Zeitschrift | Ausgabe
Merkur 884 (2023), 1
Im Lauf der letzten Jahre ist den multiplen Krisenbefunden der Gegenwart der Begriff »Asylkrise« beigefügt worden, der dem Blick auf vermeintliche »Flüchtlingswellen« die Frage nach der Leistungsfähigkeit und der Fairness staatlicher Institutionen zur Seite stellt. Dem Begriff der Asylkrise könnte aber auch eine allgemeinere historische Triftigkeit zukommen: Wäre es möglich, dass das Asylrecht selbst, so wie es nach dem Zweiten Weltkrieg konzipiert und institutionalisiert wurde, in eine Krise gerät und letztlich nicht mehr zeitgemäß ist? Diese Frage wurde etwa von dem marxistischen Historiker Simon Behrman aufgeworfen. Ihm zufolge sei das Problem vieler Asylsuchender nicht ein Zuwenig, sondern ein Zuviel an Recht, ein Zuwenig aber an gesellschaftlich-politischen, wenn nötig subversiven Praktiken der Gastfreundschaft. »[T]he reach of law«, so Behrman, »has been extended over ever larger groups of those fleeing persecution, allowing the law the final say on whether their claim for asylum is legitimate or not.« Diese Frage gewinnt noch an Relevanz, führt man sich vor Augen, dass das moderne, auf der Genfer Flüchtlingskonvention basierende Asylrecht auf die individuelle Zuschreibung des Flüchtlingsstatus und das Verfahren der Einzelfallprüfung ausgelegt ist, während die gegenwärtigen Krisen zunehmend mit regionalen Destabilisierungen einhergehen, in denen politische, wirtschaftliche und in Zukunft wohl auch klimatische Fluchtursachen kaum noch unterscheidbar sind.
INHALT
Essay
Till Breyer
Asyl als Schwelle. Historische Skizze zu einem politischen Begriff
Christian Demand
Homestorys (IV): Behaglichkeit
Patrick Bahners
Testfall Thüringen. Mittagessen bei der Konkubine
Kritik
Gunnar Hindrichs
Philosophiekolumne.
Sozialneid und Melancholie
Andreas Eckert
Ein Platz für Tiere
Marginalien
Angelika Schwarz
Ausweitung der Komfortzone
Felix Ackermann
Die Gedächtnislücke von Suwałki
Jens Soentgen
„Der Kapitalismus in der Gelehrtenwelt“.
Sibylle Severus
Fußball Spiele
David Gugerli
Abfall am Himmel
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