Zeitschrift | Ausgabe

Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 22 (2026), 1

Psychiatrische Zeitgeschichte / Alterity and Psychiatry – A Contemporary History

Liebe Leser:innen,

das neue Heft der „Zeithistorischen Forschungen“, herausgegeben von Cornelius Borck und Karen Nolte, analysiert unter dem Leitbegriff „Psychiatrische Zeitgeschichte“ das Verhältnis von Psychiatrie und Gesellschaft (https://zeithistorische-forschungen.de/1-2026).

Psychiatrie besetzt einen besonderen Ort in modernen Gesellschaften. Im Unterschied zu anderen Zweigen der Medizin steht die Psychiatrie nicht nur für eine Geschichte der Differenz von „gesund“ und „krank“, sondern auch von „normal“ und „verrückt“ im Sinne sozialer Devianz und Stigmatisierung. Europäischen Gesellschaften diente sie zur Abgrenzung einer „normalen“ (bürgerlichen, westlichen, modernen, zivilisierten, männlichen etc.) Vernunft von einer als „verrückt“ ausgegrenzten und pathologisierten Unvernunft. An der Wende ins 20. Jahrhundert wurde dies zum Gegenstand eugenischer Zukunftsdebatten und im Nationalsozialismus zur Leitdifferenz einer mörderischen Biopolitik. Nach dem Zweiten Weltkrieg erklärte die neugegründete Weltgesundheitsorganisation (WHO) „Mental Health“ zu einem ihrer ersten Programmziele, und international setzte eine Bewegung zur Auflösung psychiatrischer Großanstalten ein (die in Deutschland erst sehr verspätet ankam). Psychotherapie und therapeutische Gruppen wurden in den westlichen Demokratien feste Bestandteile linksalternativer Milieus – so gelten die Jahre ab 1970 als Zeit der Therapeutisierung und des Psycho-Booms. Gleichzeitig kritisierten neue soziale Bewegungen die Pathologisierung psychischen Andersseins, und Psychiatrisierung wurde als geschlechtsspezifisches Herrschaftsinstrument angeprangert.

Heute ist die Differenz von „normal“ und „verrückt“ brüchig geworden, aber sie hat sich nicht einfach aufgelöst. Einerseits kommt dem Verrücktsein eine gewisse alltägliche Normalität zu, andererseits werden auffällige Verhaltensmuster in neuer Weise stigmatisiert oder als Themen eines neuen Aktivismus reklamiert. Die Psyche und psychische Störungen bleiben vorerst offenbar gesellschaftliche Unruhezonen, die in verschiedenste Diskurse und Praktiken ausstrahlen. Die Autor:innen des Themenheftes diskutieren, ob und wie die untersuchten (Ver-)Handlungsweisen im psychiatrischen Feld den Blick auf die Zeitgeschichte insgesamt verändern können. Der Schwerpunkt der Beiträge liegt auf der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, verbunden mit transnationalen und transkulturellen Perspektiven.

Beitragsideen und Manuskript-Einsendungen zum gesamten Spektrum der Zeitgeschichte sind für künftige Hefte jederzeit willkommen. Bitte beachten Sie die näheren Hinweise unter zeithistorische-forschungen.de/beitragen

Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History

Jahrgang/Volume 22 (2026)

Heft 1: Psychiatrische Zeitgeschichte
Issue 1: Alterity and Psychiatry – A Contemporary History
zeithistorische-forschungen.de/1-2026

Herausgeber:innen dieses Hefts/Editors of this issue:
Cornelius Borck/Karen Nolte

Heiner Fangerau/Volker Hess/Cornelius Borck/Karen Nolte
Normal verrückt.
Was ist und welche Ziele verfolgt eine psychiatrische Zeitgeschichte?
(Druckausgabe: S. 7-24)
zeithistorische-forschungen.de/1-2026/6271

Aufsätze/Articles

Lisa Schmidt-Herzog/Cornelius Borck
Psychiatrie – transkulturell.
Erich Wulff und Hubertus Tellenbach: Positionen zur Kulturabhängigkeit von Krankheitskonzepten in den 1970er-Jahren
(Druckausgabe: S. 25-48)
zeithistorische-forschungen.de/1-2026/6278

Susanne Doetz
Vom Psychoboom zum Psychomarkt.
Medientechniken der Neo-Sannyas-Bewegung in den 1970er- und 1980er-Jahren
(Druckausgabe: S. 49-74)
zeithistorische-forschungen.de/1-2026/6280

Vera Luckgei/Karen Nolte
„Arbeit an den Ausgrenzungsstrukturen“.
Diskurse zu Mehrfachdiskriminierung und feministischer Therapie in Westdeutschland seit den 1970er-Jahren
(Druckausgabe: S. 75-100)
zeithistorische-forschungen.de/1-2026/6282

Ulrike Klöppel
Zwischen Selbsthilfe und feministischer Sozialarbeit.
Der Umgang der westdeutschen Frauenbewegung mit psychischen Gewaltfolgen in den 1980er-Jahren
(Druckausgabe: S. 101-124)
zeithistorische-forschungen.de/1-2026/6284

Essay

Uta Hinz/Chantal Marazia/Heiner Fangerau
True Crime und die Erklärung des Bösen.
Forensische Psychiatrie zwischen Information und Entertainment
(Druckausgabe: S. 125-142)
zeithistorische-forschungen.de/1-2026/6288

Quellen/Sources

Samuel Dal Zilio
Beyond the Walls.
Cross-Referencing Psychiatric Records, Reconstructing Biographies: Case Studies from Belgium
(Druckausgabe: S. 143-154)
zeithistorische-forschungen.de/1-2026/6291

Oliver Falk
„Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“.
Ein Medienereignis als Quellenensemble: Zwischen jugendlichem Drogenelend, popkulturellem Mythos und offenen Fragen
(Druckausgabe: S. 155-165)
zeithistorische-forschungen.de/1-2026/6293

Besprechungen/Reviews

Neu gelesen/Literature Revisited:
Armin Schäfer
Spaltung ohne Seele.
„Anti-Ödipus“ (1972) und das Subjekt im Kapitalismus
(Druckausgabe: S. 167-175)
zeithistorische-forschungen.de/1-2026/6296

Neu gelesen/Literature Revisited:
Beate Binder
Irren ist menschlich – immer noch!
Relektüre eines psychiatriekritischen Lehrbuches von 1978
(Druckausgabe: S. 177-185)
zeithistorische-forschungen.de/1-2026/6298

Neu gesehen/Film & TV Revisited:
Christof Beyer/Caterina Flor Gümpel
Wertschätzung und Pathologisierung.
„Friedrich, der Mondgeistermaler“ (1964): Ein Film über den Künstler Friedrich Schröder-Sonnenstern (1892–1982)
(Druckausgabe: S. 187-199)
zeithistorische-forschungen.de/1-2026/6302

Neu gesehen/Film & TV Revisited:
Viola Balz
„Trinkend leben“?
Ulrike Ottingers Spielfilm „Bildnis einer Trinkerin“ (1979)
(Druckausgabe: S. 201-212)
zeithistorische-forschungen.de/1-2026/6304

Rezensionen bei „H-Soz-Kult/Zeitgeschichte“
(Druckausgabe: S. 213-217)
zeithistorische-forschungen.de/1-2026/6306

Neu bei „Docupedia-Zeitgeschichte“, „Visual History“ und „zeitgeschichte | online“
(Druckausgabe: S. 218)
zeithistorische-forschungen.de/1-2026/6308

Gesamtregister der Rubrik „Neu gelesen“ (2004–2026):
zeithistorische-forschungen.de/rubrik-neu-gelesen

Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History ist Teil von Zeitgeschichte digital, dem Online-Publikationsverbund des Leibniz-Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam (https://zeitgeschichte-digital.de).

Aktueller Beitrag von Docupedia-Zeitgeschichte:
Christopher Neumaier
Familie. Leitbilder, Politiken und Praktiken in Deutschland, Version: 1 (17.4.2026)
docupedia.de/zg/neumaierfamiliev1de2026

Aktueller Beitrag von Visual History:
Nicole Schraner
Bilder des Rechts. Fotografische Darstellungen und Vorstellungen von Recht und Gerechtigkeit in der Weimarer Republik (1919 bis 1933) (8.6.2026)
visual-history.de/project/schraner-bilder-des-rechts/

Aktueller Beitrag von zeitgeschichte | online:
Christhardt Henschel
Sturm für die Freiheit. Der Jahrestag des 17. Juni in Deutschland und Polen (16.6.2026)
zeitgeschichte-online.de/themen/sturm-fuer-die-freiheit

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