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Soziale Systeme 27 (2022), 1-2

Systemtheorie und Gewalt – der Status der für dieses Sonderheft titelgebend hergestellten Beziehung müsste wohl mit einem Fragezeichen versehen werden. Der aktuelle Diskurs der Gewaltforschung ist international und auch in der deutschsprachigen Diskussion insbesondere auf den situationalistischen Ansatz von Randall Collins ausgerichtet (Collins 2009; Nassauer 2016; Collins 2019; Liebst/Lindegaard/Bernasco 2019) oder – im Abstand dazu – dem Konzept der gewaltbedingenden gesellschaftlichen „Makro“-Strukturen verhaftet (Kron/Verneuer 2020; Hoebel 2021). Neben der Soziologie hat vor allem die Psychologie ein ausgeprägtes Interesse am Thema Gewalt (Ferguson/Beaver 2009; Dodge/Malone et al. 2015; Boer 2018; Huesmann 2018; Paulhus/Curtis/Jones 2018). Der (bio-neuro-)psychologisierende, forensische Blick auf menschliche Binnenverhältnisse sieht dabei, was er zu sehen erlaubt: Traits, Schemata, verletze Hirnareale, Gene und vieles mehr. In der Regel verbleibt die soziale Dimension der Gewalt dabei weitgehend unmarkiert. Ein soziologischer, und mehr noch: ein systemtheoretischer Blick ist schon allein deshalb wünschenswert, weil die pralle Realität der Gewalt die grundgelehrte Komplexitätsreduktion isolierter Disziplinperspektiven bereits augenscheinlich überfordert und als selbsterzeugte Finalisierung bloßstellt.

Systemtheoretische Analysen von Gewalt kommen in der Auseinandersetzung zu der Frage, wie Gewaltphänomene erfasst und erklärt werden können, gegenwärtig kaum vor. Auch innerhalb der Systemtheorie Niklas Luhmanns nimmt Gewalt eher eine nebenständige Rolle ein (Luhmann 1993; Luhmann 2000), obwohl Gewalt in allen Bereichen der Gesellschaft präsent ist. Gewalt kann kommunikativ wirksam werden. Gewalt setzt harte Schnitte in die Welt (Nassehi 2003), was dann wiederum soziale Anschlüsse erwarten lässt, wie etwa Peter Fuchs (Fuchs 2004) am Beispiel des Terrors zeigt. Innerhalb von Luhmanns Theoriearchitektur ist Gewalt vor allem als symbiotischer Mechanismus des politischen Systems eingeführt worden (Luhmann 2000). Darüber hinaus dürfte sie auch in anderen Funktionssystemen (z. B. Militär, Familie, Sport, Erziehung), in Organisationen (etwa Polizei, Kirche, Sportvereine) und in Interaktionen unter Anwesenden eine Rolle spielen (Polizeikontrollen, Schulunterricht, dienstlichen Meetings, Vereinstraining, Intimbeziehungen etc.). Gewalt begleitet die Durchsetzung der Programmierung der systemischen Codes, erzwingt Entscheidungen, dirigiert Interaktionen. Bei Luhmann selbst findet sich ein eher sporadisches Interesse an sozialen Formen der Gewaltausübung, insbesondere im Kontext von Krieg. Gemessen an der vielfältigen Präsentation von Gewalt in allen sozialen Bereichen kommt dies allerdings eher einem Mangelbefund gleich: Die Systemtheorie hat sich kaum mit Gewalt beschäftigt.[1]

Ist Gewalt kein systemtheoretisch relevantes Thema? Eventuell ist über die Frage nach der „Gewalt im System“ und über Dirk Baeckers (1996) Antwort hinaus nicht mehr zu sagen. Von dieser Unklarheit ausgehend liegt es nahe, die Frage nach der Beziehung von „Systemtheorie und Gewalt“ mit dem vorliegenden Sonderheft zu aktualisieren.

Auf den Call for Paper haben wir insgesamt 16 Beitragsvorschläge erhalten. Bis zur „Deadline“ sind insgesamt 12 Beiträge eingereicht worden und in das Begutachtungsverfahren eingegangen. Für alle Beiträge wurden vier unabhängige Gutachten angefragt. Das Begutachtungsverfahren haben wir im Sinne des Systemischen Konsensierens (Paulus/Schrotta/Visotschnig 2020) teilstandardisiert, d. h. es wurden die Widerstände gegen eine Veröffentlichung nach einem Bewertungsschema abgefragt. Zudem konnte der übliche „freie“ Begutachtungsbericht erstellt werden. Am Ende des Begutachtungsverfahrens wurden neun Beiträge zur Publikation angenommen. Wir danken an dieser Stelle ausdrücklich den mitwirkenden Gutachter:innen, ohne deren zuverlässige Unterstützung wir das Sonderheft nicht hätten realisieren können: Dirk Baecker, Andreas Braun, Alberto Cevolini, Nils Ellebrecht, Peter Graeff, Daniela Hunold, Nathalie Hirschmann, Barbara Kuchler, Peter Imbusch, Audis Muraitis, Gerhard Preyer, Wolfgang Ludwig Schneider, Jasmin Siri. Bei dem Lektorat haben Marina Langohr und Simon Schmalen sorgfältige Unterstützung geleistet.

Die vorliegenden Beiträge eröffnen verschiedene Zugänge: Die Abhandlung von Fritz B. Simon zum Beispiel zeigt, wie fruchtbar ein systemtheoretisch informierter Blick für das in der Regel psychologisch erfasste Phänomen der Selbsttötung Anwendung finden kann. Auch Swen Körner und Mario S. Staller verwenden die Systemtheorie als Reflexionsinstrument, hier zur Analyse der Polizei, um bestehende Selbstbeschreibungen und Kontrollmechanismen der Polizei den systemtheoretischen Kontingenzbeobachtungen auszusetzen. Zu diesen eher gegenwartsbezogenen Analysen passen ebenso die Beträge von Corné Davis und Michael Paetau. Corné Davis behandelt genderbasierte Gewalt als Folge funktionaler Differenzierung. Dabei bezieht sie sich empirisch auf Südafrika. Auch Michael Paetau nimmt eine länderspezifische Betrachtung von Gewalt, hier am Beispiel Kolumbiens, vor. Seine Auseinandersetzung beinhaltet den Vorschlag, „Gewaltsysteme“ als Analyseeinheit einzuführen. Ergänzt werden diese Texte durch solche Beiträge, die den zeitlichen Blick weiter in die Vergangenheit ausdehnen: Während Klaus Dammann die Semantik „urfaschistischer Begriffswelten“ untersucht, betrachtet Kosuke Sakai das Verhältnis von Polizei und Sozialstaat in einer explizit historischen Perspektive.

Alle vorliegenden Beiträge bieten Erweiterungen der Systemtheorie an. Jan Fuhrmann argumentiert, dass Gewalt – als Effekt von Dislokation verstanden – es erlaubt, dessen kommunikativen und psychischen Wirkungen nachzugehen. Thomas Kron und Claudius Härpfer geht es um eine Erweiterung des Kommunikationsbegriff, um den Einfluss gewaltvoller Kommunikation am Beispiel der Wissenschaft zu exemplifizieren. Und Domenico Tosini beschreibt das Theoriestück der Immunisierung über gesellschaftliche Einrichtungen des Umgangs mit Gewalt. Immunisierung werde einerseits notwendig, da Gewalt das menschliche Substrat kommunikativer Prozesse gefährde. Anderseits begünstigten die Immunisierung wiederum Gewaltanwendungen.

Mit dem vorliegenden Themenheft hoffen wir zu weiteren Einsichten in die Beziehung von Systemtheorie und Gewalt beizutragen. Wir wünschen den Leser:innen viel Freude dabei!

INHALT

Titelseiten

Editorial: Systemtheorie und Gewalt
Swen Körner, Thomas Kron, Mario S. Staller

Insubordination, oder: Gewalt gegen sich selbst als paradoxe Intervention in soziale Systeme
Fritz B. Simon

Kontrolle der Kontrolle Systemtheoretische Überlegungen zur Gewalt im System der Polizei
Swen Körner, Mario S. Staller

Gender-based violence as a consequence of functional differentiation
Corné Davis

Systeme der Gewalt Paramilitarismus in Kolumbien
Michael Paetau

Vernichtungskrieg, Kampf und Volksgemeinschaft: Empirische Studien mit relationaler Systemtheorie zur urfaschistischen Begriffswelt
Klaus Dammann

Potentializing physical violence Historical Sociology of Polizei and Sozialstaat from a system theoretical perspective
Kosuke Sakai

Gewalt als grundlose (Durch-)Setzung Die konstitutive Gewalt rigider Formen und deren Legitimation durch Wiederholung
Jan Tobias Fuhrmann

Wertschätzung und Wahrheit Eine Studie zur gewaltvollen Kommunikation in der Wissenschaft
Thomas Kron, Claudius Härpfer

Violence from the perspective of social immunology: a contribution to social systems theory
Domenico Tosini

In der Gesellschaft des Dritten
Dirk Baecker

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