Tagung
Periodika und ihre Praktiken des Auswählens
Das Auswählen als grundlegende funktionale und formale Dimension von Periodika hat in der Zeitschriftenforschung bislang wenig Beachtung gefunden, auch wenn einzelne Aspekte bereits untersucht wurden (vgl. unter wissensgeschichtlichen Aspekten Frank et al. 2010). Die Tagung widmet sich den Auswahlpraktiken von Periodika und möchte zu ihrer systematischen Erschließung beitragen. Dabei sollen auch jüngere Arbeiten zu Praktiken des Auswählens aus den Kulturwissenschaften, den Editions- und Buchwissenschaften, der Geschichtswissenschaft, Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte, Soziologie u.a. berücksichtigt werden, um nach ihrer Spezifizität in Bezug auf den Gegenstand des Periodikums zu fragen.
Die Tagung des Arbeitskreises Kulturwissenschaftliche Zeitschriftenforschung (gegründet 2016) bietet dem geteilten Interesse am Gegenstand ›Zeitschrift‹ ein Forum, in dem sich Early Career Researcher aus verschiedenen Fachgebieten im deutschsprachigen Raum über Fragestellungen und Analysekategorien der Zeitschriftenforschung austauschen und verständigen.
Seit rund 15 Jahren erlebt die systematische, interdisziplinäre Erforschung von Zeitungen und Zeitschriften europaweit einen Boom. Periodika werden mittlerweile aus verschiedensten fachwissenschaftlichen Perspektiven und Interessen kommend als Gegenstände ernst genommen, die einer eigenen Logik folgen und in ihren Formen und Funktionen beschrieben werden können. In den letzten Jahren sind systematische Einführungen in die Periodical Studies als eigenem Gegenstandsbereich entstanden (u.a. Fazli, Scheiding 2023, Ernst et al. 2022). Im Zuge eines breiteren kulturwissenschaftlichen Interesses haben sich viele interdisziplinäre Ansätze herausgebildet, die Periodika unter anderem über die dynamischen Strukturprinzipien der periodical form, über mediale Poetologien, über den Netzwerkcharakter oder auch über die spezifische Materialität der Objekte erschließen.
Das Auswählen als grundlegende funktionale und formale Dimension von Periodika hat jedoch bislang wenig Beachtung erfahren, auch wenn einzelne Aspekte bereits untersucht wurden (vgl. etwa unter wissensgeschichtlichen Aspekten bei Frank, Podewski, Scherer 2010). Die Tagung ist den Auswahlpraktiken von Periodika gewidmet und möchte zu ihrer systematischen Erschließung beitragen. Dabei soll es auch darum gehen, jüngere Arbeiten zu Praktiken des Auswählens aus den Kulturwissenschaften, den Editions- und Buchwissenschaften, der Geschichtswissenschaft, den Literaturwissenschaften, der Kunstgeschichte, Soziologie u.a. zu berücksichtigen und nach der Spezifizität in Bezug auf den Gegenstand des Periodikums zu fragen. Die Dimension des Auswählens eröffnet vielfältige Perspektiven auf Periodika, von denen hier – als Anregung – nur einige umrissen sein sollen:
Auswählen als redaktionelle, typografische und grafische Tätigkeit:
Die Auswahl von Inhalten und Formen, d.h. konkreter von Texten, Bildern (und Bildvorlagen), Rubriken, Layouts, Stoffen und Papier, Werbeanzeigen- und Merchandise, inkl. der Zirkulation dieser Elemente und die dadurch entstehenden kuratorischen Ordnungen, die die Wahrnehmung und Bedeutung maßgeblich prägen. In diesem Zusammenhang eröffnet sich auch die Möglichkeit, die traditionellen Auswahl- und Filterprozesse von historischen Periodika mit denen von moderneren Medien, Social Media oder Large Language Models zu vergleichen.
Auswählender Gebrauch:
Hier ergeben sich Möglichkeiten, sowohl die Affordanzen von Periodika als auch die durch sie ermöglichten kollektiven Gebrauchsweisen (vom Lesen bis zum Einwickeln von Lebensmitteln) zu untersuchen sowie tatsächliche historische und empirische Lesevorgänge zwischen intensive und extensive reading (Benedict 2022). Im weiteren Sinn gehört hierzu auch die Frage, wie Periodika die Heraustrennung von Elementen aus ihnen gesteuert haben (Ausschneiden, Sammeln, Extrahieren, Dekontextualisieren), vgl. Turner 2024.
Ausgehend von diesen Aspekten kann allgemeiner auch nach der spezifischen Gegenständlichkeit von Periodika als ausgewählten Objekten, als Medien, die serielle und heterogene Elemente zusammen gruppieren, gefragt werden (siehe die Arbeiten von Mussel, sowie Gretz et al. 2022)
Auswahl im grenzüberschreitenden Austausch:
Welche Bedingungen bestimmen die Übersetzung bestimmter Texte? Welche Auswahlstrategien lassen sich unterscheiden? Und wie verhalten sich übersetzte Texte, die in einem anderen Kontext publiziert und rezipiert werden, zu diesem neuen nationalen, regionalen oder geopolitischen Umfeld? (Gemacher 2024)
Ausgewähltheit und Auserwähltheit als Anspruchshaltung:
Viele Periodika inszenieren sich als in besonderer Weise erlesene und ausgewählte Objekte, was sie in vielfältigster Weise artikulieren (etwa in Zeitschriftenprogrammen, Prospekten usw.). So wollen sie ihrem Publikum u.a. den Eindruck vermitteln, Teil einer erlesenen Gruppe, einer Elite (in der Literatur, in der Kunst, im Sport, in der Küche, im Lebensstil usw.) zu sein bzw. zu einer bestimmten imaginierten Gemeinschaft zu gehören (Anderson 1983). Auch nach der tatsächlichen Einlösung dieser Ansprüche kann gefragt werden. Untersuchungen etwa zur literarischen Kanonbildung (Rippl, Winko 2013), zur Poetik des Wissens (Frank, Podewski 2022) lassen sich hier anschließen wie auch die Abgrenzungsversuche verschiedener periodischer Formate untereinander (z.B. die Wochenzeitschrift als ‚ausgewählteres‘ Format im Vergleich zur täglich erscheinenden Zeitung).
In diesem Rahmen ließe sich auch nach dem „revolutionären Potential“ von Periodika fragen, die damit für einen Raum stehen, der in seinen Auswahlpraktiken möglicherweise weniger den herrschenden „Ordnungen des Wissens“ unterliegt und in Zeiten von Krisen als revolutionärer Möglichkeitsraum gesehen wird/worden ist (Anderson 1983; Pettitt 2020, 2022).
Im weiteren Sinn lässt sich auch nach den Konsequenzen von Auswahlpraktiken fragen, danach, wie Periodika dazu beitragen, Aufmerksamkeitslenkung zu betreiben (speziell zu Prozessen der Popularisierung, siehe z.B. Lickhardt 2024), Sichtbarkeiten zu filtern und einzuschränken und damit zugleich bestimmte Erfahrungen, Stimmen und Wissensbestände auszuschließen. Hier ergeben sich Anschlüsse an Gender Studies, Postcolonial Studies und die Intersektionalitätsforschung.
Übergreifende und theoriefokussierte Beiträge sind ebenso willkommen wie Fallstudien. Die Arbeitssprache der Tagung ist deutsch, englische Vorträge sind jedoch ebenfalls willkommen. Die Vorträge sollen einen Zeitraum von 20 Minuten nicht überschreiten. Bitte senden Sie Ihr Abstract (max. 300 Wörter) mit einer Kurzbiographie (max. 100 Wörter) bis zum 31. März 2026 an Alexandra Dempe (alexandra.dempe@uni-tuebingen.de) und Florian Gödel (florian.goedel@uni-marburg.de). Wir bemühen uns, Mittel für die Erstattung von Reisekosten einzuwerben.
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