Zeitschrift | Ausgabe
Neue Gesellschaft. Frankfurter Hefte 69 (2023), 6
Keine Zeit
Dieses Heft sollte eigentlich nur mit Zeit überschrieben sein. Zeit strukturiert das Leben, treibt an und begrenzt, in der Politik zumal. Dass daraus nun Keine Zeit wurde, war spätestens klar, als die ersten Texte eingingen. Das Problem mit der Zeit ist ihre Knappheit. Zunehmend?
An der Zeit selbst liegt es nicht. Es ist das gesellschaftliche und letztlich hochpolitische Thema, wie wir leben wollen. Die Texte spiegeln das – bis hin zur Überwindung des Zeitlichen via KI. Letzteres, das Gespräch mit einer Verstorbenen, war eigentlich nur ein spielerischer Versuch. Das Ergebnis kann man belanglos finden, aber auch erschütternd.
Nun sind die Maßeinheiten des Zeitlichen ja alles andere als logisch. Wenn die Tage in 20 statt in 24 Stunden aufgeteilt wären, die Stunden in 100 statt in 60 Minuten: Wir hätten deswegen weder mehr noch weniger Zeit. Erstaunlich allerdings, dass sich das gewohnte Zeitmaß überhaupt so ausnahmslos durchgesetzt hat, wie es das bei Maßeinheiten sonst kaum gibt. Also: Da zumindest vereint die Menschheit noch etwas.
Dass Zeit Geld sei, ist eine der zwiespältigen Lebensweisheiten der kapitalistischen Gesellschaften. Dass man Zeit auch stehlen kann, wissen alle. Dass vom täglichen Zeitregime Macht ausgeht, die ausgrenzen und vor allem disziplinieren kann, nehmen viele im Alltag kaum mehr wahr. Aber genau das macht Zeitpolitik so bedeutsam – etwa wenn es um die Arbeitszeiten geht, aktuell um Homeoffice oder Vier-Tage-Woche. Und wenn seit einem Jahr auch noch alle von Zeitenwende reden.
Hilft mehr Zeitsouveränität als Voraussetzung für mehr Gerechtigkeit und Freiheit – und welche sozialen Bedingungen bräuchte sie? In der Keine-Zeit-Gesellschaft geht manches schnell verloren, zumal Menschlichkeit. In Zeitenwende-Zeiten wird aber auch gerne behauptet, jetzt müsse alles anders werden: noch schneller. Oder nur weniger langsam? Seit der Erfindung des Wortes »Deutschlandtempo« jedenfalls geht Keine Zeit für Zeit gar nicht mehr.
Apropos Zeit für Neues: Diese Ausgabe unserer Zeitschrift ist die letzte im alten Gewand. Ab dem Juli/August-Heft wird die Anmutung moderner und vielfältiger, das Schriftbild lesbarer, der Druck durchweg vierfarbig. Fest versprochen: ein wirklicher Fortschritt. Es ist an der Zeit, wir freuen uns drauf.
INHALT
Keine Zeit
Richard Meng
Demokratie unter Druck
Wolfgang Merkel
Zeit im Wandel der Zeiten
Florian Coulmas
Die Kunst innerer Erfrischung
Ariadne von Schirach
Wie lösen wir das Problem des Fachkräftemangels?
Arbeitszeitgestaltung von morgen
Unbehagen im »Freizeitpark«
Björn Gernig
Was Madeleine Albright gesagt haben könnte – ein Gespräch als Versuch
Mehr Zeit durch die Zeitenwende?
Replik: Interview mit einem Geist
Aleksandra Sowa
Welche Zeitprobleme?
Patrick Huttel
Langsamer oder schneller?
Jürgen P. Rinderspacher
Nachschlag: In Resonanz mit der Zeit
Vera Katarzyna Heckelmann
aktuell.hinterfragt
Stunden der Wahrheit
Richard Meng
Wenn Daten das Patriarchat stützen
Alina Kiel
Große Schweiz oder Leader für Europa?
Marcin Antosiewicz
Zeit für Geschichte
Er beschloss, Gerüchten nachzugehen
Gerhard Hofmann
Dafür & dagegen
»Brauchen wir die Regelstudienzeit?«
Paul Seifert, Niels Sperling
Kultur und Kritik
Dialektik der Aufklärung
Thomas Meyer
Vielstimmiges Mosaik
Eugen El
Die Wiederentdeckung der Langsamkeit
Natalie Moser
Fremde Welten
Klaus-Jürgen Scherer