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Berliner Journal für Soziologie 34 (2024), 2
Konflikte, Konflikte, Konflikte
Konflikte sind bekanntlich beinahe überall. Nicht nur ist der Streit, wie wir seit Georg Simmel wissen, mikrosoziologisch betrachtet eine grundlegende soziale Interaktionsform. Auch makrosoziologisch sind Modernisierungsprozesse gewinnbringend mit dem Ausgangspunkt des sozialen Konflikts beschrieben worden. Von der lebensnotwendigen Grundversorgung bis zum Zugang zu tertiärer Bildung haben die modernen Wohlfahrtsgesellschaften des 20. Jahrhunderts demnach ihre prägenden Konflikte, wie insbesondere Ralph Dahrendorf einst festhielt, durch eine Expansion von Anrechten bearbeitet. Der Wohlfahrtsstaat entpolitisierte auf diese Weise große Teile des industriellen Klassenkonflikts. Der soziale Aufstieg in der Generationenfolge wurde durch den Ausbau schulischer und universitärer Bildung befördert. Konflikte dieser Art waren Triebfedern des Fortschritts.
Vieles spricht dafür, dass sich diese Geschichte nicht ohne Weiteres auf die Gegenwart übertragen lässt. Dass etwa der ökologische Konflikt die Lebenswelten der Bürger:innen, vom Mobilitätsverhalten bis zum Heizungskeller, heute direkt und unmittelbar betrifft und dabei nicht selten massiven Widerstand provoziert, scheint den Fortschritt der ökologischen Modernisierung eher zu bremsen als zu beschleunigen. Wie die Kriege in Ost und Nahost dem Fortschritt zuträglich sein sollten, kann man sich ebenfalls kaum vorstellen. Die erste globale Pandemie des 21. Jahrhunderts hat ihrerseits soziale und politische Spaltungen vertieft. Auf einen progressiven Lernprozess, etwa im Sinne einer ereignissensiblen und resilienzstärkenden Erweiterung sozialer Sicherungssysteme, wartet man bisher vergebens.
Man könnte sich Krisentheorien der 1970er-Jahre zuwenden, um eine Erklärung für das neue Gesicht sozialer Konflikte zu suchen. Strukturprobleme des kapitalistischen Staates (Offe 1972) oder Legitimationsprobleme des Spätkapitalismus (Habermas 1973) wurden nach dieser Perspektive letztlich vor allem auf der Basis satter wirtschaftlicher Wachstumsraten, jedoch immer nur temporär befriedet. Soziale Sicherung, neue Chancenstrukturen im Bildungssystem oder neue Rechtsansprüche musste man sich leisten können. Seit der in der unmittelbaren Nachkriegszeit auf Hochtouren laufende Motor wirtschaftlichen Wachstums, ungefähr zeitgleich mit dem Aufkommen der Struktur- und Legitimationsprobleme, ins Stottern geriet, ist es bekanntlich schwieriger geworden, die Geschichte des anrechtsbasierten Fortschritts ungebrochen weiterzuschreiben. Soziale Konflikte kann man heute wieder als Auseinandersetzungen mit offenem Ausgang betrachten. Dabei kommt, in der Linie der Krisentheorien der 70er-Jahre, insbesondere den Konflikten um Wachstumsanteile erhebliche Bedeutung zu – sind sie es doch, in denen sich entscheidet, welches politische System noch über die Kapazitäten verfügen dürfte, soziale Stabilität mit Wertschöpfungsgewinnen zu finanzieren.
(Aus dem Editorial, S. 165–169)
Konflikte, Konflikte, Konflikte
Philipp Staab
Editorial, S. 165–169
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