Zeitschrift | Ausgabe
Berliner Journal für Soziologie 33 (2023), 1-2
Immer Ärger mit dem Kategorisieren: Eine heikle Debatte im Berliner Journal für Soziologie
„Lebendige“, klagt Rilke in der ersten Duineser Elegie (1953, S. 229), „machen alle den Fehler, daß sie zu stark unterscheiden.“ Diese ursoziologische Klage ist auf irdische Verhältnisse im Allgemeinen gemünzt; doch suchte man ein Beispiel einer besonders verzichtbaren, ja verhängnisvollen Unterscheidung, wäre die Differenzierung verschiedener „Rassen“ eine naheliegende Wahl. Das ist das Thema von Loïc Wacquant: „Immer Ärger mit ‚Race‘. Eine Agenda für den Umgang mit einer heiklen Kategorie“ heißt sein Beitrag, der die vorliegende Ausgabe des Berliner Journals eröffnet.
Der heikle Charakter von Wacquants eigenem Unterfangen zeigt sich dabei schon in der Übersetzung der Überschrift dieses im Original unter dem Titel „Resolving the trouble with ‚race‘“ im US-amerikanischen New Left Review erschienenen Textes (Wacquant 2022). Im Sinne eines verantwortungsbewussten Sprachgebrauchs haben wir nicht nur die wörtliche Übersetzung des Titels vermieden, sondern auf die Übersetzung des zentralen Begriffs gleich ganz verzichtet.
Jedoch hat auch die gefundene Form ihren Preis. Die Entscheidung für „Race“ statt „Rasse“ verweist auf die gesellschaftliche Problematik in den Vereinigten Staaten und die dortige Debatte, wie sie jüngst im Anschluss an die „Black Lives Matter“-Bewegung mit neuer Vitalität geführt wurde. Doch diese Diskussion lässt sich, wie Wacquant selbst immer wieder erklärt, nicht ohne Weiteres in den hiesigen Raum übertragen. Das umso mehr, als das Sprechen von „Rassen“ – und glücklicherweise, muss man doch sagen! – aus dem deutschen wissenschaftlichen Sprachgebrauch weitgehend verschwunden ist. Warum also dieses Fass – oder gar: diese Büchse der Pandora – wieder aufmachen?
Zumal überhaupt: Hat sich nicht gerade am Fall des Rassebegriffs eindrücklich gezeigt, dass biologisierte Unterscheidungen in die Irre führen und in der Soziologie nichts zu suchen haben? Sollten wir nicht inzwischen gelernt haben, dass die Natur keine klaren Unterscheidungen kennt, allenfalls Übergänge? Müsste man nicht mit Brecht (gemäß den ursprünglich unter dem Titel „An die Menschenfresser“ erschienenen Versen, 1993, S. 256) konstatieren: „Zwischen Lehm und Schmirgel einen/Scharfen Unterschied finden/Das geziemt sich nicht./Ach/Wer von einem Sternenhimmel eine Vorstellung hat/Der/Könnte eigentlich sein Maul halten“?
Es ist uns kein Anliegen, dem Rassebegriff ein zweites Leben zu verschaffen. Aber das ist auch nicht Wacquants Ziel. Ihm geht es gerade darum, „Race“ als analytische Kategorie zu verabschieden – jedoch ohne gegenüber dem gesellschaftlich wirksamen Einsatz rassi(sti)scher Unterscheidungen mit leeren Händen dazustehen.
Das bedeutet zugleich, dass die von Wacquant angestoßene Diskussion über die „heikle Kategorie Race“ gewiss nicht ohne Belang ist für diesseits des Atlantiks diskutierte Fragen. Natürlich gibt es auch hier Rassismus, natürlich ist die stratifizierende Unterscheidung von Gruppen von Menschen, die zurückgeführt wird auf vermeintlich natürliche Merkmale, nach wie vor ein gesellschaftliches Problem – und natürlich sind auch die Grenzziehungen der Vergangenheit präsent; sie wirken nach und erfordern zu ihrem Verständnis ein einsatzfähiges sozialwissenschaftliches Arsenal. All das ruft nach konzeptueller Arbeit: Wir müssen verstehen, was passiert, wenn rassistisch argumentiert und gehandelt wird. Vor diesem Hintergrund ist „Maul halten“ keine überzeugende Option.
Aus dem Editorial, S. 1–7
Immer Ärger mit dem Kategorisieren: Eine heikle Debatte im Berliner Journal für Soziologie
Zu Loïc Wacquants „Immer Ärger mit ‚Race‘. Eine Agenda für den Umgang mit einer heiklen Kategorie“. Eine Debatte im Berliner Journal für Soziologie
Benjamin Seyd, Hartmut Rosa
S. 1–7
Immer Ärger mit „Race“. Eine Agenda für den Umgang mit einer heiklen Kategorie
Loïc Wacquant
S. 9–32
Über die Einhegung von Race in Ethnizität. Eine feministische Intervention
Zu Loïc Wacquants „Immer Ärger mit ‚Race‘. Eine Agenda für den Umgang mit einer heiklen Kategorie“. Eine Debatte im Berliner Journal für Soziologie
Martina Löw
S- 33–42
Unruhe bewahren. Eine unordentliche Antwort auf Loïc Wacquants Plädoyer für eine Diskurskorrektur
Zu Loïc Wacquants „Immer Ärger mit ‚Race‘. Eine Agenda für den Umgang mit einer heiklen Kategorie“. Eine Debatte im Berliner Journal für Soziologie
María do Mar Castro Varela
S. 43–55
Ein Plädoyer für eine genetische Soziologie ethnorassischer Herrschaft. Eine Antwort auf meine deutschen Kritikerinnen
Zu Loïc Wacquants „Immer Ärger mit ‚Race‘. Eine Agenda für den Umgang mit einer heiklen Kategorie“. Eine Debatte im Berliner Journal für Soziologie
Loïc Wacquant
S. 57–67
„Eigentlich war es immer sonnenklar.“ Zur Invisibilisierung von formaler Organisation in Bewertungspraktiken
Gabriele Wagner, Juan S. Guse, Monika Hasenbruch
S. 69–97
Ungleicher Besitz. Perspektiven einer klassensoziologischen Untersuchung von Vermögen
Nora Waitkus
S. 99–135
„Ablehnungen gehören halt zum Geschäft.“ Lernprozesse in wissenschaftlichen Drittmittelbiografien
Kathia Serrano Velarde, Kai Behrendt, Patrik Dahl
S. 137–162
Resilient und überstabil. Zur Krisenfestigkeit der Europäischen Union
Stefan Immerfall
S. 163–181
Preis der Fritz Thyssen Stiftung für sozialwissenschaftliche Aufsätze, Zeitschriftenjahrgang 2021
S. 183–184
Schader-Preis 2023 für Steffen Mau
S. 185–186
Erratum zu: „Ablehnungen gehören halt zum Geschäft.“ Lernprozesse in wissenschaftlichen Drittmittelbiografien
Kathia Serrano Velarde, Kai Behrendt, Patrik Dahl
S. 187–188