Deadline: 20.12.2026

Die Materialitäten der Forschung

Call for Abstracts für einen Workshop vom 18. bis 19. Februar 2027 an der Universität Jena. Deadline: 20. Dezember 2026

Die Sozial-, Geistes- und Kulturwissenschaften sind notwendig reflexive Wissenschaften – die Frage, wie gearbeitet und geforscht wird, ist selbst Gegenstand wissenschaftlicher Arbeit und Forschung. In jüngerer Zeit gerät dabei auch die Art und Weise der Begriffs- und Theoriebildung in den Fokus, die im Verhältnis zu Fragen der Methodologie und Methoden lange wenig Beachtung erfahren hat. Davon zeugen Beiträge zur sogenannten theorizing Debatte, in der sich damit auseinandersetzt wird, wie Begriffs- und Theoriebildung funktioniert und wie sie verbessert werden könnte (Ritzer 1990; Elliott und Attridge 2011; L’Abate 2012; Joachim Küpper, Markus Rautzenberg, Mirjam Schaub 2013; Beer 2014; Swedberg 2014; Anicker und Armbruster 2024; Brichzin et al. 2026).

Die Fragen der Begriffs- und Theoriebildung möchte der Workshop mit dem material turn (Coole und Frost 2010; Dolphijn und Tuin 2012) zusammenbringen, um die begriffs- und theoriebildende Wirkung von Materialität zu erörtern. Im Anschluss an den material turn gehen wir davon aus, dass geistes-, kultur- und sozialwissenschaftliche Forschung nicht nur Sprache, Bewusstsein, Werte, Normen oder Subjektivität u.a. berücksichtigen muss, sondern ebenso die konkrete Materialität bspw. von Dingen, Technologien, Körpern, Räumen oder Naturstoffen. Diese Materialitäten sind nicht bloß passive Voraussetzung, sondern selbst wirksam – eine Wirksamkeit, die beispielsweise mit Begriffen des Widerstands, des Eigensinns, der Thing-power oder Actancy und der Agency theoretisiert wird (Negt und Kluge 1977; Latour 1996, 2006; Butler 1997; Fausto-Sterling 2000; Bennett 2004; Coole 2005). Ausgangspunkt für den Workshop ist es, diese Wirkmacht konkreter Materialität auf die wissenschaftlicher Begriffs- und Theoriebildung zu beziehen: Wenn Materialitäten die Wirklichkeit verändern, dann beeinflussen sie damit auch die Theorien und Begriffe selbst.

Im Fokus sollen – anders als bei bisherigen wissenschaftssoziologischen Auseinandersetzungen mit der Materialität der Forschung – nicht die materiellen Infrastrukturen der Forschung stehen, sondern die Frage, welche begriffs- und theoriebildende Wirkung Materialitäten als Gegenstand der Forschung haben. Die Leitthese ist dabei, dass es einen Unterschied macht, mit welcher Materialität sich Forschung auseinandersetzt, sowohl für die empirische Untersuchung des Gegenstandes als auch die Theorieentwicklung selbst.

Der Workshop verortet sich damit zwischen verschiedenen Forschungsrichtungen und versteht sich zugleich als deren Verbindung: zum einen der Reflexion darüber, wie kapitalistische (Korsch 2017), kolonialistische (Bhambra und Holmwood 2021) oder patriarchale (Reeser 2010; Elliott und Attridge 2011) Strukturen in der Wissenschaft Begriffs- und Theoriebildung prägen; zum anderen richtet er den Blick auf die Frage nach der begriffsbildenden Kraft von Materialität. Diese Perspektive wird etwa in Carl Schmitts (Schmitt 2018) These sichtbar, dass die Elemente Meer, Erde und Luft Politik prägen, oder in Phillip Steinbergs und Kimberly Peters (Steinberg und Peters 2015) Postulat, das Denken des Wassers an dessen Materialität auszurichten. Weitere Überlegungen zu einem solchen Zusammenhangs finden sowohl in den Gründungsszenen soziologischer Theorie (Farzin und Laux 2014) als auch in anthropozänen Literaturgattungen (Thober 2022).

Der Workshop möchte Materialitäten selbst als „theory machine[s]“ (Helmreich 2011; angedacht auch bei Clark und Gunaratnam 2017) in den Blick nehmen und so die Diskussionen über Begriffs- und Theoriebildung um eine ökologische Dimension erweitern. Doch welche Unterschiede machen welche konkreten Materialitäten für die eigene Forschung, insbesondere die Entwicklung von Begriffen und Theorien? Diese Frage kann und muss aus unterschiedlichen theoretischen und empirischen Perspektiven nachgegangen werden, daher laden wir zu theoretisch-konzeptionellen und empirischen Beiträgen im Themenfeld ein, die folgende Fragen adressieren können, aber nicht auf diese beschränkt sind:

  • Welche eigenen Erfahrungen wurden in der Forschung, insbesondere in der Entwicklung von Theorien und Begriffen in der Auseinandersetzung mit Materialitäten gemacht?
  • Wie lassen sich bestehende sozialwissenschaftliche Theorien kritisieren, herausfordern, irritieren oder weiterentwickeln, wenn ihre Bezüge auf Materialitäten rekonstruiert werden?
  • Wie verändert sich das Verständnis unterschiedlicher gesellschaftlicher Bereiche wie Arbeit, Ökonomie, Naturverhältnisse, Kunst oder Politik, wenn bestimmte Materialitäten einbezogen werden?
  • Welchen gesellschaftlich dominanten begrifflichen Bezug auf welche Materialitäten gibt es und welche Gegenbezüge können entwickelt werden?
  • Die angesprochenen Wet Ontologies von Steinberg und Peters können als einer der weitreichendsten Versuche interpretiert werden, eine Theorie in der Auseinandersetzung mit einer spezifischen Materialität zu entwickeln. Lässt sich dieser Versuch auch auf andere Materialitäten übertragen? Wie sähe vielleicht eine matschige, feurige oder olfaktorische Forschung aus?
  • Materialitäten können nach ihrer Agency und ihren Vermögen unterschieden werden. Welche Vermögen von Materialitäten spielen jeweils eine Rolle? Gibt es Materialitäten, die bestimmten Theorien und Begriffen nahe oder fern stehen? Welche Materialitäten lassen sich besonders leicht erforschen lassen und welche, die sich eher sperren?

Der Workshop ist für den 18. und 19. Februar 2027 an der Universität Jena geplant. Sofern keine eigenen Mittel zur Verfügung stehen, versuchen wir Reise- und Übernachtungskosten zu übernehmen.

Wir bitten um die Einreichung von Abstracts (ca. einer Seite) bis zum 20.12.2026 an c.peters(at)uni-jena.de und schulz.peter(at)uni-jena.de. Rückmeldungen zu den Vortragsideen erfolgen Anfang Januar 2027.

Zum Call for Abstracts (PDF)

 

Verwendete Literatur

Anicker, Fabian, und André Armbruster, Hrsg. 2024. Die Praxis soziologischer Theoriebildung. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden.

Beer, David. 2014. Punk Sociology. London; New York: Palgrave MacMillan.

Bennett, Jane. 2004. The Force of Things. Steps toward an Ecology of Matter. Political Theory 32: 347–372.

Bhambra, Gurminder K., und John Holmwood. 2021. Colonialism and modern social theory. Cambridge ; Medford, MA: Polity.

Brichzin, Jenni, Fabian Anicker, und Thomas Kern, Hrsg. 2026. Begriffe als Werkzeuge der Soziologie. Nomos.

Butler, Judith. 1997. Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Clark, Nigel, und Yasmin Gunaratnam. 2017. Earthing the Anthropos? From ‘socializing the Anthropocene’ to geologizing the social. European Journal of Social Theory 20: 146–163.

Coole, Diana. 2005. Rethinking Agency: A Phenomenological Approach to Embodiment and Agentic Capacities. Political Studies 53: 124–142.

Coole, Diana H., und Samantha Frost, Hrsg. 2010. New Materialisms: Ontology, Agency, and Politics. Durham/London: Duke University Press.

Dolphijn, Rick, und Iris van der Tuin. 2012. New Materialism: Interviews & Cartographies. Open Humanities Press.

Elliott, Jane, und Derek Attridge, Hrsg. 2011. Theory after „theory“. New York: Routledge.

Farzin, Sina, und Henning Laux, Hrsg. 2014. Gründungszenen soziologischer Theorie. Wiesbaden: Springer VS.

Fausto-Sterling, Anne. 2000. Sexing the Body: Gender Politics and the Construction of Sexuality. New York: Basic Books.

Helmreich, Stefan. 2011. Nature/Culture/Seawater. American Anthropologist 113: 132–144.

Joachim Küpper, Markus Rautzenberg, Mirjam Schaub, Regine Strätling, Hrsg. 2013. The beauty of theory: Zur Ästhetik und Affektökonomie von Theorien. Paderborn: W. Fink.

Korsch, Karl. 2017. Marxismus und Philosophie: Schriften zur Theorie der Arbeiterbewegung 1920-1923. Hannover: Offizin Verl.

L’Abate, Luciano, Hrsg. 2012. Paradigms in Theory Construction. New York, NY: Springer New York.

Latour, Bruno. 1996. Der Berliner Schlüssel: Erkundungen eines Liebhabers der Wissenschaften. Berlin: Akad.-Verl.

Latour, Bruno. 2006. Über technische Vermittlung: Philosophie, Soziologie und Genealogie. In ANThology. Ein einführendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie, Hrsg. Andréa Belliger und David J. Krieger, 483–528. Bielefeld: transcript.

Negt, Oskar, und Alexander Kluge. 1977. Öffentlichkeit und Erfahrung. Zur Organisationsanalyse von bürgerlicher und proletarischer Öffentlichkeit. Suhrkamp: Frankfurt am Main.

Reeser, Todd W. 2010. Masculinities in theory: an introduction. Chichester ; Malden, MA: Wiley-Blackwell.

Ritzer, George. 1990. Metatheorizing in Sociology. Sociological Forum 5: 3–15.

Schmitt, Carl. 2018. Land und Meer: Eine weltgeschichtliche Betrachtung. Stuttgart: Klett-Cotta.

Steinberg, Philip, und Kimberley Peters. 2015. Wet ontologies, fluid spaces: Giving depth to volume through oceanic thinking. Environment and Planning D: Society and Space 33: 247–264.

Swedberg, Richard. 2014. The Art of Social Theory. Princeton/Oxford: Princeton University Press.

Thober, Benjamin. 2022. Anthropozänlyrik. Überlegungen zur Neuordnung des Mensch-Natur-Verhältnisses jenseits des Narrativen. In Anthropozäne Literatur, Bd. 1, Environmental Humanities, Hrsg. Gabriele Dürbeck, Simon Probst und Christoph Schaub, 163–179. Berlin, Heidelberg: Springer Berlin Heidelberg.

Newsletter