Zeitschrift | Ausgabe
Mittelweg 36. Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung 35 (2026), 1
Zusammenhalt. Zum Wandel einer Beschwörungsformel
Der gesellschaftliche „Zusammenhalt“ scheint gefährdet wie nie. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass vor seinem Verlust gewarnt oder sein Erhalt gefordert wird. Und je mehr er zu schwinden scheint, desto eindringlicher wird er beschworen. Doch stimmt der Befund und sind die Sorgen berechtigt? Wirft man einen historisch wie soziologisch informierten Blick auf andere zeitliche und räumliche Kontexte, wird schnell deutlich, dass die Rede vom gesellschaftlichen Zusammenhalt und seinem drohenden Verlust nicht nur zahlreiche Vorläufer, Varianten und Ausprägungen kennt, sondern stets auch mit politischen Absichten und Interessen verbunden ist. Diese wie jene nimmt das neue Heft anhand ausgewählter Beispiele in den Blick. Ziel der Beiträge „Zum Wandel einer Beschwörungsformel“ ist es, die gegenwärtigen Debatten durch Historisierung besser zu verstehen.
Eröffnet wird das Heft durch „Einleitende Bemerkungen“ von Zarin Aschrafi und Dirk van Laak, die über Aufgaben und Selbstverständnis des 2020 gegründeten Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ) informieren sowie Überlegungen „Zur Problematisierung des gesellschaftlichen Zusammenhalts“ aus wissenschaftlicher Perspektive formulieren. Anschließend beschreibt Michael Becker unter dem Titel „Ein moderner Mandarin“, wie „Gesellschaftliche Integration, nationale Kontinuität und die Rolle der Intellektuellen bei Helmut Schelsky“ miteinander zusammenhängen und Arbeit wie Selbstverständnis des Nachkriegssoziologen prägten. Um die prekären Erfolgsbedingungen von „Zusammenhaltsbeschwörungen in Zeiten der Polykrise“ geht es im Beitrag von Ariane Leendertz, deren Ausführungen über „Jimmy Carter und die crisis of confidence“ den Kontext der „Malaise“-Rede vom 15. Juni 1979 erhellen – und damit ein klassisches Beispiel der Beschwörung von Vertrauen und Opferbereitschaft angesichts unlösbar scheinender politischer wie wirtschaftlicher Probleme. Was „New Labour und die Herausforderung gesellschaftlichen Zusammenhalts“ miteinander zu tun haben und welche Rolle die Konzepte „Community und Society“ während Tony Blairs Regierungszeit spielten, thematisiert Almuth Ebke. „Betrachtungen zur DDR-Gesellschaft“ steuert Jens Gieseke bei, der zeigt, wie „Zusammenhalt im Staatssozialismus“ als alltägliche Praxis und ideologisches Konstrukt funktionierte. Ein entschiedenes Plädoyer „Wider die Normativität“ und die Überfrachtung politik- und sozialwissenschaftlicher Studien mit wertorientierten Maßstäben hält Philip Manow, der im Gespräch „Über Demokratie, Populismus und Zusammenhalt“ allerdings einräumt, selbst alles andere als neutral zu sein, wenn die Stabilität der Demokratie auf dem Spiel steht.
Zum Ortstermin führt uns Berthold Vogel in „Das ,Haus des Volkes‘ in Probstzella“, das während der Weimarer Republik im Bauhaus-Stil errichtet wurde.
Zarin Aschrafi / Dirk van Laak
Zur Problematisierung des gesellschaftlichen Zusammenhalts (S. 3)
Michael Becker
Ein moderner Mandarin. Gesellschaftliche Integration, nationale Kontinuität und die Rolle der Intellektuellen bei Helmut Schelsky (S. 16)
Ariane Leendertz
Zusammenhaltsbeschwörungen in Zeiten der Polykrise. Jimmy Carter und die crisis of confidence (S. 33)
Almuth Ebke
Community und Society. New Labour und die Herausforderung gesellschaftlichen Zusammenhalts (S. 55)
Jens Gieseke
Zusammenhalte im Staatssozialismus. Betrachtungen zur DDR-Gesellschaft (S. 72)
Wider die Normativität. Über Demokratie, Populismus und Zusammenhalt (S. 93)
Ein Gespräch mit Philip Manow
Berthold Vogel
Ortstermin: Das „Haus des Volkes“ in Probstzella (S. 103)
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