Zeitschrift | Ausgabe

Österreichische Zeitschrift für Soziologie 49 (2024), 2

Soziales Erinnern: Körper, Praktiken und Konflikte

Das Themenheft Soziales Erinnern diskutiert die Relevanz von Körpern und Praktiken für Phänomene des sozialen Erinnerns und beschreibt damit vergangenheitsbezogene Bedingungen der gesellschaftlichen Konstruktion von Wirklichkeit. In der sozialwissenschaftlichen Gedächtnisforschung werden Relationen zwischen Vergangenheit und Gegenwart u. a. sozial-, kultur- und gesellschaftstheoretisch diskutiert (z. B. Hodgkin und Radstone 2005; Tota und Hagen 2016; Lewis et al. 2022). Nach Gerd Sebald et al. (2020, S. 14) manifestieren sich die Konturen und Perspektiven einer Soziologie sozialer Gedächtnisse insbesondere in der Fokussierung auf „zeitliche Bezüge und zeitliche Ordnungsmuster sowie […] Prozesse und Verkettungen des sozialen Wandels und der gesellschaftlichen Transformation(en)“ (vgl. dazu auch Olick und Robbins 1998; Packard 2009; Dimbath et al. 2020). Soziale Abläufe des Erinnerns werden hier nicht als determiniert oder unilinear verstanden, vielmehr steht die Auseinandersetzung mit Kontingenzen, Selektivitäten und Pfaden der Fortsetzungen von Vergangenheitsbezügen im Vordergrund. Soziologisch werden dabei jedoch körperliche und praktische Bedingungen von konflikthaften Erinnerungen und Erinnerungskonflikten kaum erforscht (vgl. etwa Antony et al. 2016; Dimbath et al. 2016; Gukelberger et al. 2023).

Die Beiträge dieses Themenheftes schließen an diese Forschung direkt an und greifen körpersoziologische, interaktionssoziologische, organisationssoziologische und mediensoziologische Ansätze auf, um Praktiken des Erinnerns in ihrem Vollzug zu beobachten und um auf diesen empirischen Beobachtungen aufbauend deren sozial-, kultur- und gesellschaftstheoretischen Relevanzen für gegenwärtige Gesellschaften zu beschreiben. In diesem Sinne verfolgt das Themenheft das Ziel, die Relationen zwischen der Subjektivität und Intersubjektivät des Erinnerns und damit verbunden die sozialen, kulturellen und gesellschaftlichen Bedingtheiten des Erinnerns weitergehend zu bestimmen.

INHALT

Soziales Erinnern: Körper, Praktiken und Konflikte – Eine Einleitung
Christian Meier zu Verl, Sandrine Gukelberger
147 - 154 

Hauptbeiträge

Soziales Erinnern an Inhaftierungen in der DDR: Zeitlichkeit, Zwischenkörperlichkeit und Generalisierung
Olga Galanova
155 - 176 

Institutionelles Erinnern und Alltagserinnern
Hanna Grauert
177 - 200 

Animating memories: revealing the organisation of remembering in interaction at museum exhibits
Lucy Meechan, Dirk vom Lehn
201 - 224  

Körperliches Erinnern im Krisenmodus. Pandemiebedingte Veränderungen im Selbst- und Weltverhältnis junger Erwachsener
Hanna Haag, Sascha Oswald 
225 - 244 

Sozialität, Gedächtnis und Demenz: Eine soziologische Studie zum praktischen Vollzug des Erinnerns
Christian Meier zu Verl
 245 - 267 

Rezensionen

Wiebke Sievers, Rainer Bauböck, Ian Josipovic, Dženeta Karabegović und Kyoko Shinozaki (Hg.) (2022): Jenseits der Migrantologie. Aktuelle Herausforderungen und Perspektiven der Migrationsforschung. Jahrbuch Migrationsforschung 6.
Daniela Gruber
269 - 273 

Katharina Brizić (2022): Der Klang der Ungleichheit. Biografie, Bildung und Zusammenhalt in der vielsprachigen Gesellschaft. Münster, New York: Waxmann
Clara Holzinger
275 - 278 

Fritsche, Andrea (2023): Asyl als Anspruch?: Der Alltag des Rechts und Rechte im Alltag von Asylsuchenden, Bielefeld: transcript Verlag.
Adel-Naim Reyhani
279 - 283 

Andrea Kretschmann (2023): Simulative Souveränität. Eine Soziologie politischer Ordnungsbildung. Konstanz: Konstanz University Press
Linda Nell
285 - 290 

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