Zeitschrift | Ausgabe
Osteuropa 1-3/2024
Krieg, Staat und die Völker Russlands
Moskaus Versuch, mit Waffengewalt das äußere Imperium wiederzuerrichten, hat auch die Frage nach dem inneren Imperium erneut auf die politische Tagesordnung gebracht. Russland ist kein Nationalstaat. Es handelt sich um ein Gebilde aus 21 Nationalen Republiken, fünf andere nationale Territorien sowie gut 50 nicht national konstituierte Gebiete. So gesehen ist Russland ein Vielvölkerreich. Doch die Dominanz der Russen ist groß, knapp 80 Prozent der Bevölkerung verstehen sich als solche. Der offizielle Staatsname spiegelt diesen Zwittercharakter: Rossija – Rossijskaja Federacija / Russland – Russländische Föderation.
Von einer Föderation kann allerdings schon lange keine Rede mehr sein. In den 1990er Jahren hatten sich insbesondere die bevölkerungsreichen und wirtschaftsstarken Nationalen Republiken wie Tatarstan und Baškortostan eine erhebliche Autonomie sowie Mitspracherechte im Zentrum erkämpft. Auch die Selbstverwaltung der nichtnationalen Gebiete wurde gestärkt. Wo Moskau die Grenzen der Selbstbestimmung zog, zeigte aber bereits 1994 das Beispiel Tschetschenien.
Russlands Krieg gegen die Ukraine kann nicht ohne Auswirkungen auf das innere Imperium bleiben. Doch diese sind höchst ambivalent. Kriegspropaganda, Militärzensur und verschärfte Repressionen haben im gesamten Land die letzten Reste von freier Öffentlichkeit zerstört. Die Erwartung, dass der Krieg zu einer Verschärfung nationaler Gegensätze und dies zu einem Zusammenbruch Russlands führt, ist illusorisch. Das Regime hat die nationalen Eliten fest in die Machtvertikale eingebunden – und alle Widerspenstigen ausgeschaltet. Die Bevölkerung wird mit Zuckerbrot und Peitsche bei der Stange gehalten. Doch wenn der oberste Machtzirkel in Moskau kollabiert, beginnt eine neue Zeitrechnung. Dies wird auch wieder die Stunde nationaler Bewegungen sein.
INHALT
Andreas Kappeler
Vielvölkerreich Russland. Historische Voraussetzungen im Zarenreich
S. 5-24
Egbert Jahn
Nationale Frage und nationale Bewegungen. Die Bedeutung des Sowjetföderalismus
S. 25-50
Pavel Polian
Bestrafte Völker. Deportationen im Stalinismus
S. 51-64
Ernst Kausen
Die Sprachen und Völker Russlands. Vom Verschwinden eines Reichtums
S. 51-65
Andreas Heinemann-Grüder
Russlands inneres Imperium. Zentrum gegen Regionen
S. 123-134
Roland Götz
Unter Durchschnitt. Die nationalen Territorien Russlands
S. 134-154
FALLSTUDIEN
Nikolay Mitrokhin
Ethnisch, rassistisch, imperial. Erscheinungsformen des russischen Nationalismus
S. 155-180
Uwe Halbach.
Extremfall. Tschetschenien im Vielvölkerstaat Russland
S. 181-200
Lana Estemirova
„Die offene Wunde Tschetschenien“. Gespräch mit Sergej Lebedev (Open Access)
S. 201-212
Johannes Rohr
Kolonisiert. Die indigenen Völker in Russland
S. 213-233
N.N.
„Wir sind das Volk“. Protest und Repression in Baškortostan
S. 237-248
Darja Kostromina
Ausweitung der Repressionszone. Die Verfolgung von Hizb-ut-Tahrir-Anhängern in Russland
S. 249-266
Alexey Golubev, Gleb Yarovoy
Kein Fall für die Nation. Karelien – Geschichte, Sprache, Politik
S. 267-284
Monika Wingender
Einheit statt Vielfalt. Sprachpolitik in der Russländischen Föderation
S. 285-298
Artem Malych
Vom Sterben der Sprachen. Das Beispiel des Udmurtischen
S. 299-308
Michail Bogdanov
Geburtshelfer Ukrainekrieg. Die Renaissance der burjatischen Nationalbewegung
S. 309-318
Olaf Leiße
Fest in Putins Griff. Politik und Gesellschaft in Burjatien
S. 319-330