Daniel Drewski | Rezension |

Die Mehrstimmigkeit Europas

Rezension zu „Shades of Blue. Claiming Europe in the Age of Disintegration“ von Félix Krawatzek, Friedemann Pestel, Rieke Trimçev und Gregor Feindt

Abbildung Buchcover Shades of Blue von Krawatzek/Pestel/Trimçez/Feindt

Félix Krawatzek / Friedemann Pestel / Rieke Trimçev / Gregor Feindt:
Shades of Blue. Claiming Europe in the Age of Disintegration
USA
Ithaca, NY 2025: Cornell University Press
312 S., 63,50 EUR
ISBN 978-1-501-77932-9

Die Entstehung eines Gemeinschaftsgefühls unter Europäer:innen – beziehungsweise einer ‚europäischen Identität‘ – gilt in der sozialwissenschaftlichen Europaforschung als wichtige Voraussetzung für eine vertiefte europäische Integration. Ein gewisses Wir-Gefühl sei notwendig für die Überwindung nationaler Antagonismen, für transnationale Solidarität und zur Legimitierung europäischer Institutionen. Entsprechend gibt es mittlerweile eine kaum zu überblickende Anzahl empirischer Studien, die sich mit der Frage auseinandersetzen, inwiefern die Europäer:innen eine gemeinsame Identität entwickelt haben. In diese Reihe gehört auch das 2025 bei Cornell University Press erschienene Buch Shades of Blue. Claiming Europe in the Age of Disintegration von Félix Krawatzek, Friedemann Pestel, Rieke Trimçez und Gregor Feindt.

Anders als die quantitative Forschung jedoch, die – gestützt auf Umfragen und Experimente – in der Regel die Verbreitung und Stärke einer europäischen Identität in der Bevölkerung untersucht, fragt die hier vorgestellte Studie danach, welche unterschiedlichen Deutungen von Europa einem europäischen Gemeinschaftsgefühl zugrunde liegen und auf welche historischen Ereignisse dabei Bezug genommen wird. Die Autor:innen nehmen dafür mediale Debatten über Europa und über europäische Erinnerung in den Blick.

Grundlage der Studie bildet eine Auswertung von Tageszeitungsartikeln in sechs europäischen Ländern (Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Polen und Spanien) im Zeitraum von 2004 bis 2023. Je Land wählten die Autor:innen mehrere auflagenstarke Tageszeitungen mit unterschiedlichen redaktionellen Linien aus: in Deutschland etwa die tageszeitung, die Süddeutsche Zeitung, die Welt und die Frankfurter Rundschau. Der Materialkorpus umfasst zum einen Beiträge, in denen es um europäische Erinnerungskultur geht, wie zum Beispiel die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg im 100. Jahreszeitraum. Zum anderen beinhaltet er Artikel zu anderen europapolitisch relevanten Debatten, in denen historische Bezüge hergestellt werden, etwa zur sogenannten Flüchtlingskrise 2015/2016. Krawatzek, Pestel, Trimçez und Feindt werten die Zeitungsbeiträge qualitativ und quantitativ aus, wobei die Ergebnispräsentation im Buch nur die qualitativen Analysen abbildet. Ihr Material ergänzen sie um weitere Fallstudien, auch aus anderen Ländern.

Die Darstellung der Auswertung ist in drei Themenblöcke gegliedert: „Foundations“, „Boundaries“ und „Crises“. Der erste Block beschreibt Debatten, die implizit oder explizit Gründungsnarrative des europäischen Projekts verhandeln. Hierzu zählt beispielsweise die Diskussion um den (letztlich gescheiterten) europäischen Verfassungsvertrag, der die Frage nach den gemeinsamen kulturellen Wurzeln und Werten Europas aufgeworfen hatte. Ebenso betrachten die Autor:innen in diesem Themenblock die nach wie vor aktuelle Auseinandersetzung um mögliche Bezugspunkte einer gemeinsamen europäischen Erinnerungspolitik. Der Abschnitt „Boundaries“ beschäftigt sich mit den wiederkehrenden Fragen danach, wo das Herz Europas schlägt und wo seine Grenzen liegen. Letzteres ist besonders im Zusammenhang mit den EU-Erweiterungen relevant, aber zum Beispiel auch im Verhältnis zu Russland. Schließlich widmet sich der dritte Teil – „Crises“ – den Europanarrativen und historischen Erinnerungen, auf die während der Krisen der letzten Jahre –Terroranschläge, Eurokrise, Flüchtlingskrise – Bezug genommen wurde.

Es gibt keine einheitliche Interpretation Europas, kein einheitliches Europa-Blau, sondern ganz verschiedene, teils konfligierende Deutungen – eben Schattierungen von Blau.

Das Buch zeichnet sehr detailliert und kenntnisreich die „Polyphonie“ (S. 220) der unterschiedlichen Deutungen Europas in Europa nach. Im Titel des Buches – Shades of Blue – klingt bereits dessen zentrale Erkenntnis an: Es gibt keine einheitliche Interpretation Europas, kein einheitliches Europa-Blau, sondern ganz verschiedene, teils konfligierende Deutungen – eben Schattierungen von Blau. Gegen jeden Versuch, ein hegemoniales Narrativ durchzusetzen, rege sich bald Widerstand, so die Autor:innen. Die Unterschiede und Konflikte verliefen mal entlang nationaler oder regionaler Grenzen; mal seien sie transnational strukturiert und verliefen entlang ideologischer Lager. Mit dieser Feststellung bestätigt die Studie ältere Untersuchungen zu verwandten Themen, wie etwa Framing Europe von Juan Díez Medrano[1] oder Der Kampf um die europäische Erinnerung von Claus Leggewie.[2]

Ein Beispiel für eine Aushandlung, die entlang ideologischer Linien zu verlaufen scheint (wenn auch nicht nur), ist diejenige um die kulturellen Wurzeln und Werte Europas. Diese Diskussion fand im Zusammenhang mit dem bereits erwähnten europäischen Verfassungsvertrag von 2004 statt, der letztlich an Referenden in Frankreich und den Niederlanden scheiterte und in dessen Präambel die Wertbezüge des europäischen Projekts stehen sollten: Stützt es sich auf die christlichen Wurzeln des Kontinents, wie von konservativer Seite gefordert, oder vor allem auf die universellen Werte des Humanismus und der Aufklärung, wie von liberaler Seite propagiert? Krawatzek, Pestel, Trimçez und Feindt zufolge ging es auch in den Verhandlungen um den mittlerweile auf Eis liegenden EU-Beitritt der Türkei darum, ob ein historisch nicht christlich geprägtes Land der EU beitreten könne oder nicht. In den letzten Jahren hätten vor allem rechtspopulistische Kräfte das Narrativ eines vorrangig durch die christlich-abendländische Kultur geprägten Europas verbreitet, wodurch besonders in der Migrationsfrage eine klare Grenze gegenüber nicht europäischen Migrant:innen gezogen werde.

Ein Beispiel für einen Konflikt, der eher (wenn auch nicht nur) entlang nationaler beziehungsweise regionaler Grenzen verläuft, ist die Auseinandersetzung um die Rolle, die dem Gedenken an die Opfer von Stalinismus und Kommunismus – neben dem Gedenken an den Holocaust – in einer gemeinsamen europäischen Erinnerung zugestanden werden soll. Hier scheint sich ein Graben vor allem zwischen den west- und den mittelosteuropäischen Mitgliedstaaten der EU aufzutun. In Westeuropa wurde, so die Autor:innen, die Erinnerung an den Holocaust als singuläres Menschheitsverbrechen und negativer Gründungsmythos Europas institutionalisiert. Dies reduziere aus der Perspektive Mittelosteuropas die Opfer von Stalinismus und Kommunismus zu ‚Opfern zweiter Klasse‘ – ein Argument, das im westeuropäischen Erinnerungsdiskurs wiederum als Infragestellung der Singularität des Holocaust gedeutet wurde. Diese Uneinigkeit konnte auch der vom Europäischen Parlament beschlossene Gedenktag für die „Opfer aller totalitären und autoritären Regime“ am 23. August (dem Tag des Hitler-Stalin-Pakts) nicht überwinden.

Einen seltenen Moment der europäischen Einstimmigkeit scheint der russische Angriff auf die Ukraine geschaffen zu haben. In Abgrenzung zu Wladimir Putins Russland als dem Anderen Europas konvergieren ganz unterschiedliche Europanarrative, etwa die Vorstellung von Europa als einem Projekt der Aufklärung genauso wie die vor allem in Ostmitteleuropa existente Vorstellung von Europa als Schutz gegenüber einem imperialen Russland.

Weder sei ein homogenes Europanarrativ eine notwendige Voraussetzung für europäische Integration noch gefährde die Diversität von Deutungen und Erinnerungen notwendigerweise den europäischen Zusammenhalt, so die Autor:innen.

Wie schätzen die Autor:innen die aufgezeigte Polyphonie ein, vor allem im Hinblick auf den Zusammenhalt in der EU? Überraschend positiv: Weder sei ein homogenes Europanarrativ eine notwendige Voraussetzung für europäische Integration noch gefährde die Diversität von Deutungen und Erinnerungen notwendigerweise den europäischen Zusammenhalt. Vielmehr bestünde Europas Stärke gerade in der Vielfalt der Europabilder und historischen Erinnerungen – eine Schlussfolgerung, die in gewisser Weise die Selbstbeschreibung europäischer Institutionen von der Einheit in Vielfalt übernimmt.

Allerdings lässt es das Buch letztlich bei dieser Feststellung bewenden. Es findet sich keine theoretisch angeleitete Überlegung zu der Frage, unter welchen Bedingungen eine solche Polyphonie der Narrative integrativ oder desintegrativ auf den europäischen Integrationsprozess wirkt. Hierfür hätten Krawatzek, Pestel, Trimçez und Feindt Anleihen bei der klassischen Konfliktsoziologie und deren Thesen über den Zusammenhang von Konfliktstrukturen und sozialer Integration nehmen können.[3] Wenn sich mehrere Konfliktlinien überlagern und dadurch gegenseitig verstärken (re-inforcing), wirkt dies desintegrativ. Wenn sich mehrere Konfliktlinien kreuzen (cross-cutting), können sie sich wechselseitig entschärfen, was wiederum integrativ wirkt. Auf den europäischen Integrationsprozess übertragen würde das bedeuten, dass primär entlang nationaler und regionaler Grenzen verlaufende Deutungskonflikte den europäischen Integrationsprozess gefährden, während transnational verlaufende, ideologische Deutungskonflikte ihn befördern können. Leider haben die Autor:innen ihr reichhaltiges Material nicht systematisch im Hinblick auf solche Muster untersucht. Unabhängig von diesem Einwand sei die Studie jedoch vor allem aufgrund der zugleich umfassenden wie nuancierten Ausarbeitung der Unterschiede in den Europadeutungen und historischen Erinnerungen zwischen den Ländern und politischen Lagern in Europa empfohlen.

  1. Juan Díez Medrano, Framing Europe. Attitudes to European Integration in Germany, Spain, and the United Kingdom, Princeton 2003.
  2. Claus Leggewie, Der Kampf um die europäische Erinnerung. Ein Schlachtfeld wird besichtigt, in Zusammenarb. mit Anne Lang, München 2011.
  3. Lewis A. Coser, Theorie sozialer Konflikte, übers. von Sebastian und Hanne Herkommer, Wiesbaden 2009.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Henriette Liebhart.

Kategorien: Erinnerung Europa Geschichte Medien Sozialgeschichte

Abbildung Profilbild Daniel Drewski

Daniel Drewski

Daniel Drewski ist Juniorprofessor für Soziologie Europas und der Globalisierung an der Universität Bamberg. In seiner Forschung beschäftigt er sich mit der Soziologie europäischer Integration und mit global vergleichender Kultursoziologie (© Benjamin Herges).

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