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Berliner Journal für Soziologie 33 (2023), 3

Soziologische Theorie der Digitalisierung

„I have examined numerous books with terms like computer revolution or information revolution in their titles. Remarkably, none of these books carefully characterizes computer revolutions analytically or behaviorally. They do not explain how we would know one when we saw it. They usually refer to the pervasiveness of computer systems in social life and suggest that when powerful technologies become commonplace, social life must be altered. I do not mean that a case could not be made. But to my knowledge, no one has tried to make a careful case – indicating what kinds of social relations have been transformed, at what level of social activity, under what conditions, and what has not changed.“ (Kling 1991, S. 346 f., Hervorh. i. Orig.)

Die gesellschaftliche Verhandlung der Digitalisierung ist seit Jahrzehnten geprägt von sich abwechselnden Wellen technologischen Überschwangs und Tälern der Enttäuschung und Düsterkeit, oder: Sommern und Wintern. Auf die frühen Heilsversprechen der Kybernetik (Wiener 1948) folgten Arbeitsplatzvernichtungsängste und Rationalisierungs- und Technokratiekritik (Ellul 1964; von Berg et al. 1972; Steinmüller 1979, 1981), und auf diese dann neue Emanzipationsversprechen (Barlow 1996; Castells 1996, 1997, 1998; Lessig 1999; Benkler 2006), die nicht von einer Schwächung, sondern ganz im Gegenteil von einer Stärkung des individuellen Subjekts ausgingen (Dickel und Schrape 2015). Erst die sich (wieder) intensivierende Diskussion um „Big Data“ und „Algorithmen“ lenkte den Fokus im Laufe des vergangenen Jahrzehnts erneut mehr auf negativ verstandene Aspekte der Digitalisierung (Mau 2017; Seyfert und Roberge 2017; Welzer 2017). Das Digitale und seine Technologien, so die eher düsteren Prognosen dieser Diskursgeneration, führten wahlweise in ein digitales oder generalisiertes Panoptikum (Han 2015; Lindemann 2014), ein digitales Gehäuse der Hörigkeit (Mau 2017), eine smarte Diktatur (Welzer 2017), die digitale Entmündigung (Mühlhoff 2018), die Ausbeutung 4.0 (Greffrath 2021), die kybernetische Proletarisierung (Schaupp 2021), das Lumpenscoretariat (Fourcade 2022), in den Digitalen (Staab 2019) oder in den Überwachungskapitalismus, der unser Menschsein aufs Spiel setzt (Zuboff 2018). Nicht selten nehmen diese Zeitdiagnosen Bezug auf Trends, Hypes und Buzzwords, etwa „Uberisierung“, die oft genauso schnell vergehen wie sie entstanden – eine Eigenschaft, die sie mit den „Buzzword & Society“-Namen von Zeitschriften, aber auch mit denen vieler Forschungsinstitute teilen. Nur wenige sehen der digitalen Zukunft noch explizit optimistisch entgegen (eine Ausnahme: Mason 2016).

Mittlerweile ist unübersehbar, dass digitale Technologien zur allgegenwärtigen Infrastruktur der Gesellschaft selbst geworden sind (Fiedler 1975; Star 1999). Die Kontrollfunktionen von „Algorithmen“ lenken den Blick auf die technischen Verfahren, die Information und Partizipation gleichermaßen kanalisieren und konditionieren (Grimmer 1974; Esposito 2017), damit vielfältige Prozesse und Praktiken unseres Alltagslebens formen und eine kulturformende Wirkmacht erlangt haben (Seyfert und Roberge 2017). „Daten“ sind nicht nur das „neue Öl“ (Houben und Prietl 2018), sie „verdoppeln“ – eigentlich: multiplizieren – die Welt (van Dijck 2014; Kitchin 2014; Süssenguth 2015; Nassehi 2019), sind aber zugleich überschießend (Baecker 2019) und hoch selektiv (Boyd und Crawford 2012), schaffen ganz eigene „Nexistenzen“ (Lindemann 2015), verändern die Qualität von Normen (Barth et al. 2023 in diesem Heft) und generieren „digitale Praktiken“ (Schäfer 2021) mit erheblichen sozialen Folgen, etwa mit Blick auf soziale Ungleichheit (Mau 2023 in diesem Heft). „Interfaces“ lassen bislang klare Grenzen zwischen Mensch und Maschine verschwimmen und erwecken den Eindruck von Symmetrien zwischen beiden (Lipp und Dickel 2022; Dickel 2023 in diesem Heft). Längst ist am Rande der Soziologie der Ruf zu vernehmen, es gelte theoriesystematisch zu einem Denken in (techno-)ökologischen Zusammenhängen zu gelangen (Block und Dickel 2020), um dem Eingebettetsein gegenwärtiger Subjektivitäten in eine umfassend digital-technologisch überformte Umwelt sozialtheoretisch genügen zu können (Hörl 2011, 2016).

Wie auch immer die nahe und ferne digitalisierte Zukunft aussehen mag, es ist kaum daran zu zweifeln, dass sie in eine „nächste Gesellschaft“ (Baecker 2007) führt, die von einer weiteren rapiden Zunahme digital verarbeiteter Daten geprägt sein wird, sondern auch von Maschinen, die diese Daten speichern, sortieren, auswerten und weiterverarbeiten. Bereits der gegenwärtige Einfluss der Digitalisierung auf Vergesellschaftungsformen liegt kaum mehr im Bereich des Marginalen, im Gegenteil wird ihm das Potenzial zu einer epochalen Transformation bescheinigt, die in Ausmaß und Reichweite mit der industriellen Revolution vergleichbar ist (Bunz 2012; Zuboff 2018). Andere wiederum sehen in der Durchsetzungskraft digitaler Prozesse den Beweis dafür, dass die Moderne eigentlich schon immer digital gewesen sei (Nassehi 2019). Dementsprechend sind digitale Prozesse, Akteur-Technik-Interaktionen sowie digitale Technologien in den Fokus verschiedener soziologischer Teilbereiche und Perspektiven gerückt. Während Techniksoziologie, Mediensoziologie und Kultursoziologie insbesondere die durch digitale Technologien generell sich wandelnden und möglich gewordenen neuen Weltzugänge erschließen, versuchen bspw. Arbeits- und Organisationssoziologie, Rechtssoziologie und Bildungssoziologie die Folgen der Implementierung von digitalen Technologien insbesondere für die von ihnen je spezifisch beobachteten gesellschaftlichen Bereiche zu analysieren (Maasen und Passoth 2020).

Aus dem Editorial, S. 189–195 

Digitalisierung als Herausforderung für die soziologische Theorie 
Katharina Block, Jörg Pohle
Editorial, S. 189–195 

Der kybernetische Blick und seine Grenzen. Zur systemtheoretischen Selbstbeschreibung der digitalen Gesellschaft 
Sascha Dickel
S. 197–226 

Das Verhältnis von sozialen und technischen Normen – Zur Frage, ob die Digitalisierung gesellschaftstransformatives Potenzial besitzt 
Jonas Barth, Katharina Block, Johanna Fröhlich
S. 227–253 

Digitale Scorings als Statusmarker. Eine ungleichheitssoziologische Annäherung 
Steffen Mau
S. 255–287 

Nachhaltige Digitalisierung. Gesellschaftliche Transformation, autonome Materialität und der Fall des Digital Farming
Anna Henkel
S. 289–318 

Endlose Theorie: Zu ihrer Relevanz im Kontext von Big Data
Jan Tobias Fuhrmann
S. 319–350 

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