Zeitschrift | Ausgabe
Das Kursbuch 214 (2023)
Freund & Feind
Der Feind ist die höchste Steigerungsform des anderen, des Antipoden, des Gegners, des Gegenübers, des von mir selbst Unterschiedenen, des Negativen. Den Feind kennen wir vor allem aus der politischen und militärischen Sprache – er ist tatsächlich der unbedingte Gegner, und der Krieg ist wohl jene Form, die Feindschaft auf die Spitze treibt, weil sie die Zerstörung der anderen Seite zum Ziel hat und als Ausnahmefall gelten muss – selbst wenn man konzediert, dass es in der Weltgesellschaft so gut wie keine Phase gab und gibt, in der kein Krieg herrschte.
Der Feind als unbedingter Gegner ist zumindest in der öffentlichen Sprache des Politischen bis vor kurzem abhandengekommen. Man hat von Systemkonkurrenz gesprochen, selbst im Kalten Krieg wurde die andere Seite selten als Feind bezeichnet, wenn sie auch ganz offensichtlich die feindliche Seite war – und eben »kalt«, also durch Dialog, stabile Konfliktformen und wechselseitige Berechenbarkeit kaschiert wurde (von den »Stellvertreterkriege« genannten Auseinandersetzungen in anderen Weltregionen abgesehen). Spätestens mit der Auflösung des sogenannten Ostblocks ist der Feind tatsächlich abhandengekommen – nicht der Konkurrent, nicht der andere, nicht etwas zu Unterscheidendes, aber doch der Feind in seiner unbedingten Form.
INHALT
Eine Quelle, zwei Grafiken
Jan Schwochow
»Wenn wir untergehen, dann mit fliegenden Fahnen!«
Natan Sznaider
Mein biologischer Optimismus
Josef H. Reichholf
Das Gute im Lieblingsfeind
Nicole C. Karafyllis
Lagerfeuer
Heike Littger
Was macht den Feind zum Feind?
Herfried Münkler
Der Profi, der ein Schmuggler ist
Sven Murmann
Grüne Bagage
Peter Unfried
Der auto-tromaktikoitische Imperativ
Timo Storck
Welcher Technologie kann man vertrauen?
Haya Shulman, Michael Waidner
Nordlichttracker und Bestimmungsapps
Berit Glanz
Astral oder wie alles begann
Ulv Philipper
Der zivilisierende Staubsauger
Armin Nassehi
Ein hartnäckiges Klischee
Helene Bubrowksi
Die Wiederkehr des Feindes
Constanze Stelzenmüller
Wut auf den Westen
Marco Herack