie konzeptionelle Arbeiten sind gleichermaßen erwünscht. Mögliche Themenfelder sind etwa:
- Neue Staatlichkeit: Industriepolitik, Protektionismus, Remilitarisierung und die Rückkehr wirtschaftspolitischer Intervention
- Geopolitik, Sicherheit und die Neuordnung globaler Wirtschaftsbeziehungen
- Digitale Plattformen, künstliche Intelligenz, Hyperscaling und die Transformation nationaler Ökonomien
- Staat, Markt und Gesellschaft in der „Competition is for losers”-Ära
- Ökologische Transformation, Klimapolitik und der „green backlash”
- Autoritarismus, Neue Rechte und die Reorganisation kapitalistischer Ordnungen
- Finanzialisierung, Asset-Logiken und die politische Ökonomie des Vermögens im Kontext einer neuen amerikanischen Oligarchie
- Soziale Ungleichheit, Polarisierung und die Bedingungen demokratischer Politik
- Krise und Austerität in der sozialen Daseinsvorsorge: Care, Gesundheit, öff. Dienste
Bei Fragen können Sie sich jederzeit gerne an Barbara Brandl (brandl(at)soz.uni-frankfurt.de), Björn Bremer (BremerB(at)ceu.edu) und Philipp Golka (philipp.golka(at)mpifg.de) wenden.