Zeitschrift | Ausgabe
Berliner Journal für Soziologie 34 (2024), 1
Die „Kunst der Zuspitzung“ und die Soziologie in der Krise
Die „Kunst der Zuspitzung“, die der politische Intellektuelle und einstige Generalsekretär der SPD Peter Glotz vor langer Zeit als Voraussetzung dafür in die politische Kommunikation einbrachte, öffentliche Debatten hegemonial zu beeinflussen und politische Wahlen zu gewinnen, macht auch vor wissenschaftlichen Diskussionen nicht halt. Seit Glotz’ Zeiten ist die „Interpenetration“ von Politik und Wissenschaft unvergleichlich weiter fortgeschritten. Die Rede von der „Polykrise“, auf die auch wir uns bezogen haben (Häckermann und Ettrich 2023), ist zweifellos eine Zuspitzung, deren Sinn eben darin besteht, zeitdiagnostisch auf die Tatsache zu verweisen, dass man die vielfachen und sich vor unseren Augen offenbar vervielfachenden Krisenprozesse und Phänomene mit Adam Tooze als eine Situation deuten kann, „in der das Ganze gefährlicher ist als die Summe seiner Teile“. In dieser Zeitdiagnose verdichten sich ein Risikobewusstsein und sicher auch kollektive Ängste, die hoffentlich das „Geschäft“ wissenschaftlichen Arbeitens (und Publizierens) für die relevanten Herausforderungen der Gegenwart zu sensibilisieren helfen! Als ein Publikationsorgan einer wissenschaftlichen Disziplin in ihrer Breite muss man sich dabei allerdings bewusst bleiben, dass „das Ganze“ disziplinär verfasster Wissenschaft nicht oder eben nur als zeitdiagnostischer Überschuss zugänglich ist. Nur als historische Reminiszenz sei an eine (weitestgehend) extinkte ideologisch-wissenschaftliche Formation erinnert, die das zweifellos krisengeschüttelte 20. Jahrhundert in allen seinen verzweigten Facetten monoton durch die Brille des Theorems der „Allgemeinen Krise des Kapitalismus“ betrachtete und so nicht nur falsche Zukunftsprognosen produzierte, sondern – sicherlich schwerwiegender – in ihrer „Policy“-Dimension, als Theorie einer Praxis, verheerende Handlungsempfehlungen für wissenschafts- oder besser theoriegläubige politische Akteure abgab.
Dass „das Ganze“, darunter die gestaltete und gestaltbare Zukunft, nicht Objekt disziplinärer Wissenschaft sein kann oder sein sollte, dies ist noch immer eine aktuelle Dimension des heute wohl zunehmend als veraltet angesehenen Postulats der Werturteilsfreiheit Max Webers. Webers Lebenszeit ließe sich ohne Mühe als „Polykrise“ charakterisieren: forcierter sozial entwurzelnder industriekapitalistischer Wandel, ökonomische Krisen, Weltkrieg, imperiale Zusammenbrüche, überforderte politische Eliten, Pandemie der Spanischen Grippe usw. usf. Doch wäre es ihm mit der Forderung nach Werturteilsenthaltung nur darum gegangen, den Elfenbeinturm groß- und bildungspolitischer männlicher Wissenschaft zu immunisieren, wäre der Kern seiner wissenschaftspolitischen Aktivitäten – die Etablierung einer Sozialwissenschaft, der in einer sich um ihn herum neuformierenden Akteurskonstellation von Zivilgesellschaft, Politik und Wissenschaft eine genuine und unverzichtbare Funktion zukommen konnte – wohl schon längst vergessen. Aber die Polykrise oder „multiple Krise“, in die Webers Lebenszeit fiel, war eben auch schon eine frühe Form dessen, was aktuell – vor allem, aber keinesfalls ausschließlich im Nachgang und Nachklang der „Coronakrise“ – wieder verstärkt als Krise der Expertise thematisiert wird.
Gil Eyal verdanken wir eine der instruktivsten und nachdenklichsten Analysen der Krise der Expertise in der jüngsten Zeit (die vor allem auf die Rolle von Risikoexpertisen abzielt; Eyal 2021). Im Anschluss an Anthony Giddens und Ulrich Beck diskutiert der New Yorker Soziologe vor allem vier Aspekte des Phänomens. Zum einen könne es eben keine Risikoexpert*innen geben, weil es in den unzähligen wissenschaftlichen Subdiziplinen bereits „zu viele Risikoexpertinnen und -experten gibt“ (ebd., S. 160). Und dies gilt nicht nur für Virologen, Immunologen und Epidemiologen. Zum anderen könne es keine Risikoexpert*innen geben, „weil es niemanden gibt, der in Bezug auf das jeweilige Problem über Expertise verfügt“ (ebd., S. 164). Dies ist, drittens, der Tatsache geschuldet, dass Konzepte wie „Risiko“ oder „Gefährdungen“, aber eben auch „Katastrophen“ entdifferenzierende Konzepte sind, „die die stabilen Grenzen zwischen Disziplinen und Berufen“ überschreiten, „letztlich und insbesondere die Grenzen zwischen Experten und Laien“ (ebd., S. 42). Schließlich, und darin sieht Eyal den hervorstechenden Zug der Krise von Expertise, der Unmöglichkeit von Risikoexpert*innen, handele es sich bei Risikoanalysen „um als Zahlen getarnte Ethik und Politik“ (ebd., S. 179).
Ulrich Beck sah 1986 die von ihm gezeichneten Konturen einer Risikogesellschaft als einen (möglichen) Weg vor allem westlicher Industriegesellschaften (durchaus schon in weltgesellschaftlicher Perspektive) „in eine andere Moderne“; Gil Eyal sieht 40 Jahre nach Becks paradigmatischer Zeitdiagnose die globale Risikogesellschaft unhinterfragt als gegeben an. Die Risikogesellschaft, so hatte Beck etwas präsentistisch 1986 postuliert, „ist eine katastrophale Gesellschaft. In ihr droht der Ausnahmezustand zum Normalzustand zu werden“ (Beck 2003, S. 31). Eyal stützt sich in seiner Erörterung der gegenwärtigen Krise der Expertise auf Becks 1986 noch visionäre Beschreibung „des heraufziehenden Zeitalters einer wissenschaftsabhängigen und wissenschaftskritischen Risikogesellschaft“ (ebd., S. 279). Beide halten an der andauernden Aktualität von Webers Problem des sich kontinuierenden Zwangs der Grenzziehung von (disziplinärer) Wissenschaft, Politik und Ethik fest. Das schillerndste und provokanteste Statement hierzu hat Ulrich Beck an gleicher Stelle abgegeben: Unter den Bedingungen reflexiver Verwissenschaftlichung „gewinnt die Forderung nach ‚Wertfreiheit‘ im Sinne von Unabhängigkeit der wissenschaftlichen Analyse tatsächlich einen neuen, geradezu revolutionären Gehalt. Vielleicht würde Max Weber, der immer auch um den latenten politischen Gehalt der Sachwissenschaft wußte, heute für diese Interpretation einer nichttabukonformen Sachanalyse von Risiken eintreten, die gerade aus ihrer engagierten, wertbewußten Sachlichkeit ihre politische Stoßkraft gewinnt“ (ebd., S. 283 f.).
Die vier Abhandlungen des vorliegenden Heftes 1/2024, mit dem das Berliner Journal für Soziologie seinen 34. Jahrgang eröffnet, sind allesamt soziologische Fachanalysen, die in ihrer „wertbewußten Sachlichkeit“ auf wichtige Dimensionen des gegenwärtigen Krisenbewusstseins und Krisendiskurses verweisen, ohne die tatsächliche Komplexität des realen Geschehens „da draußen“ vorschnell auf einen Nenner bringen zu wollen. Den Auftakt bildet eine Studie der Jenaer Arbeits‑, Industrie- und Wirtschaftssoziologie um Klaus Dörre, die sich schon seit Längerem den Herausforderungen, Konflikten und Chancen einer sozial-ökologischen Transformation von Gegenwartsgesellschaften angesichts der ökologischen Krise zugewandt hat. Der vorliegende Aufsatz basiert auf zwei Prämissen: zum einen der Annahme, dass der anstehende sozial-ökologische Umbau unhintergehbar ist und maßgeblich die Transformation der gegebenen industriegesellschaftlichen Strukturen, also vor allem der realwirtschaftlichen Betriebe und Unternehmen einschließen muß. Und zum anderen der These, dass es sich bei den heutigen Übergangsgesellschaften nach wie vor um Klassengesellschaften handelt, in denen Klassenverhältnisse sich in der Tendenz zur „Monopolisierung der gesellschaftlichen Entwicklung (einschließlich ihrer materiellen und intellektuellen Vorteile) durch einen Teil der Gesellschaft auf Kosten des anderen“ (Marx 1983 [1894], S. 827) manifestieren. Eine gesellschaftliche sozial-ökologische Wende ist so prinzipiell daran geknüpft, für die ökologische und soziale Transformation politische und institutionelle Konfliktlösungsmechanismen zu finden, wie sie der Teilhabekapitalismus des 20. Jahrhunderts vor allem in den zahlreichen Formen des „demokratischen Klassenkampfes“ (Korpi 1983) hervorgebracht hat.
(Aus dem Editorial, S. 1–7)
Die „Kunst der Zuspitzung“ und die Soziologie in der Krise
Frank Ettrich
Editorial, S. 1–7
Klasse gegen Klima? Transformationskonflikte in der Autoindustrie
Klaus Dörre, Steffen Liebig, Johanna Sittel
S. 9–46
Leitunterscheidungen pandemischer Humandifferenzierung. Eine Chronik
Stefan Hirschauer, Clara Terjung
S. 47–75
Logik und Leistungsfähigkeit des Verschwörungsweltbildes
Georg Vobruba
S. 77–102
Verfallende Infrastruktur bei Rekordeinnahmen: Eine Institutionssoziologie bundesdeutscher Haushaltspolitik
Leon Wansleben
S. 103–128
Das „stahlharte Gehäuse“: Zwei Beobachtungen zu Max Webers berühmter Metapher
Daniel Brühlmeier
S. 129–144
Kapitalismus und umkämpfte Öffentlichkeit. Ein Gespräch mit Nancy Fraser
Nancy Fraser, Sebastian Sevignani, Martin Seeliger
S. 145–163