Zeitschrift | Ausgabe
Neue Gesellschaft. Frankfurter Hefte 69 (2023), 5
Klima und Klasse
Überfordert konsequenter Klimaschutz finanziell die Menschen, oder sichert letztlich nur er ihren Wohlstand auf Dauer? Klima und Klasse haben wir das Heft genannt, weil damit die soziale Herausforderung auf den Begriff gebracht wird. Egal, ob weltweit gedacht oder europäisch oder national: Nicht die Radikalität der Ziele entscheidet, sondern das Miteinander von Konsequenz und Akzeptanz.
Klimapolitik sei immer auch Sozialpolitik, sagt eine Ministerin im Interview mit dieser Zeitschrift: Wie recht sie doch hat. Weltweit betrachtet, aber auch im kleinen Deutschland. Genau deshalb ist ja das politische Getöse in Berlin so laut, seit es konkret wird mit der Umsetzung der großen Klimaschutzziele, wie sie international in Paris vereinbart wurden.
Überfordert konsequenter Klimaschutz finanziell die Menschen, oder sichert letztlich nur er ihren Wohlstand auf Dauer? Natürlich sind das nur die ganz großen gegensätzlichen Fragestellungen, während die politische Wahrheit immer konkret ist, abzulesen anhand der Tagesnachrichten. Und doch drängt sich da immer wieder ein Zitat des Dramatikers Heiner Müller auf. Jeder habe Recht in einem Drama, hat der einmal gesagt. Sonst wäre es kein Drama.
Noch ist es kein Drama – sondern ein Beispiel dafür, wie mühsam Fortschritt ist, wenn man ernsthaft versucht, gleichzeitig die sozialen Gegensätze nicht zu verschärfen, sondern sie auszugleichen. Kompromisse sind und bleiben der Preis einer breiten Akzeptanz, die es beim Klimaschutz braucht. Nicht faule Kompromisse natürlich. Nicht als Fortschritt getarnter Rückschritt. Aber eben doch eine Politik, die nicht an den Menschen vorbei denkt und plant.
Klima und Klasse haben wir das Heft genannt, weil damit die soziale Herausforderung auf den Begriff gebracht wird. Egal, ob weltweit gedacht oder europäisch oder national: Nicht die Radikalität der Ziele entscheidet, sondern das Miteinander von Konsequenz und Akzeptanz. In dieser Ausgabe finden sich Texte, die dazu kluge Ideen anbieten und Lösungswege diskutieren. Immer in dem Bewusstsein, dass auch soziale Ignoranz letztlich Sozialpolitik wäre – in negativer Hinsicht, Konflikte verschärfend.
In der Summe ergibt sich eine politische Botschaft daraus. Sie lautet: Gerade weil sich die Menschheitsaufgabe Klimapolitik in einer Welt voller sozialer Klassenspaltungen stellt, muss jede erfolgreiche Antwort immer auch eine gerechte sozialpolitische Antwort sein. Wer da Gegensätze aufbaut, wen die sozialen Fragen beim Versuch der Weltenrettung nicht interessieren oder wer den Schutz der Natur hinter Profitdenken zurückstellt, ignoriert die Zusammenhänge. Wie es positiv gehen kann? Bitte hier nachlesen.
INHALT
Klima und Klasse
Gesellschaft vor der Zerreißprobe
Nina Scheer
Vom Ursprung zum Ursprung zurück
Nora Sophie Griefahn, Tim Janßen
Was können wir wissen, was dürfen wir hoffen?
Johano Strasser
Es fehlt die steuerpolitische Flankierung
Brigitte Knopf
Wie wir zu einer nachhaltigen Verkehrspolitik kommen können Mobilitätsgerechtigkeit statt Kulturkampf
Weert Canzler, Reinhard Loske
Abwehr als Problem und Anerkennung als Lösung Die Inkonsequenzen in der Klimakrise
Barbara Strohschein
Ein wichtiger Teil der Lösung
Maira Kusch
Zwischenruf: Reden wir vom Fußabdruck!
Gaby Rotthaus
aktuell.hinterfragt
Das »Wir« der AfD
Johannes Hillje
Spaltungen von rechts
Hajo Funke
Blick von außen
Wohin die Reise gehen soll
Abdourhamane Dicko
Dafür & dagegen
»Sollte die Sterbehilfe in Deutschland weiter liberalisiert werden?«
Kerstin Griese
online/offline
Autonomie und Souveränität im digitalen Zeitalter
Christoph Meinel » Anlesen
Kultur und Kritik
Zwischen Sehnsucht und Realität
Ulrich Baron
Die harte Schale der Einsamkeit
Melanie Katz