Christian Geulen | Rezension |

Von braven Bilanzen und Desorientierung

Rezension zu „Stichworte zur Zeit. Ein Glossar“, herausgegeben von der Heinrich-Böll-Stiftung

Heinrich-Böll-Stiftung (Hg.):
Stichworte zur Zeit. Ein Glossar
Deutschland
Bielefeld 2020: transcript
352 S., 19,50 EUR
ISBN 978-3-8376-5382-3

Zeitdiagnosen sind ein unterhaltsames Genre. Wir lesen sie wie Horoskope – auf der Suche nach der Entsprechung, Verortung und Wiedererkennung unserer Zeiterfahrung in dem, was die Zeitdiagnose als die entscheidende Erfahrung „unserer“ Zeit behauptet. Kommt die Zeitdiagnose als Sammelband daher, weitet sich die Lektüre zum Zeit-Panorama. An vielen einzelnen Themen, Aspekten und Stichworten kann wiederholt geprüft werden, ob die Zeitdiagnose der Selbstdiagnose entspricht und ob die beschriebene Gegenwart als Ganzes das eigene Erleben auf den Begriff bringt. Und schließlich beziehen sich nicht wenige Zeitdiagnosen auf frühere, positionieren sich also, fortführend oder abgrenzend, in einer Reihe zeitdiagnostisch beschauter Gegenwarten. Bezieht man dies mit ein, wird die Lektüre von Zeitdiagnosen zum Benjamin’schen Blick ins Kaleidoskop, dem „bei jeder Drehung Geordnetes zu neuer Ordnung zusammenstürzt“.[1]

Denn Zeitdiagnosen stellen keine Fragen, sie stellen fest – was der Fall ist und welcher Zustand vorliegt. Kaum eine andere reflexive Textsorte kommt so apodiktisch daher. Aus der Feststellung, was ist, leitet die Zeitdiagnose alles andere ab: was war, was kommen wird, was sein könnte und auch noch, wie das alles zu bewerten sei. Sie will Standortbestimmung und Momentaufnahme sein, will die Gegenwart im Zeitfluss verorten – doch im starren Blick aufs Jetzt gerät ihr die Gegenwart zur Matrix von Geschichte überhaupt. Was ist, wird zum Ordnungsmodell, an dem sich Vergangenheit und Zukunft ausrichten. Der diagnostizierte Zustand scheint selber seine Herkunft zu erklären und gibt die notwendige Form seiner Behandlung vor. Beides, Ordnungsstiftung und Handlungsanweisung, machen die Zeitdiagnose besonders beliebt in Zeiten, die sich ihrer Diagnose eigentlich widersetzen. Denn gerade in schwierigen Zeiten soll sie und will sie Orientierung bieten. Eben das aber macht die Zeitdiagnose zum Maßstab und zugleich zu einer fantastischen Quelle für die Desorientierung ihrer jeweiligen Zeit.

Im vergangenen Jahr hat die Heinrich-Böll-Stiftung eine Sammlung zeitdiagnostischer Texte herausgegeben, in der sich einige dieser Merkmale wiederfinden. Unter dem Titel „Stichworte zur Zeit. Ein Glossar“ werden hier 26 Texte zu Schlagworten unserer Gegenwart in alphabetischer Ordnung versammelt: von Authentizität, Burnout, Computerspiele und Empörung über Facebook, Jugend, ewige, Patchwork und Resonanz bis zu Superhelden, Transparenz, Wahrheit und Zombie. Die meisten Texte entstammen einer Vortragsreihe, die die Böll-Stiftung unter dem Titel „Auf der Höhe – Diagnosen zur Zeit“ in den Jahren 2013 bis 2020 veranstaltet hat. Andere hat man zusätzlich eingeworben.

Die Böll-Stiftung will mit diesem Band an eine berühmte zeitdiagnostische Reihe anknüpfen, die Karl Jaspers (ohne es zu ahnen) 1931 mit seinem Essay „Die geistige Situation der Zeit“ begann und die Jürgen Habermas 1979 mit zwei Bänden unter dem Titel „Stichworte zur ‚Geistigen Situation der Zeit‘“ fortführte – nun also der dritte Teil, nicht nur im Titel reduziert auf „Stichworte zur Zeit“. Wer heute in Jaspers’ Buch oder in Habermas’ Bände hineinsieht, stellt vor allem fest, wie fern sie sind und wie schnell sie veralteten; wie rasch sie von der Zeit, die sie zu Begriff bringen wollten, überholt wurden. Beide dokumentieren inzwischen den riesigen Abstand zwischen Zeiterlebnis und Geschichtserfahrung. Eben deshalb aber sind sie immer noch lesenswert und lehrreich. Denn sie erinnern uns daran, welche ganz anderen Wahrnehmungen, Erwartungen und Möglichkeiten in einer Zeit beschlossen liegen, bevor sie von den nachfolgenden Zeiten als deren Vorgeschichte fixiert wird.

Vom selbsterklärten „dritten“ Teil dieser Reihe lässt sich das aber weniger sagen. Eigentlich versammelt er gar keine Zeitdiagnosen, sondern sehr willkürlich kurze Texte mal mehr, mal weniger bekannter Autorinnen und Autoren, die ebenso willkürlich bestimmten Begriffen zugeordnet sind. Trotz der alphabetischen Reihenfolge der behandelten Stichworte ist der Band entgegen seinem Untertitel auch kein Glossar, denn meist sind es sehr individuelle Standpunkte und Meinungen, die hier vertreten und versammelt sind. Einige Texte sind fast zehn Jahre alt, während andere offenbar erst kurz vor Redaktionsschluss fertig und nachträglich eingebaut wurden – so etwa Rahel Jaeggis Text zum Begriff des Fortschritts, der aber erst gegen Ende des Bandes unter dem merkwürdigen Titel Vorne auftaucht. Auch wer hier eine Sammlung zentraler Grundbegriffe unserer Gegenwart erwartet, wird enttäuscht. Drastik, Humor, Wahrheit oder Jugend, ewige lassen ihre besondere Gegenwartsrelevanz nur schwer erkennen. Hätte man willkürlich Glossen, Kurzessays, Blogeinträge oder Vorträge der letzten zehn Jahre gesammelt, wäre wohl ein ähnlicher Band entstanden. Ein irgendwie erkennbares Konzept weist dieses Buch jedenfalls nicht auf. Das wird noch unterstrichen, wenn Peter Siller und Ole Meinefeld einführend darauf hinweisen, dass es hier um „Sequenzen einer Zeit“ gehe, „in der sich Begriffe, Ereignisse und Diskurse aus mehreren Jahren ergänzen, überlagern und befruchten können“ (S. 19).

Das bedeutet nicht, dass sich nicht auch Interessantes finden ließe. Christina von Brauns Überlegungen zum Problem der Verwandtschaft etwa (unter dem Titel Patchwork), Micha Brumliks Blick auf den Zusammenhang zwischen den „Identitären“ und Martin Heidegger (unter dem Titel Metapolitik) oder Joachim Radkaus Plädoyer für kontrafaktische Geschichtsanalysen (unter dem Titel Utopie) sind streitbare und anregende Texte zu geistes- und kulturwissenschaftlichen Themen und Debatten. Zeitdiagnosen sind es nicht. Ein wenig mehr Zeitdiagnose steckt da schon in Rainer Forsts Reflexionen zur Demokratie (unter dem Titel Wahrheit), in Georg Seeßlens Analyse der Figur des Zombies oder in Hartmut Rosas und Andreas Reckwitz’ Zusammenfassungen ihrer Thesen über Resonanz und Kreativität. Dennoch: Einen echten Querschnitt heutiger Zeitanalyse und Zeitkritik bietet der Band, trotz einiger prominenter Namen, auch nicht.

Zudem verwundern die meisten Beiträge, vor allem diejenigen, die sich bewusst und absichtsvoll dem angeblich Aktuellsten und Allerneuesten widmen wollen, durch ihr zeitdiagnostisch höchst untypisches Bemühen, die behandelte Sache so ausgewogen wie möglich darzustellen. Wenn etwa Daniel Martin Feige zu dem Schluss kommt, dass manche Computerspiele „eine ideologische Dimension haben“, andere aber „im Kontext von Kunst“ zu diskutieren seien; wenn Martin Saar und Peter Siller der Drastik in Kultur und Kunst eine sowohl aufklärerische als auch reaktionäre Funktion zusprechen; oder wenn Benedikt Porzelt die „heute show“ (unter dem Titel Humor) als eine „so kritische wie amüsante Kommunikationsform“ beschreibt, die aber die „grundlegende Sicht auf Politik auch negativ beeinflussen“ könne – dann sind das keine Zeitdiagnosen, sondern brave Bilanzen.

Interessanter sind da schon diejenigen Stücke, die sich ganz in ein Gegenwartsphänomen versenken und es von innen heraus beschreiben, etwa Wolfgang Müllers Text über Kreuzberg (X-berg), Julia Friedrichs’ Erlebnisbericht aus der Brandenburger Datsche (Landlust) oder Sina Poussets Miniatur zur Gefühlswelt der Generation Y. Auch Greta Wagners und Friedericke Horderings Beobachtungen zum Zusammenhangs der Begriffe Burnout und Achtsamkeit oder Nora Bossongs Betrachtungen „Über das Tabu zu altern“ halten zum Nachdenken anregende, zeitdiagnostische Einsichten bereit. Denn sie rennen nicht dem Neuen nach, um es zu fixieren, sondern reflektieren, wie sich Hergebrachtes gerade dreht und verändert. Das dringt sehr viel tiefer in unsere Gegenwart ein als etwa Carolin Wiedemanns Feststellung, dass Facebook unseren Begriff der Freundschaft nicht wirklich verändert habe, oder Bernhard Pörksens These, dass man angesichts der Schleifen von Empörung im digitalen Zeitalter wieder die Frage stellen müsse, was wirklich wichtig ist.

Am Ende bleibt eine eher ernüchternde Einsicht: „In Zeiten des Umbruchs und der Ungewissheit wächst das Bedürfnis, besser verstehen zu wollen, in welcher Zeit wir eigentlich leben.“ (S. 11) Diese Feststellung, mit der das Buch beginnt, kann man nur unterstreichen, wenn man es durchgelesen hat. Denn das Bedürfnis, verstehen zu wollen, ist noch mehr gewachsen. Genau das aber ist vielleicht der Punkt. Morgen werde ich den Band noch einmal lesen – aber nicht zur Orientierungssuche, sondern als Dokument der Desorientierung unserer Zeit. Mehr kann man von einer Zeitdiagnosensammlung vielleicht auch nicht verlangen.

  1. Walter Benjamin, Zentralpark [1938/39], in: ders., Gesammelte Schriften. Unter Mitwirkung von Theodor W. Adorno und Gershom Scholem hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Bd. I.2, Frankfurt am Main 1980, S. 655–690, hier S. 660.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Jan-Holger Kirsch.

Kategorien: Gesellschaft Globalisierung / Weltgesellschaft Sozialer Wandel Zeit / Zukunft

Christian Geulen

Christian Geulen ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte und deren Didaktik am Institut für Geschichte der Universität Koblenz-Landau.

Alle Artikel

Empfehlungen

Lukas Böckmann

Revolution und Heilserwartung

Che Guevara, die Studentenbewegung und der Neue Mensch

Artikel lesen

Nicolina Kirby

Transformation ja, aber wie?

Bericht von der digitalen Jahrestagung "Unsustainable Past – Sustainable Futures?" der DFG-Kolleg-Forschungsgruppe "Zukünfte der Nachhaltigkeit" am 11. und 12. Februar 2021

Artikel lesen