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Zeitschrift für Agrargeschichte und Agrarsoziologie 72 (2024), 2

Landschaftstransformationen: Bergbau – Landwirtschaft – Naturschutz

Landschaftstransformationen: Bergbau – Landwirtschaft – Landschaftsschutz
Ira Spieker und Arnika Peselmann

Aktuelle ökologische Krisen wie die Auswirkungen des anthropogenen Klimawandels und der Verlust der biologischen Artenvielfalt haben die Aufmerksamkeit auf die Interdependenzen von Menschen und ihren Umwelten deutlich geschärft. Die Forschungsinteressen auch in den Geistes- und Kulturwissenschaften haben sich längst entsprechend erweitert (u.a. van Dooren/Kirksey/Münster 2016). Die Forderung in den Environmental Humanities nach einer „Historisierung der Ökologie“ und einer „Ökologisierung der Geschichte“, um den Anthropzentrismus in historischen Narrativen grundsätzlich in Frage zu stellen (Garrard 2014: 3), scheint daher angebracht. Unser Themenheft legt einen Schwerpunkt auf diese Verflechtungen, indem wir den Blick auf Landschaften richten, die von landwirtschaftlichen sowie bergbaulichen Lebenswelten formiert und hervorgebracht wurden und werden. Landschaften konstituieren einen „Handlungsraum“ (Ingold 1993/Gieser 2020) . Dieses „doing of landscape“ (Olwig 2008: 82) findet in Wechselbeziehungen mit anderen Lebewesen – Pflanzen, Tieren oder mikrobiellem Leben – und Entitäten wie Flüssen, Gesteinen oder technischen Apparaturen statt, deren Handlungs- und Wirkmacht anerkannt wird (Ogden 2011; O’Gorman 2021; Owain 2019). Landschaft wird hier – auf der Ebene des physischen Raums – als der geografische Rahmen verstanden, der aus einer Vielzahl von Interdependenzen gebildet wird und durch seine (nicht nur territoriale) Aneignung sowohl eine gesellschafts-politische als auch individuelle und ästhetische Komponenten erhält (vgl. Kühne 2008; Ruhland 2021: 45). Das heißt, Landschaft ist nicht nur „gegeben“, sondern zugleich sozial und kulturell bestimmt. Was dazu gehört und wie es wahrgenommen wird, ist eingeübt und vermittelt; Landschaft wird als Symbolwelt erlernt (Ruhland 2021: 46). Frühere Nutzungsformen und Spuren sind dem Raum eingeschrieben: Beispiele dafür geben Hohlwege und Grabensysteme, Bodensenkungen und Bewuchs. Im Gegensatz zu Landschaftskonzepten, die von einer Subjekt-Objekt-Beziehung ausgehen, nehmen „more-than-representational approaches“ eine Zwischenposition ein, die vermittelnd wirken und das Beziehungsgefüge zwischen allen Entitäten zeigen sowie Dichotomien auflösen sollen (Kühne 2019: 30-37).

Dementsprechend verstehen wir Landschaften als das temporäre Ergebnis eines fortlaufenden Prozesses des „Machens und Wachsens“ (Hallam/Ingold 2014) heterogener Akteure; ein naturkulturelles Phänomen oder „meshwork“ (Ingold 2011), die es erfordern, Grenzziehungen zwischen Natur und Kultur in ihrer kulturellen und historischen Prägung kritisch zu be- und hinterfragen (Gesing et al 2019; Fenske 2021; Jones 2019).

Im Essayband „Arts of living on a damaged planet“ (Tsing et al. 2017) haben die Herausgeber:innen dazu aufgerufen, eine besondere Aufmerksamkeit für die sich überlagernden menschlichen und nicht-menschlichen Lebensräume zu entwickeln und mit Hilfe interdisziplinärer Ansätze eine Lesefähigkeit für die Landschaften des Anthropozän zu kultivieren (vgl. u.a. Brown 2019; Tsing/Mathews/Bubandt 2019. Diese sind Resultat von imperialen und industriellen Landschaftsprojekten, deren Entwicklung sich nach dem Zweiten Weltkrieg beschleunigt hat. Für die Einordnung dieser Phänomene ist die Betrachtung vorindustrieller Landschaftstransformationen, insbesondere durch die Montanwirtschaft, aufschlussreich: Die Folgen wirken bis heute nach und haben eigene naturkulturelle Assemblagen geformt. Daher wird das Heft eingeleitet mit Skizzen vom Wandel und Werden ruraler Landschaften im vorwiegend deutschsprachigen Raum, die Bergbau, Forst- und Landwirtschaft sowie Rekultivierung und Natur-/Landschaftsschutz seit dem Mittelalter und der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart in den Blick nehmen. Daraus ergeben sich direkte Bezüge zu den Beiträgen dieses Heftes, etwa wenn es um den Umgang mit Bergbaufolgelandschaften geht (Baumert, Schuchardt), um von Intensivierung geprägte Agrarlandschaften (Peselmann) oder die Unterschutzstellung von Landschaften (Pisarek, Cottyn). Dabei wird deutlich, wie nicht nur Menschen, sondern auch mehr-als-menschliche Lebewesen und Entitäten landschaftlichen Wandel mittragen (müssen) oder auch mitgestalten (können).

Spuren: Zur Lesbarkeit von Landschaften
An Landschaften lässt sich Geschichte ablesen; das gilt für Waldgebiete und agrarische Anbauflächen ebenso wie für Naturparks und Bergbauregionen. Nutzung und Bewirtschaftungsformen haben ihre Spuren hinterlassen, unterschiedliche Wissenssysteme und Vorstellungen von ‚Welt‘ den Umgang mit der ‚Natur‘ geprägt. Spuren von verdichteter Landnutzung, von Kolonisation und Umgestaltung lassen sich in Mitteleuropa verstärkt seit dem Mittelalter nachweisen. Waldrodung und die Erschließung von Ackerflächen, dichtere Besiedlung und (Ver-)Nutzung von Ressourcen waren die Folgen. Insbesondere Bergbautätigkeiten seit dem 13. Jahrhundert, intensiviert und großflächiger angelegt seit dem 15. Jahrhundert, führten zu einer fundamentalen Transformation von Landschaften und „artikulierten sich materiell und diskursiv als Auseinandersetzung“ und Neupositionierung der beteiligten Entitäten (Asmussen 2023: 13). Bergbau ist derjenige Sektor, der die sozioökonomische und politische Verfasstheit von Gesellschaften sowie den menschlichen Umgang mit Landschaft und ‚Natur‘ am meisten prägte. Um die mittelalterlichen Fundstätten von Erz im Harz und im Erzgebirge, in den Westkarpaten und den Ostalpen entstanden schnell Siedlungen. Die Verfügbarkeit von Holz und Wasser in solchen „Ressourcenlandschaften“ (ebd.: 16) beförderte Zuzug und Stadtgründungen, in deren Umfeld sich Landwirtschaft und Handelstätigkeit entwickelten.

Neben den mehr oder weniger sichtbaren Folgen für die Landschaftsentwicklung, insbesondere infolge von Tagbrüchen, verursachte der Bergbau über die Jahrhunderte hinweg natürlich auch Belastungen von Boden, Wasser und Luft, denn Ressourcen wurden profitorientiert genutzt. Ein zentrales Beispiel hierfür bilden die Wälder mit ihrem Rohstoff. Holz wurde vor allem in der Frühphase des Bergbaus in großer Menge benötigt: zum Bau von Gebäuden, zur Anlage und Sicherung neuer Gruben sowie zum Feuersetzen, um das Gestein brüchig zu machen. Auch für die Verhüttung war dieser Energielieferant erforderlich. Entsprechend wurden enorme Mengen an Waldbeständen geschlagen und in Meilern zu Holzkohle verarbeitet. Insbesondere die Bestände an Eiche, Ahorn und Buche fielen der Köhlerei zum Opfer. Um die erzgebirgischen Siedlungen und Bergstädte war der Wald daher bald in großem Umfang geschlagen: Im 16. Jahrhundert existierten im Freiberger Revier nur noch in schwer zugänglichen Hängen und Tälern nennenswerte Baumbestände. Neben einer kompletten Veränderung des Landschaftsbildes führten diese radikalen Abholzungen dazu, dass zahlreiche Pflanzen- und Tierarten ihren Lebensraum verloren (Schräber 2004: 29; vgl, auch Küster 2013, Kap. 16 u. 19).

Ausgedehnte Rodungen und rasche Besiedlung hatten zumeist eine Unwucht in der Wasserversorgung zur Folge: Dies führte zu Trockenheit auf der einen sowie zu Überschwemmungen bei Starkregen auf der anderen Seite. Der Bedarf an Trink- und Brauchwasser stieg, und auch als Antriebskraft war Wasser in der Frühphase des Bergbaus bei allen Arbeiten von der Förderung über die Aufbereitung bis hin zur Verhüttung vonnöten. Zudem konnten verunreinigte Flüsse kein Trinkwasser mehr liefern. Bei der Verhüttung der Metalle entstanden Rauchgase (aus Schwefel- und Arsenverbindungen, bei Silbererzen auch Blei), die über die Atmosphäre vom Boden aufgenommen wurden, Vegetationsschäden verursachten und auch auf (Kleinst-)Lebewesen einwirkten. Sogenannte Rauchblößen zeugten davon: Der ehemalige Baumbestand war infolge des sogenannten Hüttenrauchs (und des enthaltenen Schwefeldioxids) verschwunden; auf dem versauerten Boden konnten sich nunmehr lediglich harte Gräser und Kiefern oder Birken behaupten (Schräber 2004: 28 u. 58; vgl. auch Bemmann 2012).

Die Förderung von Erzen geschah in Wellen, die von menschlichem Wissen und Erkundungsdrang, aber auch vom (vermeintlichen) Bedarf und vor allem den technischen Möglichkeiten ausgelöst wurden. Ab Mitte des 15. bis zum 19. Jahrhundert ermöglichten neu entwickelte Maschinen und Techniken eine immer ausgedehntere Förderung. Das solare wurde vom fossilen Energiezeitalter abgelöst; entsprechend gilt die Epoche von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis Ende der 1960er Jahre als Jahrhundert von Kohle und Stahl (Meyer/Farrenkopf 2022: 154; Bluma/Farrenkopf/Przigoda 2018: 78). Die Intensivierung der Verarbeitung und die Einführung neuer Hüttentechniken im Zuge der Industrialisierung verschärften die Umweltproblematik, zumal der Eisenbahnausbau nun auch die Verhüttung importierter Erze ermöglichte. Auf die Auswirkungen wurde bereits im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert hingewiesen. Gesundheitliche Beeinträchtigung von Menschen und Viehbestand waren ebenso nachvollziehbar und in ihren Auswirkungen spürbar wie Ernteeinbußen.

Der beschleunigte Übergang zu einer mit fossilen Energien angetriebenen Wirtschaftsform veränderte innerhalb kurzer Zeit ganze Lebenswelten – ein Phänomen, das sich auch optisch nachvollziehen ließ: Die geraden Linien und die Logiken der Vermessungstechnik hielten Einzug in die Landschaft. Beispiele hierfür bieten Eisenbahntrassen, Kanäle und Telegrafenleitungen. In der Landwirtschaft prägten Entwässerungsgräben und größere Bewirtschaftungsflächen durch die Verkoppelung die Landschaftsbilder (Wöbse 2022: 27); mit dem Verschwinden von Feldrainen und Hecken verringerten sich ebenso tierische Lebensräume (beispielsweise Nist- und Brutmöglichkeiten für Vögel) und pflanzliche Artenvielfalt. In den Forsten wiederum dominierten die monokulturellen Stangenwälder, die – vor allem durch den trockenen und sauren Boden infolge der Nadelstreu – den Unterwuchs von Gehölzen, Kräutern und Gräsern verhindern, der von Wildtieren als Futter genutzt werden kann.

In Bezug auf die Landwirtschaft sollte der Kalibergbau ab Mitte des 19. Jahrhunderts entscheidende Folgen für agrarisch geprägte Landschaften haben. Ursprünglich war der Abbau von Salzen zu Ernährungszwecken gedacht; die spätere Verwendung als Düngemittel verdankt sich einer zufälligen Entdeckung (Bluma/Farrenkopf/Przigoda 2018: 112-113). Etwa ab der Mitte des 19. Jahrhunderts konnte die klassische Dreifelderwirtschaft mit ihren regelmäßigen Brachlegungen den Bedarf der wachsenden Bevölkerung nicht länger decken. Zwar brachte die Intensivierung der Bewirtschaftung mit neuen Fruchtfolgen, intensiverer Bodennutzung und Tierhaltung sowie die Erschließung neuer Anbauflächen Ertragssteigerungen; die Resultate waren jedoch nicht ausreichend. Die Agrikulturchemie mit Mineraldünger schien daher den geeigneten Ausweg zu bieten: Statt Humus sollten nun Phosphat, Kalium und Stickstoff das Pflanzenwachstum sichern. Die Entwicklung ging in Richtung Industrialisierung der Landwirtschaft – in Bezug auf die (Massen-)Tierhaltung sowie auf den Landbau. Mitte des 20. Jahrhunderts vergrößerten sich die Anbauflächen enorm – das galt vor allem für die sozialistischen Staaten, in denen sich durch Bodenreformen und schließlich Kollektivierung der Landwirtschaft nicht nur die Wirtschaftsweise, sondern auch das Landschaftsbild änderten. Der Veränderungswille und die Transformation der Gesellschaft mit ihren sozialen und wirtschaftlichen Implikationen folgten einem utilitaristischen Denken, das die Gestaltung von Menschen, Gesellschaft und Raum umfasste. Ihre ökologischen und naturräumlichen Folgen sind im östlichen Teil Deutschland beispielsweise nach wie vor deutlich sichtbar (vgl. Schwanitz 2021). In der Bundesrepublik hatten zwar zunächst auch familiengeführte kleinere Betriebe noch Bestand; allerdings erfolgte auch hier seit den 1970er Jahren ein „Höfesterben“ aufgrund technischer, ökonomischer und marktwirtschaftlicher Diktionen. Die Aufgabe und infolgedessen die Zusammenlegung von landwirtschaftlichen Betrieben veränderte Landschaften mit massiven Auswirkungen auf die Biodiversität: Aufgrund der Intensivierung von Landwirtschaft und infolgedessen der Bewirtschaftung größerer Flächen verringerten sich pflanzliche und tierische Lebensräume.

Wissen – Generierung – Transfer
Im Kontext von Landschaftstransformationen, die insbesondere durch bergbauliche und landwirtschaftliche Bewirtschaftung initiiert sind, spielen unterschiedliche Wissenskonzepte eine zentrale Rolle. Häufig überlagern sich verschiedene Ansätze in Bezug auf Akkumulation und Vermittlung von Kenntnissen: Empirische Verfahren der Wissensgenerierung bestehen neben vermeintlich wissenschaftlicheren Methoden. Eine Systematisierung und Dokumentation von Wissen in Bezug auf Bergbau und Hüttenwesen setzte im 16. Jahrhundert ein. Das Standardwerk des Universalgelehrten Georgius Agricola (Georg Bauer, 1494-1555) „De re metallica libri XII“ von 1556 vereinte bergmännisches Erfahrungswissens einschließlich Mineralogie mit Lagerstätten- und Probierkunde sowie Vermessungswesen und -technik und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt (Bluma/Fahrrenkopf/Przigoda 2018: 136). Generell stammte ein Großteil des (alltagspraktischen) verschriftlichten Wissens nicht von gelehrten Humanisten, sondern von Alchemisten, Schmelzern oder Geistlichen bzw. Ärzten – Paracelsus (1493-1541) ist ein weiteres Beispiel hierfür. Im Kontext naturphilosophischer Schriften zur Entstehung der Metalle wird insbesondere die Beziehung zu Tieren, Pflanzen und dem menschlichen Körper sowie seinen Verbindungen zu den Naturreichen und den Elementen hervorgehoben. Metalle selbst galten als lebendig und wandelbar, sogar als erneuerbar. Dieses Denken in Analogien zwischen Metallen, Körpern und Gestirnen kann als Alltagspraxis betrachtet werden, die einem hippokratischen Körper- und Umweltverständnis verhaftet war (Asmussen 2023: 25). Theorien bestanden nebeneinander und überlagerten sich; die Wissensgenerierung war infolgedessen von variablen Kombinationen geprägt: philosophischen Erläuterungen, bergmännischem Erfahrungswissen, experimentellen Praktiken und Gelehrtenwissen (Luzzini 2020: 396-397). Der Bergbau trug wesentlich zur Herausbildung eines technisch-ökonomischen Verständnisses von Natur bei, von einem empirisch begründeten und mechanischen Naturverständnis, das von einem organischen Körper ausgeht, hin zu den Zielen Eroberung, Gestaltung und Ausbeutung (Asmussen 2023: 17).

Die Gründung von Zirkeln, Vereinen und gelehrten Gesellschaften bildet eine weitere Zwischenebene von praktisch Agierenden und Fachleuten, die empirisches Erfahrungswissen systematisieren und gewinnbringend nutzen wollten (vgl. Dornheim 2016). Eine Institutionalisierung von naturkundlichem Wissen kann in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts konstatiert werden, beispielsweise durch die Gründungen von Bergakademien und Forstschulen, die sich zu Stätten von transnationalem Wissenstransfer entwickelten (vgl. Steinberg 2020). Die Begründung einer „rationellen Landwirtschaft“ ist mit den Arbeiten von Albrecht Daniel Thaer (1752-1828), seinen Versuchen, Publikationen und seiner Lehrtätigkeit verbunden. Landwirtschaftliche Lehrinstitute und Hochschulen entstanden ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, ebenso landwirtschaftliche Versuchsanstalten, die sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts mit Pflanzenbau und Düngermethoden beschäftigen. Neben der Institutionalisierung und Akademisierung des land- und gartenbaulichen Wissens und entsprechender Einführung von Neuerungen und der Verwendung von mineralischem Dünger hatten parallel traditionelle, d.h. in diesem Fall praxisorientierte Bewirtschaftungsweisen und erfahrungsbasierte Verfahren Bestand. Insbesondere empirisches Wissen, also durch Anschauung und Nachahmung, durch fortwährendes Ausprobieren und wiederholtes Üben im sinnlich-körperlichen Vollzug erworbenes Wissen und Können. Solch inkorporiertes Arbeitswissen ergänzt kognitives Wissen und ist für züchterische Erfolge beispielsweise unentbehrlich (Grasseni 2004). Erfahrungswissen war ebenfalls in Bezug auf Bodenfruchtbarkeit erkenntnisleitend. Das gilt insbesondere für die Entwicklung des Ökologischen Landbaus seit den 1920er Jahren (vgl. Conford 1999). Konzepte von Bodenfruchtbarkeit, die komplexe Wirkungszusammenhänge von Pflanzen und Mikroorganismen einbeziehen und wegweisend vor allem für den Ökologischen Landbau waren, lassen sich an den Arbeiten von Raoul Heinrich Francé und Annie Francé-Harrar sowie auch von Franz und Margareth Sekera ablesen (vgl. Inhetveen/Schmitt/Spieker 2021: 111-127 sowie 310-317).

Das Ineinandergreifen heterogener Wissensformen in der Landwirtschaft wird auch in Arnika Peselmanns ethnographischem Beitrag zur Entwicklung der Obstbaumonokulturen im Alten Land nach dem Zweiten Weltkrieg deutlich. Der heute landschaftsprägende Plantagenanbau erfordert eine Anpassung des pflanzlichen Körpers an die Logiken intensivierter Landwirtschaft, die die Autorin aus der Perspektive einer kulturwissenschaftlichen Pflanzenforschung und mit Fokus auf die Menschen-Pflanzen-Beziehungen nachzeichnet. So lässt sich in diesem Prozess, an dem Obstbauversuchsanstalten ebenso wie Baumschulen und Obsthöfe beteiligt sind, auch eindeutig die relationale Handlungsmacht der Apfelbäume ablesen.

Pflanzen sind auch im Bergbau wirkmächtige Akteure. So spielt die Verbindung von geologischem und botanischem Wissen, von Beobachtung und Experiment eine wichtige Rolle, um die Beziehungen von verschiedenen Entitäten erkennen und deuten zu können – bzw. sie für Extraktivismus oder andere Prozesse nutzen zu können. Ein Beispiel dafür bieten sogenannte Indikator- oder Zeigerpflanzen: Bestimmte Pflanzenarten ermöglichen Rückschlüsse auf die Beschaffenheit des Bodens. Insbesondere im Bergbau wurden sie dafür genutzt, potenzielle Fundstellen zu definieren. Ihre Toleranz gegenüber (für andere Arten toxischen) Umweltfaktoren und ihr gehäuftes Auftreten lassen hohe Konzentrationen von Schwermetallen vermuten (Rylott/Bruce 2022). So werden beispielsweise das Galmeiveilchen (Viola calaminaria) als Zink-Anzeiger, die Alpen-Lichtnelke (Lychnis alpina) als Kupfer-Anzeiger beschrieben.

Auf solche Zeigerpflanzen und ihren möglichen Bezug zu Metallgehalt im Boden bzw. Erzgängen wurde bereits in der bergmännischen Literatur der Frühen Neuzeit hingewiesen. Außer der Vegetation sollten auch der Wuchs sowie die Farbgebung der Pflanzen beachtet werden (vgl. Ruhland 2021: 85-86). Die Korrelation zwischen Bodenbeschaffenheit und Vegetation wurde im 20. Jahrhundert wiederentdeckt. Diese Verbindung von wissenschaftlichem und empirischem Wissen sowie genauer Beobachtung und anwendungsbezogenen Kooperationen zeigt sich auch bei der aktuellen Entwicklung von neuen, vermeintlich grünen und sauberen Abbaumethoden. Pflanzen und Bakterien sollen dabei helfen und dienen gewissermaßen als Garanten für umweltverträgliche Methoden. So soll der Abbau von Rohstoffen durch Phythomining befördert werden: Chemische Elemente werden durch die Wurzeln von Pflanzen aus dem Boden gezogen und dann nach der Verbrennung (Biogaserzeugung) extrahiert. Ebenso soll der Anbau von geeigneten Pflanzen helfen, das ‚dunkle Erbe‘ des Bergbaus zu beseitigen, d.h. auch bei diesem Verfahren sollen die Schadstoffe aus dem Boden gezogen werden. Metallophyten, häufig Kreuzblütler, können eine große Menge an Schwermetallen aufnehmen und speichern. Aus den Rückständen der Verbrennung können unter Umständen ebenfalls Rohstoffe gewonnen werden (ebd.). Ein weiteres Verfahren zur Verarbeitung von Indium will Bakterien nutzen, die gemahlenes Gestein zu einer Lauge verarbeiten. In dieser Lauge können dann die im Gestein enthaltenen Rohstoffe getrennt werden. Der Energieaufwand ist geringer als bei herkömmlichen Verfahren, zudem ist es möglich, den Prozess innerhalb eines Bergwerks durchzuführen. Größere Eingriffe in die Landschaft sind angeblich nicht mehr erforderlich – so die Prognosen von praxisorientierten Forschungsvorhaben (ebd.; vgl. auch FUTURZONE vom 05.08.2024).

Umwelten – Schutz – Strategien
Umweltbelastungen mussten und müssen erst einmal als solche erkannt, beschrieben und definiert werden: Das Bewusstsein von negativen Folgen bezog sich in historischer Perspektive zunächst auf direkt wahrnehmbare Schäden in der Landwirtschaft (wie Bodensenkungen, Überflutungen und Schadstoffbelastungen), auf gesundheitliche Beeinträchtigungen durch verschmutzte Luft (infolge von Abgasen und Abwässern), d.h. auf augenscheinliche Zusammenhänge von Ursachen und Folgen. Diese ‚Nebenwirkungen‘ von industriellen Prozessen wurden aber zumeist als vermeintlich unvermeidbare Begleitumstände in Kauf genommen, denn rauchende Schornsteine kündeten zunächst einmal von (wirtschaftlichem) Wachstum (Bluma/Farrenkopf/Przigoda 2018: 214). Allerdings gab es bereits in der Frühen Neuzeit Stimmen, die auf massive Schädigungen von Land und Wasser sowie die Folgen des ungezügelten Ressourcenverbrauchs und von Rauchbelastungen hinwiesen – schließlich waren diese deutlich sicht- und spürbar. So beschrieb der Schulmeister und Schreiber Paulus Niavis (Paul Schneevogel, 1460-1517) im Jahr 1495 – im Kontext des Bergbaubooms im erzgebirgischen Schneeberg – einen fiktiven Gerichtsprozess, in dem der Mensch (als Gattung) angeklagt wird, Mutter Erde durch den Bergbau gewaltsam zu verletzen, und sich daher vor Jupiter verantworten muss. Und auch Agricola beschäftigte sich in seinem Hauptwerk, das grundlegend über Bergbau, Hüttenwesen und Metallverarbeitung handelt, mit den Verwüstungen von Landschaften beispielsweise durch den massiven Holzeinschlag. Die Holzschnitte, mit denen diese Bände illustriert sind, geben Einblick in Arbeitsschritte und lassen auf deren mögliche Folgen schließen. Dem Autor war der Zusammenhang von Zahnausfall bei Hüttenarbeitern und den giftigen Dämpfen, die bei der Produktion von Quecksilber entstanden, durchaus bewusst. Agricola richtete sein Augenmerk auch auf Tiere, die unter Tage lebten, wie Kaninchen und Murmeltiere, Dachse und Bären, Salamander oder Schlangen. Er plädierte für ein sorgsames Miteinander von Natur und Technik; die Notwendigkeit zur Gewinnung von Erzen für den menschlichen Wohlstand stand dabei jedoch außer Frage. Das sollte sich auch in den folgenden Jahrhunderten nicht ändern, wenngleich immer wieder vereinzelte Stimmen, beispielsweise von Forstleuten, auf die verheerenden Folgen einer derart intensiven Landschaftsnutzung und von Luftverschmutzung hinwiesen. Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz (1645-1714) galt längere Zeit als Begründer des Konzepts von Nachhaltigkeit: In seiner Schrift „Silvicultura oeconomica“ (1713) mahnte er, den Wald „nachhaltend“ zu nutzen, d.h. nicht mehr Holz zu entnehmen, als nachwachse. Allerdings verfolgte er ausdrücklich eine planmäßige Bewirtschaftung der Wälder, die auf der Erwirtschaftung von Erträgen auf einem stabilen Niveau und zielgerichteten Aufforstungen gründete– vorwiegend monokulturell mit schnell wachsender Fichte, die den Waldbestand des Erzgebirges bis heute prägt.

Die Beurteilung langfristiger Folgen von Extraktivismus setzt zum einen ein entsprechendes Wissen voraus, zum anderen zeigt sich hier eine Priorisierung von wirtschaftlichen Notwendigkeiten und Vorteilen. In England wurde im 19. Jahrhundert der Begriff „pollution“ für die Verschmutzung von Luft und Wasser eingeführt und problematisiert (Kupper 2021: 86). Der Begriff „Umwelt“ (engl. environment) setzte sich ebenfalls zu dieser Zeit durch; im wissenschaftlichen Kontext tauchte er allerding erst im 20. Jahrhundert auf Kupper 2021: 18). Insbesondere der Steinkohlenabbau im Saarland, Ruhrgebiet und in Oberschlesien sensibilisierte zu Beginn des 20. Jahrhunderts für die Wahrnehmung von Ruß und Rauch. Kokereien und Kohlekraftwerke für die Wärme- und Stromerzeugung gehörten ebenso zu den Verursachern wie der Antrieb von Dampfmaschinen und Lokomotiven, der Rauchgase und Stäube erzeugte (Bluma/Farrenkopf /Przigoda 2018: 216). Um 1900 wandten sich bereits Zoologen und Mediziner auf Kongressen an die Öffentlichkeit, um für die Belange des Naturschutzes einzustehen. Die Kosten-Nutzen-Rechnung fiel jedoch stets zugunsten der ökonomisch messbaren Erträge aus. Das zeigte sich auch anhand der Gesetzeslage. Das „Allgemeine Berggesetz für die Preußischen Staaten“ von 1865 berücksichtigte zwar Sicherheitsinteressen und Beeinträchtigungen durch Rutschungen und Staub, nicht jedoch den Umgang mit Bergbaufolgelandschaften.

‚Naturschutz‘ orientierte sich zunächst am Nützlichkeitsprinzip. Auch in Bezug auf die erfolgenden Klassifikationen und verwendeten Taxonomien wurde wirtschaftlicher Schaden vs. Nutzen abgewogen: Der Artenschutz basierte im 19. Jahrhundert (noch) nicht auf ökologischen Parametern (Meyer/Farrenkopf 2022:168). Infolge der Industrialisierung entwickelte sich Natur jedoch von einem unter Umständen bedrohlichen Faktor zu einem schützenswerten Gut. Ende des 19. Jahrhunderts formierte sich daher der Natur- und Heimatschutz als eine breite soziale Bewegung im deutschsprachigen Raum, als Reaktion auf weitreichende Veränderungen infolge der Industrialisierung (vgl. Schmoll 2004). Getragen wurden die Ideen – und auch die Definitionen dessen, was als schützenswert gelten sollte –vorwiegend vom bürgerlichen Milieu; sie entsprachen eher einem Bedürfnis nach identitätsstiftender Vergewisserung als nach der Wahrung ökologischer Interessen. Auch die Arbeiterschaft engagierte sich; die Vereinsgründung der „Naturfreunde“ (1895) ist das wichtigste Zeugnis hierfür. ‚Naturschutz‘ ging in seiner historischen Ausprägung von der klassischen Dichotomie Natur – Kultur aus. Dabei änderten sich die Bedrohungsszenarien: So wurden die Entwicklungen in Industrie und Technik nicht per se abgelehnt; es ging dem ‚Heimatschutz‘ eher um eine Versöhnung von Tradition und Moderne durch Ästhetik. Die Transformation vormoderner Kulturlandschaften zu modernen Agrareinöden beispielsweise wurde negativ bewertet; bestimmte Tier- und Pflanzenarten sowie Landschaftsräume waren zugleich Objekt von Ausbeutung wie von bewahrender Zuwendung (Schmoll 2004: 456, 459). Die Bewegung war zunächst männlich dominiert; im Bereich Tierschutz hingegen, zunächst vor allem dem Vogelschutz, waren auffallend viele Frauen aktiv. Durch den Care-Aspekt ließen sich diese Aufgaben offenbar mit genderbezogenen Zuschreibungen verbinden (vgl. Wöbse 2022).

Dass die menschliche „Kultur“, der Bevölkerungszuwachs und Expansionsdrang negative Auswirkungen zeitigten, war bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts bekannt. Der Schriftsteller Julius Haarhaus (1867-1947) bemerkte 1913: „Allenthalben herrscht das Nützlichkeitsprinzip: Ödflächen werden unter den Pflug genommen, Feldgehölze und Hecken gerodet, urwüchsige Wälder in gleichförmige, nüchterne Forstbestände umgewandelt, Ströme und Flüsse reguliert, Wildwässer gebändigt, Quellen gefaßt, Moore und Sümpfe trocken gelegt.“ Die Ausbreitung der ‚Kultur‘ verhielt sich proportional zum Verschwinden von Lebensräumen der Tier- und Pflanzenwelt (zit. nach Schmoll 2004: 15).
In Deutschland bildete das Reichsnaturschutzgesetz von 1935 die erste gesetzliche Verankerung von Landschaftsschutzzonen und Indikatoren für Artenschutz. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in der Bundesrepublik eine Zentralstelle für Naturschutz eingerichtet – die Vorläuferorganisation des Bundesamtes für Naturschutz (1993). In der DDR gab es seit 1947 ehrenamtliche Landesbeauftragte, aber bereits seit 1968 wurde der Natur- und Umweltschutz als Staatsaufgabe in die Verfassung aufgenommen (Göschl 2022: 181). Und bereits vier Jahre später erfolgte die Einrichtung eines Ministeriums für Umweltschutz und Wasserwirtschaft. In der Bundesrepublik wurde 1974 – dem Innenministerium unterstellt – das Umweltbundesamt gegründet. Die Impulse kamen für beide deutschen Staaten sowohl aus der internationalen Politik, einer erhöhten Aufmerksamkeit gegenüber unübersehbaren Folgen zunehmenden Ressourcenverbrauchs sowie einer sich zunehmend in Bezug auf Umweltbelange politisierenden Öffentlichkeit.

Seit den 1970er Jahren gehört der Begriff „Umwelt“ zur Alltagssprache und bezeichnet unter anderem ein ökologisches Verständnis bzw. ein gesellschaftspolitisches Konzept. In Ost- und Westdeutschland bildete sich eine schnell erstarkende Umweltschutzbewegung heraus. Die negativen Folgen von Extraktivismus galten nicht länger als Begleitumstände, die gewinnorientiert in Kauf genommen werden mussten. In der DDR war die Bewegung ein wichtiger politischer Motor, angetrieben durch spürbare Missstände (vgl. auch Huff 2015). Insbesondere der Braunkohle-Tagebau mit seinem enormen Flächenverbrauch und den entsprechenden Folgen für die (devastierte) Landschaft sowie den hohen Emissionen bei der Verstromung in den Kraftwerken spielte hier eine zentrale Rolle. Martin Baumert erläutert, dass sich die DDR aufgrund wirtschaftlicher Notwendigkeiten bereits seit den 1950er Jahren der daraus resultierenden Umweltprobleme annahm. Die Entwicklung technischer Verfahren sollte die wirtschaftliche Nachnutzung ehemaliger Tagebaue sicherstellen. Bei der Erläuterung von verschiedenen Maßnahmen geht der Autor auf unterschiedliche disziplinäre Forschungsansätze und Motivationen von Forschern sowie auf ihre institutionellen Anbindungen, Wissenskonzepte und deren Umsetzung ein. Anhand der entwickelten Rekultivierungsmaßnahmen werden zudem Vorstellungen von einer produktiven sozialistischen ‚Kulturlandschaft‘ transparent. Die Begriffe Rekultivierung und Renaturierung verweisen auf den Umgang mit einer Region, die sich nach menschlichen Bedürfnissen ausrichtet und die Landschaft entsprechend veränderte. In einem ersten Schritt soll der Boden wieder für forst- und landwirtschaftliche Zwecke nutzbar gemacht werden. Sodann kann eine Verbesserung der Bodengüte erfolgen, die durch Pionierpflanzen, Fruchtfolgen sowie Nährstoffzufuhr erreicht wird. Kritik an „Renaturierung“ verweist auf die mehr oder weniger künstliche Schaffung einer Ersatzlandschaft, die den Verlust des ursprünglichen Zustandes nicht aufwiegt – Flora und Fauna verändern sich nachhaltig. Vor allen Dingen lässt sich der Prozess nur bedingt steuern oder vorhersagen, denn Rekultivierung ist ein Realexperiment: Wissen kann nicht eins zu eins vom Labor in die Landschaft übertragen werden; denn Pflanzen, Mikroorganismen und Tiere beeinflussen die Entwicklung. Das Konglomerat von Umweltschutz, -politik und -wissenschaft wird daher auch als ein Zusammenwirken „wilder Experimente“ bezeichnet; zwischen ‚Natur‘ und ‚Kultur‘ besteht eben keine scharfe Trennlinie (Lorimer/Driessen: 2019).

Kritisch hinterfragt auch Adam Pisarek diese Trennung: Am Beispiel des in den 1990er Jahren in den ostpolnischen Feuchtgebieten eingerichteten Narrew Nationalparks untersucht er in seinem Beitrag, in welcher Art und Weise die Schutzpraktiken an einem bestimmten Verständnis von Biodiversität ausgerichtet sind und wie dieses die Beziehungen zwischen Lebewesen und Entitäten organisiert. Pisarek geht dabei auch auf das Verhältnis unterschiedlicher Wissensformen ein – sowohl auf traditional-ökologisches als auch technisch-wissenschaftliches Wissen – und zeigt auf, wie das Wasser in den Feuchtgebieten die Ansätze einer territorialen Fixierung, die kennzeichnend für den Landschaftsschutz sind, im wahrsten Sinne des Wortes immer wieder unterläuft.

Etliche ehemalige Bergbaulandschaften haben sich im Laufe der Zeit zu Naturschutzgebieten entwickelt, die besondere Bedingungen aufweisen und dadurch seltenen Pflanzen- und Tierarten Lebensraum bieten. Auch die Ufer zahlreicher Kunstteiche sind mittlerweile geschützte Brutgebiete für seltene Vogelarten und Insekten geworden. In den Braunkohlegebieten haben sich die zahlreichen kleinen und größeren Tagebauseen zudem zu einer touristischen Attraktion entwickelt.

Auf diese Verbindung von unterschiedlichen Zeitschichten in Braunkohlelandschaften geht Katharina Schuchardt ein. Freigelegte Bodenschichten verbinden Vergangenheit mit Zukunft; sie geben nicht nur in bodenkundlicher Hinsicht Auskunft über die Vergangenheit der Region, über Ausbeutung und Nutzung der Ressourcen sowie über zukünftige Entwicklungen. Hieran zeigen sich Interaktionen mit der Landschaft. Spuren des (frühen) Bergbaus sind dabei ebenso präsent wie seine Narrativierung und Funktionalisierung bis in die Gegenwart. Zudem werfen Rekultivierungsprojekte die Frage auf, welche Aneignungsprozesse von ‚Landschaft‘ bzw. deren zukünftige ‚Nutzung‘ auf welchen Ebenen ausgehandelt werden. Mit dem Ende der Förderung von Kohle, Erzen und Metallen kommt der Bergbau keineswegs zum Erliegen. Auch nach dem Ende der aktiven Förderung benötigen die vorhandenen Anlagen Sicherung und Wartung, vor allem aber stehen Sanierungsarbeiten im Mittelpunkt, um die „Altlasten“ zu minimieren. Zudem können Halden nach wie vor Quellen zur Rohstoffgewinnung sein. Insbesondere die sogenannten Ewigkeitslasten ziehen eine Reihe von Maßnahmen und Kosten nach sich. So muss beispielsweise Grubenwasser auf ewig abgepumpt werden; es könnte zudem kontaminiert sein durch gelöste Salze und gegebenenfalls weitere Schadstoffe. Ein bislang unlösbares Problem besteht im Hinblick auf die Hinterlassenschaften des Uranerzbergbaus. Hier sind bereits umfassende Sanierungsarbeiten erfolgt und werden auch zukünftig durchgeführt (vgl. Peselmann 2018). Dazu bedarf es nach wie vor umfangreicher Forschungsarbeiten. Bergbau und Nuklearindustrie benötigen intensive Nachsorge in Form von Überwachung, Behandlung und Nutzungseinschränkung; sie wirken im Gegensatz zu anderen Landnutzungsformen dauerhaft nach (Ruhland 2021: 294-295).

Darüber hinaus ist aber auch eine geographische Verlagerung extraktiver Industrien zu konstatieren: Während der Steinkohleabbau in Europa erheblich verringert und in einigen Gebieten komplett eingestellt wurde, nimmt der Verbrauch trotz Energiewende nach wie vor zu. Zudem wird Steinkohle nun kostengünstiger aus den USA und aus Kolumbien importiert. In Mitteleuropa ist der Bedarf an Steinen und Erden für die Bauindustrie, an Ton, Quarz, Kali und Kaolin und anderen Mineralien für chemische Industrie enorm. Weiterhin werden insbesondere Metalle und sogenannte Seltene Erden für die chemische und elektrotechnische Industrie benötigt. Vor allem Rohstoffe, die für zukünftige Energieversorgung und Speicherung erforderlich sind, stellen ein wertvolles Gut dar. Das deutsche Bergbaurecht gewährleistet höchste Sicherheitsstandards, allerdings zu erheblichen Kosten. Daher werden die Kosten für die Energiewende im globalen Norden nach wie vor ausgelagert und somit auch die drastischen Landschaftstransformationen: auf afrikanische Staaten wie den Kongo mit seinen Rohstoffvorkommen oder auf Importe von Lithium beispielsweise aus Chile und Argentinien, wo der Rohstoff ebenfalls unter Missachtung von Arbeitsschutz, Gesundheit und Umweltbelastungen wesentlich günstiger gefördert und gehandelt wird. Zudem sind Lebensräume und Rechte indigener Bevölkerungen bedroht (Bluma/Farrenkopf/Przigoda 2018: 235).
Wie sich dies auf die indigene Uru-Bevölkerung in den bolivianischen Anden konkret auswirkt, hat Hanne Cottyn in ihrem Beitrag untersucht: Das kulturelle und wirtschaftliche Leben der Uru ist unmittelbar mit dem Poopó-See verbunden, der jedoch durch umliegenden Bergbau, durch Urbanisierung und Landwirtschaft inzwischen massiv geschädigt ist und unter Schutz gestellt wurde. Der Anspruch der Uru auf die territoriale Kontrolle in ihrem historischen Siedlungsgebiet, das schließt auch traditionelle Fischerei und Jagd ein, steht jedoch im Gegensatz zu geltenden Naturschutzregelungen. Vor diesem Hintergrund fordert Cottyn eine Dekolonialisierung von Landschaftskonzepten – insbesondere der Unterteilung in Natur und Kultur – und die Anerkennung, dass Landschaften durch ihre menschlichen und mehr-als-menschlichen Bewohner:innen und deren gemeinsame Geschichte konstituiert und gestaltet werden.

Diese Forderung wird in diesem Heft aufgegriffen, in dem wir uns mit den historischen Veränderungen befassen: Verstanden als mehr-als-menschliche Verflechtungen sind Landschaften kontinuierlich im Fluss. Jedoch sind es erst die Prozesse, die als Zustandswandel und Transformation wahrgenommen, erlebt und gestaltet werden, die Aufschluss über veränderte Mensch-Umweltbeziehungen geben. Das im Zusammenhang mit den Mehrfachkrisen unserer Zeit steigende gesellschaftliche Interesse und die Neuperspektivierung von Beziehungsgeflechten mehr-als-menschlicher Lebewesen und Entitäten drückt sich auch in neuen Forschungsinteressen und Ansätzen aus, die wir in diesem Heft mit geografisch und thematisch vielfältigen Beiträgen abbilden.

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Beiträge

Ira Spieker und Arnika Peselmann
Landschaftstransformationen:
Bergbau – Landwirtschaft – Naturschutz

Martin Baumert
„Es gibt keine nichtkultivierungsfähigen Kippen!“
Forschung und Entwicklung landwirtschaftlicher Rekultivierung
von Bergbaufolgelandschaften in Ostdeutschland

Katharina Schuchardt
Die geschichtete Topografie der Lausitz. Bergbau(folge)landschaften
als kulturelle Wissensspeicher

Arnika Peselmann
Von kleinen Bäumen, alten Gräben und modernem Obstbau. Transformationen
der Altländer Landschaft im Blick einer kulturwissenschaftlichen
Pflanzenforschung

Adam Pisarek
Maintaining biodiversity. From extensive agriculture to conservation
in the wetlands of eastern Poland

Forum

Hanne Cottyn
Tracing more-than-human histories in Andean rural landscapes

Gerhard Christe und Werner Nell
Zukunftszentrum „Deutsche Einheit und Europäische Transformation“
Was die ländliche Region Mühlhausen/Eschwege als Erfahrungsraum
und Gestaltungsfeld von Transformation hätte dazu beitragen können

Abstracts

Rezensionen

Ewald Frie
Ein Hof und elf Geschwister. Der stille Abschied vom bäuerlichen Leben
(Gunter Mahlerwein)

Richard Oram
With Our Backs to the Ocean'. Land, Lordship, Climate Change, and Environment
in den North-West European Past.
(Christian Stadelmaier)

Jana Rinosová, Susanne Hose, Marcel Langer (Hg.)
Minderheit – Macht – Natur. Verhandlungen im Zeitalter des Nationalstaats
(Henrik Schwanitz)

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Zeitschrift für Agrargeschichte und Agrarsoziologie : ZAA

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