Zwischen Schein und Sein

Michael Butter analysiert und verreißt Verschwörungstheorien und ihre Apologeten – von Eva Herman bis Donald Trump

Früher kannte man Verschwörungstheorien oft nur vom Hörensagen. Heute genügen ein paar Klicks und entsprechende – meist standardmäßig mitgelieferte – Voreinstellungen des Internet-Browsers, um tagtäglich mit ihnen konfrontiert und auf weitere hingewiesen zu werden. Die selbstgewählte Filterblase offeriert dem Nutzer oder der Nutzerin dann zweifelhafte Erkenntnisse aller Art: Flugzeuge versprühen massenhaft Mittel zur Beeinflussung des Klimas und zur Vernebelung unserer Gedanken; auf den Bilderberg-Treffen verabreden die Führer der Welt das Weltgeschehen des nächsten Jahres; die Mondlandung hat Stanley Kubrick inszeniert (und in seinen Filmen mit geheimen Botschaften darauf hingewiesen); das im Jahr 2014 über der Ukraine abgeschossene Flugzeug war eigentlich eine zuvor verschwundene (aber „in Wahrheit“ entführte) Maschine; und, der Evergreen, die Amerikaner haben im Verbund mit Israel die beiden Türme des World Trade Center mit tausenden von Menschen in die Luft gesprengt. Alles Thesen, die unter den Begriff „Verschwörungstheorie“ fallen. Sie erfreuen sich anhaltender Beliebtheit in einer treuen und offensichtlich nicht kleiner werdenden Fangemeinde. Die Wählerschaft rechts- und linksradikaler Parteien scheint dafür besonders empfänglich zu sein.

Michael Butters Buch arbeitet diesen Trend auf. Es handelt sich um ein stets lesenswertes, aus wissenschaftlicher Sicht sauber gearbeitetes und ebenso verständlich wie belegreich geschriebenes Essay, das zwar zahlreiche innere Verweise und mit rund 270 Seiten auch einen vergleichsweise beachtlichen Umfang aufweist, aber trotzdem nicht langgezogen wirkt. Ungeachtet einiger Kritikpunkte, die vor allem einem Politikwissenschaftler aus noch zu erläuternden Gründen ein etwas ungutes Gefühl bereiten, kann man Butters Werk als neuen, agendasetzenden Standard zu einem aktuellen Thema begreifen, vergleichbar etwa mit Jan-Werner Müllers Arbeit zum Populismus. Mit Müller teilt sich Butter denn auch jene Eindeutigkeit in der Bewertung, die der Öffentlichkeit aus wissenschaftlicher Perspektive Orientierung gibt – und bisweilen doch zu kurz greift.

Der Autor lehrt amerikanische Kultur- und Literaturwissenschaft in Tübingen. Folgerichtig sind vor allem die zahlreichen Ausführungen zu US-amerikanischen Ausprägungen des Phänomens erhellend. Butters Kapitelüberschriften beschreiben sein Programm: Was sind, wie argumentieren und weshalb glauben Menschen an Verschwörungstheorien (Kapitel 1-3)? Wie haben sie sich historisch entwickelt und welche Rolle spielt dabei das Internet (Kapitel 4 und 5)? Schließlich widmet sich der Schlussteil der Frage nach potentiellen Gefahren von Verschwörungstheorien und möglichen Gegenstrategien. Butters Charakterisierung des typischen Anhängers von Verschwörungstheorien liest sich wie eine Beschreibung der Wählerschaft Donald Trumps oder der AfD: „Das Glauben an Verschwörungstheorien kommt bei allen Geschlechtern, in jedem Alter, in allen Ethnien und allen Einkommensstufen vor. Zumindest in der Gegenwart jedoch sind es vor allem Männer über vierzig, die sich bereits marginalisiert fühlen oder fürchten, sozial abzurutschen, die empfänglich für solche Ideen sind. Verschwörungstheorien sind also … keine Sache von Verlierern, sondern von denjenigen, die Angst haben, zu Verlierern zu werden. Oder glauben, dass dies bereits geschehen ist“ (S. 124).

Die aktuelle Relevanz von Verschwörungstheorien hat also viel mit der Relevanz sogenannter populistischer Phänomene zu tun. Das erläutert Butter treffend. Seine These, in vergangenen Zeiten seien Verschwörungstheorien ob mangelnder allgemeiner Kenntnisse noch relevanter gewesen, wirkt da überraschend und wird im Laufe des Buches auch partiell relativiert.

Butters Ausgangspunkt bildet, trotz der zahlreichen USA-Bezüge, ein deutsches Beispiel: Er referiert einen Aufsatz der ehemaligen Tagesschaumoderatorin Eva Herman, die mittlerweile auf dem Internetportal „Wissensmanufaktur“ gelandet ist. Mit ihrem Beitrag ist für ihn gleichsam der Idealtypus einer Verschwörungstheorie beschrieben, wie sie dümmlicher kaum ausfallen könnte. Hermans Texte und Aussagen stammen auch aus dem Magazin Compact, welches der ehemals linksradikal-antideutsche Publizist Jürgen Elsässer mittlerweile zum Leitorgan des extrem völkischen Flügels der rechtsradikalen AfD gemacht hat. Bei Herman entspringt die Flüchtlingskrise einem großen Plan, hinter dem in ihrer Erzählung die Träger des Finanzkapitals stecken. Diese, im Zweifel sind das die kriegstreiberischen USA und die EU-Bürokraten im Verbund mit dem globalen Finanzsystem, benutzen laut Herman die in verschwörungstheoretischen Kreisen vielzitierte „Migrationswaffe“, um qua Einwanderung Chaos zu schüren. Für Herman ist auch klar, dass Genderpolitiken damit irgendetwas zu tun haben müssen. Was genau, das sagt sie nicht. Auch Ross und Reiter werden explizit nicht genannt.

Es ist eine Stärke von Butters Buch, dass er immer wieder zeigen kann, wie sehr Verschwörungstheoretiker sich um genaue Bestimmungen der konkreten Machtausübung und der dazugehörigen Verschleierungstechniken drücken. Sie denken Dinge vom Ende her. Alles muss intendiert gewesen sein und allem muss ein großer Plan zugrunde liegen, den die entscheidenden Akteure ausgearbeitet haben. Da man den konkreten Beitrag von Herrschaftsträgern aber oft nicht bestimmen kann, werden sie zumeist als bloße Marionetten dargestellt – Handlanger eines ominösen „Systems“, welches sie zumeist selbst nur unzureichend verstehen. Damit, so Butter, „stiften [Verschwörungstheorien] Sinn und betonen menschliche Handlungsfähigkeit; sie ermöglichen es, die vermeintlichen Schuldigen zu identifizieren, und transportieren die Hoffnung, dass diesen das Handwerk gelegt werden kann“ (S. 104). Um Verschwörungstheorien entgegenzuwirken plädiert Butter für die Förderung von Gesellschaftskompetenz (gemeint sind sozial- und kulturwissenschaftliche sowie psychologische Kenntnisse), Geschichtskompetenz und Medienkompetenz, denn Gesellschaften seien darauf angewiesen, sich auf das zu „verständigen […], was wahr ist“ (S. 233).

An diesem abschließenden Plädoyer ist zu kritisieren, dass Butter den Wahrheitsbegriff ebenso stark hervorhebt wie die angeblichen „Truther“ – und damit der Kontingenz des Politischen zu wenig gerecht wird. Oft geht es im Medien- und Politikdiskurs nicht um Fakten, sondern um die Bewertung von Einflussdisparitäten und Abhängigkeiten. Verschwörungstheoretiker antworten darauf gerne mit dem Stellen von vermeintlich ungelösten Fragen, die letztlich nur ein Ergebnis suggerieren, nämlich die Macht der angeblich im Dunkeln liegenden Verschwörung. Es ist jedoch falsch, darauf so zu reagieren, als sei jeder Einflusskanal „in Wahrheit“ eindeutig verortbar. Die sozialwissenschaftliche Analyse kann dieses Objektivierungspostulat nur begrenzt einlösen. Sie bleibt mangels entsprechender holistischer Erklärungen methodisch auf die Darstellung empirisch überprüfbarer Fakten und der Grundlagen selbst vorgenommener Bewertungen begrenzt. Insofern gilt es, Verschwörungstheorien nicht nur pauschal, sondern auch kleinteilig entgegenzutreten. Der Autor selbst macht das teilweise gut, etwa in der Analyse eines Vortrags des Schweizer Historikers Daniele Ganser zum Thema 9/11. Butter kann hier zeigen, mit welchen Stilmitteln der unumstrittene Star der Szene Implikationen nahelegt, die er letztlich gar nicht offen aussprechen muss.   

Auf einer grundsätzlicheren Ebene besteht das Problem von Butters Buch in der Eindeutigkeit, mit der er die verschiedenen Facetten des Problems aufarbeitet. Dabei argumentiert er ebenso nachvollziehbar wie geschickt: Butter führt den Begriff „Verschwörungstheorie“ auf Karl Popper zurück. Er entgeht damit dem in der „Truther“-Szene bekannten Vorwurf, einen von der CIA entworfenen Kampfbegriff zu verwenden. Außerdem stellt er fest, dass Verschwörungstheorien von realen Verschwörungen zu trennen seien und im Unterschied zu diesen nie zuträfen. Diese letztlich enge Definition führt zu einer eigentlich unnötigen Immunisierung seiner Analysen.

In der Gesamtbetrachtung wird in Butters Nichts ist wie es scheint zu viel über einen Kamm geschoren. Wenn Eva Hermans platt-wirre Phrasen als Blaupause dienen und gleichberechtigt neben David Ickes „fantastische“ Reptiloidentheorie (nach der viele „Herrschende“ gar keine Menschen sind), das angebliche Komplott um Uwe Barschel und die Behauptungen des smarten NATO-Kritikers Daniele Ganser gestellt werden, wird das Lächerliche mit dem gleichgesetzt, was durchaus zutreffende Bestandteile enthält. Man fühlt sich dann an so manche pauschale Kritik des Populismus erinnert. Im Kern gehen Verschwörungstheoretiker davon aus, dass es eine herrschende Klasse gibt, die wesentlich kleiner ist als die beherrschte Klasse. Diese Grundlegung der Elitenanalyse stammt aber auch von Gaetano Mosca und bildet bis heute die legitime Basis für so manche Forschungsrichtung. Sicher: Quatsch sollte als solcher benannt werden, aber Butters Hoffnung, damit gleichzeitig auch abwegige, moralisch verwerfliche, aber argumentativ zumindest teilweise begründbare Sichtweisen delegitimieren zu können, droht zum Bumerang zu werden.

Die neuen Verschwörungstheoretiker (es sind vor allem Männer) teilen, wie Butter treffend aufzeigt, mehrere Axiome: insbesondere die Legende um 9/11, die fundamentale Kritik der westlichen Eliten und das gleichzeitige Wohlwollen gegenüber diktatorischen Ordnungen. Die Thesen leben von der Abgrenzung vom vermeintlich elitengesteuerten „Mainstream“ und weisen zahlreiche innere Widersprüche auf. Das macht sie aber nicht alle gleich. Butter wirft Daniele Ganser vor, sich zur Türkei, zum Syrienkrieg und zur Ukrainekrise zu äußern, obwohl er die Quellen dazu gar nicht im Original lesen könne (131). Dem Angegriffenen, für den im betreffenden Buchabschnitt Parallelen mit dem Reptiloidentheoretiker Icke nachgezeichnet werden, dürfte es leicht fallen, sich zu verteidigen – leichter zumindest, als man es dem beschriebenen heterogenen Feld mit seinen instrumentellen Argumentationssträngen und „alternativen Fakten“ (Kellyanne Conway) machen sollte.

Trotz dieser Kritik: Michael Butters Buch ist fakten- und aufschlussreich, auch aus ideenhistorischer Perspektive. Denn er kann zeigen, dass Verschwörungstheorien, die noch in der Antike und in der Frühen Neuzeit als „legitimes Wissen“ (S. 147) galten, sich gewandelt haben. „[O]hne Teufel, Antichrist und Hexen“ (S. 147) sind sie heute überprüfbarer als früher. Das macht eigentlich Hoffnung.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz und Clemens Reichhold.