Zeitschrift | Ausgabe
Berliner Journal für Soziologie 33 (2023), 4
Die Krisenkaskaden überlagern sich gegenwärtig in einem Maße, dass das gestern Dringliche schon heute fast vergessen wird. Selbst der größte europäische Krieg seit 1945 und die erste globale Pandemie des Jahrhunderts produzieren mittlerweile großenteils Nachrichten für die zweite Reihe. Seit dem Terroranschlag der Hamas vom 7. Oktober muss befürchtet werden, dass die politische Weltlage ganz außer Kontrolle gerät. Von einer verzwickten Situation zu sprechen, wäre eine maßlose Untertreibung. Mit Adam Tooze (2022) scheint der mittlerweile vieldiskutierte Begriff der „Polykrise“ treffender: Wir befinden uns in einer „Situation, in der das Ganze gefährlicher ist als die Summe seiner Teile“. Die jetzige Problemkonstellation hat demzufolge „Gestaltqualität“, insofern sie sich nur durch die Wechselwirkung der einzelnen Krisen erklären lässt. Wir haben es also nicht mit einem Nebeneinander zu tun, sondern mit einer Ganzheit: Alles hängt mit allem zusammen, schon weil sich (fast) alle in Echtzeit über (fast) alles informieren und darauf reagieren können. Das erzeugt ein Übermaß an Komplexität, und darin liegt Tooze zufolge eben die Gefahr begründet.
Wo es noch mehr Komplexität als ehedem gibt, werden soziologische Syntheseleistungen schwieriger als ohnehin schon. Das gilt vor allem für das sozialwissenschaftliche Schreiben: Argumentationsführungen sind nicht unendlich verkomplizierbar, sondern immer gebunden an die lineare Form der Sprache und die fachtypischen Erwartungen an Begründung und Beleg. Zwar kann ein „big picture“, wie aktuell zu sehen (Mau et al. 2023), im binnengesellschaftlichen Rahmen noch gelingen, zumal auf der Basis eigener Erhebungen. In vielen Zusammenhängen ist diese Selbstbegrenzung jedoch kaum operabel, vor allem wenn es an die qualitative Forschung geht. So sind bei einem Waldbrand oder einer Inflation hochkomplexe Kausalketten am Werke, die sich nur indirekt auf einzelne Handlungen attribuieren lassen – was bekanntlich nicht heißt, dass es nicht dauernd versucht wird. Soziologisch beschreiben lassen sich daher meist weniger die Kausalketten selbst in ihrer latenten Anonymität (Keller 2021), als vielmehr die Urteile und Reaktionen, die sie mittelbar hervorrufen. Und weil diese zum Großteil auf stark selektiven Informationslagen und überhaupt auf „situated knowledge“ (Haraway 1988) beruhen, erreicht die Polykrise die Soziologie häufig nur im Spiegel hochgradig inkohärenter und vorurteilsbehafteter Meinungsbilder und Präferenzkonstellationen. Das schmälert indes nicht ihren Wert, im Gegenteil: Synthesen sind überschätzt, das Gesamtbild ergibt sich indirekt durch die Versammlung des Verschiedenen. Dies beweist, wie wir meinen, auch das vorliegende Heft.
(Aus: Editorial: Soziologie in der Polikrise, S. 351–352)
INHALT
Editorial
Soziologie in Zeiten der Polykrise
Andreas Häckermann, Frank Ettrich
Seiten 351 - 355
Artikel
Produktivistische Ökologie: Der Energiebegriff der klassischen Moderne und seine Implikationen für eine kritische Soziologie
Daniela Russ
Seiten 357 - 385
Die voreingenommene Deutung des Unbekannten. Das Nichtwissensregime der Pandemieberatung und der Ausschluss der Sozialwissenschaften
Jörn Knobloch
Seiten 387 - 421
Die Milieukoalition des Rechtspopulismus. Kombinationen politischer Einstellungen innerhalb des potenziellen Elektorats der AfD
Florian Buchmayr
Seiten 423 - 451
Technologieversprechen Künstliche Intelligenz. Vergangene und gegenwärtige Konjunkturen in der Bundesrepublik
Hartmut Hirsch-Kreinsen, Thorben Krokowski
Seiten 453 - 484
Die gesellschaftliche Einbettung der Klimastreiks. Zur Vermessung der deutschen Klimaschutzbewegungsindustrien
Thomas Laux
Seiten 485 - 507
Mitteilungen
Preis der Fritz Thyssen Stiftung für sozialwissenschaftliche Aufsätze, Zeitschriftenjahrgang 2022
Seiten 509 - 510
Publisher Erratum: Die voreingenommene Deutung des Unbekannten. Das Nichtwissensregime der Pandemieberatung und der Ausschluss der Sozialwissenschaften
Jörn Knobloch
Seiten 511 - 512
Erratum zu: Die Milieukoalition des Rechtspopulismus. Kombinationen politischer Einstellungen innerhalb des potenziellen Elektorats der AfD
Florian Buchmayr
Seiten 513 - 514