Zeitschrift | Ausgabe
Zeitschrift für Ideengeschichte 17 (2023), 2
Wannsee
Hier ist so viel Deutschland: Ausflugsschiffe und Biergärten im romantischen Abendlicht, versteckte Anglerbuchten, weiße Segel, dürre Kiefern, die einen leichten Schatten in den heißer werdenden Sommertagen spenden, klassische Villen und auf Linie gebrachte Parks, die gen Norden, und verspielte Kirchen, die gen Süden schwelgen, aufgemotzte Seegrundstücke hinter Jägerzaun. Neben der Villa der «Wannsee-Konferenz» steht die Currywurstbude für die Ausflügler und der Flensburger Löwe, der ein wenig müde an geschlagene deutsche Schlachten im 19. Jahrhundert erinnert. Zweihundert Jahre Geschichte in dicht gepresster Nachbarschaft, unsortiert im preußischen Sand. Ein Anfang dieser an einem See sich ineinanderfaltenden deutschen Geschichte könnte der 20. November 1811 sein, als ein Paar in einem Gasthaus am Wannsee seine letzte Nacht verbrachte. Am Tag darauf erschießt der Mann, Heinrich von Kleist, seine Freundin Henriette Vogel und dann sich selbst. Damals schon hatten die Preußen begonnen, die Havelseen mit Gärten und alten Gemäuer zu einem Arkadien inszenierter Natur umzubauen. Prinzen und Könige errichten Schlösser und Schlösschen, Parks und Anlagen und gelangen so bis Glienicke und zur Pfaueninsel, die als Fassade am Ende der Potsdamer Blickachse liegt. Der Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. sublimiert in Sacrow seine restaurativen Herrschaftsideen mit Renaissancearchitektur. Der bürgerliche Geldadel der Gründerzeit kauft den Hohenzollern die Wälder ab und bildet Kolonien mit distinguierten Namen von eigenartiger Schönheit. Dann setzen Sportlerinnen ihre Segel. Frauen, Mädchen und jedermann beginnen im Wasser zu schwimmen. Das freie Baden im See wird in den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts eine emanzipatorische Errungenschaft. Der See mit ganz normalen «Menschen am Sonntag» im Sommer 1929 zur Filmkulisse des neuen Kinos. Es entstehen Landhäuser, nicht immer winterfest, eine idyllische Filiale des Tiergartenviertels. Alles ist endlich, Familien erlöschen, Unternehmen insolvieren, Erben verarmen, Häuser verfallen. Nazis und Bürokraten erscheinen, um in einer Villa am Wannsee mit Wintergarten und Panoramablick den Holocaust bei einer Besprechung «mit anschließendem Frühstück» zu planen. Am Wannsee leben Jüdinnen und Juden, einige begehen Selbstmord, die meisten werden deportiert. Der Krieg und die deutsche Teilung lassen den Ort ins Abseits geraten, statt Restitution Verwahrlosung, Zwischennutzung und Refugium der Drogenszene. Auch Junkies in Arkadien. Manchmal gelingt die Konversion, aus der «Luftschutzakademie» wird eine erfolgreiche Lungenklinik, einige Krankenhäuser bestehen noch heute. In der Psychiatrie am Wannsee suchte in den siebziger Jahren der jüdische Religionsphilosoph Jacob Taubes Heil. Mit dem Literarischen Colloquium Berlin in der Villa Goldschmidt erscheint die Literatur, nun um zu bleiben, nebenan die American Academy in der einst von den Nazis arisierten Villa Arnhold, anderes wird Beton-Bungalow und Bühne eines Nachkriegsstils. Und während in einem neuen historisierenden Biedermeier nach 1990 Schlösser und Gärten renoviert wurden, geriet ins Vergessen, dass an den Ufern der Havel noch vor ganz kurzer Zeit die innerdeutsche Grenze verlief und Menschen erschossen wurden, die ins andere Deutschland fliehen wollten. Das alles war Wannsee: die exquisiten Sammlungen der Hermine Feist-Oppenheim, die Bibliothek des russischen Revolutionärs Aleksandr Parvus, der Lenins Reise im plombierten Wagen nach Russland in die Wege geleitet hatte, das Kino des Joseph Goebbels, der von seiner Villa in Schwanenwerder aus die UFA in Babelsberg überwachte. Die bürgerliche Kulturlandschaft, die Liebermanns impressionistische Zeichnungen verzauberten, sagte den Nazis zu. Und verzauberte unter preußisch-sozialistischen Vorzeichen die kalten Kriegsgewinnler im Osten – auch wenn hier vor Ort Todesstreifen, Stacheldraht, Mauer und Befestigungstürme den unmittelbaren Seeblick trübten. Wannsee: ein deutscher See. Ein sehr deutscher See.
INHALT
Zum Thema
Martin Hollender, Michael Matthiesen, Hedwig Richter (PDF)
Wannsee
Monica Black: Die Kakteen vom Wannsee (PDF)
Maritta Adam-Tkalec: Das freie Baden im Sittenspiegel
Martin Hollender: Max Liebermann auf der Garteninsel
Deborah Hartmann: 20. Januar 1942, Tagesordnungspunkt Völkermord
Thomas Stamm-Kuhlmann: Die Brücke
Frank Bösch: Auch Kalter Krieg in Arkadien
Dorothea Studthoff: Ach, Pfaueninsel: Animal, triste!
Hedwig Richter: Die Heilandskirche als Herrschaftsprogramm
Michael Matthiesen: Zwei Vignetten 1874/1941
Essay
Michael Krüger: Das Strandbad
Archiv
Anke Klare/Jens Bisky/Jan Bürger: Kleist. Tod am Wannsee
Denkbild
Claudius Seidl: Wir Menschen vom Sommer 1929
Konzept & Kritik
Jan Assmann / Jens Schröter / Aleida Assmann / Danilo Scholz / Norbert Bolz / Thomas Macho / Dieter Grimm / Sibylle Lewitscharoff / Christoph Schulte / Heinz Bude: War Jacob Taubes ein Scharlatan?
Alexandra Kemmerer: Kleiner Schwanengesang
Ulrich von Bülow: Abschied von Dieter Henrich