Michael Kauppert | Literaturessay |

Die Geburt der strukturalen Anthropologie aus der Erfahrung des Genozids

Literaturessay zu „Strukturale Anthropologie Zero" von Claude Lévi-Strauss

Claude Lévi-Strauss:
Strukturale Anthropologie Zero
übers.von Bernd Schwibs
Deutschland
Berlin 2021: Suhrkamp
392 S., 34,00 EUR
ISBN 978-3-518-58765-2

Strukturale Anthropologie Zero ist ein merkwürdiges Buch. Zum einen überrascht es, und zwar wegen des großen zeitlichen Abstandes, mit dem das Buch sowohl im französischen Original (2019) als nun auch in seiner deutschen, von Bernd Schwibs besorgten Übersetzung erscheint. Mehr als sechzig Jahre sind vergangen, seitdem Lévi-Strauss 1958 den ersten Band seiner Strukturalen Anthropologie veröffentlichte; und immerhin knapp 50 Jahre trennen Zero vom zweiten Band der Strukturalen Anthropologie, der 1973 erschien.[1] Zum anderen irritiert das jüngst veröffentlichte Buch durch seinen Titel. Der Herausgeber Vincent Debaene und die beteiligten Verlage (Édition du Seuil in Frankreich, Suhrkamp in Deutschland) haben den beiden zu Lebzeiten von Lévi-Strauss veröffentlichen Bänden der Strukturalen Anthropologie nunmehr ein ebenso eigentümliches wie unscheinbares Zero hinzugefügt. Versteht man dieses „Zero“ als Zahl, das heißt als Null, wird das Buch kaum als Fortsetzung der ersten beiden Bände gelten können. Man müsste „Zero“ stattdessen als eine Art mathematische Verneinung oder Durchstreichung des im Buchtitel Vorangestellten lesen. Interpretiert man „Zero“ dagegen als Ziffer, das heißt als Zahlwort, wirkt der Band wie die Nullnummer der Strukturalen Anthropologie, ein posthum publiziertes Prequel gewissermaßen. Die späte Veröffentlichung wie auch der eigenartige Titel werfen die Frage nach der Relevanz der vorliegenden Publikation auf: Wozu dieses Buch? Die Beantwortung dieser Frage verlangt den Leser*innen einiges an Anstrengung ab. Dazu gehört vor allem die genaue Lektüre von Debaenes knapp 60 Seiten langem und gedankenverschlungenem Vorwort, in deren Verlauf man lernt, wenigstens drei verschiedene Lesarten von Zero zu unterscheiden. Der ersten Lesart zufolge verspricht Zero, eine bislang noch unerzählte „Vorgeschichte der beiden Bücher von 1958 und 1973 zu liefern, und zwar durch die Wiederveröffentlichung einer Reihe von Aufsätzen, die Lévi-Strauss ursprünglich bereits in den 1940er-Jahren publiziert, aber nicht in den Textkorpus des ersten Bandes der Strukturalen Anthropologie aufgenommen hat (1.). Sodann bemüht sich Debaene mit Zero um eine Korrektur der vom späten Lévi-Strauss selbst beförderten Vorstellung, dieser habe seine Werke nicht als politisch interessierter Zeitgenosse geschrieben, sondern mit der strukturalen Anthropologie ein den Weltläuften weitgehend entrücktes Forschungsprogramm verfolgt. Demgegenüber möchte Debaene plausibel machen, dass Lévi-Strauss sowohl als Exilant während des Zweiten Weltkriegs wie auch als Inhaber kultur- und wissenschaftspolitischer Leistungsrollen im Frankreich der Nachkriegszeit von einer „tabula rasa“ genannten Verheißung eines zivilisatorischen Neuanfangs eingenommen war (2.). Und schließlich versucht Debaene mit Zero die strukturale Anthropologie von Lévi-Strauss an ihrem „Nullpunkt“ zu erfassen: Noch diesseits ihres Ende der 1950er-Jahre einsetzenden Aufstiegs zu einem bekannten ethnologischen Theorielabel, aber schon jenseits ihrer Verknüpfung von ethnologischer Forschung mit praktischer Kulturpolitik in den 1940ern. Aus dieser Konstellation des In-Between macht Debaene ein wissenschaftshistorisches Problem. Seine Frage lautet: Wie kommt Lévi-Strauss von einer früheren, vorwiegend praktisch-politisch ausgerichteten zu einer späteren, eher akademisch-theoretischen Variante von Ethnologie? (3.).

(1.) Zero als Vorgeschichte

In seiner Absicht, „eine Vorgeschichte der strukturalen Anthropologie“ (S. 11) vorzulegen, stützt sich Debaene auf insgesamt 17 Texte, die Lévi-Strauss zwischen 1942 und 1949 publiziert hat und von denen der Zero-Herausgeber in seinem Vorwort schreibt, dass sie größtenteils unbekannt, weitgehend unauffindbar und wegen ihrer Originalsprachen (Englisch und Portugiesisch) nicht für jedermann verständlich seien. Das ist das Rechtfertigungsmuster eines Philologen, der eine breitere Öffentlichkeit für seine Textedition sucht.[2] Wie immer man die Bedeutung der von ihm vorgelegten Texte im Einzelnen auch einschätzen mag, die angekündigte Vorgeschichte der ersten beiden Bände der Strukturalen Anthropologie erschließt sich aus ihnen nicht. Die nun in Zero versammelten Aufsätze sind nicht grundsätzlich früher erschienen als die Texte, auf die Lévi-Strauss für die Publikation des ersten Bandes im Jahr 1958 zurückgegriffen hat. Tatsächlich handelt es sich bei dem Band um eine Kompilation von Aufsätzen, deren Ersterscheinungen (abgesehen von zwei Ausnahmen) bis in die Mitte der 1940er-Jahre zurückreichen. Gut ein Drittel der Texte stammt aus dem gleichen Publikationszeitraum wie jene, die Debaene nun in Zero wiederveröffentlicht hat. Schaut man nur auf die einzelnen Texte und deren Veröffentlichungsdaten, so kann Zero keine zeitliche Priorität für sich beanspruchen. Die angekündigte „Vorgeschichte der strukturalen Anthropologie“ muss sich daher auf etwas anderes als historische Referenzen in den Publikationsgeschichten einzelner Texte beziehen. Aber worauf? Debaene erinnert daran, dass die Strukturale Anthropologie von Lévi-Strauss ursprünglich nicht als reine Aufsatzsammlung konzipiert worden war, sondern als Monografie in den ethnologischen Diskurs seiner Zeit hatte eingreifen sollen. Dazu gehörte neben der sorgfältigen „Auswahl“ (S. 11) der Texte und deren „wohlabgestimmtem Aufbau“ (S. 8) auch die Wahl eines „programmatischen Titels“ (ebd.), der zu signalisieren vermochte, dass es sich bei Strukturale Anthropologie um ein Buch mit weitreichenden Geltungsansprüchen handelt. Diese Kriterien lassen sich nun gewiss auch zur Beurteilung unzähliger anderer wissenschaftlicher Bücher heranziehen. Nichtsdestotrotz sind diese literaturwissenschaftlich inspirierten Beobachtungen interessant. Sie lenken die Aufmerksamkeit des Lesepublikums wie durch einen Rückspiegel auf das von Debaene edierte Buch. Dieses erscheint bei näherem Hinsehen tatsächlich wie eine sorgfältig angefertigte Kopie des Originals: Wie der erste Band der Strukturalen Anthropologie, besteht auch Zero aus 17 Aufsätzen, die Debaene – wie einst Lévi-Strauss – auf fünf Kapitel verteilt. Und auch mit Blick auf ihren jeweiligen Titel unterscheiden sich die beiden Bücher von 1958 und 2019 nur in „Zero“ – also in (fast) nichts. Debaene will die von ihm zusammengestellte Kompilation offenbar in eine Reihe mit den beiden von Lévi-Strauss publizierten Bänden gestellt sehen. Wozu sollte man die Nachahmung derart auf die Spitze treiben, wenn nicht, um Zero (auch) als eine fingierte Nullnummer von Strukturale Anthropologie zu präsentieren?

Ebenfalls interessant ist die negative Bestimmtheit des Textkorpus. Bei den 17 in Zero publizierten Aufsätzen handelt es sich ausnahmslos um Texte, die Lévi-Strauss für die Wiederveröffentlichung in Strukturale Anthropologie I zwar erwogen, für die Zwecke seiner ethnologischen Programmschrift jedoch als zu ,leicht‘ befunden hatte. Hält man sich mit Debaene an Lévi-Strauss’ eigene Angaben aus dem Vorwort zu dem betreffenden Band, so erfolgte die Auswahl seinerzeit angeblich aus „einigen hundert Texten“, die er „in nahezu dreißig Jahren geschrieben“ haben will. Das ist, was den Zeitraum anbelangt, großzügig ausgedrückt,[3] für die Anzahl der Texte jedoch viel zu hoch gegriffen, ein Umstand, über den Debaene unkritisch hinwegsieht. In den ehemals aussortierten und nun in Zero publizierten Schriften, so Debaene, begegne uns Lévi-Strauss nicht nur als ein „gestrenger Ethnograph“ (S. 19) Südamerikas,[4] sondern auch als ein Autor, der imstande gewesen sei, in Texte, die dem äußeren „Anschein nach anekdotischer Natur“ waren, „gewichtige theoretische Reflexionen“ einzustreuen (S. 25).[5] Während Lévi-Strauss’ Erfolg als écrivain français in nicht unerheblichem Maße darauf beruhte, diese Faktoren ingeniös miteinander zu verknüpfen – wie in seinem berühmtesten Buch Traurige Tropen (1955) –, galten sie für den Autor der Strukturalen Anthropologie als bloß negative Selektionskriterien bei dessen Komposition. In seine ethnologische Programmschrift schienen diese Texte für Lévi-Strauss seinerzeit ebenso wenig zu passen wie eine Reihe anderer Aufsätze, deren erneute Publikation Debaene zufolge aus Zero das späte Verzeichnis eines frühen „Verlusts“ (S. 13) machen. Das gilt insbesondere für einen Aufsatz, der laut Debaene „zu einer zentralen Referenz für eine der wichtigsten Entwicklungen der jüngeren Anthropologie geworden“ ist, „nämlich der Rekonstruktion der amerindianischen Ontologien anhand der Erweiterung des Begriffs der Affinität auf die nichthumane Welt“ (S. 14).[6] Bemerkenswert ist auch der bereits 1945 publizierte und ursprünglich auf Englisch geschriebene Überblicksartikel über „Die französische Soziologie“ (S. 71 ff.). Nach dessen Lektüre versteht man besser, warum sich Lévi-Strauss in der seinerzeit Émile Durkheim zugedachten Widmung von Strukturale Anthropologie als dessen „nicht immer treuen Schüler“ bezeichnet hat.

Doch welche einzelnen Aufsätze auch immer man aus Zero herausgreifen mag – es hieße, das Anspruchsniveau des Buches zu unterlaufen, wenn man sich seiner ausschließlich als reine Aufsatzsammlung bediente. Folgt man Debaenes Deutung, dann ließ Lévi-Strauss bei der Komposition des ersten Bandes der Strukturalen Anthropologie nicht nur einzelne Aufsätze außen vor; vielmehr habe er nicht weniger als den Ausschluss der Politik als einer bedeutenden kulturellen Wertsphäre und gesellschaftlichen Lebensordnung aus seinen ethnologischen Reflexionen betrieben. Mit Zero wird dieser Ausschluss nun zwar nicht rückgängig, aber doch immerhin durchsichtig gemacht. Davon zeugen insbesondere die Aufsätze aus dem dritten, „Reziprozität und Hierarchie“ überschriebenen Kapitel, in dem sich Beiträge von Lévi-Strauss zur politischen Anthropologie südamerikanischer Stammesgesellschaften wiederfinden.[7] Wiewohl dieses Kapitel vom Umfang her gerade einmal ein knappes Viertel des Buches ausmacht, trägt es die Hauptlast für Debaenes These, dass ethnologische Forschung und politische Interventionsbereitschaft beim frühen Lévi-Strauss noch wechselseitig ineinander übergehen. Argumentationslogisch ist das ein durchaus riskantes Unterfangen, denn was auf der Ebene einzelner Aufsätze auf tönernen Füßen steht, wird auf der Ebene des Buches als fundierte These präsentiert. In dem Versuch, diese These zu stützen, lässt sich das erste Ziel erkennen, das Debaene mit der Publikation der Aufsätze verfolgt: Mit Zero wird die Politik von ihm ins Zentrum einer bis dato noch unerzählten „Vorgeschichte“ von Strukturale Anthropologie gestellt. Folgt man Debaenes Ausführungen im Vorwort, dann geht es ihm mit dem Buch um nichts Geringeres, als um den Wiedereinschluss des von Lévi-Strauss ehemals Ausgeschlossenen, um die Nobilitierung der politischen Sphäre und deren späte Aufnahme in eine Buchreihe namens Strukturale Anthropologie.

(2.) Zero als „tabula rasa“

Doch es kommt anders, als man es nach diesem Auftakt erwarten würde. Denn tatsächlich verfolgt Debaene noch ein größeres Ziel. Es geht ihm mit Zero um mehr als nur darum, die hypothetische Nullnummer zu den beiden Bänden der Strukturalen Anthropologie vorzulegen. Er will diese zwei Bücher nicht nur um bislang vernachlässigte Texte ergänzen, sondern auch einen Gegenentwurf zu dem von Lévi-Strauss verfolgten Programm einer strukturalen Anthropologie präsentieren. Seine Intervention zielt also nicht allein auf die beiden programmatischen Bände, sondern auch auf das gleichnamige Theorielabel – ein Unterschied, der häufig eingeebnet wird.[8] Zum Theorielabel zählen in den ethnologischen Standarddarstellungen nicht nur Lévi-Strauss’ spätere Arbeiten wie etwa Das Wilde Denken (1962) oder seine umfangreichen Studien zu den amerikanischen Mythen, die vierbändige Mythologica (1964–1972), sondern auch frühere Publikationen, allen voran Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft (1949). Dieses Label ist innerhalb wie außerhalb der Ethnologie inzwischen so fest etabliert, dass nahezu alles, was man heutzutage noch vom Autor Lévi-Strauss (wie in Zero) oder über ihn (in der Sekundärliteratur) zu lesen bekommt, bereits an irgendeiner Stelle als „strukturale Anthropologie“ etikettiert ist. Gegen diese vereinnahmende Deutung argumentiert Debaene in Strukturale Anthropologie Zero an, und das auf gleich zwei Ebenen: der des Autors und der des Werkes. Auf der Ebene des Autors sollen die in Zero versammelten Texte die von Lévi-Strauss selbst beförderte Vorstellung dekonstruieren, dass es sich bei ihm schon immer um einen „weltabgewandten, melancholischen Anthropologen“ gehandelt habe, „der sich dem Studium verschwundener Zivilisationen widmet“ (S. 32). Diese Charakterisierung, so Debaene, sei ein spätes Konstrukt, das von entsprechenden Publikationen erst ab Ende der 1950er-Jahre gedeckt werde – ab einem Zeitpunkt also, zu dem Lévi-Strauss auf dem akademischen Olymp Frankreichs, dem Collège de France in Paris, bereits angekommen war. Auf der Ebene des Werkes korreliere dieses Charakterbild mit einer auffälligen „Gabelung“ (S. 62). Demnach mache sich um 1960 bei Lévi-Strauss einerseits eine intensive „Suche nach Verständlichkeit“ all dessen bemerkbar, was auf „ethnographischem Weg, ausgehend von Relikten, die außerhalb einer katastrophischen Geschichte überdauern, […] gesammelt werden konnte“ (ebd.). Auf der anderen Seite stünden „die düsteren Betrachtungen zur Menschengattung insgesamt in deren Verhältnis zur Umwelt und zur Gesamtheit alles Lebenden“ (ebd.). Von diesen „zwei Adern“ der strukturalen Anthropologie, so Debeane (S. 61), sei in den 1940er-Jahren bei Lévi-Strauss noch nichts zu bemerken gewesen. Das stimmt freilich nur zum Teil. Denn auf die Suche nach einer möglichst ambitionierten „Verständlichkeit“ eines, wenn nicht sogar des zivilisatorischen Überbleibsels schlechthin, des Inzesttabus, hatte sich Lévi-Strauss bereits während seiner New Yorker Zeit begeben, als er über den Elementaren Strukturen der Verwandtschaft (1949) brütete. Mit dem Versuch einer Sinngebung von Geschichte im praktisch-politischen Sinne hatte diese Arbeit gewiss nichts zu tun. Gerade deswegen konnte Lévi-Strauss in seinem Verwandtschaftsbuch, und zwar aus rein wissenschaftlichen Gründen, den bis dato gängigen Versuchen, das Reziprozitätsprinzip aus der Geschichte abzuleiten und im Kulturvergleich verstehen zu wollen, eine Absage erteilen. Man müsse sich stattdessen „bestimmten Grundstrukturen des menschlichen Geistes zuwenden“.[9] Abseits der Arbeit an seiner Dissertation war Lévi-Strauss, wie Debaene richtig bemerkt, zugleich von der Notwendigkeit und Möglichkeit eines zivilisatorischen Neuanfangs, einer „tabula rasa“, überzeugt. Demnach verfolgte der junge Lévi-Strauss das Ziel, den Lauf der Geschichte zum Besseren zu wenden, ein Projekt, bei dem er der Ethnologie durch deren weltweite ethnographische Expertise eine politische Aufgabe zufallen sah. Der Beweis sind Debaene zufolge die in Zero versammelten Texte, die allesamt zwischen 1941 und 1947 in New York entstanden sind. Sie bezeugen nach seiner Ansicht, dass bei Lévi-Strauss sowohl in den Jahren seiner Lehrtätigkeit an der New School for Social Research als auch noch während seiner anschließenden Arbeit als Kulturattaché der französischen Botschaft in New York das „Band zwischen theoretischer Argumentation und politischer Initiative lebendig“ war (S. 43). Nur fünf Jahre später ist, zumindest in den Publikationen, von Lévi-Strauss’ politisch bewegter vita activa, die bis in seine Jugendjahre zurückreicht, kaum noch etwas zu spüren. Und das trotz des Umstands, dass Lévi-Strauss in den 1950er-Jahren als Generalsekretär des International Social Science Council (ISSC) der UNESCO eine nicht ganz unbedeutende (wissenschafts-)politische Leistungsrolle innehatte. Von Aufbruch und Aufklärung ist in den Schriften dieser Zeit keine Rede mehr. Er spricht bereits wie von einem anderen Stern, einem jener dunklen und trüben „Monde am Firmament der Vernunft“, von denen bei Marcel Mauss die Rede ist.[10] In Traurige Tropen etwa bemerkt er einmal, die Anthropologie müsse eigentlich „Entropologie“ heißen und zu einer Disziplin werden, „die sich damit beschäftigt, den Prozess der Desintegration in seinen ausgeprägtesten Erscheinungsformen zu untersuchen“.[11] Sowohl die von Debaene in Zero präsentierten Schriften als auch ihr Autor, der junge Lévi-Strauss, haben denkbar wenig mit dem Programm der strukturalen Anthropologie zu tun. Genau genommen dementiert Strukturale Anthropologie Zero geradezu das ethnologische Theorielabel. „Zero“ wird von Debaene deswegen auch als Zahl, das heißt als Null verwendet, ganz so, als ob er mit Zero auch habe sagen wollen: „Ceci n‘est pas une anthropologie structurale“.

(3.) Zero als Nullpunkt

Folgt man Debaene, dann setzte die Abkehr von der Politik bei Lévi-Strauss erst zu Beginn der 1950er-Jahre ein, um gegen deren Ende, 1958, mit dem Ausschluss des Politischen aus dem ersten Band der Strukturalen Anthropologie gewissermaßen offiziell ratifiziert zu werden. Wie lässt sich diese zunehmende Irrelevanz des Politischen im Werk von Lévi-Strauss erklären? Die Antwort, die Debaene auf diese Frage gibt, ist ungewöhnlich. Er meint, das Politische sei bei Lévi-Strauss durch eine unbewusste Assoziation zwischen zwei nur scheinbar zusammenhanglosen Segmenten seiner Erfahrung ausgefällt worden. Zum einen sei Lévi-Strauss in seiner Berufsrolle als Ethnologe ein Leben lang mit dem zivilisatorischen Völkermord an den Ureinwohnern der beiden Amerikas konfrontiert gewesen. Zum anderen hätte er als Franzose jüdischer Abstimmung zunächst am eigenen Leib die nationalsozialistische Verfolgung erfahren, ehe er bei seiner Rückkehr aus dem New Yorker Exil in Paris das verheerende Ausmaß der Shoa vernommen habe. Ausgelöst worden sei die stillschweigende Analogie zwischen dem „Genozid an den Indianern Amerikas und [der] Vernichtung der europäischen Juden“ (S. 54 ff.) durch Eindrücke, die Lévi-Strauss im Auftrag der UNESCO 1950 auf einer Reise nach Indien und Pakistan gesammelt habe. Der Anblick zusammengepferchter Menschen in Kalkutta habe Lévi-Strauss, wie man in Traurige Tropen nachlesen könne, unwillkürlich an Konzentrationslager denken lassen. Darüber hinaus, so Debaene, dürfe man unterstellen, dass bei Lévi-Strauss in diesem Zusammenhang auch Erinnerungen an die erniedrigenden Umstände seiner eigenen Schiffsüberfahrt nach New York wachgerufen wurden, denen er knapp zehn Jahre zuvor, im Frühjahr 1941, ausgesetzt gewesen war, als er zusammen mit einigen hundert anderen Menschen vor der nationalsozialistischen Verfolgung floh. Man mag diese Zuschreibung unbewusster Erfahrungsbildung nicht nur, wie Debaene selbst (S. 57), als gewagt, sondern darüber hinaus sogar als abenteuerlich empfinden. Der Zero-Herausgeber kann für sein Argument zumindest auf ein Zitat von Lévi-Strauss verweisen (S. 59), um die Weigerung des berühmten Ethnologen zu belegen, die im Zweiten Weltkrieg erlebte Barbarei „auf die Folge der Verirrung eines Volks, einer Doktrin oder einer Gruppe von Menschen“ zurückzuführen. „Ich sehe“, so heißt es bei Lévi-Strauss weiter, „in ihnen vielmehr das Anzeichen einer Entwicklung hin zur geschlossenen Welt, deren Erfahrung Südasien ein oder zwei Jahrtausende vor uns gemacht hat“. Das Zutrauen in die Gestaltbarkeit von Geschichte zum Besseren hin, das in den Augen Debaenes noch die Texte aus den 1940er-Jahren durchzogen hatte, war angesichts der Existenz von Konzentrationslagern und den eingelebten Gewohnheiten der unwürdigen Behandlung von Menschen in der Nachkriegsmoderne bei Lévi-Strauss schnell dahin. Deutlicher als er es getan hat, lässt sich die menschliche Zivilisation kaum kritisieren. Es wäre für Debaene nun allerdings unzureichend, das Verblassen der Relevanz des Politischen bei Lévi-Strauss in den 1950er-Jahren psychologisch oder soziologisch zu erklären. Der Sinn für das Politische komme Lévi-Strauss nicht etwa deswegen abhanden, weil ihn die realpolitischen Wirklichkeiten desillusioniert hätten oder er sich der Differenz von Politik und Wissenschaft in den späteren Texten stärker bewusst geworden sei. Debaene bedient sich zur Erklärung vielmehr eines Axioms, das von Lévi-Strauss selbst stammt und die symbolische Tätigkeit des menschlichen Geistes betrifft. Dessen Konturen werden in dem in Zero nun wieder abgedruckten Aufsatz über „Die französische Soziologie“ in Absetzung von Émile Durkheim folgendermaßen beschrieben: „Das soziale Phänomen ist nicht zu erklären, die Existenz des Kulturzustandes an sich bleibt unverständlich, wenn der Symbolismus vom soziologischen Denken nicht als eine apriorische Voraussetzung behandelt wird“ (S. 94). Die symbolische Tätigkeit des menschlichen Geistes bestünde in der Verknüpfung von Bereichen, „zwischen denen die Erfahrung keinerlei Verbindung vermuten ließ“.[12] Ohne die damit angerissene Thematik hier näher erläutern zu können,[13] lässt sich sagen, dass Debeanes Erklärung des Verblassens politischer Relevanzen im Werk von Lévi-Strauss nach eben diesem Prinzip funktioniert, stellt sie doch bislang nicht wahrgenommene Verbindungen her und wirft damit ein völlig neues Licht auf die Genese der strukturalen Anthropologie. Genau besehen läuft Debaenes Argumentation auf die These hinaus, dass es sich bei der strukturalen Anthropologie von Lévi-Strauss um eine akademisch-intellektuelle Sublimierung seiner praktisch-politischen Erfahrung handelt. Am „Schicksal der überlebenden Juden Europas und dem des von der westlichen Moderne vernichteten Indianers“ habe Lévi-Strauss eine geschichtspolitische Herausforderung vor Augen gestanden, diejenige nämlich, „die losen Glieder einer kulturellen Tradition, die auseinandergebrochen war, erneut in eine Ordnung zu bringen“ (S. 60). Um das zu ermöglichen, habe er seine optimistische Auffassung von der politischen Gestaltbarkeit des realen Geschichtsverlaufs gegen das akademische Projekt der Wiederherstellung einer logischen Ordnung nicht nur einzelner Kulturen, sondern der menschlichen Zivilisation insgesamt eingetauscht. An die Stelle des frühen praktischen (Fortschritts-)Sinns in der Geschichte sei beim späteren Lévi-Strauss die Arbeit an logischen Transformationsbeziehungen zwischen Zivilisationen gerückt, und zwar, wie Debaene bemerkt, weil jede einzelne „ihre eigene Vernichtung in sich trägt“ (S. 63). Das „tragische Bewusstsein“, das Debaene zufolge darin zum Ausdruck kommt, besitze vor dem Hintergrund der jüngsten politischen Entwicklungen eine ungeheure Aktualität. Es könne als frühe „Vorahnung“ von Lévi-Strauss gelesen werden, zu „der die kommende ökologische Katastrophe eine unerhörte Bestätigung liefert“ (ebd.). Am Ende seines Vorworts ist Debaene damit wieder bei dem bekannten Image von Lévi-Strauss angelangt: Der Anthropologe als Prophet einer Menschheitsdämmerung, der den Relikten von Zivilisationen zwar keinen geschichtlichen Sinn mehr abgewinnen kann, aber immerhin noch eine logische Ordnung. Weitaus gewichtiger ist freilich, dass man in diesem Zusammenhang auch am intellektuell anspruchsvollsten Punkt des gesamten Vorworts angekommen ist: an einem zureichenden Verständnis von „Zero“ als Nullpunkt. Den Leserinnen und Lesern verlangt die Lektüre des Vorworts nichts Geringeres ab, als sich die in den Terminus des „Nullpunktes“ eingebaute Ambiguität zwischen einer historischen und einer systematischen Argumentation genau vor Augen zu führen. Auf der einen Seite scheint es zunächst so zu sein, dass in Zero der historische Nullpunkt der strukturalen Anthropologie beschrieben wird. Dafür spricht vor allem Debaenes selbst gestelltes Erklärungsproblem: Wie kommt Lévi-Strauss von einer früheren, als „Nullpunkt“ markierten Phase einer vorwiegend ethnografisch-politischen Variante von Ethnologie in New York zu einer späteren, eher anthropologisch-wissenschaftlichen Variante von Ethnologie in Paris? Auf der anderen Seite drängt sich gerade am Ende des Vorworts aber auch der Eindruck auf, dass Debaene in und mit Zero die strukturale Anthropologie auch an ihrem systematischen Nullpunkt berührt. Diese Berührung dauert zwar nur einen winzigen Augenblick, reicht aber immerhin aus, um von Debaene als Widerspruch in seinem historischen Interpretationsschema bemerkt zu werden, wenn er schreibt, der Terminus „Nullpunkt“ verdanke „seinen Mehrwert auch der Tatsache, daß er grundlegend widersprüchliche historische Konnotationen kristallisiert, in denen sicher Wiedergeburt und Wiederbeginn, aber auch Schrecken und Undenkbares zum Ausdruck kommen“ (S. 63). Recht besehen beschreibt dieser Widerspruch allerdings kein historisches Verständnis des Nullpunkts; er reflektiert vielmehr eine systematisch zu nennende Auffassung davon. Beim systematischen Nullpunkt handelt es sich um eine rein imaginäre Wegscheide zwischen einer eher politisch-optimistischen, in Zero präsentierten Ethnologie bei Lévi-Strauss auf der einen Seite und deren überwiegend theoretisch-pessimistischer, „strukturale Anthropologie“ genannten Variante auf der anderen, die insbesondere durch die beiden Bände der Strukturalen Anthropologie verkörpert wird.[14] So betrachtet markiert der Nullpunkt keinen historischen Ausgangspunkt der strukturalen Anthropologie mehr, sondern stellt vielmehr deren systematischen Fluchtpunkt dar: ein blinder Fleck, den man selbst nicht sieht, durch den man vielmehr erst etwas zu sehen bekommt. So sollen die in Zero abgedruckten Texte zwar als Quellen für die Vorgeschichte insbesondere des ersten Bandes der Strukturalen Anthropologie wie auch des Theorielabels gelten, ohne jedoch deren historischen Ursprung bezeugen zu können. Statt jedoch die strukturale Anthropologie gerade an ihrem blinden Fleck näher auszuleuchten, das heißt nach der Einheit der Unterscheidung von praktischer und theoretischer Anthropologie bei Lévi-Strauss zu fragen, projiziert Debaene das systematische Verständnis des Nullpunkts in die historische Zeit hinein. Wenn man so will, bekommt der Nullpunkt hierdurch einen Januskopf aufgesetzt: Einerseits blickt man mit ihm in die Richtung von Lévi-Strauss’ New Yorker Phase in den 1940er-Jahren zurück – und damit in eine Zeit seines geschichtspolitischen Optimismus; andererseits schaut man mit ihm aber auch in Richtung des akademischen Erfolgs von Lévi-Strauss in Paris gegen Ende der 1950er-Jahre voraus – und damit in die Zeit von dessen zivilisatorischem Pessimismus. Wollte man auf dieser Linie versuchen, die strukturale Anthropologie tatsächlich auch historisch an ihrem Nullpunkt genauer zu erfassen, müsste man sich noch weiter und genauer im Jahr 1950 umsehen, als es Debaene getan hat. Es ist das Jahr der Krisen im Leben von Lévi-Strauss. Nicht nur treibt ihm die Reise nach Pakistan und Indien seinen Geschichtsoptimismus aus; er durchlebt (für sein Empfinden) auch eine berufliche Krise: Fast auf den Tag genau ein Jahr nach seiner ersten Niederlage scheitert Lévi-Strauss Ende November 1950 auch mit seiner zweiten Bewerbung um eine Professur am renommierten Collège de France. Auch um sein Privatleben steht es nicht gut: Nachdem Lévi-Strauss im Jahr zuvor bei einem gemeinsamen Essen in Jacques Lacans Wohnung Monique Roman, seine spätere dritte Ehefrau, kennengelernt hatte, geht seine 1945 in New York geschlossene Ehe mit Rose-Marie Ullmo in die Brüche – und damit das großbürgerliche Leben, das ihm der Wohlstand seiner zweiten Ehefrau ermöglicht hatte.[15] Sofern man das Vorhaben einer Suche nach einem historischen Nullpunkt der strukturalen Anthropologie überhaupt verfolgen will, spricht einiges dafür, diesen Nullpunkt nicht vor den hier skizzierten biografischen Erlebnissen zu suchen.[16] Im Umfeld der von Debaene publizierten Texte befindet er sich jedenfalls nicht.

Wozu Zero?

Greifen wir abschließend die eingangs gestellte Frage wieder auf: Wozu Zero? Es erscheint hilfreich, diese Frage entlang der drei vorstehend erörterten Bedeutungen zu diskutieren. Zunächst: Wieso imitiert Zero den ersten Band der Strukturalen Anthropologie, wiewohl die darin in Aussicht gestellte „Vorgeschichte“ sich auf der Ebene des ausgebreiteten Materials als dessen Parallelgeschichte erweist? Sodann: Weshalb dementiert Zero die strukturale Anthropologie als Theorielabel, obwohl Lévi-Strauss neben der utopischen politischen Idee der „tabula rasa“ in der Geschichte zeitgleich auch an der wissenschaftlichen Überschreibung der Geschichte durch die Strukturen des menschlichen Geistes arbeitete? Und schließlich: Warum postuliert Zero überhaupt einen „Nullpunkt“ der strukturalen Anthropologie, wenn Debaene damit keinen historischen Anfangs-, sondern vielmehr einen Wendepunkt meint, der durch die in Zero versammelten Texte nicht belegt werden kann? Die Antwort auf alle diese Fragen ist ebenso einfach, wie verblüffend: Eben darum. Debaene benötigt Zero als Buch (und nicht als bloße Aufsatzsammlung), um überhaupt eine Vorgeschichte (und nicht nur eine Parallelgeschichte) zum ersten Band der Strukturalen Anthropologie vorlegen zu können. Erst auf dieser Grundlage lässt sich die in Zero dargelegte Vermischung von Ethnologie und Politik und die damit einhergehende optimistische Geschichtsauffassung („tabula rasa“) bei Lévi-Strauss als signifikante Differenz zu deren späterer Trennung (für die es freilich bereits in den 1940ern Belege gibt) präsentieren. Erst durch diese beiden Schritte hat Debaene den eigentlichen Zweck von Zero herausgearbeitet, denn erst hierdurch stellt sich, scheinbar wie von selbst, die Frage nach der Erklärung des Übergangs von den in Zero präsentierten Aufsätzen zu den ,kanonischen‘ Texten aus der Strukturalen Anthropologie. Die Funktion des janusgesichtigen Nullpunkts besteht mithin darin, sowohl dieses Erklärungsproblem zu markieren, als auch die Bedingungen zu seiner Lösung zu definieren. Denn aus der systematischen Frage nach der Einheit von politisch-praktischer und theoretisch-wissenschaftlicher Ethnologie im Werk von Lévi-Strauss wird bei Debaene das Problem der historischen Erklärung des Zusammenhanges zweier Bücher. Und genau dafür hat er eine Hypothese parat, die äußerst bemerkenswert ist, die aber mit dem in Zero ausgebreiteten Material rein gar nichts zu tun hat: Die strukturale Anthropologie von Lévi-Strauss sei im Wesentlichen aus der akademischen Sublimierung von dessen beruflicher wie privater Erfahrung des Genozids an Indianern und Juden entstanden. Das ist eine plakative These, mit der sich Debaene sicher nicht nur an die Scientific Community von Lévi-Strauss-Philologen wendet. Auf einer allgemeineren Ebene hat er darüber hinaus auch ein Urteil über die Genese der theoretischen Einstellung aus der Krise der Lebenspraxis gefällt. Dies ist darum auch die grundlegende Botschaft von Zero: Was immer „Theorie“ wissenschaftlich bedeuten mag, rein lebenspraktisch gesehen kann sie auch bei der Bewältigung von Lebenskrisen helfen. Pragmatisten mögen diese Deutung begrüßen. In methodischer Hinsicht kann man sich allerdings nur schwer des Eindrucks erwehren, dass Zero sich vor allem der Absicht des Herausgebers verdankt, seiner spekulativen Hypothese ein vermeintlich solides Fundament zu verschaffen. Nicht immer geht ein Problem seiner Lösung voraus. Manchmal verhält es sich auch umgekehrt.

  1. Soweit nicht anders verzeichnet, beziehen sich die im Text genannten Angaben zu den Erscheinungsdaten der Bücher von Claude Lévi-Strauss hier und im Folgenden stets auf die Publikation des jeweiligen französischen Originals.
  2. Tatsächlich ist Debaene von Hause aus Literaturwissenschaftler und hat ein Buch über den intrikaten Zusammenhang von Wissenschaft und Literatur in der französischen Ethnologie geschrieben. Vgl. Vincent Debaene, LAdieu au voyage. Lethnologie française entre science et littérature, Paris 2010 (englische Übersetzung: Far Afield: French Anthropology between Science and Literature, Chicago, IL / London 2014). Daneben ist Debaene auch Autor des Vorworts zu einer Werkauswahl von Lévi-Strauss, die 2008 in der renommierten Bibliothèque de la Pléiade erschienen ist, einer bei Gallimard verlegten Reihe, in die nur Aufnahme findet, wer zu den „Klassikern der Weltliteratur“ gezählt wird.
  3. Für die 1920er-Jahre ist nur eine Publikation bezeugt, nämlich die 1926 veröffentlichte Schrift über den Sozialrevolutionär Gracchus Babeuf. Die eigentliche Textproduktion, zumal als Ethnologe, setzte bei Lévi-Strauss erst Mitte der 1930er-Jahre (auf Portugiesisch) ein, als er in São Paulo Soziologie lehrte.
  4. Belegt durch seine ursprünglich für das Handbook of South American Indians verfassten und nun im fünften Kapitel („Ethnographie Südamerikas“) von Zero erneut veröffentlichten Beiträge.
  5. Unter anderem in Rezensionen aus dem zweiten, „Individuum und Gesellschaft“ genannten Kapitel in Zero.
  6. „Der soziale Gebrauch der Verwandtschaftsbegriffe bei den Indianern Brasiliens“ (S. 293 ff.)
  7. Namentlich „Krieg und Handel bei den Indianern Südamerikas“ (S. 187 ff.), „Die Theorie der Macht in einer primitiven Gesellschaft“ (S. 211 ff.) sowie „Die Außenpolitik einer primitiven Gesellschaft“ (S. 243 ff.).
  8. Anders als im französischen Original von Zéro, in dem die Differenz zwischen Buchtitel („L’Anthropologie structurale“) und Theorie-Label („l‘anthropologie structurale“) schon im Inhaltsverzeichnis durch Groß- bzw. Kleinschreibung markiert ist, wird deren semantischer Unterschied durch die grammatisch bedingte Umstellung des Adjektivs in der deutschen Übersetzung grundsätzlich verunklart: Da „struktural“ im Deutschen vor das Substantiv „Anthropologie“ gezogen werden muss, ist nicht immer eindeutig ersichtlich, ob mit „Strukturale Anthropologie“ die beiden Bücher von 1958 und 1973 oder aber das in der Geschichte der Ethnologie wirkmächtig gewordene Theorielabel gemeint ist. In dem hier vorliegenden Text wird dieses Problem gelöst, indem auf die beiden Bücher durch Kursivstellung und Großschreibung (Strukturale Anthropologie) verwiesen wird, auf das Theorie-Label (strukturale Anthropologie) jedoch in normaler Schriftlage und durch Kleinschreibung des Adjektivs.
  9. Claude Lévi-Strauss, Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft, übers. von Eva Moldenhauer, Frankfurt am Main 1981, S. 136.
  10. Marcel Mauss, Wirkliche und praktische Beziehungen zwischen Soziologie und Psychologie [1924], in: ders., Soziologie und Anthropologie, Bd. 2: Gabentausch – Todesvorstellung – Körpertechniken, übers. von Eva Moldenhauer, Wiesbaden 2010, S. 149–177, hier S. 173.
  11. Claude Lévi-Strauss, Traurige Tropen, übers. von Eva Moldenhauer, Frankfurt am Main 1978, S. 411.
  12. Claude Lévi-Strauss, Mythologica IV: Der nackte Mensch, übers. von Eva Moldenhauer, Frankfurt am Main 1975, S. 771.
  13. Vgl. Michael Kauppert, Claude Lévi-Strauss, Konstanz 2008, S. 92 ff.
  14. Zur Differenzierung des ethnologischen Erkenntnisinteresses bei Lévi-Strauss in eine theoretische Anthropologie, bei der es um die Differenz von „Natur“ und „Kultur“ geht, und eine praktische Anthropologie, die sich mit dem Verhältnis von „primitiven“ und „zivilisierten“ Gesellschaften beschäftigt, vgl. Kauppert, Claude Lévi-Strauss, S. 51 sowie S. 62.
  15. Vgl. Monique Lévi-Strauss, Im Rachen des Wolfes. Meine Jugend in Nazideutschland, übers. von Annette Jucknat. Darmstadt 2021, S. 119 sowie Emmanuelle Loyer, Lévi-Strauss. Eine Biographie, übersetzt von Eva Moldenhauer, Berlin 2017, S. 510.
  16. Als einen ethnologischen Begriff verwendet Lévi-Strauss den sprachlichen Ausdruck „Strukturale Anthropologie“ zum ersten Mal im Jahr 1951 in einem Brief an Fernand Braudel. Durch ihn sollte „Primitive Zivilisationen” ersetzt werden, eine Bezeichnung, die bis dato für Lévi-Strauss’ Lehrveranstaltungen an der Pariser École pratiques des hautes études durchaus üblich gewesen war. Vgl. Loyer, a. a. O., S. 510.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.

Kategorien: Anthropologie / Ethnologie Geschichte der Sozialwissenschaften

Michael Kauppert

Prof. Dr. Michael Kauppert vertritt im WS 2021/2022 die Professur für Soziologische Theorie an der Universität Kassel.

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