Dossier
Wie erzählt man davon?
Zum Tod von Alexander Kluge (1932–2026)
Zur Zeit des Stummfilms, als vieles noch nicht festgelegt, zur Routine geworden war, erprobte man auch einen Effekt, den Alexander Kluge in Die Lücke, die der Teufel läßt beschrieb. Man setzte die Kulissen, „also die Horizonte“, auf Rollen und ließ sie auf die handelnden Personen zufahren. Der Raum wurde enger: „Der Zuschauer spürt die Wirkung, kann aber den Grund dafür nicht erkennen; er empfindet das als unheimlich.“ Im 21. Jahrhundert werde dieser Effekt, schrieb Kluge 2005, zu „einer allgemeinen MENSCHLICHEN ERFAHRUNG“. Er, damals schon 73 Jahre alt, hat darauf mit einer Fülle von Geschichten, Anekdoten, Gesprächen, Kommentaren reagiert, in verschiedensten Formen, mit toten wie lebenden Gesprächspartner:innen. Das Lamentieren und das Sentimentalische lagen ihm nicht.
Auf der Suche nach „Waffen gegen das FALSCHE IN DER WIRKLICHKEIT“ hat er bewährte Nachbarschaften gepflegt, in Film, Theorie, Literatur, Sozialwissenschaften, Geschichte, Kunst und Theater. In seinem Werk trat Heinrich von Kleist an die Seite Max Webers, trafen sich Theodor W. Adorno und Niklas Luhmann, entspannen sich fiktive Gespräche von Ingenieuren, Regisseuren, Informatikern und Dichtern, ging es um Liebe und Krieg, Macht und Schönheit – und immer stand die Frage im enger werdenden Raum: „Wie erzählt man davon?“
Mit seinem Tod verliert die Bundesrepublik einen ihrer großen Intellektuellen, einen Erzähler von quecksilbriger Neugier, einen Gesellschaftsbeobachter, der zu überraschen verstand, weil er glaubte, dass Menschen lieber nicht sein als nicht lebendig sein wollen. „Uns trennt von gestern kein Abgrund, sondern die veränderte Lage“, lasen die Zuschauer:innen 1966 in seinem Film „Abschied von gestern“. Alexander Kluge starb am 25. März 2026, wenige Tage nach seinem Freund Jürgen Habermas. Diese Tode verändern die Lage. Dirk Baecker porträtiert Kluge in seinem Nachruf als „Ein-Mann-Unternehmen zur Rettung rabbinischen Denkens in einem nach der Vertreibung und Vernichtung der Juden verwüsteten Deutschland“, Lothar Müller folgt den Spuren des „Textschreibers“ und erkundet seine Erzählprinzipien.
Die Redaktion