Die Schritte, die wir zurücklegen

Über Frank Engsters Gewaltmarsch durch die Geldtheorie

Was kanonisiert ist, lebt nicht mehr. Denn stünde die Aktualität und Lebendigkeit eines Ideenkorpus außer Frage, bräuchte es keine Verbindlichkeit reklamierende Niederschrift. Der Eintritt in den Kanon jedoch geschieht um den Preis einer gleichsam zombiehaften Existenz, in der die Begriffe und Theorien sodann fortleben. Kanonisierung wäre in diesem Sinne weniger ein Zeichen ungebrochener Relevanz, sondern recht eigentlich ein Krisenphänomen.

So könnte eine starke ideengeschichtliche These lauten, die in ihrer Schärfe vor allem dann auf Widerspruch stößt, wenn es um affektiv und politisch aufgeladene Theorietraditionen geht. Nicht überraschend steht kaum eine politisch inspirierte Denkkonstellation so sehr unter dem Zwang, ihre Aktualität nachzuweisen – teils aufgrund äußeren Drucks, teils aufgrund der Ahnung ihrer eigenen Historizität – wie der Marxismus und die aus seiner immanenten Kritik erwachsene Kritische Theorie. So erklären sich der Pathos des „Jetzt erst recht“ und die emphatische Berufung auf eine 150-jährige Tradition, die die jüngeren Schriften aus dem Umfeld dieser Strömungen oft auszeichnen. Hinzu kommt, dass zwar die Theorien altern, denen es um die Abschaffung des falschen Ganzen zu tun war, dass aber ebendieses falsche Ganze geradezu empörend jung bleibt. Entsprechend verlängert sich die reale wie theoretische Krise, dass immer noch nicht eingetreten ist, was seit langem ersehnt wird.

Auch die sogenannte „Neue Marx-Lektüre“ war ein Krisenphänomen. Entstanden in den 1960er-Jahren und vor allem verbunden mit den Namen Alfred Schmidt, Hans-Georg Backhaus und Helmut Reichelt, sollte sie einerseits die wahrgenommene Leerstelle der Ökonomiekritik innerhalb der Kritischen Theorie füllen und andererseits dem holzschnittartig-dogmatischen Kapitalismusverständnis etwas entgegensetzen, das in der alten wie auch in Teilen der Neuen Linken verbreitet war. Die formanalytisch verfahrende Auseinandersetzung mit der Marx’schen Kritik der politischen Ökonomie, die Konzentration auf die Wertformanalyse und den an Hegel zurückgebundenen Begriff der Dialektik, fand in einer Zeit statt, da die Theorie sich ihre Freiheit von den Zumutungen der Praxis zunächst einmal wieder erkämpfen musste. Zuträglich war dieser Entwicklung eine punktuelle Öffnung der Universitäten, die beispielsweise dafür sorgte, dass unorthodoxe marxistische Denker wie Reichelt ein Auskommen im akademischen Betrieb finden konnten.

Lange währte diese Periode, in der sich philosophisch ernsthaft und jenseits parteilicher Zwänge mit Karl Marx beschäftigt wurde, freilich nicht. Bald war die Marx-Diskussion wieder zum Randphänomen geworden, das nur in beharrlichen Kleinunternehmen wie der Marx-Gesellschaft und dem Freiburger Ça ira-Verlag überleben konnte. Erst gegen Ende der 1990er-Jahre, als einerseits die allgemeine Euphorie über das mit 1989 gekommene „Ende der Geschichte“ verflogen war und andererseits die radikale Linke in eine politische Krise geriet, feierte die Marx-Exegese in Theoriezirkeln neue fröhliche Urständ. Von dort aus wurde sie wiederum in Doktorandenprogramme und Stiftungen getragen, sodass sich fortan für einige Jahre mit der Lektüre von Theodor W. Adorno, Marx und Georg Wilhelm Friedrich Hegel mäßiges Geld verdienen ließ. Die Rede von der „Neuen Marx-Lektüre“ verbreitete sich bezeichnenderweise erst nach dem Jahrtausendwechsel, nicht in den 1960er-Jahren, in denen sie entstanden war. Auch der systematisch berechtigte Verweis auf Vorläufer wie die Studien von Roman Rosdolsky oder Iván Szelény gehört in die späte Phase der historischen Rückversicherung an den Rändern des akademischen Betriebs, als die Tradition der Neuen Marx-Lektüre recht eigentlich erst erfunden wurde. Spätestens mit Ingo Elbes ausführlicher und ordnender Rekonstruktion in Marx im Westen. Die neue Marx-Lektüre in der Bundesrepublik seit 1965 (2008) hat die Strömung schließlich ihr erstes Standardwerk bekommen, das sowohl über als auch aus der Tradition heraus geschrieben wurde.

Auch Frank Engsters Buch Das Geld als Maß, Mittel und Methode, das von der schlichten Frage ausgeht: „Wie ist eine Kritik der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft möglich?“ (19), ist aus der Neuen Marx-Lektüre hervorgegangen. Ob die sympathische Distanz des Autors zum akademischen Betrieb, der wohl kaum auf ein fast 800-seitiges Buch über Hegel, Marx, Georg Lukács, Alfred Sohn-Rethel und Adorno gewartet hat, selbst gewählt ist oder erzwungen wurde, ist dabei zweitrangig. Von Interesse ist vielmehr nicht nur, ob die Antwort auf die zentrale Frage der als Dissertation verfassten Studie gelingt und was aus ihr folgt, sondern auch, was ein solches Buch über die Gegenwart sagt, aus der heraus es geschrieben wurde und die es beschreibt. Anders gesagt, Frank Engsters Studie konfrontiert nicht nur die Wirklichkeit mit Deutung, sondern macht zugleich Aussagen darüber, was für ein Begriff von Gesellschaft überhaupt möglich ist, was also von ihrer Grundverfasstheit überhaupt zur Sprache kommen kann. Das verdeutlicht ein genauerer Blick auf die Ausgangsfrage, wie eine Kritik der bürgerlichen Gesellschaft möglich sei. Ganz im Stile der Neuen Marx-Lektüre sind die Frage und ihre Antwort im Sinne Kants und Hegels zugleich zu verstehen; ersteres aufgrund des transzendentalen Charakters der Frage, insofern es um die „Bedingung der Möglichkeit“ geht, sich die Gesellschaft überhaupt zum Gegenstand zu machen, letzteres, weil das Ziel ihrer Beantwortung ist, dass ebendiese Gesellschaft in ihrer kritischen Darstellung zu sich selbst kommt, also sich selbst entspricht (13). Die Wege, die Engsters Studie zurücklegt, um sowohl Frage als auch Antwort zu plausibilisieren, zeigen freilich bereits an, dass der Gegenstand von Das Geld als Maß, Mittel und Methode alles andere als leicht zu fassen ist. Nichts Geringeres als ein lehrreicher, wenngleich zuweilen zäher Durchmarsch durch die kanonischen Philosophen der Kritischen Theorie liegt hier vor, wobei neben dem Präludium zu Kant, Hegel und Marx die umfangreichsten Kapitel einer detaillierten Auseinandersetzung mit Lukács, Adorno und Sohn-Rethel gewidmet sind. Jedes der Kapitel, von denen nicht wenige eigenständige Studien hätten abgeben können, hat dabei denselben Fluchtpunkt, nämlich dass die Gesellschaftskritik bisher das Geld als gesellschaftliche Vermittlungs- und Konstitutionsinstanz, aus der sich schlussendlich die leidige Antwort auf die Frage nach dem Maßstab der Kritik entwickeln ließe, unterschätzt hat. Denn nur das Geld, so die These, als gleichsam über den Dingen schwebende ideelle Einheit allen materiellen Seins und mit seiner Fähigkeit, eine gesellschaftsstrukturierende Ökonomie der Zeit aus sich heraus zu entwickeln, bietet den Schlüssel, um die Gesellschaft als kapitalistische zu begreifen.  

Engsters Buch verbindet anhand der wuchtig im Titel platzierten Nomina drei Denkstränge, die sich allerdings schlussendlich – und das leider nicht immer nachvollziehbar – in einem vierten verbinden, der die Grundintention der Studie verdeutlicht. In der bürgerlichen Gesellschaft ist das Geld zunächst das Medium, in dem sich die verschiedenen, auf den Markt geworfenen und sich den Gebrauchswerten anheftenden Tauschwerte vergleichen, also messen lassen. Das Geld, so argumentiert Marx minutiös in den eröffnenden Kapiteln des Kapitals (und mit ihm Frank Engster), ist das Maß des Wertes, die Objektivation von etwas, das man, weil es Gedankenform ist, weder sieht noch schmeckt und das doch aller kapitalistischen Warenproduktion inhärent ist (134); Realisationsform des Geldes als Maß ist mithin die der kapitalistischen Gesellschaft eigene Ökonomie aus toter und lebendiger Arbeitszeit. Insofern ist das Geld auch Mittel, also Medium der Vermittlung zwischen ideellen und objektiven Gehalten. Und weil sich dies geradezu blind und naturwüchsig vollzieht, weil das Geld im Moment des Messens eigentlich nur wieder auf sich selbst zurückverweist, da das „Reelle“, das ihm entsprechen könnte, wiederum nur in Geldform gemessen werden kann, konstituiert das Geld – in kritischer Absicht gesprochen – auch eine Methode, nämlich eine historisch spezifische Art und Weise der Konstitution von Gesellschaft (94), ja gar eine „absolute Methode“ im Hegelschen Sinne, weil sich im Geld die Bewegung der Werte nachvollziehen lässt. Bis zu diesem Punkt bewegt sich Engsters Exegese der Marx‘schen Idee einer „Kritik durch Darstellung“ weitestgehend auf dem Boden der Neuen Marx-Lektüre und kann jenen, denen die Kälte in dieser spezifisch marxologischen Eiswüste der Abstraktion nichts ausmacht, zur Lektüre empfohlen werden. Überaus erhellende Exkurse (beispielsweise zum Krisen- und Klassenbegriff) ziehen sich durch häufig ausgreifende Fußnoten, denen man ansieht, dass sie einmal ein Kapitel werden sollten und die sich als beeindruckender, geradezu fortlaufender Kommentar zur marxistischen Diskussion lesen.

Erst allmählich zeigt sich jedoch, dass die Arbeit eigentlich auf das Problem zusteuert, wie politisch mit einer so verfassten Gesellschaft umzugehen sei, worin also der Maßstab ihrer Kritik bestehe. Auf diese Fragen gaben Lukács, Adorno und Sohn-Rethel bekanntermaßen unterschiedliche Antworten, die in Engsters Studie ausführlich referiert und immanent kritisiert werden. Denn alle drei, so die ernüchternde Schlussfolgerung, scheitern, weil sie den Maßstab der Kritik aus der Warenform entwickeln (was bei Lukács zur Idee des Proletariats als „identisches Subjekt-Objekt“ wird, bei Adorno in die Engführung von Warentausch und begrifflichem Denken mündet und bei Sohn-Rethel in die Rede von der Realabstraktion). Obwohl die Genannten ihr Denken als „Einheit von Gesellschafts- und Erkenntniskritik“ (748) begreifen, so Engster, greift ihre Kritik zu kurz, weil sie das „Geldrätsel“ nicht lösen konnten oder es nicht wahrnahmen.

Wer sich allerdings von Engsters Studie eine Lösung des Rätsels erhofft, wird enttäuscht. Denn einerseits ist das Geld die Lösung seiner eigenen Rätselhaftigkeit: Die ideelle Vermittlung von Materiellem als Wert vollzieht sich durch die Überführung in Zeit, tote und lebendige. Andererseits nimmt das Geld – das im Hegel‘schen Sinne für Engster tatsächlich als Subjekt zu denken ist – in seiner geradezu transzendenten, universellen Funktion einen unhintergehbaren Standpunkt ein. „Von der Gesellschaft her zu denken“ heißt für Engster vom Gelde her zu denken; und dessen gesellschaftskonstitutive Selbstbezüglichkeit, sein „blinde[s] Reflektieren“ (764)“ zu begreifen, heißt dementsprechend, dass die „Gesellschaftskritik um sich selbst kreisen muss, weil ihr kein endgültiger, revolutionärer Standpunkt zur kritischen Bestimmung und zur praktischen Überwindung der Gesellschaft gegeben ist“. (44) So überzeugend die Forderung an die Gesellschaftskritik auch ist, immanent statt transzendent zu verfahren, mündet Engsters radikal idealistische Bestimmung des Geldes als reine Selbstbezüglichkeit doch in einer noch schärferen Trennung von Theorie und Praxis, als sie die historische Erfahrung sowieso schon erzwungen hat. Mindestens enttäuscht liest man deswegen am Ende der wohlgemerkt fast 800 Seiten, es sei der Zweck der Studie, einen „Einstieg“ in das „Dilemma der Gesellschaftskritik“ (763) zu bieten.

Dieses Paradox gründet in einem eigentümlichen Verhältnis von historischen und ein erkenntnistheoretischen Argumenten: Einerseits ist Engsters Studie durch die unbestreitbare objektive Schwierigkeit einer radikalen Veränderung der kapitalistischen Produktionsweise zum Besseren motiviert, andererseits entzieht die ideelle Selbstbezüglichkeit des Geldes und die daraus resultierende Undurchschaubarkeit der Konstitution von Gesellschaft als Gesellschaft das Geld effektiv dem Reich der Geschichte. Anders gesagt, die Suche nach einem Maßstab oder Standpunkt der Geschichte mündet in die Erkenntnis von dessen praktischer Unverfügbarkeit. Beides hängt insofern zusammen, als es ein Licht auf die Neue Marx-Lektüre und ihre spezifische, in ihrer exegetischen Genauigkeit den akademischen Normalbetrieb zuweilen noch übertrumpfende Form der Darstellung wirft. Denn der historische Rückgriff und die Suche nach einem festen Fundament der Praxis sind typische Strategien der Linken in Krisenzeiten. Sie verbinden Engster mit dem Marx des dreibändigen Kapitals (also nicht dem Marx des revolutionsoptimistischen Manifests), aber auch mit der marxistischen Diskussion Anfang des 20. Jahrhunderts und der deutschen oder der amerikanischen Neuen Linken in den 1960er-Jahren, als die „Krise der Revolutionstheorie“ (Stefan Breuer) sich kaum noch leugnen ließ. Kein Wunder, dass Engster mit letzteren auch das notorisch wiederkehrende Missfallen an Adornos vermeintlichem Pessimismus teilt, den Engster allerdings weniger historisch begründet, als vielmehr als Ausdruck eines philosophischen Problems sieht. Eine solche Deutung heißt allerdings, Theorie und Geschichte nicht mehr als miteinander vermittelt zu begreifen, sondern zugunsten der Theorie aufzuspalten. Keine Geschichte des praktischen Scheiterns wird hier also erzählt, sondern eine Geschichte des Scheiterns in der Theorie. Doch auch Letztere ist Ausdruck eines politischen Problems der Gegenwart, nämlich ihrer mangelhaften Beharrlichkeit. Engsters Studie ist aus dem Zutrauen heraus entstanden, dem Problem durch Theorie zumindest nahezukommen.

Das Geld als Mittel, Maß und Methode ist ein ohne Zweifel kenntnisreiches Werk, das einen geradezu globalen Anspruch erhebt – was sich neben dem Fußnotenapparat auch an der gewaltigen Literaturliste zeigt. Mit seinem allumfassenden Zugriff bietet es selbst eine Art Kanonisierung im Kleinen und spiegelt damit implizit eine Situation politischer Unsicherheit wider. Mit Blick auf die universitäre Diskussion fügen sich solche Anstrengungen in ein eklatantes Missverhältnis ein: Der Intensität der Beschäftigung mit Marx an den (vornehmlich linken) Rändern des akademischen Betriebs, wie wir sie bei Engster finden, stehen die zunehmenden Versuche einer entmarxifizierenden Aneignung traditionell marxistischer Begriffe (beispielsweise der Studien Axel Honneths und Rahel Jaeggis zu den Themen „Entfremdung“, „Verdinglichung“ und „Sozialismus“) gegenüber. Nicht nur wäre es lohnender, Erstere explizit gegen letztere Ansätze zu wenden, statt erneut den Kanon des Marxismus und der Kritischen Theorie zu durchschreiten; solcherlei Konjunkturen sind zudem genauso wenig rein aus der Theorie zu begründen wie die linke Suche nach dem Standpunkt der Kritik. Die kritische Reflexion auf beide Phänomene würde vielmehr sowohl historische Urteilskraft als auch einen Blick auf den Ort erfordern, an dem sich diese Studien realisieren: die Universität.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Heiko Beyer.