Clara Arnold | Rezension |

Manipulierte Selbstbestimmung

Rezension zu „Fabrikation der Freiheit. Über die Konstruktion emanzipativer Settings“ von Christoph Paret

Abbildung Buchcover Die Fabrikation der Freiheit von Christoph Paret

Christoph Paret:
Fabrikation der Freiheit. Über die Konstruktion emanzipativer Settings
Deutschland
Konstanz 2021: Konstanz University Press
376 S., 34,00 EUR
ISBN 978-3-8353-9136-9

Die These scheint gewagt: Christoph Paret argumentiert in seiner gut lesbaren und pointiert geschriebenen Dissertation, dass Freiheit auch im Labor entstehen und damit ein „Fremderzeugnis“ (S. 7) sein kann. Die kontraintuitive Grundüberzeugung ist der Ausgangspunkt für ein 350 Seiten langes „Rodeo“ (S. 48) durch eine historisch und disziplinär bunt zusammengewürfelte Sammlung an Laborexperimenten, deren lose Zusammenstellung der Analyse keinen Abbruch tut. Das Buch ist ein Versuch darüber nachzudenken, welche Umwelten, genauer: welche konkreten künstlichen Settings Menschen befähigen können, ihre Freiheit zu erlangen.

In seiner Studie „emanzipativer Menschenversuche“ (S. 36), wie er die Praxis der Laboratorien der Freiheit nennt, räumt Paret mit den folgenden zwei – aus seiner Sicht überholten – Vorstellungen vom Verhältnis zwischen Experiment und Freiheit auf. So würde zum einen das Experimentieren mit Menschen oftmals als ethisch höchst problematisch aufgefasst, zum anderen gehe man vielfach davon aus, dass sich Menschen in einem konstruierten Setting zwangsläufig in einem Unterwerfungsverhältnis (gegenüber den Versuchsleitungen oder aber auch der Wissenschaft) befänden.

Gemeinhin versteht man Freiheit und Befreiung als die Abwesenheit von Einschränkungen, die die Möglichkeit, selbst über die Umstände des eigenen Lebens zu entscheiden, beeinträchtigen würden. Damit wären Experimente am und mit Menschen, qua Definition Orte der Manipulation, ‚Freiheitsberauber‘ par excellence. Seine These von Laboratorien der Freiheit sieht Paret daher durch die folgenden vier Eigenschaften von Experimentalsettings am stärksten konfrontiert: erstens ihren starken Konstruktionscharakter, zweitens die durch den Versuchsleiter[1] produzierte Hierarchie, drittens ihre Künstlichkeit als Gegenmodell zur Alltagswirklichkeit und viertens der nicht vorhandene „zwanglose[…] Zwang[…] des besseren Arguments“ (S. 11).

Jedem dieser Einwände nimmt sich Paret in seiner Untersuchung an und überführt sie in einen „Vierfach-Test“ (S. 36), den er nicht nur auf die bekannten sozialpsychologischen Experimente von Solomon E. Asch und Stanley Milgram anwendet, sondern auch auf John Lillys Isolationstank, auf das Improvisationstheater Keith Johnstones, auf die Freud’sche Psychoanalyse und auf das soziologische Interview nach Pierre Bourdieu.

Das eingängige und plausibel strukturierte Einstiegskapitel beginnt Paret mit der Geschichte des ehemaligen Gewerkschafters Saul Alinsky. Dieser war davon überzeugt, dass es keine andere Freiheit gäbe, „als jene, die man sich aus eigener Kraft errungen habe“ (S. 7). Daher inszenierte er einen Konflikt, bei dem die „mutlosen Bewohner“ (ebd.) eines Chicagoer Armenviertels gegen einen letztlich von Alinsky erfundenen Feind kämpften. Daraufhin entwickelten sie die Motivation, sich auch über den inszenierten Anfangskonflikt hinaus gegen ihre schlechten Lebensbedingungen zu wehren. Ausgehend von dieser Erzählung einer induzierten Befreiung untersucht Paret weitere Experimente und Settings, um herauszufinden, ob und inwiefern sie die Freiheit der Probanden begünstigen oder sogar hervorbringen.

Die Auswahl der Experimente folgt einer pragmatischen Logik, die es Paret ermöglicht, den Fokus auf einzelne Elemente von Freiheit zu legen, ohne von einem Freiheitsbegriff an sich ausgehen zu müssen. Stattdessen konstruiere und ermögliche jedes der betrachteten Settings ein spezifisches Verständnis von Freiheit. Die verschiedenen Erkenntnisse systematisiert Paret und widmet den Dimensionen Selbstbehauptung (ich trete standhaft für meine eigenen Überzeugungen ein), Selbsttransparenz (ich erkenne mich selbst), Kontrolle (ich handle um der Handlung willen) und Selbstkonstitution (ich erkämpfe mir die Freiheit) jeweils ein eigenes Kapitel. Damit will er zeigen, „wie ein ambitioniertes Freiheitskonzept im Labor Wirklichkeit wird“ (S. 42).

Mit seinem Vorgehen durchkreuzt er „Abwehrgesten gegenüber empirischen Untersuchungen“ (S. 63), aber auch gängige Skeptizismen gegenüber „kritischer Reflexion“ (S. 46) von Experimenten und gegenüber einer „Beschwörung der Kontingenz“ (S. 62). Darüber hinaus sollen die Experimente, im Rahmen der „Liebeserklärung eines Philosophen an die Psychologie“ (S. 51), für das Nachdenken von Freiheit produktiv werden.

Auf dem Weg (man begleitet ihn förmlich beim Nachdenken) macht er zahlreiche Argumentationsschritte, manche kleiner, manche größer. Dabei balanciert er auf dem schmalen Grat zwischen Unterwerfungs- und Befreiungserzählungen, wobei er hier aufgrund seiner Ausgangsthese – Freiheit entsteht auch im Labor – den Fokus auf die Freiheitlichkeit legt. Dass Paret die untersuchten Settings danach ordnet, wie viel Einfluss die Versuchsleiter auf die Versuchspersonen nehmen, ist für die Orientierung im Material hilfreich.

Nach Meinung Parets setzten weder der Gestaltpsychologe Asch bei seinem bekannten Konformitätsexperiment noch Milgram, der zu Autoritätshörigkeit und Gehorsam forschte, ihre Probanden sonderlich unter Druck oder zwangen sie gar, ihren Anweisungen Folge zu leisten.[2] Vielmehr wäre durch das Arrangement der Settings die Freiheit der Teilnehmenden in besonderem Maße betont worden. Paret vermutet, dass Milgram möglicherweise sogar nicht autoritär genug vorgegangen sei. Zum Abschluss seines Tableaus an Menschenversuchen kehrt er wieder zum Aufwiegler Alinsky zurück. Alinsky und auch Milton H. Erickson nutzten die Asymmetrie der Laborsituation in besonderem Maße zur Täuschung der Proband:innen. Letzterer manipulierte durch „emanzipative Hilfestellungen“ (S. 299) eine hoffnungslose Patientin, die daraufhin glaubte, sich das Laufen und Sprechen wieder beibringen zu können – und die dadurch schließlich gesund wurde.

Vielmehr könne man Freiheit mittels interventionistischer Maßnahmen – etwa ein breites Repertoire an Lügen, Täuschungen und Manipulationen sowie der bewusste Einsatz von asymmetrischen Beziehungskonstellationen – in bestimmten Konstellationen regelrecht erzeugen.

Bei seiner Rekonstruktion und Rekapitulation der verschiedenen experimentellen Anordnungen gelingt es Paret auf erfrischende Art und Weise zu zeigen, „[d]ass man niemandes Freiheit bereits dadurch gewährleistet, dass man es sich versagt, ihn zu lenken und anzuleiten“ (S. 330). Vielmehr könne man sie mittels interventionistischer Maßnahmen – etwa ein breites Repertoire an Lügen, Täuschungen und Manipulationen sowie der bewusste Einsatz von asymmetrischen Beziehungskonstellationen – in bestimmten Konstellationen regelrecht erzeugen.

Ein genauerer Blick auf beziehungsweise in zwei konkrete Laboratorien der Freiheit erscheint allerdings lohnenswert: Paret führt anhand der Freud’schen Psychoanalyse und des soziologischen Interviews von Pierre Bourdieu vor, wie es in inszenierten Gesprächssettings gelingen kann, jemanden von Neurosen und Hemmungen (Freud) oder Schuldgefühlen (Bourdieu) zu befreien. Zwar verschwinden die jeweiligen Reaktionen deshalb nicht, aber die darunter leidende Person versteht, dass nicht sie dafür verantwortlich ist.

Meines Erachtens baut Paret in seiner Darstellung der beiden Settings einen Strohmann auf, den er anschließend effektvoll verbrennen kann. Zunächst behauptet er, den Methoden von Freud und Bourdieu würde oftmals vorgeworfen, dass die von ihnen hergestellten Gesprächssituationen die Patient:innen in ein Unterwerfungsverhältnis zwingen würden. Davon grenzt sich Paret anschließend entschieden ab. Zwar bezeichnet auch er die Settings als manipulativ, allerdings unterstreicht er, dass die Autorität und Überlegenheit der Versuchsleiter die Behandlungsperson eben nicht unterdrücken, sondern befreien würden. Mit seiner provokanten Antithese will er die seiner Meinung nach verbreitete Vorstellung konterkarieren, die Freiheit des Menschen würde vornehmlich durch wenig externen Einfluss und wenig äußere Einwirkungen gefördert. Ob ihm dies gelingt, bleibt fraglich; wie geschrieben entsteht eher der Eindruck einer Scheindiskussion – nicht zuletzt weil Freud selbst die Freiheitlichkeit seiner psychoanalytischen Praxis betonte.

Dennoch ist die von Bourdieu und Freud gestützte Erkenntnis, dass ein hierarchisches Setting eine entlastende Funktion für die analysierte oder interviewte Person haben kann, für das Nachdenken über die Infrastrukturen der Freiheit wichtig. Mit seiner vielstimmigen Zusammenführung der verschiedenen Settings leistet Paret daher einen wichtigen Beitrag zur Geschichte der Humanwissenschaften. Er inspiriert seine Leser:innenschaft dazu, die bereits zahlreich besprochenen und analysierten Experimente ein weiteres Mal zu betrachten und sie in der von Paret kompilierten Rundschau als Produktionsstätten von Freiheit neu zu entdecken.

Sein in vielerlei Hinsicht durchaus subtil vorgetragenes Plädoyer für Freiheit durch den Einsatz von Macht, Manipulation und Autorität wirft aber mindestens zwei Fragen auf: Zum einen erinnert es an das Konzept „demokratischer Führung“ des Sozialpsychologen Kurt Lewin, bei dem das Individuum durch strukturierte Gruppensituationen Freiheit erfahren soll. Es soll sich in der Gruppe frei entscheiden, eine Aufgabe zu erledigen, ebenso wie es sein Verhalten aus freien Stücken ändern soll. Sowohl bei Lewin als auch bei Paret bleibt allerdings offen, nach welchen Kriterien sinnvoller Machteinsatz von Machtmissbrauch, legitime von illegitimer Manipulation oder erforderliche von unnötiger Autorität unterschieden werden kann. Anders gesagt: Die Normativität emanzipativer Menschenversuche thematisieren weder Lewin noch Paret.

In welchen konkreten gesellschaftlichen Konstellationen können Laboratorien der Freiheit gelingen?

Die andere Frage, auf die Paret keine Antwort zu geben vermag, lautet: In welchen konkreten gesellschaftlichen Konstellationen können Laboratorien der Freiheit gelingen? Handelt es sich bei der Freud’schen Psychoanalyse, dem soziologischen Interview von Bourdieu oder Alinskys künstlicher Agitation um Praktiken, die nur in einem spezifischen historischen Kontext funktionieren konnten? Dabei wäre es doch gerade interessant zu erfahren, welche Autoritäten wie manipulieren und welche Individuen dadurch wie zur Freiheit gelangen können. Dass die Verbindung von Manipulation und Freiheit allerdings aufschlussreicher ist, als sie auf den ersten Blick scheint, kann Paret in seiner durchaus irritierenden, aber nicht minder spannenden und bedeutsamen Untersuchung allemal zeigen.

  1. Ich verwende hier ausschließlich die männliche Form, da es sich in den von Paret ausgewählten Experimenten ausnahmslos um männliche Versuchsleiter handelt.
  2. Ganz anders ließe sich aber auch argumentieren, dass die Versuchspersonen des Milgram-Experiments in besonderem Maße durch den Ort des Experiments (Universität), das Auftreten des Professors (wissenschaftlicher Habitus), die Apparate und das technische Equipment eingeschüchtert waren und unter Druck standen, den Anweisungen Folge zu leisten.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.

Kategorien: Geschichte der Sozialwissenschaften Psychologie / Psychoanalyse

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Clara Arnold

Clara Arnold ist Soziologin und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am SFB 948 Helden – Heroisierungen – Heroismen an der Universität Freiburg. In ihrer Dissertation forscht sie zu sozialpsychologischer Autoritätsforschung seit Beginn des 20. Jahrhunderts.

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