Zeitschrift | Ausgabe

Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 74 (2026), 1

Das neue Heft der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte ist erschienen, wir wünschen anregende Lektüre!

Kim Wünschmann, Feindstaatenangehörige zwischen Völkerrecht und Willkür. Status und Behandlung britischer Zivilpersonen im nationalsozialistischen Deutschland
Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs war die Behandlung von Zivilpersonen mit Feindstaatenangehörigkeit im Gegensatz zu der von Kriegsgefangenen noch nicht durch multilaterale Abkommen festgeschrieben. Am Beispiel der britischen Zivilinternierten im Deutschen Reich untersucht Kim Wünschmann, inwiefern bilaterale Übereinkünfte und ein gewohnheitsrechtlicher Schutz dieser Gruppe dennoch einen besonderen Status gaben, der sie von anderen Gefangenen im nationalsozialistischen Lagersystem unterschied. Dabei verortet sie das komplexe Phänomen der Zivilinternierung in einem rechtsgeschichtlichen Analysefeld, das begrenzt wird von den Konventionen des humanitären Völkerrechts einerseits und dem ideologiegeleiteten Handeln des NS-Regimes andererseits. Auch den Erfahrungen der Internierten gibt der Aufsatz Raum.

Kim Wünschmann, Enemy Aliens between International Law and Arbitrariness. Status and Treatment of British Civilians in Nazi Germany
At the start of the Second World War, the treatment of civilian enemy aliens had not yet been codified in multilateral treaties, unlike that of prisoners of war. Using the example of British civilian internees in the German Reich, Kim Wünschmann examines the extent to which bilateral agreements and customary law nevertheless afforded this group a special status that distinguished them from other prisoners in the Nazi camp system. In doing so, she situates the complex phenomenon of civilian internment in a legal history field that is defined by the conventions of international humanitarian law on the one hand and the ideology-driven measures of the Nazi regime on the other. The study also explores the experiences of the internees themselves.

Christopher Neumaier, Im Brennglas: Kameradschaftsehe. Sexualität, Geburtenkontrolle und Familie als Konfliktfelder für die Ordnung der Nation in der Weimarer Republik
In der Weimarer Republik rangen Zeitgenossen um die Deutungshoheit über die Institutionen Ehe und Familie, denen eine Ordnungsfunktion für die Nation zugeschrieben wurde. Dabei entwickelte sich das von Ben B. Lindsey und Wainwright Evans entwickelte Modell der Kameradschaftsehe zu einem diskursiven Brennpunkt: Darüber wurde verhandelt, wie künftig das Zusammenleben der Geschlechter und Generationen geordnet werden sollte und welche gesellschaftliche Bedeutung Sexualität, Geburtenentwicklung, Eugenik und Ehescheidung haben sollten. In der Debatte verschob sich die Bewertung von Ehe und Familie. Sie galten nicht mehr ausschließlich als Institutionen mit Ordnungsfunktionen, sondern wurden auch als individuell ausgestaltbare Paarbeziehungen mit einem spezifischen Eigenwert gesehen. Dieser Punkt gewann nach 1945 an gesellschaftlicher Relevanz.

Christopher Neumaier, In the Spotlight: Companionate Marriage. Sexuality, Birth Control, and Family as Areas of Conflict for the Order of the Nation during the Weimar Republic
In the Weimar Republic, contemporaries struggled over the right to interpret the institutions of marriage and family, which were ascribed a regulatory function for the nation. In the process, the model of companionate marriage developed by Ben B. Lindsey and Wainwright Evans became a focal point of the discussion: under negotiation was how the coexistence of the sexes and generations should be ordered in the future and what social significance sexuality, birth rate trends, eugenics, and divorce should have. In the debate, the evaluation of marriage and family underwent a shift. They were no longer regarded exclusively as institutions with regulatory functions but also as partner relationships that could be individually tailored, while retaining a specific intrinsic value. This point gained in social relevance after 1945.

Filippo Focardi, Der „böse Italiener“ – das unbekannte Wesen. Die ausgebliebene Abrechnung mit italienischen Kriegsverbrechen
Nach 1945 entwickelte Italien eine Meistererzählung seiner Teilnahme am Zweiten Weltkrieg, die auf zwei Säulen ruhte: Die erste war die Verklärung des Widerstands gegen die deutsche Besatzung von 1943 bis 1945, die zweite die Verdrängung der italienischen Verantwortung für den Angriffskrieg der Achsenmächte. Damit ging die Leugnung oder Verharmlosung von Kriegsverbrechen einher, die italienische Truppen in den besetzten Gebieten, insbesondere auf dem Balkan, begangen hatten. Die Schuld an diesen Verbrechen wurde den „bösen“ deutschen Verbündeten in die Schuhe geschoben, während man die „guten Italiener“ für ihre angeblich humanitäre Kriegführung ins beste Licht rückte. Filippo Focardi rekonstruiert die Anstrengungen, die Geschichtsschreibung, Literatur und Film seit Kriegsende unternommen haben, um das Bild des „guten Italieners“ infrage zu stellen und den verbrecherischen Charakter der faschistischen Kriegführung aufzudecken. Diese Bemühungen stießen jedoch bisher auf hartnäckigen Widerstand, so dass italienische Täter kaum juristisch zur Rechenschaft gezogen wurden und das selbstexkulpierende Image des „guten Italieners“ bis heute Bestand hat.

Filippo Focardi, The “Evil Italian” – the Unknown Entity. The Unresolved Issue of Italian War Crimes
After 1945, Italy developed a master narrative of its participation in the Second World War that was based on two story lines: the first was the glorification of the resistance against German occupation from 1943 to 1945, and the second was the suppression of Italian responsibility for the Axis powers’ war of aggression. This portrayal went hand in hand with the denial or trivialization of war crimes committed by Italian troops in occupied territories, especially in the Balkans. The blame for these crimes was pinned on the “bad” German ally, while the “good Italians” were depicted in the best possible light for their allegedly humanitarian conduct of the war. Filippo Focardi reconstructs the efforts made since the end of the war by historiography, literature, and cinema to challenge the image of the “good Italian” and reveal the criminal nature of fascist warfare. However, these efforts have so far met with stubborn resistance, with the result that very few Italian perpetrators have been brought to justice and the self-exculpatory image of the “good Italian” persists to this day.

Clemens Villinger, Endlich normale Nazis? Normalität als Begriff in der Alltags- und Täterforschung zur NS-Zeit
Nach 1945 avancierte Normalität zu einem Schlüsselbegriff, mit dem zunächst in der Psychologie, später auch in der Soziologie und Geschichtswissenschaft die Persönlichkeiten und das Handeln von NS-Tätern untersucht wurden. In den späten 1970er Jahren griff die Alltagsgeschichte den Begriff auf, um die Lebenswelten unter nationalsozialistischer Herr-schaft zu analysieren. Anhand zentraler Beispiele – von den Nürnberger Prozessen über Täterstudien bis hin zu neueren Arbeiten zur „Volksgemeinschaft“ – zeigt Clemens Villinger, dass Normalität keine historische Gegebenheit ist, sondern als wissenschaftlich-diskursive Kategorie verstanden werden muss, deren analytischer Nutzen stets kritisch zu reflektieren ist.

Clemens Villinger, Finally, Normal Nazis? Normality as a Research Term in the Study of Everyday Life and Perpetrators during the Nazi Era
After 1945, normality became a key concept, used first by psychologists and later also by sociologists and historians, in the investigation of the personalities and actions of Nazi perpetrators. In the late 1970s, Alltagsgeschichte (the history of everyday life) took up the term to analyze lifeworlds under National Socialist rule. Using key examples – from the Nuremberg Trials to perpetrator studies to more recent works on the Volksgemeinschaft – Clemens Villinger shows that normality is not a historical fact, but must be understood as a conceptual category used in academic discussions, one whose analytical benefits must always be critically considered.

Notiz
20. Aldersbacher Schreib-Praxis
Ein anwendungsorientiertes Seminar des Instituts für Zeitgeschichte und des Verlags De Gruyter Brill (20. bis 24. Juli 2026)

Aus der Redaktion
Helmut Altrichter zum 80. Geburtstag

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Neu: Ein weiteres Interview in der Rubrik „VfZ Hören und Sehen“ und ergänzende Materialien zu Lorena De Vitas Dokumentation aus dem Oktoberheft; der VfZ-Jahrgang 2022 ist online verfügbar

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