Verena Kettner | Rezension |

Wissen, Wut und Widerstand

Rezension zu „Sexismus. Geschichte einer Unterdrückung“ von Susan Arndt

Susan Arndt:
Sexismus. Geschichte einer Unterdrückung
Deutschland
München 2020: C.H. Beck
416 S., EUR 26,00
ISBN 978-3-406-75797-6

„Mein Leben hat mich auf dieses Buch vorbereitet“, schreibt Susan Arndt (S. 11) gleich zu Beginn des Vorworts von „Sexismus. Geschichte einer Unterdrückung“ und berichtet im Folgenden von entsprechenden Erfahrungen, die zwar ihrer Biografie entstammen, mit denen sie jedoch nicht allein ist. Im Gegenteil: Es sind Erfahrungen, die alle Frauen*[1] kennen: gaffende Männer*, grapschende Männer*, Nicht-Repräsentation schon von Kindheit an. Obwohl Arndts systematische Darstellung der westlichen Kulturgeschichte des Sexismus ein wissenschaftliches Buch ist, weckt der Einstieg bei den Leser*innen eine ganze Palette von Emotionen. Und das Erstaunen, das man darüber empfinden mag, verweist auch gleich auf die erste Lektion der Studie: Die Konstruktion von (weiblicher*) Emotionalität im Gegensatz zu (männlicher*) Rationalität sowie das Verbannen von Emotionen aus dem Raum des Öffentlichen und der Wissenschaft sind Teile eines umfassenden sexistischen Systems (S. 30). Weil Unterdrückungssysteme keine neutrale Perspektive zulassen, sind die Kapitel mit Arndts persönlichen Erfahrungen und Reflexionen durchzogen und die Autorin macht auch keinen Hehl aus ihrem normativen Ziel, Sexismus als umfassendes Denk- und Herrschaftssystem nicht nur verständlich zu machen, sondern auch nachhaltig in seinen Grundfesten zu erschüttern.

Um den Leser*innen nahe zu bringen, dass Sexismus ein Herrschaftssystem ist und seit Jahrhunderten einen Grundbaustein westlicher Gesellschaften bildet, führt Arndt Fakten aus der Frauen*rechtsgeschichte, kulturwissenschaftliche Theorien zu Macht, Herrschaft und Diskriminierung und Reflexionen über Alltagssexismen zusammen. Für Arndt steht die binäre Konzeption von Geschlecht im Zentrum des sexistischen Systems, die Idee der biologischen Zweigeschlechtlichkeit, ihre Verbindung mit Stereotypen und deren moralische Aufladung sowie ihre Auswirkungen auf die Rechtsprechung sind seine Säulen.

Ihr Verständnis von Sexismus legt Arndt hauptsächlich in den ersten beiden Kapiteln des Buches dar. Dazu führt sie in wichtige Begrifflichkeiten aus (queer-)feministischen und intersektionalen Theorien ein und erklärt sie in einer gut verständlichen Sprache, die den Text auch für Nicht-Akademiker*innen zugänglich macht. Die Sexismus-Definition, die sie herausarbeitet, identifiziert diesen als umfassendes Denk- und Herrschaftssystem. Sexismus drücke sich dementsprechend sowohl als Diskurs und Ideologie, als auch durch ökonomische und rechtliche Privilegien und gesellschaftliche Normen aus und ist immer auch intersektional, also mit weiteren Diskriminierungssystemen wie beispielsweise Rassismus, Klassismus und Heteronormativität verwoben (S. 49). Eine notwendige Bedingung dafür, Sexismus zu überwinden, bestehe darin, die Vorstellung biologischer Zweigeschlechtlichkeit zu dekonstruieren. Warum es dennoch notwendig ist, in der vorliegenden Analyse von Frauen* und Männern* zu sprechen, begründet Arndt überzeugend mit Gayatri Chakravorty Spivaks „strategischem Essentialismus“ (S. 53), der es ermöglicht, diskriminierende Strukturen und Erfahrungen aufgrund von konstruierten sozialen Kategorien zu benennen und dadurch überhaupt erst sichtbar zu machen. Neben Begriffsdefinitionen findet sich in diesem ersten Abschnitt des Buches auch eine Rekapitulation der westlichen Geschichte der Konstruktion von Zweigeschlechtlichkeit. Hier zeichnet Arndt die Differenzgeschichte von Penis und Vulva seit der Antike nach, zeigt die Sexismen der biblischen Schöpfungsgeschichte und der Aufklärung auf und kritisiert das, teilweise daraus abgeleitete, Rechtssystem, das Frauen* bis heute benachteiligt. Durch die Beschreibung des deutschen Eherechts in Geschichte und Gegenwart wird beispielsweise deutlich, wie Gesetze wirtschaftliche Abhängigkeiten verstärken und verstetigen können: Frauen* wurden lange nicht als eigenständige Rechtspersonen, sondern als zugehörig zu einem Mann* behandelt. Erst ab 1958 durften Frauen* ein Konto führen und so den Grundstein für ihre finanzielle Unabhängigkeit legen. Zwar veränderte sich die rechtliche Lage im Laufe der Zeit, über gesetzlich geregelte Steueranreize wie das Ehegatt*innensplitting werden geschlechtsspezifische Abhängigkeitsstrukturen aber bis heute befördert.

Das dritte Kapitel beschäftigt sich dann mit den Manifestationen und Ausgestaltungen des sexistischen Systems in Vergangenheit und Gegenwart. Sexistische und sexuelle Gewalt, die erschwerten Bedingungen, mit denen Frauen* im Bildungssektor und in der Erwerbsarbeit zu kämpfen haben, die (sprachliche) Nicht-Repräsentation von Frauen*, sexistische Kleidungsstandards und Schönheitsideale sowie die Diskriminierung von Homosexualität, Inter*sexualität und Trans*geschlechtlichkeit werden anhand verschiedener Beispiele diskutiert. Die stetige Verbindung von Theorie, Alltagserfahrung und Reflexion fördert die kleinen und großen Zusammenhänge sexistischer Ideologie und Praxis zutage und macht sie nachvollziehbar. Hier vermag das Buch nicht nur umfassendes Wissen zu vermitteln und Verständnis zu befördern, sondern es berührt auch, rüttelt auf und tut weh. Aufgrund der tiefgehenden Analyse, die aufzeigt, inwiefern sexistische Ideologie und Praxis alle Bereiche westlicher Gesellschaften strukturieren, sind die Beispiele, die Arndt anführt, sowohl für Neulinge auf dem Gebiet feministischer Theorien und Debatten als auch für versiertere Leser*innen interessant. Erhellend sind etwa Arndts Ausführungen zu sexistischen Kleidungsstandards: während die Suffragetten sich im Zuge ihres Kampfes für das Frauen*wahlrecht auch dafür einsetzten, Hosen tragen zu können, die ihnen praktische wie symbolische Bewegungsfreiheit ermöglichten, habe die Mode der Nachkriegszeit Frauen* mehr und mehr als Sexobjekte dargestellt. Arndt setzt diese Entwicklung mit dem Aufstieg der neoliberalen Denkweise in Bezug, nach der der Körper von Frauen* einen großer Teil ihres ‚Humankapitals‘ ausmacht, das verwertet werden muss. Anschließend beschreibt sie, wie Feminist*innen ab den 1970er-Jahren aus Protest gegen diese Mode hauptsächlich weite, die Figur verhüllende Kleidung trugen und wie eine jüngere feministische Generation sich wiederum dagegen auflehnte und ihr Recht auf Freizügigkeit betonte. Arndt positioniert sich auch selbst in diesen scheinbar widersprüchlichen Verständnissen von feministischen Kleidungsstilen: Einerseits kenne sie die politischen wie praktischen Vorzüge davon, nicht den patriarchalen Schönheitsnormen zu entsprechen und auch in der Öffentlichkeit in Schlabberkleidung herumzulaufen, andererseits möchte sie sich aber auch nicht absprechen lassen, knappe und körperbetonte Kleidung zu tragen. Beides habe seine Berechtigung und beides könne emanzipatorische Effekte haben.

Die letzten beiden Kapitel ändern dann nochmal die Stoßrichtung, um die Leser*innen nicht mit dem Schreckgespenst eines scheinbar übermächtigen sexistischen Systems zurückzulassen. Feministische Bewegungen werden ebenso vorgestellt wie unterschiedlichste Strategien, sich gegen Sexismus auf zur Wehr zu setzen, ihre Erfolge werden gefeiert und Kritik an ihnen diskutiert. Der Schmerz und die Wut, die das vorangehende Kapitel bei den Leser*innen auslöst, werden hier theoretisiert und so zu einer Quelle von Wissen. Nur so, erklärt Arndt, könne Handlungsmacht erkämpft und Widerstand ermöglicht werden (S. 268). Als Beispiel für Widerstand, der politische Erfolge erzielt hat, führt Arndt vor allem die westlichen Frauenrechtsbewegungen an. Zwar geht sie geht kurz auf widerständige Frauen* in der Antike ein, setzt aber im Grunde bei der sogenannten „Querelle des Femmes“ (S. 273), an, also der Debatte, die Frauen* zwischen dem 14. und 18. Jahrhundert befeuerten, in dem sie sich dafür aussprachen, dass Frauen* ebenso Menschen seien wie Männer*. Die Ideen von Autonomie und Gleichberechtigung, die sich im Zuge der Aufklärung durchsetzten, werden – auch wenn diese selbst patriarchal und weiß gedacht waren – von Arndt als Motor der Frauenrechtsbewegung[2] begriffen. Außerdem führt sie die differenzfeministischen Ideen von für diese Zeit wichtigen Vertreterinnen wie Olympe de Gouges und Mary Wollstonecraft ein und erwähnt die Gründung der ersten Frauenvereine, ohne dabei jedoch zu übergehen, dass differenzfeministische Ansätze der Vorstellung von Geschlechterungleichheit verhaftet bleiben. Im Anschluss wird sodann auch die sogenannte zweite Welle des Feminismus, welche nach der Niederschlagung des Naziregimes einsetzt, abgehandelt. Im Zentrum der politischen Forderungen stand das Recht auf Selbstbestimmung über den eigenen Körper und das Recht auf eine selbstbestimmte Sexualität und Reproduktionsfähigkeit. Arndt arbeitet heraus, wie zu dieser Zeit erstmals gleichheitsfeministische Forderungen, die die Idee der grundsätzlichen Verschiedenheit von Frau* und Mann* ablehnten, an Stärke gewannen. Während die Beschreibungen der ersten beiden feministischen Wellen eher einen historischen Rückblick darstellen, gestaltet sich die Auseinandersetzung mit der dritten, immer noch andauernden Welle stärker theoretisch unterfüttert. Vor dem Hintergrund des insbesondere durch Judith Butler prominent gewordenen Polygeschlechtermodells, bei welchem Frau* und Mann* nur noch zwei Pole eines Spektrums von unzähligen Möglichkeiten darstellen, sowie der postkolonialen Kritik an weißen, universalistischen Feminismen, wird die Vervielfältigung von feministischen Kämpfen erklärt und die Relevanz intersektionalen Denkens betont (S. 309). Das Buch endet mit einem Vorschlag, wie feministische Bewegungen zukünftig wirksam und inklusiv gegen Sexismus vorgehen könnten. So sollten emanzipative Widerstandsbewegungen intersektional organisiert, Awareness, geschützte Räume und Empowerment forciert und eine gendergerechtere Sprache implementiert werden. Vor allem aber könnten Privilegien verlernt und abgegeben werden – sowohl individuell als auch gesamtgesellschaftlich (S. 351).

Die im Buch vorgestellten feministischen Debatten und Ideen sind weder neu noch werden sie aus einer gänzlich neuen Perspektive beleuchtet. Doch durch die konsequente Verbindung von Recht, Ideologie und Alltag, von Theorie und lebensweltlichen Beispielen sowie von Geschichte und Gegenwart gelingt eine innovative Analyse von Sexismus als gewordenem System. Durch Exkurse in viele unterschiedliche (Themen-)Felder wird deutlich, dass es heute, ebenso wie vor hundert Jahren, vielfältige Feminismen braucht. Ebenso werden Perspektiven eröffnet, in welche Richtung Feminismen sich zukünftig entwickeln könnten, um auch den Kampf gegen weitere diskriminierende Herrschaftssysteme mit einzuschließen. In Zusammenhang damit lässt sich auch ein Kritikpunkt anbringen: Auf der theoretischen Ebene wird die Relevanz von Intersektionalität immer wieder hervorgehoben, die beschriebenen und analysierten Alltagssexismen betreffen dann aber doch vor allem weiße cis-gender Frauen und auch die erzählte Frauen*rechtsgeschichte orientiert sich am klassischen Narrativ der Kämpfe weißer, heterosexueller Feministinnen. Sprachlich werden inter* und trans* Personen zwar konsequent mitgedacht, in manchen Kapiteln werden die Auswirkungen der Sexismen für queere sowie für rassistisch diskriminierte Frauen* auch konkret angeführt. Dennoch stehen sie nicht im Fokus der Beschreibungen und Analysen, was schade ist, wenn man bedenkt, dass das Aufzeigen und Dekonstruieren eines Zweigeschlechtermodells dezidiert Ziele des Buches sind. Allerdings muss Susan Arndt hier zugutegehalten werden, dass sie diese Auslassung reflektiert und sie methodisch damit begründet, dass eine intersektionale Analyse ohne Fokus auf eine bestimmte Diskriminierungsart schlichtweg zu komplex sei um sie im begrenzten Rahmen eines solchen Buches durchzuführen. Das ändert jedoch nichts daran, dass die Entwicklung von intersektionalen Ansätzen, die auch in der Forschungspraxis gut durchführbar sind, eine Aufgabe bleibt, der sich feministische Wissenschaftler*innen stellen sollten.

  1. Die Schreibweise Frauen* und Männer* wird von Susan Arndt übernommen, die damit in ihrem Buch darauf hinweist, dass Zweigeschlechtlichkeit ein sexistisches Konstrukt ist und sehr viel mehr als nur diese beiden Geschlechtsidentitäten existieren.
  2. Frauen werden hier ohne * geschrieben, da die damaligen Frauenrechtsbewegungen noch nicht die Konstruiertheit von biologischem Geschlecht in Frage stellten.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.

Kategorien: Gender Macht

Verena Kettner

Verena Kettner arbeitet seit 2019 als Prae Doc am Institut für Politikwissenschaft an der Universität Wien. Ihre Forschungsschwerpunkte sind feministische und queerfeministische Theorien, Gouvernementalität und Biopolitik, Affekte und Emotionen sowie Familienpolitiken und Soziale Reproduktion.

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