Zeitschrift | Ausgabe

Zeitschrift für Theoretische Soziologie (ZTS) 13 (2024), 2

Erklären durch Erzählen; Figuren des Gegensätzlichen; Zurück zur Hegemonie; Mobilisierung von Werten

Editorial
Ich schreibe dieses Editorial am Morgen der Landtagswahlen in Sachsen und Thüringen. Möglicherweise halten Sie diese Zeitschrift nach einem Wahlsieg einer rechtsextremen Partei in Händen und möglicherweise lassen Entwicklungen wie diese und die Erschüt- terungen durch Kriege und Terror Ihnen die Anstrengungen der Theoriearbeit gerade kleinlich und unwesentlich erscheinen.
Doch es gibt eine nicht unwesentliche Verschränkung zwischen Theoriearbeit und diesen Formen der Sozialität, wenngleich in der Form der Negation. Der dezisionistische Geist des Krieges, die disruptive Gewaltkommunikation des Terrors und die politischen Programme rechtsextremer Akteure zielen auf die Vereindeutigung sozialer Situationen, auf die Aberkennung von Komplexität. Deswegen ist ihnen Theoriearbeit (unsere wie die anderer Disziplinen) stets ein Dorn im Auge. Die Ablehnung gilt dabei bei weitem nicht nur solchen Theorien, die eine demokratische Willensbekundung oder eine expli- zite normative Ablehnung von Krieg, Terror und Extremismus beinhalten. Sie umfasst schlicht alles Denken, welches die Anerkennung von Komplexität und das Aufschieben des Urteils an den Anfang seiner Anstrengungen stellt. Wenngleich sich das Doing Theo- ry also schon durch den von der Tagespolitik so radikal unterschiedlichen Zeithorizont unwesentlich anfühlen mag: Es ist wesentlich. Und das meine ich nicht pathetisch, son- dern empirisch.
Wir beginnen diese Ausgabe mit einem Nachruf und einem Geburtstagsgruß auf zwei Denker, deren Werke diese Einsicht spiegeln. Der Zufall will, dass die beiden Bedachten auch in ihrem Arbeitsleben miteinander verbunden waren.
Jan Weyands Nachruf auf Oskar Negt umfasst nicht nur dessen wissenschaftliches Schaffen sondern setzt sich auch mit seiner politischen Rolle als öffentlichem Intellek- tuellen auseinander.
Die Geburtstagsgrüße gehen an Jürgen Habermas. Joachim Renn würdigt in seinem Text sein Schaffen und begründet, warum das Geburtstagskind nicht ins Museum der Soziologie gehört, sondern uns noch einiges zu sagen hat.
Anschließend geht es mit vier freien Beiträgen weiter. Uwe Schimank beschäftigt sich mit dem Erklären durch Erzählen am empirischen Fall von Norbert Elias’ »Soziogenese des Staates«. Elena Beregow und Jenni Brichzin denken anschließend »durch Widersprü- che hindurch«, untersuchen Figuren des Gegensätzlichen und die epistemische Praxis ihres Diagnostizierens. Im Beitrag von Conrad Lluis argumentiert dieser für den Mehrwert einer soziologischen Hegemonietheorie im Anschluss an Ernesto Laclau und Chantal Mouffe. Stephan Kühl regt mit seinem Beitrag über die Mobilisierung von Werten zur Diskussion über die Konstitutionsbedingungen Sozialer Bewegungen an. Die Ausgabe schließt mit ei- ner Rezension von Marc Mölders zu Helmut Willkes »Klimakrise und Gesellschaftstheorie. Zu den Herausforderungen und Chancen globaler Umweltpolitik« (2023).
Beltz Juventa | Zeitschrift für Theoretische Soziologie 2/2024
Zuletzt noch eine Information in eigener Sache: Die ZTS hat einen neuen Beirat. Wei- terhin gehören dem Beirat seit der ersten Ausgabe der ZTS an: Frank Adloff, Universität Hamburg, Michaela Pfadenhauer, Universität Wien, Hans Bernhard Schmid, Universität Wien, Annette Schnabel, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und Hans-Georg Soeff- ner, Universität Bonn. Wir sind für Ihren ausdauernden Einsatz für die ZTS ungemein dankbar.
Unsere neuen Beiräte sind Sina Farzin, Universität der Bundeswehr München, Cle- mens Kroneberg, Universität zu Köln, Andrea Maurer, Universität Trier, Christian Mey- er, Universität Konstanz, Evelyn Moser, Universität Bonn, Charlotte Renda, Universität Bielefeld, Doris Schweitzer, Goethe-Universität Frankfurt und Urs Stäheli, Universität Hamburg. Wir freuen uns sehr, dass Sie sich alle bereit erklärt haben, die Beiratsaufga- be zu übernehmen und sind außerordentlich froh über die erhöhte Diversität, die sich sowohl im Hinblick auf Alter und Geschlecht aber auch hinsichtlich ›theoretischer Vor- lieben‹ ergibt.
Wir schauen der gemeinsamen Komplexitätsbearbeitung in den kommenden Jahren vorfreudig entgegen!
Für die Hg., Jasmin Siri

Editorial

Nachruf auf Oskar Negt

Jürgen Habermas, ein Grußwort zum 18. Juni 2024

Freie Beiträge

Uwe Schimank
Erklären durch Erzählen – vorgeführt an Norbert Elias’ »Soziogenese des Staates«

Elena Beregow, Jenni Brichzin
Durch Widersprüche hindurch denken. Über Figuren des Gegensätzlichen und die epistemische Praxis ihres Diagnostizierens

Conrad Lluis
Zurück zur Hegemonie
Mit Laclau/Mouffe zu einer soziologischen Hegemonietheorie

Stefan Kühl
Mobilisierung von Werten
Zum zentralen Konstitutionsmerkmal von Bewegungen

Rezension

Marc Mölders
Apokalypseabwehr durch Verfahren
Eine Rezension zu Helmut Willkes »Klimakrise und Gesellschaftstheorie. Zu den Herausforderungen und Chancen globaler Umweltpolitik« (2023)

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