Timo Luks | Rezension |

„Das sind Flecken“

Rezension zu „Der Rorschach-Test reist um die Welt. Globalgeschichten aus der Ethnopsychoanalyse“ von Hubertus Büschel

Hubertus Büschel:
Der Rorschach-Test reist um die Welt. Globalgeschichten aus der Ethnopsychoanalyse
Österreich
Wien 2021: Turia + Kant
158 S., 22,00 EUR
ISBN 978-3-98514-008-4

Hubertus Büschel rückt ein Thema ins Zentrum, das zunächst marginal erscheint: den Einsatz des Rorschach-Tests in außereuropäischen Kulturen zwischen den 1930er- und 1960er-Jahren. Da man von den Rändern her besser sieht, macht das neugierig und verspricht Aufschluss über die Wissensgeschichte des Kolonialismus. Büschel interessiert sich für das „Eigenleben“ der Tintenklecks-Tafeln, die heute eher als popkulturelles Phänomen denn als psychodiagnostisches Werkzeug weiterleben. Er begreift sie als „epistemisches Ding“ (Hans-Jörg Rheinberger) und zielt darauf, „die hiermit verbundenen Annahmen und Deutungshoheiten sowie deren (häufig nur indirekt erschließbare) Wahrnehmungen und Erfahrungen durch die Versuchspersonen zu analysieren“ (S. 19).

Der Essay folgt in 15 kurzen Kapiteln der Reise des Tests um die Welt. Er macht mit Margaret Mead Station auf Papua-Neuguinea, folgt den Schweizer Psychiatern Manfred und Richard Bleuler zu marokkanischen Bauern, beobachtet US-amerikanische Ethnologen beim Studium der Native Americans, reist mit der Anthropologin Cora Du Bois nach Niederländisch-Indonesien, macht kurze Abstecher nach Algerien und Tunesien, um Pierre Bourdieu, Michel Foucault und Frantz Fanon zu besuchen, und endet schließlich bei den westafrikanischen Dogon (Mali) und Agni (Elfenbeinküste), wobei die letztgenannten Stationen den größten Raum bekommen. Um diese Miniaturen herum arrangiert Büschel weitere Szenen, die unterschiedlich umfangreich, dicht – und überzeugend sind.

Als eines von vielen assoziativen Verfahren in Psychiatrie und Psychoanalyse zielte der Rorschach-Test auf Krankheits- und Persönlichkeitsdiagnose. Er setzte am (unterstellten) Zusammenhang visueller Überraschung und emotionaler Reaktion an. Büschel führt aus, dass der Test „unter den sogenannten projektiven Verfahren als für Menschen ‚fremder‘ Kulturen geeignet oder zumindest als diskutabel galt“; und zwar gerade deshalb, weil er „nicht auf Sprache oder klar zuordenbaren kulturellen Symbolen und Mustern“ basierte (S. 15). In Fachkreisen wurde der Test zu Beginn skeptisch betrachtet, da er gegenüber etablierten Verfahren nichts grundlegend Neues brachte, aber auch keine validen empirischen Daten existierten, die seine Aussagekraft belegen konnten. Die (frühe) Geschichte des Tests ist die Geschichte einiger Enthusiasten, die vor allem die Validität des Verfahrens aufzeigen wollten. Parallel dazu dachte sein Erfinder, der Psychiater Hermann Rorschach, früh über eine Anwendung im Rahmen ethnologisch-psychologischer Forschungen nach. Das hatte mit dem Interesse an völkerpsychologischen Fragen zu tun, das Sigmund Freud, Eugen Bleuler (bei dem Rorschach promoviert wurde) und andere aus dem Kreis der Psychoanalyse teilten. Damit verband sich die Erwartung, beim sogenannten „primitiven Naturmenschen“ Erkenntnisse über psychische Grundmechanismen zu erlangen, die sich am sogenannten europäischen „Zivilisationsmenschen“ nur schwer gewinnen ließen. Unter diesen Voraussetzungen hielt der Rorschach-Test Einzug in die Ethnologie.

Margaret Mead hatte die Tafeln im Gepäck, als sie 1931 ihre Forschungsreise zu den Arapesh auf Papua-Neuguinea unternahm. Die dabei entstandenen Protokollbögen erwiesen sich allerdings als unbrauchbar für eine Diagnose, wie Mead von einem befreundeten Kinderpsychiater erfahren musste. Immerhin, nachträgliche Auswertungen eines der Protokolle in den 1940er-Jahren bescheinigten Meads Informanten Unabelin, „dass er ein aufmerksamer, zutiefst von der mythischen Fabelwelt seines Dorfes durchdrungener Mensch sei – mit leicht ‚psychotischen Tendenzen‘“ (S. 59). Angesichts derartiger Einsichten verwundert es kaum, dass Ethnologinnen und Ethnologen auf der Suche nach dem „Seelenleben der Anderen“ den Test mitunter verwendeten, dabei aber wenig euphorisch waren.

Anders verhielt es sich bei Psychiatern. Als Manfred und Richard Bleuler 1933/34 zu marokkanischen Bauern reisten, hatten sie sich einen flächendeckenden Einsatz des Tests vorgenommen, um die Antworten mit Auswertungen in der Schweiz zu vergleichen. Büschel arbeitet heraus, dass dieses Unterfangen zu einer wissenschaftlich-experimentellen Bestätigung völkerpsychologischer und rassistischer Stereotype wurde.

Im Zentrum der Ausführungen Büschels stehen allerdings die Rorschach-Begeisterung (und partielle Ernüchterung) der Schweizer Psychoanalytikerin Goldy Parin-Matthèy, die zusammen mit ihrem Ehemann Paul Parin und dem Psychoanalytiker Fritz Morgenthaler die Tintenkleckstafeln nach Westafrika brachte. 1959/60 kamen sie bei den Dogon zum Einsatz. Der Fokus dieser Forschungen lag – in klassischer Dopplung – auf der Suche einerseits nach „ursprünglichen“ Mustern im psychischen Leben des Menschen und andererseits nach Unterschieden im Denken, Fühlen, Wahrnehmen zwischen Europäern und Afrikanern. Die Pointe, die Büschel prägnant herausarbeitet, bestand darin, dass die Tafeln gerade aufgrund ihrer Fremdheit bei Afrikanern eine Schockwirkung erzeugen sollten. Als „verdichtete Erfahrung europäischer Moderne“ sollte die Konfrontation mit den Tafeln „für die Be- und Verarbeitung solcher Modernitäts- und Fremdheitserfahrung aufschlussreiche Daten generieren“ (S. 108). Wenig verwunderlich bewerteten Parin-Matthèy und ihre Mitstreiter „die Rorschach-Wahrnehmungen der Dogon nach europäischen Maßstäben als psychisch krank“ (S. 110). Die eigentliche Irritation erfuhren allerdings die Schweizer selbst. Als sie die Tests 1965/66 in einem Dorf an der Elfenbeinküste wiederholten, verweigerten die Probanden die Mitarbeit – und zwar in einem Ausmaß, das die bereits bei den Dogon festgestellte Kooperationsunwilligkeit weit überschritt. Der Test, so musste Parin-Matthèy eingestehen, habe zu keinerlei verwertbaren Ergebnissen geführt. Parin-Matthèy deutete diesen Widerstand als Ausdruck einer tiefen Psychopathologie der Probanden.

Grundsätzlich, das zeichnet Büschel überzeugend nach, zielte der ethnologische Einsatz eines psychodiagnostischen Tools auf das Problem der Akkulturation, also die Frage nach den psychischen Auswirkungen verschiedener Formen des Kulturkontakts. Das war insbesondere in den Studien der Fall, die in den USA der 1930er-Jahre mit Blick auf die Lage der Native Americans boomten. Aber auch darüber hinaus rückte das Interesse an Hindernissen, Widerständen, Folgeschäden und psychischen Kosten von Modernisierungsprozessen, gerade im Kontext der Entwicklungspolitik, in den Vordergrund.

Büschel präsentiert spannende Fundstücke, die er in den Kontext spät- und postkolonialer Entwicklungspolitik stellt. Das gilt insbesondere für die materialreichen Kapitel, die bereits angesprochen wurden. Warum allerdings die Kurzkapitel zu Pierre Bourdieu und Michel Foucault ihren Weg in das Buch gefunden haben, erschließt sich mir nicht. Zum Thema tragen sie nichts bei, und Büschels Versuche, etwas anderes nahezulegen, sind irritierend. Im Fall Bourdieus weist er darauf hin, dass dieser in Algerien mit dem Rorschach-Test in Berührung kam und die Tafeln verwendet habe. Das ist zutreffend, nur hat Bourdieu, wie Büschel anmerkt, die erstellten Protokolle noch nicht einmal ausgewertet, geschweige denn in seine ethnologischen Studien einfließen lassen. Allem Anschein nach hat Büschel in Bourdieus umfangreichen Algerienschriften keine einzige Belegstelle gefunden, die sich darauf bezieht. Im Fall Foucaults kommen eigentümliche argumentative Volten auf der Grundlage einer schiefen Chronologie hinzu. Dass Foucault im Rahmen seiner psychiatrischen und klinischen Ausbildung mit diversen Diagnoseinstrumenten Bekanntschaft machte, versteht sich von selbst. Ebenso wenig überrascht, dass er und seine Kommilitonen die Rorschach-Tafeln aneinander ausprobierten. Bekannt ist auch, dass Foucault Anfang der 1950er-Jahre den Schweizer Psychoanalytiker Ludwig Binswanger, einen entschiedenen Verfechter des Tests, besuchte und dessen Werk einen umfangreichen Text widmete. Spuren eines Foucaultschen Rorschach-Interesses hat Büschel indes weder in diesem noch in irgendeinem anderen Text gefunden. Er stützt sich lediglich auf eine knappe Bemerkung in Didier Eribons Biografie, der zufolge Foucault in seinen Vorlesungen in Tunis (1966) Verfahren der Psychiatrie, Psychologie und Psychoanalyse thematisiert und dabei über den Rorschach-Test gesprochen habe. Das ist aber etwas anderes als der Einsatz der Tafeln bei „primitiven“ Völkern. Die Behauptung, Foucault habe erst nach seiner Rückkehr aus Tunesien (im Herbst 1968) angefangen, seine Beschäftigung mit der Psychologie wissens- und machtkritisch zu rahmen, überzeugt in diesem Zusammenhang in keiner Weise. Von einer „regelrecht gralshafte[n] Verehrung der Psychoanalyse und ihrer epistemischen Verfahren, wie dem Einsatz des Rorschach-Tests“ bei Foucault, die sich „auch im Hinblick auf seine späteren explizit kritisch gegenüber der Macht in den Wissensformationen und Institutionalisierungen der Psychiatrie angelegten Schriften nur schwer nachvollziehen“ lasse (S. 90), kann kaum die Rede sein. Büschel will sie mit Verweis auf Foucaults Vorlesung zur „Macht der Psychiatrie“ am Collège de France (1973/74) und auf die große Studie „Wahnsinn und Gesellschaft“ belegen, die allerdings bereits 1961 erschien.

Abgesehen vom Wunsch nach ersatzloser Streichung der genannten zwei Kapitel, der sich mir bei der Lektüre einstellte, legt Büschel aber einen anregenden Essay vor. Gerade weil er überraschende Fundstücke präsentiert und vorsichtig in seinen interpretatorischen Rahmen einfügt, lädt er zum Weiterdenken ein und wirft Fragen einer breiteren Kontextualisierung auf. Büschels Vorgehen, verschiedene Formen der Wissensproduktion über das „Seelenleben der Anderen“ nebeneinander zu stellen, ist aufschlussreich, zeigt aber auch Grenzen auf. Ein entscheidender Punkt scheint mir die notwendige Differenzierung unterschiedlicher Wissenskulturen zu sein. Es bestand unverkennbar ein Unterschied zwischen ethnologischer und psychoanalytisch-psychiatrischer Verwendung des Rorschach-Tests. Die Ethnologinnen und Ethnologen, die Büschel diskutiert, waren methodisch zwar experimentierfreudig, legten den Test aber oftmals schnell zu den Akten. Es waren Psychiater und Psychoanalytikerinnen, die die Tafeln mit großer Euphorie nach Afrika trugen, um dann angesichts zahlreicher Schwierigkeiten erklären zu müssen, warum der Test trotz alledem funktionierte. Insofern ist Büschels Essay ein Lehrstück über die Selbstimmunisierung in Psychiatrie und Psychoanalyse. Bereits Hermann Rorschach war davon ausgegangen, dass sich „gesunde“ Versuchspersonen dem Test aufmerksam und interessiert unterziehen würden und Verweigerung „ein deutliches Anzeichen für eine manifeste und ernstzunehmende Neurose“ wäre (S. 31). Ganz auf dieser Linie deutete Goldy Parin-Matthèy die eigensinnigen Reaktionen ihrer westafrikanischen Versuchspersonen. Sie berichtete von Kommentaren wie diesem: „Das sind Flecken. Wir kennen so etwas nicht. Wenn ein Fremder unsere Masken sieht, wird er auch nicht wissen, was sie darstellen.“ (S. 127)

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Torsten Kahlert.

Kategorien: Anthropologie / Ethnologie Geschichte der Sozialwissenschaften Methoden / Forschung Psychologie / Psychoanalyse Wissenschaft

Timo Luks

Dr. Timo Luks ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Arbeitsbereich Neuere Geschichte des Historischen Instituts der Justus-Liebig-Universität Gießen. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Theorie und Geschichte des Kapitalismus sowie die Geschichte der Anthopologie und der Ethnologie.

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