Thomas Steinfeld | Rezension |

Das Verlangen nach System

Rezension zu „Marx, Wagner, Nietzsche. Eine Welt im Umbruch“ von Herfried Münkler

Herfried Münkler:
Marx, Wagner, Nietzsche. Welt im Umbruch
Deutschland
Berlin 2021: Rowohlt Berlin Verlag
718 S., 34 EUR
ISBN 978-3-7371-0105-9

Als der Deutsche Bund im Jahr 1866 den zweiten Einigungskrieg gegen Preußen verloren hatte und neben Österreich auch Bayern zu den Verlierern zählte, überlegte König Ludwig II., ob er nicht auf den Thron verzichten und in die Schweiz ziehen solle. Dem Plan widersetzte sich Richard Wagner, zwar kein Politiker, doch einer der nächsten Vertrauten des Monarchen: Nach Nürnberg solle der König vielmehr ziehen, dorthin, wo die „Meistersinger“ spielten. Begleitet und getragen von „deutscher Kunst, deutscher Originalität und Herrlichkeit“ erwarte den „jungen Volksfürsten“ dort, wie Richard Wagner versprach, ein „edleres Los“, als München mit seiner römischen Kamarilla ihm je bieten könne. Richard Wagners Plan war der Versuch einer Aneignung in großem Stil: Der Künstler wollte dem König einen Platz in der Welt zuweisen, mit einer Geste, die sich über jeden Vergleich mit der Wirklichkeit hinwegsetzte und nicht trotz, sondern kraft ihrer fantastischen Qualitäten für real genommen werden wollte.

Der Berliner Politologe Herfried Münkler, eigentlich ein Experte für Fragen der Macht und Staatsräson, darüber hinaus aber auch ein Mann für die Wechselfälle der Wissenschaftspolitik, erzählt diese Geschichte von einem pseudomittelalterlichen Traumreich in einem Buch über das neunzehnte Jahrhundert. Es hat selbst etwas von einer Aneignungsfantasie. Drei Männer, die sich, wie Herfried Münkler meint, je für sich einen „Reim“ auf dieses Säkulum zu machen trachteten, dienen ihm dabei als Portalfiguren auf dem Weg zur Erschließung jener Zeit: Karl Marx, Richard Wagner und Friedrich Nietzsche. Die Frage, warum es ausgerechnet diese drei Gestalten sein sollen, mit deren Hilfe sich ein ganzes Jahrhundert ergreifen lassen soll, hätte eigentlich einer ausführlichen Antwort bedurft. Sie wird im Buch nicht gegeben. Hätten nicht auch Alfred Krupp, Gottfried Hagenbeck und Bertha von Suttner die „Knoten“ liefern können, in denen sich die Geschichte angeblich konzentriert? Oder Robert Koch, Karl May und Otto von Bismarck?

Es ist nicht zu überlesen, dass sich die drei Gestalten gegen ihre Vereinnahmung zum Trio sperren: Marx und Wagner wären „wohl aneinandergeraten, wenn sie miteinander zu tun gehabt hätten“, schreibt Herfried Münkler zum Beispiel, oder „Nietzsche ist einen ganz anderen Weg gegangen als Marx“ (S. 69). „Das ist ein weiterer Punkt, an dem sich Nietzsche von Schopenhauer – und damit auch von Wagner – trennt“ (S. 282), heißt es ferner, ganz so, als wäre die Tatsache, dass es keinen Bezug gibt, der beste Ausweis einer schon vollzogenen Verbindung. Und doch gibt es Motive, mit denen sich jede der drei Gestalten auf ihre Weise beschäftigt, aus denen sich ein Profil des neunzehnten Jahrhunderts entwickeln lässt. Dazu gehören selbst die körperlichen Gebrechen, die Marx am Arbeiten hindern und die Nietzsche in ein rastloses Leben in ungeheizten Hotelzimmern treiben. Auch solche Exkursionen ins schmerzlich Individuelle können prägnant werden: Hatte Karl Marx nicht immer wieder auf seine Gebrechen verwiesen, wenn er zu erklären versuchte, warum er das „Kapital“ nicht abzuschließen vermochte, vieler Versuche zum Trotz? Und war nicht Nietzsches geistiger Zusammenbruch die Folge eines unbedingten Verlangens nach gedanklicher Konsequenz, die sich selbst transzendierte? Worauf sie sich gleichsam selbst zerstörte? Und hat das nicht alles etwas mit Ansprüchen auf Struktur und letzte Geltung zu tun?

Das neunzehnte Jahrhundert, das Säkulum der Wissenschaft, ist auch das Jahrhundert der Systeme, zuerst in der Philosophie, dann in den Naturwissenschaften, schließlich auch in der Kunst (nicht nur im Gesamtkunstwerk, sondern auch etwa in der esoterisch inspirierten Kunst). Es ist das Jahrhundert der Industrialisierung, des Kolonialismus und der Entstehung des bürgerlichen Staates. Es gibt nun aber keine Weltaneignung, nicht im praktischen und erst recht nicht im theoretischen Sinn, die nicht auch systematisch wäre. Schon der Versuch geht einher mit dem Bedürfnis, Ordnung zu stiften, Ableitungen zu schaffen, Ursachen und Gründe zu ermitteln, notwendig sich einstellende Folgen abzusehen. Systematisch waren zwar auch die älteren Zeiten gewesen (man denke nur an Thomas von Aquin), in denen die meisten Menschen der Ordnung auf den Knien begegnet waren. Ausgreifend, offensiv auf Entfaltung der Register und damit Weltbeherrschung ausgerichtet, werden die Systeme hingegen erst mit dem im Übergang zur angewandten Aufklärung: Hegels spekulativer Idealismus duldet keine weißen Flecken auf den Karten der Wissenschaft, und es ist dann Karl Marx, der diesen Anspruch auf eine Welterklärung nach außen wendet, in die Ökonomie und in das praktische Leben. Bei Nietzsche endet dann die Leidenschaft für das System, zum ersten Mal und höchst unvollständig: „Der Wille zum System ist ein Mangel an Rechtschaffenheit“, erklärt er in der „Götzen-Dämmerung“[1]. Damit meint er, dass ein System potentiell über alles und jedes aufklärt, außer über den Grund, warum es in die Welt kam.

In der Einleitung des Buches heißt es, die drei Protagonisten stünden, „in ihrer Zeit wie in unserer Gegenwart“ für „unterschiedliche Blickweisen auf Gesellschaft und Kultur“. „Das macht es so instruktiv und spannend, sie vergleichend zu betrachten.“ (S. 11) Selbstverständlich weiß Herfried Münkler, dass längst nicht alle Unterschiede „spannend“ sind. Außerdem weiß er etliche Geschichten zu erzählen, an denen nur zwei seiner drei Helden beteiligt waren, beim Schuldenmachen zum Beispiel (Nietzsche gab nicht mehr Geld aus, als er hatte). In diesem Fall ist hat die Allerweltsrhetorik allerdings einen vernünftigen Kern: Denn wenn das System der intellektuelle Leitgedanke des neunzehnten Jahrhunderts ist, erweist sich seine tatsächliche Geltung im größtmöglichen Auseinander der Sichtweisen – und an der letztlichen Unentrinnbarkeit des Systematischen. Wobei hinzuzufügen wäre, dass das Personal dieses Buches bei weitem nicht nur die drei Titelhelden umfasst: Napoléon III. und Charles Darwin, Friedrich Engels, Abraham Lincoln, Auguste Comte, Giacomo Meyerbeer und Michail Bakunin, sie alle gehören zur großen Entourage des Systemdenkens. Das große Personal trägt zum Charakter dieses Buches als einer Ideologiegeschichte des neunzehnten Jahrhunderts bei, aber es verstärkt auch den sich gelegentlich beim Lesen einstellenden Eindruck, sich in ein Atelierfest bei Hans Makart verlaufen zu haben.

Herfried Münklers Buch über Marx, Wagner und Nietzsche ist ein Seitenstück zur Geschichte des Denkens in Systemen, und auch wenn der Gegenstand nur selten explizit auftritt, so ist er doch stets gegenwärtig. In einer Danksagung am Ende des Buches berichtet der Autor, er habe zunächst ein Buch über Karl Marx und Richard Wagner schreiben wollen. Spuren dieses Anfangs finden sich noch überall, zum Beispiel in der Anekdote, dass sich Marx und Wagner physisch nie so nahe kamen wie in einer Nacht im August 1876, in der Marx, auf dem Weg zu einer Kur in Karlsbad, ein Hotelzimmer in Nürnberg suchte, aber keines bekam, weil die Besucher der ersten Bayreuther Festspiele (zu denen auch Nietzsche gehörte) alle Betten belegt hatten. Interessanter sind Münklers Beobachtungen zur Revolution des Jahres 1848, die Marx und Wagner auf der Seite der Aufständischen erlebten: Über das Scheitern des Umsturzversuches wurde Marx zum politischen Ökonomen mit Welterklärungsanspruch, Wagner hingegen zum Schöpfer einer „Moralökonomie“ (S. 359), die ihn zum Gesamtkunstwerk trug. Systematiker waren sie beide, auch wenn man Wagners Systematik der Sinnlichkeit kaum als solche erlebt. Wenn Wagner seine Götter auftreten lässt, als wären sie zu Macht und Reichtum gekommenes Lumpenproletariat, dann gibt sich darin eine Wirklichkeit zu erkennen, von der die Kunst sich abwenden soll, und sie tut es umso mehr, je größer die Abstände zu sein scheinen. In solchen Beobachtungen vor allem liegen die beträchtlichen Verdienste dieses Buches.

Von der Erzählung zur Analyse und zurück wechselnd, der ,bricolage‘ des Anekdotischen zuweilen gefährlich nah, scheint Herfried Münkler die Mitte zwischen der Beschwörung von Evidenz und der Entfaltung eines analytischen Gedankens halten zu wollen. So entstehen lichte Momente, aber manchmal auch Unklarheiten. Was bedeutet es, dass jedem der drei Protagonisten ein Redakteur oder Herausgeber gegenübersteht (Friedrich Engels, Cosima Wagner, Elisabeth Förster), der erheblichen Einfluss auf große Teile des Werks nimmt? Was hat es zu sagen, dass sich in Marx und Nietzsche zwei Altphilologen gegenüberstehen, denen sich Wagner als Mythologe einer nordischen Urgeschichte zugesellen lässt? Gewiss, man kann solche Geschichten vortragen, und sie mögen ihren erzählerischen Wert haben. Aber wieviel lässt sich mit ihnen erklären? Es war deswegen ein glücklicher Einfall, eine Geschichte der intellektuellen Weltaneignung im neunzehnten Jahrhundert mit Nietzsche abzuschließen. Fast eine Generation jünger als Wagner und Marx, vollendete sich in ihm das Unternehmen in Gestalt einer antisystematischen Systematik (oder umgekehrt). In der Revolte gegen die Abstraktion in allen ihren Varianten erklärte Nietzsche nicht nur die Wissenschaft zur „Selbstbetäubung“ und den „rauchenden Kopf“ des Gelehrten zum Betrüger an sich selbst. Er nahm vielmehr auch den Idealismus wahr, der Wagner schließlich in den „Parsifal“ trieb, und wenn auch Nietzsches spätere Erklärungen zu Wagner nicht ohne Widersprüche sind, so wird doch deutlich genug, dass sein Widerstand vor allem dem Erlösungsgedanken galt. Davon aber war er selbst nicht frei.

Denn am Ende allen Philosophierens steht bei Nietzsche die Vision eines freien Menschen, eines intelligenten Wesens ohne Abhängigkeiten und Schwächen. „Aber irgendwann, in einer stärkeren Zeit, als diese morsche, selbstzweiflerische Gegenwart ist“, heißt es in der „Genealogie der Moral“ aus dem Jahr 1887, „muss er uns doch kommen, der erlösende Mensch der großen Liebe und Verachtung, der schöpferische Geist.“[2] Selbstverständlich ist diese Hoffnung, so systemfeindlich sie sich geben mag, selbst von einem heftigen Idealismus getragen. Sie zielt selbst auf eine Abstraktion, und jeder Versuch auch nur einer Annäherung an das Ideal müsste strukturierte Formen annehmen. Die großen Systemgebäude des neunzehnten Jahrhunderts, die Hegelsche Philosophie, das „Kapital“ und nicht zuletzt das „Gesamtkunstwerk“ als Alternative zum Leben: Diese Großversuche sind längst historisch geworden und an die Peripherien der öffentlichen Wahrnehmung gerückt. Anders ist es mit der antisystematischen Systematik Nietzsches: An die Selbsterlösung des einzelnen Menschen, vorzugsweise durch das Leben selbst, glauben möglicherweise mehr Menschen als je zuvor. Herfried Münkler nennt dieses Verfahren die „kataklysmische Steigerung des Gedankens, die den nach Gewissheit greifenden Leser gerade durch die wirbelnde Verdichtung dieses Gedankens in neuerliche Ungewissheit stößt“ (S. 621), woraufhin das Verlangen nach System vermutlich wieder neu ansetzt. In der Beschreibung von solchen Kreisbewegungen, in denen Bilder und Gedanken durcheinanderwirbeln, kommt schließlich, anders als das Streben nach Gewissheit, dieses ungewöhnliche Buch zu sich selbst.

  1. Friedrich Nietzsche, Götzen-Dämmerung, Sprüche und Pfeile, Aph. 26. Sämtliche Werke, Kritische Studienausgabe in 15 Bänden (KSA), hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, München 1988, Bd.6, S. 63.
  2. Friedrich Nietzsche, Zur Genealogie der Moral, KSA, Bd. 5, S. 336.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Jens Bisky.

Thomas Steinfeld

Der Publizist Thomas Steinfeld veröffentlichte 2017 „Der Herr der Gespenster. Die Gedanken des Karl Marx“, 2020 erschien „Italien. Porträt eines fremden Landes“.

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