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Berliner Journal für Soziologie 34 (2024), 3

Pfadabhängigkeiten

Die Konfliktlinien der „Polykrise“ drehen sich um ökologische Transformationskonflikte, Wertschöpfungskonflikte im Zusammenhang mit Digitalisierung oder gesellschaftliche Spaltungen infolge der Pandemie. Und auch Wahlergebnisse, wie jüngst die der Landtagswahlen in Thüringen und Sachsen, bei denen die AfD mit je-weils mehr als 30 Prozent stärkste bzw. zweitstärkste Kraft wurde, werden unter dem Stichwort „Demokratiekrise“ diskutiert. Doch selbst wenn diese Krisen und Konflikte die aktuellen Diskurse dominieren – und dabei den Eindruck erzeugen, dass bestehende Strukturen flächendeckend herausgefordert werden –, steht dies doch im Gegensatz zu vielfältigen soziologischen und historischen Befunden, wonach sich viele Institutionen der Gegenwartsgesellschaften, ihre formalen Strukturen, normativen Grundlagen sowie ihre Machtbasis, keineswegs fundamental verändern. Sondern
vielmehr: einer pfadabhängigen Entwicklung folgen. 

Das Konzept der Pfadabhängigkeit, ursprünglich in den 1980er-Jahren entstanden, etablierte sich zu Beginn der 2000er-Jahre als eins der meistgenutzten Konzepte sozialwissenschaftlicher Forschung, wenn es darum ging, die Beständigkeit von Institutionen zu erklären. Es betont deren Historizität, wobei angenommen wird, dass in der Vergangenheit getroffene Entscheidungen sowie einmal etablierte Denkweisen und Routinen bis in die Gegenwart wirken. Dadurch wird der (Handlungs-)Spielraum für künftige Abweichungen begrenzt. Die Stabilitätsneigung pfadabhängiger Prozesse wird dementsprechend hoch eingeschätzt, die Wahrscheinlichkeit grundlegenden institutionellen Wandels dagegen als gering (Beyer 2005, S. 6). Aufgrund der mannigfaltigen Krisen, die unsere Gesellschaften seither durchlaufen haben, sind solche pfadabhängigen Prozesse mitunter in den Hintergrund getreten. Umso interessanter ist, dass sich die Beiträge in diesem Heft wieder verstärkt dieser Frage der Kontinuität in der Veränderung widmen und untersuchen, inwiefern bekannte Pfade verlassen werden – oder eben nicht.

(Aus dem Editorial, S. 303f.)

INHALT 

Editorial: Pfadabhängigkeiten
Kathrin Leuze
S. 303 - 308 

Eliten der Digitalisierung. Führungswechsel in der deutschen Wirtschaft?
Lion Hubrich, Philipp Staab
S. 309 - 337 

Duale und schulische Berufsausbildungen in Deutschland: Schritte zu einem umfassenden Verständnis von beruflicher Bildung
Jennifer Weitz, Wolfgang Ludwig-Mayerhofer
S. 339 - 375 

Was ist der Gegenstand der Fiskalsoziologie? Ein Plädoyer für die Kategorie des Steuerstaats
Lars Döpking
S. 377 - 401 

Vertraute Lebenswelten der Wissenschaftsskepsis. Die Kritik an der Corona-Impfpflicht als Präludium für den Widerstand gegen interventionistische Nachhaltigkeitspolitik
Michaela Pfadenhauer; Katharina Miko-Schefzig; Cornelia Reiter
S. 403 - 441 

Effektiveres Pandemiemanagement durch sozialwissenschaftliche Politikberatung? Ein kritischer Kommentar zu Jörn Knoblochs Beitrag in Heft 4/2023
Maurizio Bach
S. 443 - 460 

Wer oder was ist ein Feind? Versuch einer Eingrenzung
Rainer Paris
S. 461 - 478 

Preis der Fritz Thyssen Stiftung für sozialwissenschaftliche Aufsätze, Zeitschriftenjahrgang 2023
S. 479 - 480 

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