Klaus Bendel | Rezension |

Die Ungleichheit der Gesellschaft

Rezension zu „Soziale Ungleichheit in differenzierten Ordnungen. Zur Wechselwirkung zweier Strukturprinzipien“ von Thomas Schwinn

Thomas Schwinn:
Soziale Ungleichheit in differenzierten Ordnungen. Zur Wechselwirkung zweier Strukturprinzipien
Deutschland
Tübingen 2019: Mohr Siebeck
VI, 275 S., 49 Euro
ISBN 978-3-16-156625-7

Sowohl die Strukturen sozialer Differenzierung als auch diejenigen sozialer Ungleichheit in modernen Gesellschaften gehören zu den zentralen Themenfeldern der Soziologie. Sie weisen lange Traditionslinien auf und beinhalten zugleich sehr unterschiedliche Denkrichtungen und Forschungskulturen. Während Differenzierungstheorien die Verschiedenheit institutioneller Ordnungen bzw. funktionaler Teilsysteme und das Grundmuster ihrer Verknüpfung in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen stellen, analysieren Ungleichheitstheorien die mit spezifischen Vor- oder Nachteilen einhergehende Unterschiedlichkeit sozialer Lagen ebenso wie die ihnen zugrundeliegenden Triebkräfte und Determinanten.

Seit 20 Jahren arbeitet Thomas Schwinn daran, die strikte Trennung dieser beiden Forschungsfelder und Diskurswelten zu überwinden und die Frage zu klären, in welchem Verhältnis institutionelle Differenzierungen und soziale Ungleichheiten zueinanderstehen. Mit dem Band „Soziale Ungleichheit in differenzierten Ordnungen“ hat er nun eine Art Bilanz seiner Überlegungen in Form einer Aufsatzsammlung vorgelegt. Das Buch ist in vier Themenschwerpunkte gegliedert und umfasst insgesamt zwölf Beiträge, von denen zehn bereits andernorts publiziert wurden. Die ersten drei Beiträge setzen sich mit der Verhältnisbestimmung von gesellschaftlicher Differenzierung und sozialer Ungleichheit auseinander, die nächsten drei beschäftigen sich mit Überlegungen zu konkreten Vermittlungsmechanismen zwischen institutionellen Ordnungen und Sozialstrukturen aus unterschiedlichen Theorieperspektiven (Inklusion/Exklusion bzw. Intersektionalität). Der dritte Block widmet sich der Frage, welche Rolle staatlichen Ordnungen und ihren kulturellen Legitimationsgrundlagen im Zusammenwirken von Differenzierungs- und Ungleichheitsdynamiken zukommt. Die abschließenden drei Texte setzen sich mit anderen Vorschlägen (von Adrian Itschert, Uwe Schimank und Hartmut Esser) zur Konzeption des Verhältnisses von sozialer Differenzierung und sozialer Ungleichheit auseinander.

Da das vorliegende Buch ältere, überwiegend bereits publizierte Beiträge versammelt, ist es wenig überraschend, dass der Band nicht mit neuen Erkenntnissen aufwartet. Vielmehr verdeutlicht die Zusammenstellung Schwinns Grundgedanken sowie diejenigen Fragen, die im Rahmen der Diskussion zum Verhältnis von sozialer Differenzierung und sozialer Ungleichheit zu klären sind.

Einleitend skizziert Schwinn zunächst nochmals, wie wenig die beiden Traditionslinien der Soziologie bis heute aufeinander Bezug nehmen. Die Gründe hierfür sieht er unter anderem in den verschiedenen grundlagentheoretischen Ausgangs- bzw. Bezugspunkten (System- vs. Handlungstheorie), dem unterschiedlichen Stellenwert von Strategien der Erkenntnisgewinnung (Theorie vs. Empirie) sowie der andersartigen sozialtheoretischen Grundlegung der Strukturdimensionen („Ungleichartigkeit von Ordnungen“ vs. „Ungleichwertigkeit von Lagen“).

In einem weiteren Schritt beschreibt der Autor unterschiedliche Möglichkeiten, das Verhältnis von funktionaler Differenzierung und sozialer Ungleichheit zu konzipieren. Sie reichen von einem Primat sozialer Ungleichheit oder funktionaler Differenzierung über verschiedene Formen der wechselseitigen Beeinflussung bis hin zu einer weitreichenden Indifferenz. Auf diese Frage des Verhältnisses von funktionaler Differenzierung und sozialer Ungleichheit gehen die Beiträge des ersten Themenblocks dann ausführlich ein. Die zentrale These von Schwinn ist dabei, dass sich weder die Muster sozialer Ungleichheit aus der Logik funktionaler Differenzierung noch die institutionelle Ordnung der Gesellschaft aus den Verteilungskämpfen um knappe Ressourcen ableiten lassen. Im Unterschied etwa zu Luhmann oder Bourdieu sieht Schwinn daher auch für moderne Gesellschaften keinen Primat einer bestimmten Differenzierungsform (funktional oder stratifikatorisch), sondern eine inkommensurable Eigenständigkeit beider Dynamiken, die sich gleichwohl wechselseitig bedingen und beeinflussen.

Der Fortbestand sozialer Ungleichheiten in modernen, funktional differenzierten Gesellschaften basiert seines Erachtens nicht allein darauf, dass die Teilsysteme im Rahmen ihrer spezifischen Funktionslogiken Ungleichheiten hervorbringen. Vielmehr kommt auch eine Eigendynamik von Verteilungs-, Macht- und Anerkennungskämpfen zum Tragen, die mit teilsystemübergreifenden Struktureffekten verbunden sind. Die Basis für derartige Effekte bilden sogenannte „generalisierte Schlüsselkompetenzen“ (S. 36), die vermittelt über die Mechanismen der Hierarchiebildung von Organisationen in allen Teilsystemen relevant sind und Privilegien in Aussicht stellen. In der Folge bringt die vor allem über Familien und Bildungseinrichtungen beförderte ungleiche Verfügung über solche Schlüsselkompetenzen gesellschaftsweit Ungleichheiten in Form von Klassen, Schichten, Milieus und Lebensstilen hervor.

Der zweite Teil der Aufsatzsammlung beschäftigt sich mit Vermittlungsmechanismen zwischen institutionellen Ordnungen und Sozialstruktur aus unterschiedlichen Theorieperspektiven. Im Zuge dessen erläutert Schwinn, warum er das systemtheoretische Inklusionskonzept Luhmanns, das sich auf die Frage konzentriert, ob und in welcher Form gesellschaftliche Funktionssysteme auf Personen als soziale Adressen Bezug nehmen, als unzulänglich erachtet: Einerseits kann es die Verkettung sozialer Vor- oder Nachteile über die teilsystemspezifischen Formen der Inklusion hinaus zu gesamtgesellschaftlichen sozialen Lagen nicht erklären, andererseits werden auch die graduellen Unterschiede der Inklusion innerhalb der Teilsysteme kategorial nicht erfasst. Dass etwa das erfolgreiche Durchlaufen des Bildungssystems mit der sozialen Herkunft in engem Zusammenhang steht, hohe Bildungsabschlüsse wiederum gute Positionen im Wirtschaftssystem in Aussicht stellen und dies in der Regel mit einem überdurchschnittlich hohen Ausmaß an Macht und Einfluss verbunden ist, findet im Rahmen des Inklusionskonzepts unter der Voraussetzung eines Primats funktionaler Differenzierung ebenso wenig Berücksichtigung wie die Tatsache, dass man auf ganz unterschiedliche Weise in das Wirtschaftssystem inkludiert sein kann, etwa als wohlhabende Managerin oder als prekär Beschäftigter.

Der zweite Beitrag dieses Themenkomplexes beschäftigt sich mit den Kategorien Klasse, Ethnie und Geschlecht, insbesondere mit ihrem Status im Rahmen der Analyse sozialer Ungleichheiten. Auch hier betont Schwinn wiederum vor allem, dass sich beispielsweise geschlechtsspezifische Ungleichheitsmuster zwar sehr wohl auf der Grundlage einer für moderne Gesellschaften charakteristischen Differenzierungslogik herausbilden, diese sich jedoch nicht allein daraus ableiten lassen und ihrerseits im Rahmen von strategischen Kämpfen um Positionen auf die institutionelle Ordnung der Gesellschaft zurückwirken. Ethnische sowie Klassen- und Geschlechterverhältnisse basieren auf spezifischen Mechanismen der Konstruktion von (Nicht-)Zugehörigkeiten. Sie entfalten im Zuge der damit einhergehenden unterschiedlichen Verfügung über (konvertierbare) ökonomische, politische und kulturelle Ressourcen in Wechselwirkung miteinander verstärkende oder kompensatorische Effekte, die im Gefüge sozialer Ungleichheiten wirksam werden und jenseits der funktionalen Notwendigkeiten differenzierter Ordnungen anzusiedeln sind. Zugleich beeinflussen ethnische sowie Klassen- und Geschlechterverhältnisse auch die Eigenart und den Charakter des institutionellen Arrangements in einer Gesellschaft, etwa die konkrete Ausgestaltung des Arbeits-, Familien- oder Staatsbürgerrechts.

Der letzte Beitrag dieses Themenblocks behandelt die Frage, ob es sich bei der Kategorie Geschlecht um einen soziologischen Grundbegriff handelt. Schwinn plädiert hier für eine klare Trennung der Theorieebenen: Während auf der methodologischen Grundlagenebene system- bzw. handlungstheoretische Paradigmen thematisiert werden, die sich an Leitunterscheidungen wie System und Umwelt bzw. Akteur und Situation orientieren, sind auf der gesellschafts- bzw. ordnungstheoretischen Ebene Differenzierungs- und Ungleichheitstheorien relevant, die ihrerseits auf handlungs- oder systemtheoretischen Grundannahmen basieren. In diesem Zusammenhang stellt die Kategorie Geschlecht für Schwinn kein Element des grundlagentheoretischen Diskurses dar. Vielmehr ist sie auf der Ebene der Differenzierungs- und Ungleichheitstheorien ohne grundlegende Veränderungen der jeweiligen Theoriearchitektoniken integrierbar.

Der dritte Teil des Buches beschäftigt sich mit dem normativen Rahmen, in den die Kämpfe um Interessen und Positionen bzw. die durch sie ausgelösten Ungleichheitsdynamiken eingebettet sind. Gegenüber der Systemtheorie Luhmanns und der Individualisierungstheorie von Beck betont Schwinn die sozialintegrative Bedeutung staatlich garantierter Grundrechte, politischer Teilhaberechte und sozialstaatlicher Absicherungen, die allen Staatsbürger*innen gleichermaßen zugestanden werden. Sie sind seiner Ansicht nach sowohl Legitimationsgrundlage als auch Hintergrundfolie für die institutionelle Einbindung in unterschiedliche gesellschaftliche Teilbereiche und bilden einen eigenständigen sozialstrukturellen Ordnungsrahmen, der nicht aus den Prozessen funktionaler Systemdifferenzierung abgeleitet werden kann. Deutlich wird das etwa am Beispiel von bestimmten Milieus, die sich Schwinn zufolge keineswegs aufgrund einer durch die weitreichende funktionale Differenzierung moderner Gesellschaften bedingten Halt- und Orientierungslosigkeit entwickeln, sondern vielmehr eine Reaktion auf spezifische Formen der politischen, rechtlichen oder sozialökonomischen Diskriminierung darstellen.

Im vierten und letzten Teil der Aufsatzsammlung setzt sich der Autor kritisch mit anderen Beiträgen zu den Strukturen sozialer Differenzierung und sozialer Ungleichheit auseinander. Hinsichtlich Adrian Itscherts Überlegungen zu sozialen Ungleichheiten in funktional differenzierten Gesellschaften richten sich die Einwände Schwinns insbesondere zum einen gegen die Vorstellung von eher zufälligen und unkoordinierten Statuszuweisungsprozessen in verschiedenen Funktionssystemen bei zum anderen zugleich stabilen, gesellschaftsweit durch das funktional differenzierte Institutionengefüge hervorgebrachten Ungleichheitsverhältnissen. Während die erste Annahme eine durch empirische Befunde der Ungleichheitsforschung eindeutig belegte teilsystem- und generationenübergreifende Reproduktion sozialer Ungleichheiten nicht zu erklären vermag, finden sich für die zweite nach Schwinn keinerlei Anhaltspunkte in der von Itschert favorisierten Differenzierungstheorie Luhmanns.

Uwe Schimanks Versuch, die gesellschaftstheoretischen Strukturdimensionen der Produktion von Leistungen (Differenzierung), der Verteilung von Lebenschancen (Ungleichheit) und der Legitimation von Verhältnissen (Kultur) zu integrieren, ist nach Schwinn zwar grundsätzlich zu begrüßen, leidet jedoch an einem ungeklärten Verhältnis von Handlungs- und Systemtheorie. Letzteres kommt unter anderem darin zum Ausdruck, dass Schimank seine integrative Gesellschaftstheorie zwar handlungstheoretisch fundieren möchte, gleichzeitig aber an einer Vorstellung von Gesellschaft als einem System im Sinne eines in sich geschlossenen Reproduktionsmechanismus festhält. Darüber hinaus wird nach Schwinn nicht deutlich, worauf der von Schimank postulierte analytische Primat der differenzierungstheoretischen Perspektive gegenüber einer ungleichheits- bzw. kulturtheoretischen gründet.

Auch Hartmut Essers Versuch, die Paradigmenspaltung durch eine „simultane system- und handlungstheoretische Analyse“ (S. 210) zu überwinden, erscheint aus der Sicht von Schwinn insoweit inkonsequent, als dieser sich auf der sozialtheoretischen Ebene zwar eindeutig handlungstheoretisch in Form des methodologischen Individualismus positioniert und somit handelnde Akteure grundsätzlich als Ausgangspunkt des Sozialen betrachtet. Gleichzeitig jedoch übernimmt Esser das gesellschaftliche Evolutionskonzept Luhmanns in Verbindung mit der Unterscheidung von System- und Sozialintegration und sieht die moderne funktional differenzierte Gesellschaft als primär systemintegrativ verfasst, das heißt in einer Form, bei der sich die Reproduktionsmechanismen des Sozialen von den Absichten und Motiven der handelnden Akteure lösen. Parallel entsteht durch Essers Anlehnung an Luhmanns Konzept der Exklusionsindividualität zudem der Eindruck, dass sich die Identitätsbildung der Akteure in modernen Gesellschaften von der sozialintegrativen Ebene ihrer gesellschaftlichen Einbindungen in die Richtung rein innerpsychischer Konstruktionsleistungen der Individuen verschiebt.

Als Fazit lässt sich festhalten, dass in den meisten Beiträgen die Kritik an der System- bzw. Differenzierungstheorie Luhmanns die Grundlage der jeweiligen Argumentationslinien bildet. Es ist Schwinns Verdienst, deren Schwachpunkte benannt zu haben. Die Theorie der funktionalen Differenzierung der modernen Gesellschaft in der Form operativ geschlossener, selbstreferentieller Teilsysteme verfügt über kein Instrumentarium, um die offenkundig fortbestehenden sozialen Ungleichheiten innerhalb der Funktionssysteme und über Systemgrenzen hinweg zu erfassen. Ihr fehlt die Perspektive auf die Lebenslage von Personen im Rahmen der Sozialstruktur einer Gesellschaft.

Die Frage, ob die Systemtheorie damit als Differenzierungstheorie ausgedient hat und durch eine handlungstheoretische Differenzierungstheorie ersetzt werden sollte oder lediglich einer ungleichheitstheoretischen Ergänzung bedarf und welchen Status diese Ergänzung gegebenenfalls haben sollte, verweist auf die grundlagentheoretische Ebene der soziologischen Theoriebildung. Schwinn plädiert für Ersteres, sieht jedoch in Differenzierungs- und Ungleichheitsdynamiken jeweils eigene Strukturlogiken wirksam, die nicht voneinander abgeleitet werden können, und auf unterschiedliche sozialtheoretische Grundlagen zurückzuführen sind. Leider geht er im Rahmen der vorliegenden Aufsatzsammlung nicht ausführlicher auf diese Grundlagen ein. Die wenigen Passagen, die sich mit den methodologischen Unterschieden zwischen System- und Handlungstheorie beschäftigen, setzen sich nur rudimentär mit dem systemtheoretischen Paradigma und der daraus abgeleiteten These einer operativen Eigenständigkeit psychischer und sozialer Systeme, insbesondere auch funktional differenzierter gesellschaftlicher Teilsysteme, auseinander. Dadurch bleibt unterbelichtet, aus welchen Gründen Luhmann das Soziale im Gegensatz zu handlungstheoretischen Ansätzen nicht als eine Beziehung zwischen Individuen, sondern als ein selbstselektives Kommunikationsgeschehen versteht. Ungeklärt bleibt damit auch, warum, wie Schwinn selbst mehrfach konstatiert, eine besondere Affinität zwischen Systemtheorie und Differenzierungsthematik bzw. Handlungstheorie und Ungleichheitsthematik besteht. Insoweit wäre ein weiterführender Beitrag, der sich mit dem Verhältnis von System- und Handlungstheorie bzw. den unterschiedlichen sozialtheoretischen Grundlagen der Differenzierungs- und Ungleichheitsthematik auseinandersetzt, wünschenswert gewesen.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.

Kategorien: Gesellschaft Handlungstheorie Soziale Ungleichheit Systemtheorie / Soziale Systeme

Klaus Bendel

Klaus Bendel ist Professor für Soziologie an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören Soziologische Theorie, soziale Ungleichheiten und Soziologie der Sozialen Arbeit.

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