Dis/ability in Science

Rezension zu "Disability Studies. Zur Einführung" von Anne Waldschmidt

Im deutschsprachigen Raum sind die Disability Studies ein relativ junges, innovatives und kontinuierlich wachsendes Forschungsfeld.[1] Mit seiner Entstehung eröffneten sich neue Perspektiven auf Behinderung, aber auch auf Normalität, die eben nicht naturgegeben, sondern sozial konstruiert ist. Ein solches Verständnis ist wichtig zur Analyse jener sozialen Ungleichheit, die in nicht erfüllten oder erfüllbaren Normalitätsanforderungen begründet liegt.[2] Ausgehend vom angloamerikanischen Raum entwickelt sich seit vier Jahrzehnten in vielen Regionen der Welt und in unterschiedlichen Fachrichtungen eine äußerst vielseitige Forschungstradition, in der sich Wissenschaft und Aktivismus vermischen und gegenseitig beeinflussen.[3] Die Disability Studies dienen also auch als Inspirationsquelle für affirmative gesellschaftliche und kulturelle Vielfalts- und Differenzanforderungen.[4] Das damit abgesteckte Forschungsfeld wie auch Anne Waldschmidts darin einführendes Buch verstehen Behinderung als mehrdimensionales und facettenreiches Phänomen, als spezifische Konstruktion und fließende Differenzkategorie, die international und disziplinübergreifend untersucht werden müssen.

Wichtig für die Formierung und Entwicklung der Disability Studies war, dass behinderte Menschen selbst – im Zusammenhang mit den Bürgerrechtsbewegungen in den 1970er-Jahren – aus der eigenen Erfahrung heraus radikal andere Definitionen von und Sichtweisen auf Behinderung erarbeiteten. Dies wurde begleitet von Kampfrufen wie „Wir sind nicht behindert, wir werden behindert“ und „Nichts über uns ohne uns“.[5] Der Slogan „to be disabled is to be politised“ ähnelt dem Motto der Frauenbewegung „das Private ist politisch“.[6] Aktivist*innen der Behindertenbewegung waren unter den ersten, die im Feld der Disability Studies arbeiteten und damit auch Einfluss auf die Politik nahmen. Die UN-Behindertenkonvention, an der in führenden Positionen Menschen mit Behinderungen mitarbeiteten, definiert in Artikel 1 der in Österreich angenommenen Übersetzung Menschen mit Behinderungen als „Personen, die langfristige körperliche, psychische, intellektuelle oder Sinnesbeeinträchtigungen haben, die sie in Wechselwirkung mit verschiedenen Barrieren an der vollen und wirksamen Teilhabe, gleichberechtigt mit anderen, an der Gesellschaft hindern können“. Hierzu zählen Personen mit Dyslexie oder Legasthenie genauso wie Menschen, die zur Mobilität im Alltag einen Rollstuhl oder eine persönliche Assistenz nutzen. Für Letztere stellen die in der Umwelt gegebenen Barrieren und die in der Daseinsfürsorge herrschenden Lücken sicherlich eine besondere Schwierigkeit dar.[7]

Während sich manche Menschen mit der Kategorie „Behinderung“ identifizieren und andere nicht, ist gemeinhin anzuerkennen, dass einige von uns körperliche, sensorische, kognitive oder intellektuelle Beeinträchtigungen haben. Die Disability Studies wiederum begreifen das Label „Behinderung“ eindeutig als politisch und historisch sowie als kulturell und sozial eingebunden. Entsprechend ist Behinderung ein soziales, relationales, politisches und kulturelles Phänomen und sollte als solches analysiert werden.[8]

Angesichts der dynamischen Entwicklungen in den letzten Jahren ist ein systematischer Einblick in das Forschungsfeld, wie er nun vorliegt, nicht nur wünschenswert, sondern auch notwendig. Anne Waldschmidt will mit dem Werk über „zentrale Theorien, Themen und Debatten orientieren, den aktuellen Stand der Forschung bilanzieren und Anstöße zur Weiterentwicklung liefern“ (S. 12). Zugute kommen ihr dabei, dass sie als Herausgeberin eines 2021 erscheinenden Handbuchs zum Gegenstand einen guten Überblick zu aktuellen Entwicklungen und fundierte Einblicke in verschiedenste Zugänge gewinnen konnte, und dass sie vor allem eine lange und eindrucksvolle Forschungs- und Publikationstätigkeit in diesem Feld vorweisen kann.[9]

In den Vorbemerkungen (Kapitel 1) erläutert die Autorin, dass die Disability Studies Missverständnisse, mit denen Menschen mit Behinderungen immer wieder konfrontiert sind, aus dem Weg räumen wollen. Das zweite Kapitel erkundet das bestehende Forschungsfeld der Disability Studies, wobei es grundlegende Ideen und historische Entwicklungen vor allem mit Blick auf die Bundesrepublik Deutschland verständlich vorgestellt und Behinderung als analytische und kontingente Kategorie einführt. Im dritten Kapitel erläutert Waldschmidt vor allem die angloamerikanische und bundesdeutsche Entwicklungsgeschichte der Disability Studies als Teil der Sozial-, Geschichts- und Kulturwissenschaften und stellt die in den jeweiligen Feldern zentralen Themen vor. Anschließend diskutiert und vergleicht sie verschiedene Modelle von Behinderung und ihre Entwicklung (Kapitel 4). Neben einer Präsentation der unterschiedlichen Perspektiven auf Behinderung fragt sie dabei nach dem jeweiligen Erkenntnisgewinn für die Disability Studies. Die im fünften Kapitel behandelten Theorieansätze entstammen vorrangig den Sozial- und Kulturwissenschaften und wurden von den Disability Studies adaptiert. Erfreulicherweise lässt der Band auch die vielfältigen theoretischen Debatten der jüngeren Vergangenheit nicht außer Acht. Darauf folgt eine Einführung in die Praxis der empirischen Forschung mit ihren methodologischen Debatten und den partizipativ-emanzipatorischen Anforderungen (Kapitel 5). Wie bereits Kapitel 3 gibt auch das siebte Kapitel einen Überblick über den aktuellen internationalen Forschungsstand in den Sozial-, Geschichts- und Kulturwissenschaften, wobei es sich mehr auf die Zeit ab 2000 fokussieren will. Die Schlussbemerkungen rekapitulieren erneut den aktuellen Stand der Disability Studies und benennen Forschungsdesiderate und mögliche Anknüpfungspunkte für weitere Studien.

Anne Waldschmidt, die sicherlich als Doyenne und damit als führende Persönlichkeit in den deutschsprachigen Disability Studies bezeichnet werden darf, steckt ein weites Feld ab, bestehend aus wissenschaftlichen Debatten, theoretischen Ansätzen und Forschungssträngen, weniger Platz haben dagegen Aktivismus und Praxis. Dies ist vermutlich dem akademisch-theoretischen Fokus des Werks sowie seinem Status als Einführungsbuch geschuldet. Insgesamt unterstreicht der Aufbau des Bandes die Interdisziplinarität und Multiperspektivität des Forschungsbereichs und ermöglicht den Einstieg in zentrale Themen. Mit fortschreitender Lektüre, spätestens allerdings in der abschließenden Gesamtschau fallen jedoch einige Redundanzen auf: Manche der Themen werden mehrfach, weil in unterschiedlichen Kapiteln aufgegriffen. Die Wiederholungen kommen zum einen dadurch zustande, dass das Buch bestimmte Aspekte des Themas und deren Erläuterung an mehreren Stellen aufgreift. Zum anderen liegen sie wohl darin begründet, dass es sich um eine Einführungslektüre für Einsteiger*innen handelt.

Der Text ist verständlich geschrieben, die Bezüge und Querverweise sind meist auch für Anfänger*innen im Feld nachvollziehbar. Die Quellenkenntnis der Autorin beeindruckt auch die informierte Leserin. Ohne Zweifel macht Anne Waldschmidt deutlich, dass sie eine profunde Kennerin der internationalen und bundesdeutschen Disability Studies ist. Leider finden, wie oben bereits angedeutet, Ideen abseits der universitären und dominanten kulturwissenschaftlichen Profilierung oder des nationalen Raums in diesem Werk wenig Beachtung. So tauchen weder nennenswerte Bezüge zur Behindertenbewegung auf noch gibt es eine fundierte Anbindung an Umwelt strukturierende Bedingungen. Durch seine sozial-, geschichts- und kulturwissenschaftliche Schwerpunktsetzung zeigt das Werk zwar die Lage in den genannten Disziplinen, dennoch scheint der gewählte Fokus nicht zuletzt durch die thematischen Wiederholungen sehr eng. Manche der verwendeten Begrifflichkeiten – wie das mehrfach genannte „geistige Behinderung“ (S. 28, 33, 38), das beispielsweise die People 1st-Bewegung als abwertend empfindet, oder die Beschreibung „der im Rollstuhl saß“ (S. 41, 46) – irritieren sprachsensible Leser*innen bei der Lektüre.

Das vorliegende Buch erläutert Disability Studies als Paradigmen- und Perspektivenwechsel. Demnach ist Behinderung weder als persönliches Schicksal noch als individuelles Problem zu beschreiben. Stattdessen geht es darum, Behinderung als affirmative Identität zu begreifen und normative Zwangsvorstellungen zu entlarven. Die Autorin führt gekonnt in Modelle, theoretische Diskurse und methodologische Debatten internationaler und interdisziplinärer Kontexte ein und bietet eine Bestandsaufnahme aktueller Forschungsbeiträge. Insgesamt bleibt der Eindruck bestehen, dass die dominierenden Perspektiven der Sozial- und Geisteswissenschaften durchaus wertvolle Anregungen für die Generierung von Forschungsthemen geben können und einen wichtigen Beitrag dazu leisten, gegenwärtige Phänomene kritisch einzuordnen. Auch wenn weitere Bezugnahmen wünschenswert gewesen wären, ist das Buch sicherlich eine kompakte Einführung und kann als solche getrost weiterempfohlen werden.

Fußnoten

[1] David Brehme / Petra Fuchs / Swantje Köbsell / Carla Wesselmann (Hg.), Disability Studies im deutschsprachigen Raum. Zwischen Emanzipation und Vereinnahmung, Weinheim 2020.

[2] Lisa Pfahl / Swantje Köbsell, Was sind eigentlich Disability Studies? Wechselspiel von Beeinträchtigung und Barriere, in: Forschung & Lehre 21 (2014), 7, S. 554–555; Anne Waldschmidt, Disability Studies: individuelles, soziales und/oder kulturelles Modell von Behinderung?, in: Psychologie & Gesellschaftskritik 29 (2005), 1, S. 9–31.

[3] Unter zahlreichen Publikationen siehe beispielsweise Gary Albrecht / Katherine Seelman / Michael Bury (Hg.), Handbook of Disability Studies, Thousand Oaks, CA 2001; Lennard J. Davis (Hg.), The Disability Studies Reader, New York 2006; Colin Barnes / Mike Oliver / Len Barton (Hg.), Disability Studies Today, Cambridge 2002; Shridevi Rao / Maya Kalyanpur (Hg.), South Asia & Disability Studies. Redefining Boundaries & Extending Horizons, New York 2015; bald auch Anne Waldschmidt (Hg.), Handbuch Disability Studies, Wiesbaden (im Erscheinen).

[4] Eva Egermann, crip magazine [23.10.2020], #1/2012, #2/2017 und #3/2019.

[5] Volker Schönwiese, Perspektiven der Disability Studies, in: Behinderte in Familie und Gesellschaft 28 (2005), 5, S. 16–21.

[6] Dan Goodley, Disability Studies. An Interdisciplinary Introduction, London 2012, S. xi.

[7] Haydn Hammersley, Poverty and Social Exclusion of Persons with Disabilities, in: European Human Rights Report (2020), 4.

[8] Goodley, Disability Studies.

[9] Siehe beispielsweise Anne Waldschmidt (Hg.), Kulturwissenschaftliche Perspektiven der Disability Studies. Tagungsdokumentation, Kassel 2003; Anne Waldschmidt, Disability Policy of the European Union. The Supranational Level, in: ALTER. European Journal of Disability Research | Revue Européenne de Recherche sur le Handicap 3 (2009), 1, S. 8–23; Anne Waldschmidt, Selbstbestimmung als Konstruktion. Alltagstheorien behinderter Frauen und Männer [1999], 2., korr. Aufl., Wiesbaden 2012; oder auch Anne Waldschmidt / Marie Sépulchre, Citizenship. Reflections on a Relevant but Ambivalent Concept for Persons with Disabilities, in: Disability & Society 34 (2019), 3, S. 421–448.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.