Anne Ulrich | Essay |

Dem Politikbetrieb den Spiegel vorhalten

Eine Analyse satirischer Late-Night-Shows und Serien

Am Abend des 18. September 2025 startete die US-amerikanische Daily Show (Comedy Central, seit 1996) zunächst wie jede andere Ausgabe mit der üblichen Titelsequenz. Nach nur wenigen Sekunden wurde sie jedoch jäh unterbrochen von Fanfarenmusik und patriotisch konnotierten Bildern. Dazu verkündete eine aufgeregte Stimme: „It’s the all-new, government-approved Daily Show with your patriotically-obedient host, Jon Stewart!“[1] Die Studiokulisse war nicht wie üblich einer Kabelnachrichtensendung nachempfunden, sondern dem kitschigen, gold-weißen Interieur des Weißen Hauses. Jon Stewart begrüßte sein Publikum in schwarzem Anzug und roter Krawatte, mit nervösem Blick und unsicherer Gestik zu einer neuen, „regierungskonformen“ Version seiner Show, die bis zum Abspann in einem – freilich ironischen – Modus des Herrscherlobs gehalten war und den Zuschauer:innen vor Augen führte, wie die Zukunft des Late-Night-Fernsehen unter Trump aussehen könnte.

Jon Stewart und seine Kolleg:innen von der Daily Show reagierten damit auf die am Tag zuvor bekannt gegebene Absetzung der Late-Night-Show Jimmy Kimmel Live! durch den US-amerikanischen Fernsehsender ABC (dass diese dann doch nicht abgesetzt werden würde, war zum Zeitpunkt der Ausstrahlung noch nicht abzusehen). Kimmel hatte in der politisch aufgeheizten Stimmung nach dem Attentat auf Charlie Kirk den Zorn der MAGA-Bewegung auf sich gezogen, indem er sie in seinem Eröffnungsmonolog am 15. September dafür kritisierte, aus dem Attentat politisches Kapital zu schlagen anstatt zu trauern.[2] Als besonders prominenter Sprecher des konservativen Lagers tat sich Brendan Carr, Chef der US-Medienaufsichtsbehörde FCC, hervor. In einem Podcast verurteilte er Kimmels Auftritt aufs Schärfste und forderte ABC indirekt dazu auf, für Kimmels Absetzung zu sorgen, andernfalls müsse die Medienaufsichtsbehörde aktiv werden.[3] Nur Stunden nach dieser Drohung kündigten die Medienunternehmen Nexstar und Sinclair, die zahlreiche lokale ABC-Sender betreiben, an, Jimmy Kimmel Live! künftig nicht mehr auszustrahlen. Daraufhin ließ ABC verlautbaren, die Late-Night-Show sei „auf unbestimmte Zeit“ ausgesetzt.[4] US-Präsident Donald Trump kommentierte die Entscheidung des zu Disney gehörenden Fernsehsenders mit unverhohlener Zustimmung. Die Strategie der MAGA-Bewegung, unliebsame Satire im Namen der „Meinungsfreiheit“ und des „öffentlichen Interesses“ mundtot zu machen, benannte Trump selbstredend nicht. Stattdessen gab er an, Kimmel sei allein wegen seiner „Talentlosigkeit“ und „schlechter“ Einschaltquoten gefeuert worden.[5] Auf seiner Plattform Truth Social bezeichnete er die Absetzung Kimmels als „großartige Neuigkeit“ und forderte obendrein den Sender NBC auf, die Late-Night-Hosts Jimmy Fallon und Seth Meyers zu entlassen[6] – sehr zur Empörung des liberalen Lagers.

In dieser aufgeladenen Situation entschieden sich die Macher:innen der Daily Show, die unterwürfige Haltung der Fernsehsender und Medienkonzerne zu karikieren, indem sie diese in einer regierungsaffinen Version ihrer Show ad absurdum führten. Dazu gehörte eine speichelleckerische Moderation Jon Stewarts, in der er sich – in überbetont nervöser Manier – offensichtlichen Falschaussagen des US-Präsidenten ‚anschloss‘ und den Furor „seiner Hoheit“ gegenüber Kritikern wie Kimmel ‚unterstützte‘. Zum Abschluss der Sendung verfielen alle Co-Hosts und Korrespondent:innen der Daily Show – ebenfalls in roten Krawatten – pathetisch in einen Lobgesang mit dem Schlussakkord: „Oh Donald, we love you.“[7]

Was letztlich dazu führte, dass Jimmy Kimmels Sendung doch nicht dauerhaft abgesetzt wurde, darüber gehen die Meinungen auseinander: War er mit ABC weiterhin im Gespräch geblieben oder hatten die Boykottandrohungen von Nutzer:innen den Mutterkonzern Disney zum Einlenken gebracht? Am Dienstag, den 23. September 2025 setzte Kimmel jedenfalls seine Late-Night-Show fort, fast so, als sei nichts gewesen. Aufatmen sollte man angesichts dessen allerdings nicht. Denn im Mai 2026 wird Stephen Colbert im Ed-Sullivan-Theater in New York die letzte Ausgabe seiner Show aufzeichnen. Bereits im Juli 2025 hatte CBS das Ende der Late Show with Stephen Colbert (CBS, seit 2015) verkündet. In diesem Fall hatte die US-Medienaufsichtsbehörde mutmaßlich ihren Einfluss geltend gemacht und die Zustimmung zu den Plänen des CBS-Mutterkonzerns Paramount Skydance, den Hollywoodkonzern Warner Bros. Discovery zu übernehmen, mit der impliziten Forderung nach Colberts Absetzung verbunden.[8]

Satire in der post-network era und das politische Imaginäre

Das angedrohte oder tatsächliche Canceln von so traditionsreichen politischen Satireshows wie der Late Show with Stephen Colbert oder Jimmy Kimmel Live! lässt sich nicht nur als zutiefst besorgniserregende Einflussnahme der Trump-Regierung auf die vierte Gewalt verstehen. Es bildet medienhistorisch gesehen einen Kulminations- und möglicherweise auch kritischen Kipppunkt im Verhältnis von Fernsehen und Politik, das sich bereits in den 2000er-Jahren veränderte, als das Fernsehen die sogenannte network eraendgültig hinter sich gelassen hatte. Der Begriff beschreibt jene Phase, in der wenige Fernsehsender mit einem begrenzten Programmangebot einen Großteil des Publikums versorgten und daher darauf bedacht waren, mit ihrem Programm so wenige Zuschauer:innen wie möglich vor den Kopf zu stoßen.[9] In der post-network era hingegen differenzierten sich die Fernsehanbieter, die Angebote und infolgedessen auch die Publika aus, weshalb provokantere Formate die Regel wurden. Daraufhin entstanden zahlreiche grenzüberschreitende Reality-Formate, die neue Fernseh-Celebritys wie Donald Trump hervorbrachten,[10] und es kam zu einer allmählichen Re-Politisierung von Comedy-Formaten, die zuvor noch sehr auf politische Neutralität bedacht waren. So konstatierte das Time Magazine im Jahr 2016, Fernsehunterhaltung sei nun deutlich „pointierter, leidenschaftlicher und oft parteilicher“, und machte dies unter anderem an der klaren Kante fest, die viele Entertainer:innen im Wahlkampf 2015 gegenüber dem Präsidentschaftskandidaten Trump gezeigt hatten.[11] Die Re-Politisierung kann demnach als eine Mobilisierung gegen Trump und die ihn unterstützende Republikanische Partei verstanden werden, aber auch als einen immer schärfer formulierten Einsatz für die Rettung der Demokratie. Nachdem Satire in der network era „one of the medium’s most underused forms of political discourse“ gewesen war,[12] avancierte sie in den Nullerjahren zum Signum eines politischen Fernsehens, das sich nicht nur in Unterhaltungsshows manifestierte, sondern auch in dem Erfolgsgenre der post-network era schlechthin: der Serie.

Ein prominentes Beispiel für die Karikierung der politischen Kultur Washingtons ist die HBO-Serie Veep (2012–2019). Sie war eine Adaption der britischen Satire The Thick of It (BBC, 2005–2021), die die Angehörigen des Politikbetriebs als zynische, die Wähler:innen verachtende und durchweg eigennützig agierende Narzisst:innen zeichnete. Auch in anderen europäischen Ländern entstehen nun Serien, die die Unfähigkeit und Eigennützigkeit von Politik und Medien karikieren, so etwa Eichwald MdB (ZDFneo, 2015–2019) in Bezug auf einen SPD-Abgeordneten und seinen Mitarbeiterstab im Bundestag oder Parlament (France.tv/BeTV/WDR, 2020–2024), das einen jungen parlamentarischen Assistenten in teils absurde Prozessdynamiken der EU verwickelt. Mit Comedy-Shows wie etwa Saturday Night Live (NBC, seit 1975) haben diese Satiren gemein, dass sie Politiker:innen, Politikberater:innen und Medienvertreter:innen nicht einfach thematisieren und kritisieren, sondern parodistisch verkörpern und ihre Schwächen, Unzulänglichkeiten und Charakterfehler regelrecht zur Aufführung bringen. Nehmen wir zum Beispiel die Rolle des zwischen Politik und Medien vermittelnden Regierungssprechers: Während Trumps erster Amtszeit schlüpfte die Schauspielerin Melissa McCarthy für Saturday Night Live in die Rolle des Regierungssprechers Sean Spicer und steigerte dessen unbeholfenes Auftreten, seine unverfrorenen Lügen und seinen zum Teil unhöflichen Umgang mit den Journalist:innen in Washington ins Absurde.[13] Auch in Veep ist mit der Figur des Mike McLintock ein Pressesprecher zu sehen, der wieder und wieder daran scheitert, die politischen Kapriolen und menschlichen Fauxpas seiner Chefin, der Vizepräsidentin und späteren Präsidentin der USA, auszubügeln, weshalb er nicht nur zum Gespött der Hauptstadtpresse, sondern auch der eigenen Kolleg:innen wird.

Beide Figuren sind als Ausdruck eines politischen Imaginären zu verstehen, worunter Cornelius Castoriadis eine produktive gesellschaftliche Einbildungskraft versteht, die der tatsächlichen Politik vorausgeht und diese ebenso prägt wie ihre Karikierung in Late-Night-Shows oder ihre fiktionale Re-Inszenierung.[14] Die Gesellschaft, so Castoriadis’ Annahme, produziert – quer zu den Unterscheidungen von real und fiktiv – ständig Bilder des Politischen, die sich als Ausdruck des politischen Imaginären untersuchen lassen. Folgt man den satirischen Formen des „political TV“,[15] so stellen sich diese das Politische in den 2010er-Jahren vornehmlich als einen abgehobenen, machtbesessenen und verkrusteten Politikbetrieb vor, der mit oberflächlichen und sensationsgierigen Nachrichtenmedien im Bett ist und sich kaum für die Belange der Wähler:innen interessiert, auch wenn er ständig das Gegenteil behauptet. In diesem satirischen, und das heißt: uneigentlichen Bild offenbart sich eine Vorstellung davon, wie Politik eigentlich sein sollte, nämlich hehren Zielen, demokratischen Grundsätzen und journalistischen Qualitätsmaßstäben verpflichtet. Diese Ansprüche manifestieren sich allerdings nicht als ausbuchstabierte Vision – wie beispielsweise in den idealistischen Dramaserien The West Wing (NBC, 1999–2006) oder Borgen (DR1, 2010–2013; 2022) –, sondern als Leerstelle, die dem karikierten Negativbild gegenübersteht. Die Zuschauer:innen können diese Leerstelle jedoch leicht füllen, wenn sie sich aufgrund eines geteilten Wertehorizonts an denselben Eigenheiten des Politikbetriebs stören wie die Serienmacher:innen.

Satire als performativer Modus der Uneigentlichkeit

Die Fernsehwissenschaftler Jonathan Gray, Jeffrey P. Jones und Ethan Thompson betonen, dass Satire nicht nur unterhaltsam und populär ist. Sie dient auch dazu, die Zivilgesellschaft zu beleben und ist in schwierigen politischen Verhältnissen in der Lage, den Mächtigen den Spiegel vorzuhalten.[16] Satire bedient sich, so das Historische Wörterbuch der Rhetorik, bevorzugt eines niederen Stils, verkündet die Wahrheit im Modus des Lachens und will ihr Publikum dazu bringen, sich über eine verkehrte Welt zu entrüsten. Vor allem aber operiert sie mit Mitteln der Verstellung: Sie lobt das Tadelnswerte – wie die eingangs erwähnte ironische Panegyrik auf Trump durch Jon Stewart –, verspottet das Redliche und zieht mittels Imitation und Karikatur das ins Lächerliche, was sie kritisiert.[17] Ihr geht es nicht um leichte Unterhaltung und ein entspannendes Lachen: Sie ist eher aggressiv, erlaubt sich ein Urteil und kommt im Modus des Spiels und des Uneigentlichen daher[18] – deswegen passte sie, wie erwähnt, erst ins Fernsehen, als dieses durch eine Ausdifferenzierung der Publika, eine Pluralisierung und Hybridisierung der Genres und eine Erweiterung der Finanzierungsmodelle ironischer, ‚anstößiger‘ und komplexer werden konnte.

Stephen Colbert etwa, der als Korrespondent der Daily Show bekannt wurde, startete 2005 eine eigene Late-Night-Show namens The Colbert Report (Comedy Central, 2005–2014), die konservative Shows wie The O’Reilly Factor (Fox News, 1999–2017) karikierte. Colbert mimte dabei durchgehend einen konservativen Nachrichtenmoderator namens Stephen Colbert und fiel selbst dann nicht aus der Rolle, als er in anderen Talkshows zu Gast war oder am White House Correspondents’ Dinner teilnahm.[19] Colbert befand sich somit in einem dauerhaften Modus der Uneigentlichkeit,[20] den er unter anderem dafür nutzte, die Anfänge des Postfaktischen in Politik und Medien unter George W. Bush zu kritisieren – er prägte dafür den vielzitierten Ausdruck „Truthiness“ als Eigenschaft einer Sache, die wahr ist, weil sie sich richtig anfühlt.[21] 2015 übernahm Colbert – nun als er selbst – die traditionsreiche Late Show von David Letterman, die ein deutlich breiteres Publikum anspricht und neben Satire auch Abendunterhaltung bietet (etwa Auftritte von Musiker:innen, Interviews mit Hollywoodgrößen). Auch hier setzte er die Re-Politisierung fort und ließ, als Donald Trump im Wahlkampf 2015/2016 Präsidentschaftskandidat der Republikaner wurde, sogar seinen konservativen Charakter in die Late Show zurückkehren, um die offensichtlichen, ungestraften Lügen und falschen Versprechungen Trumps als „Trumpiness“ zu ‚rühmen‘.[22]Klar Farbe bekannten auch zwei weitere ehemalige Korrespondent:innen der Daily Show, die Mitte der 2010er-Jahre ihre eigene Late-Night-Shows bekamen: Last Week Tonight with John Oliver (HBO, seit 2014) und Full Frontal with Samantha Bee (TBS, 2016–2022).[23] Die Trump-Kandidatur und -Präsidentschaft trug wesentlich dazu bei, politische Satire im Fernsehen schärfer, engagierter und letztlich politischer zu machen.

Cringer geht’s nicht: Veep und die Trump-Präsidentschaft

Die fiktionale Politsatire Veep startete 2012 und karikierte den vulgären und beleidigenden Umgangston in der Politik in Form dercringe comedy, also eines auf Fremdscham basierenden Comedy-Formats.[24] Veep war anfangs noch peinlich genau darauf bedacht, Hinweise auf eine Parteizugehörigkeit der Protagonist:innen zu vermeiden. Spätestens in der fünften Staffel jedoch, ausgestrahlt von April bis Juni 2016, sind deutliche Referenzen auf den Trumpismus zu erkennen. So kandidiert etwa ein bislang als besonders eigennützig und misogyn gezeichneter Unsympath namens Jonah Ryan für den US-Kongress und wird aufgrund einer populistischen antimuslimischen Kampagne auch gewählt. Die Figur, die in der ersten Staffel als Praktikant im Weißen Haus eingeführt wurde, klettert als nützlicher Idiot die Karriereleiter immer weiter nach oben und bringt es schließlich bis zum Vizepräsidenten der USA. Damit positionierte sich die Serie eindeutig gegen rechten Populismus, verkörpert in der Figur der politischen Beraterin, die ihre Chefin, US-Präsidentin Selina Meyer, förmlich anfleht, Jonah Ryan nicht zu ihrem Vizepräsidenten zu ernennen: „You can’t let an embittered, vindictive, narcissistic man-child be one heartbeat away from the presidency, let alone be the president.“[25] An Ryans Seite ist ab Staffel 3 ein treuer Mitarbeiter namens Richard Splett, der im Vergleich zu den übrigen Figuren mit seiner Redlichkeit, seinem Fleiß und seinem ehrlichen Enthusiasmus reichlich naiv wirkt und deswegen oft verspottet wird. Im Staffelfinale, das anlässlich der Beerdigung der Hauptfigur Selina Meyer schließlich 24 Jahre in die Zukunft blickt, wird genau diese scheinbar naive Figur als aktueller Präsident gezeigt, der mit großer Mehrheit für eine zweite Amtszeit gewählt wurde und für seine Befriedung des Nahen Ostens einen verdienten Friedensnobelpreis erhalten hat.[26]

Veep unternahm also zumindest während der ersten Trump-Präsidentschaft einige Anstrengung, das karikierte Beleidigungs- und Unfähigkeitsspektakel als ein rechtspopulistisches zu vereindeutigen, blieb aber – so die einhellige Kritikermeinung – hinter dem ‚Original‘ letztlich zurück.[27] Die Realsatire, die Donald Trump im Weißen Haus mithilfe des Nachrichtenfernsehens und Social Media aufführte, war selbst so cringe, dass sie im Selina-Meyer-Universum nicht mehr übertroffen werden konnte – nicht zuletzt deswegen, weil die Trump-Regierung manche Verhaltensweisen genau so aufführte, wie die Serie sie fiktionalisierte, allerdings in vollem Ernst und nicht im distanzierend-ironischen Modus. Das Weiße Haus und die politische Kultur in Washington sind seither nicht mehr zum zentralen Thema einer fiktionalen Politsatire geworden, hierfür fühlen sich nun wieder vermehrt Late-Night-Shows zuständig, die auf Parodie – etwa das Nachahmen von Trumps Tonfall und rhetorischem Duktus – und vor allem auf klare kritische Kommentierung setzen. Sie machen sich wie eh und je über den Präsidenten und seine Kabinettsmitglieder und Mitarbeiter:innen lustig, kritisieren zudem die antidemokratischen Tendenzen des Trump-Regimes und klären unter anderem darüber auf, wie Medienunternehmen unter Druck gesetzt werden. All dies ist Trump ein Dorn im Auge und es bleibt die Sorge, dass auch andere Late-Night-Shows auf Druck der Medienaufsichtsbehörde langfristig aus dem Programm genommen werden könnten.

Von der negativen Form zur positiven Politikvision?

Auch wenn sich Satire oft als negative Form äußert, weil sie scharfe Kritik übt oder unliebsame Wahrheiten ausspricht, besteht der dahinterliegende Zweck darin, auf positive Veränderungen zu drängen.[28] Jon Stewarts Folge zur Beinahe-Absetzung der Kimmel-Show plädiert indirekt für Sachkompetenz in der Politik und den grundsätzlichen Wert der Pressefreiheit. Der Stephen Colbert des Colbert Report wünscht sich mehr Sachargumentation und Neutralität in den Kabelnachrichten. Und Veep träumt unter anderem von aufrichtigen Politiker:innen, respektvoller Kommunikation und transparenten Wahlen. All dies wird jedoch nicht gezeigt. Bezeichnenderweise gehen auch die Tendenzen in der fiktionalen Satire weiterhin zu düsteren Szenarien, zum Beispiel zu Mesalliancen zwischen Medienunternehmen, Tech-Giganten und Rechtspopulisten wie in Succession (HBO, 2018–2023) oder gleich zu autoritären Regimen, auch wenn diese (vorerst noch?) in Osteuropa und nicht im Westen selbst angesiedelt werden (siehe die Miniserie The Regime, HBO, 2024). Nun könnte man einwenden, dass es nicht die Aufgabe der beißenden Satire ist, konkrete Auswege aus der gegenwärtigen Misere aufzuzeigen, die sie uns in ihrer Schärfe ja erst vor Augen führt. Dafür sind im (Post-)Fernsehen traditionell die Dramaserien zuständig, weil sie ihre idealistischen Protagonist:innen in einen Konflikt nach dem anderen schicken können – ohne gänzlich auf komödiantische Elemente verzichten zu müssen. Dadurch bringen sie uns Zuschauer:innen dazu, uns an den vorgestellten Werten und Normen zu orientieren. Idealistische Politserien dieser Art gab es durchaus, sie scheinen momentan jedoch nicht den Zeitgeist zu treffen, was sich an der dänischen Serie Borgen veranschaulichen lässt: Borgen lief von 2010 bis 2013 und schien eigentlich abgeschlossen, bis im Jahr 2022 noch eine weitere Staffel gedreht wurde, in der die eigentlich idealistische Protagonistin plötzlich äußerst unmoralische und skrupellose Charaktereigenschaften offenbarte.

Vielleicht gibt es aber auch einen Mittelweg zwischen zynischer Satire und idealistischem Melodrama; eine Form, die unangenehme Wahrheiten ausspricht, verkehrtes Verhalten kritisiert und gleichzeitig eine konkrete politische Vision entfaltet. Hierfür soll ein letztes Beispiel besprochen werden, nämlich die ukrainische Satireserie Diener des Volkes (1+1, 2015–2019). Sie übte deutliche Kritik an den gegenwärtigen Machtverhältnissen, insbesondere der Korruption und den oligarchischen Strukturen, entwarf zugleich aber auch die Utopie einer besseren Politik, und zwar in der Figur eines redlichen Geschichtslehrers, gespielt von Wolodymyr Selenskyj, der gegen viele äußere und innere Widerstände für eine transparente, von Sachverstand regierte und weltoffene demokratische Gesellschaft eintritt und die Ukraine damit letztlich – und leider nur in der Serie – zu dauerhaftem Frieden und Wohlstand führt. Dass diese politische Fiktion insofern Wirklichkeit wurde, als Selenskyj für die 2018 gegründete und nach der Serie benannte Partei Diener des Volkes bei den ukrainischen Präsidentschaftswahlen 2019 kandidierte und diese sogar gewann, hängt mit vielen unterschiedlichen Faktoren zusammen und war in dieser Form sicherlich einmalig.[29] Es zeigt jedoch, wie wichtig es sein kann, trotz aller Kritik eine positive politische Vision zu entwerfen, die die Vorstellungskraft von Zuschauer:innen und Wähler:innen zu mobilisieren vermag, und so die Fernseh- und Streaming-Unterhaltung noch weiter zu re-politisieren. Auf diese Weise bringt uns Satire zum Lachen und kann – trotz Verstellung, Uneigentlichkeit, Fiktion und Imagination – deutlich machen: „something essential is taking place, something of extreme seriousness“.[30]

  1. The Daily Show (Hg.), Jon Stewart’s Post-Kimmel Primer on Free Speech in the Glorious Trump Era [23.1.2026], in: YouTube, 18.9.2025, Min. 00:02–00:13.
  2. Vgl. Wyatte Grantham-Philips, What to Know about Jimmy Kimmel’s Return to His Late-Night TV Show [23.1.2026], in: AP News, 26.9.2025.
  3. Vgl. Brian Stelter, How Brendan Carr, the Attack-Dog FCC Chair, Helped Take Down Jimmy Kimmel with Words, not Actions[23.1.2026], in: CNN, 18.9.2025.
  4. Vgl. ABC News (Hg.), ABC Pulls ‚Jimmy Kimmel Live!‘ Off Air Indefinitely, Network Says [23.1.2026], in: YouTube, 18.9.2025, Min. 01:41.
  5. Alex Ritman, Donald Trump Doubles Down on Jimmy Kimmel Insults, Denies ‚Free Speech‘ Infringement: He Was ‚Fired for Lack of Talent‘ [23.1.2026], in: Variety, 18.9.2025. Dort wird Trump mit folgenden Worten zitiert: „Jimmy Kimmel is not a talented person. He had very bad ratings, and they should have fired him a long time ago. So, you know, you can call that free speech or not [lacht, A.U.]. He was fired for lack of talent.“
  6. Vgl. Ritman, Donald Trump Doubles Down on Jimmy Kimmel Insults, Denies ‚Free Speech‘ Infringement: He Was ‚Fired for Lack of Talent‘.
  7. The Daily Show (Hg.), Jon Stewart’s Post-Kimmel Primer on Free Speech in the Glorious Trump Era, Min. 21:00–23:11.
  8. Netflix und Paramount Skydance konkurrierten in den vergangenen Monaten heftig um die Übernahme von Warner Bros. Discovery. Ende Februar 2026 wurde bekannt, dass sich Netflix – ebenfalls mutmaßlich auf Druck der Trump-Regierung – aus dem Bieterrennen zurückzog.
  9. Diese Strategie wird mit Bezug auf einen Vizeprogrammchef von CBS häufig als „least-objectionable television“ bezeichnet. Vgl. Amanda Lotz, The Television Will Be Revolutionized, New York 2007, S. 11.
  10. Vgl. hierzu prominent James Poniewozik, Audience of One. Donald Trump, Television, and the Fracturing of America, New York 2019; dt. Fassung: ders., Alle Scheinwerfer auf mich! Die Geburt Donald Trumps aus dem Fernsehen und der Zerfall Amerikas, übers. von Sean Carty und Clara Schilling, Berlin 2025.
  11. Richard Zoglin, The New Politics of Late Night [23.1.2026], in: Time Magazine, 15.9.2016 (meine Übers., A.U.). Diese Entwicklung wird in der Forschung oft stellvertretend an der bereits genannten Daily Show und dem Colbert Report (Comedy Central, 2005–2014) festgemacht. Vgl. etwa Jody C. Baumgartner, The Rise and Fall of Political Comedy on Late Night TV, in: The Communication Review 27 (2024), 3, S. 242–255; und Hussein Kobeissi / Guy Redden, Figuring out Trump. The Re-Politicization of US Late Night Talk Shows in a Polarized Public Sphere, in: Comedy Studies (2025), S. 1–17.
  12. Jonathan Gray / Jeffrey P. Jones / Ethan Thompson, The State of Satire, the Satire of State, in: dies. (Hg.), Satire TV. Politics and Comedy in the Post-Network Era, New York 2009, S. 3–36, hier S. 11.
  13. Saturday Night Live (Hg.), Sean Spicer Press Conference (Melissa McCarthy) – SNL [23.1.2026], in: YouTube, 5.2.2017.
  14. Vgl. Oliver Kohns, Die Politik des „politischen Imaginären“, in: Martin Doll / ders. (Hg.), Die imaginäre Dimension der Politik, München 2014, S. 19–48.
  15. Zum Konzept des genreübergreifenden „Political TV“ vgl. Chuck Tryon, Political TV, New York / London 2016, insbes. S. 1–24.
  16. Gray/Jones/Thompson, The State of Satire, the Satire of State, S. 4 und S. 6.
  17. Vgl. Burkhard Meyer-Sickendieck, Art. „Satire“, in: Gert Ueding (Hg.), Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Bd. 8: Rhet–St, Tübingen 2007, Sp. 447–469, hier Sp. 447.
  18. Vgl. Gray/Jones/Thompson, The State of Satire, the Satire of State, S. 13.
  19. Vgl. O. A., User Clip: Stephen Colbert at the 2006 White House Correspondents’ Dinner [23.1.2026], in: C-SPAN, 29.4.2006.
  20. Vgl. Robert N. Spicer, Before and After The Daily Show. Freedom and Consequences in Political Satire, in: Trischa Goodnow (Hg), The Daily Show and Rhetoric. Arguments, Issues, and Strategies, Lanham, MD 2011, S. 19–41, hier S. 22.
  21. Comedy Central hat 2024 fast alle älteren Videos der Daily Show und des Colbert Report von seiner Website genommen. Vgl. Meredith Blake, Comedy Central Pulls Old Episodes of ‚The Daily Show,‘ ‚The Colbert Report‘ from Website [23.1.2026], in: LA Times, 27.6.2024. Ein Ausschnitt der fraglichen Truthiness-Sendung ist hier zu sehen: https://www.dailymotion.com/video/x8rgszu (23.1.2026).
  22. Vgl. The Late Show with Stephen Colbert (Hg.), The Word: Trumpiness [23.1.2026], in: YouTube, 19.7.2016.
  23. Vgl. Baumgartner, The Rise and Fall of Political Comedy on Late Night TV, S. 251; sowie Zoglin, The New Politics of Late Night.
  24. Vgl. Katja Kanzler, The Cringe and the Sneer. Structures of Feeling in Veep, in: Humanities 10 (2021), 4, S. 1–8.
  25. Vgl. Veep, Staffel 7, Episode 7: „Veep“, Erstausstrahlung am 12.5.2019, Min. 28:50.
  26. Die fiktive (Vize-)Präsidentin Selina Meyer ist übrigens – ähnlich wie später Trump – auf den Friedensnobelpreis fixiert, worauf die Serie immer wieder zurückkommt. Vgl. etwa Staffel 5, Episode 10: „Inauguration“, Erstausstrahlung am 26.6.2016, Min. 3:10–3:35, in der Meyer androht, den Frieden mit Tibet zur Not mit Kriegsschiffen zu erzwingen.
  27. Vgl. etwa Lili Loofbourow, How Donald Trump Ruined Veep [23.1.2026], in: The Week, 14.4.2017.
  28. Vgl. Gray/Jones/Thompson, The State of Satire, the Satire of State, S. 13.
  29. Vgl. etwa Konstantin Kaminskij, Joker as the Servant of the People. Volodymyr Zelensky, Russophone Entertainment and the Performative Turn in World Politics, in: Russian Literature 127 (2022), S. 151–175.
  30. Spicer, Before and After The Daily Show, S. 38.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Henriette Liebhart.

Kategorien: Medien Öffentlichkeit Politik

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Anne Ulrich

Dr. Anne Ulrich ist Medienwissenschaftlerin an der Universität Tübingen. In ihren Publikationen beschäftigt sie sich mit dem Verhältnis von Politik und (Post-)Fernsehen, mit digitaler Bildlichkeit und dem Quasikonzept des Gespenstischen in postdigitalen Medienumgebungen.

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