Zeitschrift | Ausgabe
Neue Gesellschaft. Frankfurter Hefte 69 (2023), 4
Spaltungen
Dass die Spaltung sich vertieft ist der gängige Befund: Jung und Alt, Stadt und Land, Arm und Reich. Aber das Thema ist mit der schnellen These von der immer tiefer werdenden Spaltung nicht erledigt, denn es gibt nicht nur die eine, einzige Spaltungslinie. Die Spaltungen sind höchst unterschiedlich. Soziale Politik muss zum Ziel haben, diese zu überwinden, was letztlich bedeutet: das Land zusammenzuhalten.
Die Spaltung vertieft sich, nicht wahr? So ist der gängige Befund. Jung und Alt, Stadt und Land, Arm und Reich: Die Abstände werden größer. Weltweit ohnehin, aber auch in der deutschen Gesellschaft, der doch Durchlässigkeit und Offenheit so wichtig sind. Mehrheitlich jedenfalls, der Rest spaltet sich davon ja ab.
Aber das Thema ist mit der schnellen These von der immer tiefer werdenden Spaltung nicht erledigt. Es beginnt schon damit, dass es nicht nur um eine einzige Spaltungslinie geht. Der Plural im Titel weist das aus. Die Spaltungen sind höchst unterschiedlich. Teils überschneiden oder addieren sie sich, besonders wenn Menschen vielfach benachteiligt werden.
Soziale Politik muss immer das Ziel haben, solcherlei Spaltungen zu überwinden. Das ist schwieriger geworden, je mehr die Gesellschaft sich ausdifferenziert hat. Gleichzeitig ist im Meinungsstreit um die Richtung von Fortschritt Klartext nötig, auch wenn sich dadurch erst recht die Geister scheiden. Aber Streit ist noch nicht Spaltung. Auch Schweigen kann Spaltungen fördern – wenn es zu Nichtstun führt.
In dieser Ausgabe geht es also letztlich um Stil und Inhalt gleichermaßen. Bis hin zu der Frage, ob die verbreitete Spaltungsthese wirklich so pauschal richtig ist. Oder ob sie manchmal nicht sogar zur Schutzbehauptung derer wird, die nur die eigene Sicht der Dinge als diskutabel anerkennen wollen.
Spaltungen überwinden bedeutet jedenfalls, das Land zusammenzuhalten, Menschen nicht schon aufgrund ihrer Ausgangsvoraussetzungen zu benachteiligen. Beteiligung möglich zu machen, dem Gleichheitsprinzip der Demokratie eine bessere Chance zu geben. Letztlich handeln alle Texte im Schwerpunkt (ausgesprochen oder unausgesprochen) immer auch von dieser Herausforderung: Vielfalt im Gemeinsamen zu leben, nicht in Abschottung – und Spaltung.
Das Thema führt ins Grundsätzliche, zumal in Kriegszeiten. Neue Ordnungsprinzipien sind nicht in Sicht, die alten scheinen zu versagen. Die immer perfektere Meinungsmanipulation durch autoritäre Regime, die das Netz kontrollieren, tarnt spalterische Politik als gemeinschaftsstiftend. Der Umwertung der Werte entgegentreten: Auch darum geht es also. Möglichst gemeinsam.
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