Dossier
Über Grenzen
Erkundungen zu einem soziologischen Grundbegriff
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Unter einer „Grenze“, so definieren es Lexika wie die Brockhaus-Enzyklopädie, seien „vorgestellte Linien“ zu verstehen, die das Gebiet zweier Staaten oder – im Fall von Gemeindegrenzen – örtliche Zuständigkeiten von Behörden scheiden: „Der Grenzverlauf ist durch Normen des Völker-, Staats- oder Verwaltungsrechts bestimmt und im Gelände durch Grenzzeichen markiert.“ Diese Definition erfasst nur einen Teil der sozialen Wirklichkeit. Tatsächlich treten Grenzen jedoch in weitaus vielfältigeren Formen auf. Grenzziehungen strukturieren soziale Identitäten, gesellschaftliches Handeln sowie dessen Materialisierung und bedingen somit soziokulturelle Unterscheidungen.
Die Beiträge dieses Dossiers verstehen die Grenze als „konstitutiv für das Soziale selbst“ (siehe der Beitrag von Bochmann et al.); im Fokus steht ihr multidimensionaler Charakter.
Mit einer theoriegeschichtlichen Heranführung an die Grenze beginnen Annett Bochmann, Ulla Connor, Dominik Gerst und Vivien Sommer. Sie weisen darauf hin, dass Grenzen schon immer Gegenstand gesellschaftlicher Analysen waren – von Georg Simmels relationalem Grenzverständnis über poststrukturalistische Grenzüberschreitungen bis hin zu den interdisziplinären Border Studies. Die Forschung widmet sich vielfach den sozialen, kulturellen und materiellen Beziehungen, in denen Grenzen entstehen, wirken und verändert werden. Darüber hinaus gelte es, so das Argument dieses Beitrags, die Grenze als Grundbegriff der Soziologie zu etablieren.
Anhand des Frankfurter Flughafens veranschaulicht Anna Derriks, wie mitten im Landesinneren eine Außengrenze strukturell, materiell, technisch-praktisch sowie ästhetisch hergestellt wird. Dass diese Grenze dabei oftmals unsichtbar bleibt, ist kein Zufall, sondern vielmehr Teil ihrer Funktionslogik.
Welche Grenzen Gesellschaften als maßgeblich betrachten, hängt unter anderem von wissenschaftlichen Beschreibungen ab. Youssef Ibrahim erläutert, dass hierfür nicht allein die Sozialwissenschaften ausschlaggebend sind. Im Gegenteil: Allgemein bekannte Konzepte wie Klimazonen, planetare Grenzen oder Kipppunkte zeigen, dass die Klimaforschung bereits seit dem 19. Jahrhundert als wichtige Produzentin von Gesellschafts- und Grenztheorien wirkt.
Dass Hilfe, Solidarität und auch soziale Liebe nicht jenseits von Grenzen gedacht werden können, argumentieren Ruth Manstetten und Greta Wagner in ihrem Beitrag. Anhand der Ergebnisse einer Diskursanalyse deutscher und britischer Tageszeitungen zeigen sie, dass Grenzen nicht nur festlegen, wer Unterstützung erhält, sondern auch, wie Hilfe legitimiert, affektiv gerahmt und politisch wirksam wird.
Dass Grenzen – territoriale wie symbolische – auch dann wirksam bleiben können, wenn Menschen in ein anderes Land auswandern und sich in neuer Umgebung niederlassen, zeigt Johannes Becker mit seinem Beitrag über die Replikation von (Staats-)Grenzen in der assyrischen Diaspora. Er stellt Ergebnisse aus einem Forschungsprojekt vor, in dessen Rahmen ein assyrisches Kulturzentrum in einer deutschen Großstadt untersucht wurde.
In einem Interview erläutern Mareike Gebhardt, Lena Laube und Maria Ullrich, inwiefern die Zukunft europäischer Demokratien an den mediterranen Grenzen der Europäischen Union ausgehandelt wird, und berichten von ihrer Forschung im Rahmen des Projekts „Zivile Seenotrettung als Kristallisationspunkt des Streits um Demokratie“ (ZivDem). Dabei gehen sie auch auf die Frage ein, in welchem Verhältnis Grenz- und Migrationssoziologie zueinander stehen.
Das Dossier ist im Rahmen der Tagung „Grenzsoziologie Revisited“ am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen entstanden, bei der unter anderem der Arbeitskreis Grenzsoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie ins Leben gerufen wurde. Wir danken den beteiligten Autor:innen für Ihre Mitwirkung.
Die Redaktion
Ulla Connor, Dominik Gerst, Annett Bochmann, Vivien Sommer | Essay
Die Grenzen der Soziologie
Warum es eine eigene Perspektive braucht
Anna Derriks | Essay
Von Durchlässigkeit und Dichtheit
Sozio-materielle Grenzproduktion am Personentransportsystem Frankfurt Flughafen
Youssef Ibrahim | Essay
Gesellschaft von ihren Grenzen her gedacht
Über klimatische Nischen, planetare Grenzen und soziale Kipppunkte
Johannes Becker | Essay
Neues Land, alte Grenzen
Über die Replikation von (Staats-)Grenzen in der assyrischen Diaspora
Mareike Gebhardt, Lena Laube, Maria Ullrich | Interview
Nachgefragt beim Forschungsprojekt „Zivile Seenotrettung als Kristallisationspunkt des Streits um Demokratie“ (ZivDem)
Fünf Fragen an Mareike Gebhardt, Lena Laube und Maria Ullrich