Vorlesungsreihe
Medien der Liebe – Interdisziplinäre Perspektiven
Liebe ist ein zentraler Bestandteil kultureller Praktiken. Als symbolisch generalisiertes „Kommunikationsmedium“ ist romantische Liebe kein universales Gefühl, sondern eine historische Erscheinungsform, um Intimbeziehungen zu codieren, zu stabilisieren und so das Verhältnis zwischen Individuen und Gesellschaft zu vermitteln (Luhmann 2008; Illouz 2019). Während die alltägliche Vorstellung von Liebe als einer Verschmelzungs- und Vereinigungserfahrung kaum ohne die Annahme von Unmittelbarkeit auskommt, betonen insbesondere systemtheoretisch inspirierte und historisch orientierte Auseinandersetzungen die tiefgreifende Medialität der Liebe (Luhmann 2008; Faulstich 2002). Liebe wird dabei als ein Medium verstanden, das sich als solches mit der bürgerlichen Gesellschaft und dem affektiven Individualismus des Frühkapitalismus entwickelt hat. Diese soziologischen und soziohistorischen Einsichten werfen zugleich die Frage auf, wie sich das generalisierte Kommunikationsmedium Liebe zu den historisch variablen medialen Formen verhält, die gemeinhin als Verbreitungs-, Massen- oder technische Medien bezeichnet werden. Die Codierung von Intimbeziehungen durch das symbolisch generalisierte Medium der Liebe ist historisch stets mit spezifischen Formen der Vermittlung von Liebesbeziehungen, -narrativen und -praktiken verknüpft: etwa mit Dramen und Romanen, mit Briefen, E-Mails und Messenger-Nachrichten, mit romantischen Komödien, Serien und Talkshows, mit Stock- und Hochzeitsfotografie sowie mit Phänomenen wie Revenge Porn und Dick Pics, aber auch mit Dating-Apps, Ratgeberliteratur und therapeutischen Diskursen.
Mindestens vier mediale Funktionen lassen sich mit Blick auf die Liebe unterscheiden: Erstens ko-konstituieren Medien, die Liebe als ein Dazwischen vermitteln, Liebesbeziehungen und halten sie aufrecht. Dort, wo Liebe sich als eine Grunderfahrung von Differenz und Andersheit artikuliert (Badiou 2003), treten auch die basalen medialen Operationen des Trennens und Verbindens zutage. Ob Liebesbrief, Postkarte, Telefon oder Selfie – zahlreiche mediale Formen überbrücken raumzeitliche Abstände zwischen Liebenden, etablieren phatische Kanäle, stellen Intimität, aber auch Distanz her und tragen zum Aufbau einer geteilten „Nahwelt“ (Luhmann 2008) bei. Nicht nur wird zu bestimmten Zeiten Liebe über bevorzugte Medien vermittelt, sondern mediale Entwicklungen bringen auch Veränderungen in der Art mit sich, wie geliebt wird sowie wie Liebesbeziehungen angebahnt, praktiziert, kommuniziert und organisiert werden.
Medien sind zweitens an der Herausbildung und diskursiven Verhandlung normativer Vorstellungen von Liebe beteiligt. Dazu gehören nicht nur sozial geteilte und umkämpfte Ideale romantischer Liebe, von Intimität und Heirat, sondern auch Fragen nach Geschlechter- und Machtverhältnissen (Brooks 2016). Aus Kunst, fiktionalen Geschichten, Filmen, Talkshows oder Ratgeberliteratur erfahren wir, was gesunde und toxische Beziehungen ausmacht, welche Beziehungsformen und Geschlechterrollen erwünscht sind und welche sanktioniert werden, welche Problem- und Krisensituationen der Liebe für eine bestimmte Zeit typisch sind. Film und Werbung haben dabei etwa zur Sexualisierung und Erotisierung der Liebe beigetragen, während Hochzeitsfotografie die Rituale der Liebesheirat bezeugt und ihre visuell-ästhetischen Formen konventionalisiert (Ruchatz 2018). In einer mediatisierten Experten- und Selbsthilfekultur mit einem psychologisch individualisierenden Verständnis von Liebe wird zudem eine zu bearbeitende Innerlichkeit hervorgebracht, während spätestens Dating-Apps die Kommerzialisierung und Warenförmigkeit von Liebesbeziehungen offensichtlich machen (Illouz 2019).
Zu den Medien der Liebe lassen sich drittens auch diejenigen Medien zählen, die Liebeserfahrungen in Abwesenheit menschlicher Liebespartner:innen affektiv und imaginativ erfahrbar machen oder Absenzen kompensatorisch bearbeiten. Dazu gehören etwa erotische und pornografische Bilder oder anthropomorphisierende Technologien wie Chatbots, Sexroboter oder KI-Partner:innen (Bates 2025). Auch fiktionale Formate wie Romane, Liebesfilme und -serien erlauben es, romantische Gefühle als Formen parasozialer Intimität zu empfinden und aktiv hervorzurufen, ohne dass dabei eine reale Liebesbeziehung vorliegen muss. Diese Medien der Liebe ziehen notorisch Kritik auf sich: sei es, weil damit der Topos der naiv-regressiven Rezipient:innen aufgerufen, sei es, weil feministische und intersektionale Kritik an misogynen Medientechnologien formuliert, oder sei es, weil hierbei Fragen nach Datenschutz aufgeworfen werden.
Eng damit verknüpft ist schließlich die vierte Funktion: Zu den Medien der Liebe lassen sich auch diejenigen Medien zählen, die selbst Gegenstand von Liebesgefühlen werden können und die stark affektiv aufgeladen sind: In Formen wie Cine- oder Audiophilie, (analoger) Mediennostalgie oder auch Fan-Fiction ziehen Medien Liebesgefühle auf sich, werden zu geschätzten und wertvollen Objekten der Anhänglichkeit und affektiver Bindung (Hennion 2011). Aus Medien der Liebe wird eine Liebe zu den Medien.
Die Ringvorlesung widmet sich den verschiedenen Medien der Liebe und der Liebe als Medium. Sie bündelt interdisziplinäre Perspektiven aus Philosophie, Soziologie, Kunstgeschichte sowie Literatur- und Kulturwissenschaft, um die Medialität der Liebe in ihren ästhetischen, diskursiven und gesellschaftlichen Ausprägungen zu analysieren.
Die Termine finden immer dienstags von 16 bis 18 Uhr statt.
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