Henning Schmidt-Semisch | Rezension |

Wohin mit alten oder sterbenden Gefangenen?

Rezension zu „Aging behind Prison Walls. Studies in Trauma and Resilience“ von Tina Maschi und Keith Morgen

Abbildung Buchcover Aging Behind Prison Walls von Maschi/Morgen

Tina Maschi / Keith Morgen:
Aging behind Prison Walls. Studies in Trauma and Resilience
USA
New York 2020: Columbia University Press
296 S., $ 50,00
ISBN 9780231182591

Auch wenn viele Menschen Kriminalität klassischerweise mit jungen Männern verbinden, so ist mittlerweile doch nicht mehr zu übersehen, dass sich immer mehr Personen im Strafvollzug befinden, die ihr fünfzigstes, sechszigstes, siebzigstes oder gar achtzigstes Lebensjahr bereits vollendet haben. Zum einen werden zunehmend ältere Personen zu Haftstrafen verurteilt, zum anderen altern Personen mit langen Haftstrafen im Gefängnis. Der viel beschriebene demografische Wandel ist auch im Strafvollzug angekommen, sodass einige Justizvollzugsanstalten (JVA) in Deutschland (etwa in Waldheim, Detmold oder Bielefeld) bereits spezielle Seniorenabteilungen eingerichtet haben. Die baden-württembergische JVA Konstanz hat gar ihre gesamte Außenstelle in Singen für Männer über 62 Jahren reserviert, die Freiheitsstrafen von mehr als 15 Monaten zu verbüßen haben.

Das Phänomen alter und betagter Gefangener ist allerdings in Deutschland bei weitem (noch) nicht so ausgeprägt wie in den Vereinigten Staaten, auf die sich das hier besprochene Buch Aging behind Prison Walls von Tina Maschi und Keith Morgen bezieht. Während sich in den USA Ende 2016 so wenige Menschen in staatlichen und bundesstaatlichen Gefängnissen befunden hätten wie seit 2004 nicht mehr, nehme die Gruppe älterer Gefangener weiterhin prozentual zu. Der Anteil der inhaftierten älteren Gefangenen (über 55 Jahre) an der gesamten Gefängnispopulation betrage inzwischen elf Prozent und soll bis 2030 auf 33 Prozent ansteigen. Der Grund dafür, so die Autor*innen, liege auch im Anstieg der Zahl älterer Menschen insgesamt, vor allem aber machten sich hier die langfristigen Folgen der strengeren Straf- und Bewährungsrichtlinien aus den 1970er- und 1980er-Jahren bemerkbar, die zur sogenannten mass incarceration geführt hätten: „[L]ong-term incarceration as punishment for people who use drugs and life and long-term prison sentences for violent offenders mean that many individuals will reach old age before their release from prison.“ (S. 21) Dies führe unter anderem dazu, dass die Gefangenen zunehmend gebrechlicher, weil älter würden und mittlerweile mehr als 3000 Menschen jährlich in US-Gefängnissen versterben, wobei die meisten dieser Personen fünfzig Jahre oder älter seien.

Genau an diesem Punkt setzen die Autor*innen an, wenn sie feststellen, dass die Gefängnisse in den USA nicht dafür ausgelegt sind, „to be long-term geriatric care facilities or to have specialized intake and mental health and substance abuse services for a geriatric population“ (S. 46). Gleichwohl seien geriatrisch begründete Entlassungen sehr selten, weil die entsprechenden Gesetze und Praktiken sie nicht erlaubten oder aber verzögerten. Darüber hinaus sei es aufgrund von Ängsten und Sicherheitsbedenken in der Gesellschaft schwierig, die Gefangenen nach ihrer Entlassung unterzubringen, da diese häufig weder in Pflegeeinrichtungen noch in Hospizen erwünscht seien (S. 156). Und schließlich gebe es auch noch jene Gruppe von Gefangenen, denen die geschlossenen Haftanstalten zum Lebensraum geworden seien, die alle sozialen Bezüge und Kontakte nur noch dort hätten und für die es daher im Grunde nicht mehr zumutbar sei, in eine andere Einrichtung verlegt zu werden.[1]

Zugleich betonen die Autor*innen die Vielzahl an Traumatisierungen, die ältere Gefangene sowohl vor als auch während der Inhaftierung erlebten und die von zentraler Bedeutung seien, um ihre Bedarfe und Bedürfnisse zu verstehen. Anhand von Daten aus ihrer „Hartford Prison Study“ (n=677) konstatieren Maschi und Morgen, dass sieben von zehn älteren Gefangenen von einer traumatischen Vorgeschichte berichten, wobei sich die kumulativen Auswirkungen von frühkindlichen Traumata, chronischem Stress, Rassismus und Viktimisierungen häufig mit den Traumata der Inhaftierung überlagerten. Dabei sei die mit „LGBTQ+ community“-betitelte Gruppe besonders von Traumata und Diskriminierung betroffen:

„Incarcerated adults who identified as gay, lesbian, or bisexual had the highest rates of sexual victimization by other incarcerated people (12.2 percent in prison and 8.5 percent in jail). LGBTQ+ people in prison (5.4 percent) and in jails (4.3 percent) have reported being victimized by staff as well. Incarcerated people with mental health needs who identified as nonheterosexual reported the highest rates of inmate-on-inmate sexual victimization (14.7 percent in jail and 21 percent in prison). Transgender women in male prisons are at high risk and were thirteen times more likely to experience sexual violence in a California study.“ (S. 77)

Um die unterschiedlichen traumatischen Erfahrungen nachvollziehbar und anschaulich zu machen, präsentieren die Autor*innen außerdem Daten aus ihrer „Coming-Out-of-Prison-Study“, in der sie die Erfahrungen von inhaftierten älteren LGBTQ+ und deren Wiedereintritt in die Gesellschaft untersuchten. Bei der Präsentation ihrer Ergebnisse lassen sie die unterschiedlichen Gruppen von Inhaftierten immer wieder ausführlich zu Wort kommen und verdeutlichen dabei einerseits die mit den Traumatisierungen verbundenen Bedarfe und Bedürfnisse (vor und nach einer Entlassung), zeigen andererseits aber auch Aspekte von Resilienz auf: „self-caring contemplative, responsible, restorative, and peaceful practices that facilitate living a long, healthy, and happy life even under prison conditions“ (S. 191).

Das Buch bleibt allerdings keineswegs bei Vorschlägen zur Selbstfürsorge stehen, sondern positioniert sich sehr deutlich gegen die US-amerikanische Strafpolitik:

„The current crisis of mass incarceration of diverse older people in America began with moral panic during the 1970s and 1980s, the get tough on crime era. A collective fear of crime was rampant, and politicians and media used our fears related to race, violent expressions of masculinity, vulnerability expressions of feminism, fear of crime, aging, death and dying, and diversity and difference to capitalize on their own self-interested agendas.“ (S. 190)

Vor diesem Hintergrund plädieren die Autor*innen für eine Verbesserung der medizinisch-pflegerischen, psychologischen und sozialen Versorgung und zielen damit auf einen grundsätzlichen Wandel im Umgang mit älteren Gefangenen im Sinne eines fürsorglichen Justizwesens, einer caring justice. Der alte punitive Weg habe weder Armut, Kriminalität, Gewalt und Missbrauch beseitigt noch die Kluft zwischen den Geschlechtern, Rassen und Klassen oder gesundheitliche Ungleichheiten verringert, weshalb es nun darum gehe „to co-create a caring justice world“ (S. 191).

Mittlerweile würden in den Vereinigten Staaten, aber auch weltweit, etliche intramurale (etwa innovative geriatrische Programme in Gefängnissen) und extramurale Programme (zum Beispiel der Wiedereingliederung in die Gemeinschaft) existieren, die im Einklang mit einer fürsorglichen Neuorientierung des Justizwesens stünden und darauf ausgerichtet seien, die Würde und das Wohlbefinden älterer Gefangener zu respektieren. Zu den bemerkenswertesten, aber wohl auch umstrittensten intramuralen Innovationen dürften dabei die sogenannten Prison Hospices zählen, von denen es nach Auskunft der Autor*innen in den USA mittlerweile circa 75 gibt und die in ihrer Struktur variieren: Während einige Programme über eine etablierte Hospizabteilung mit einem interprofessionellen Team verfügen, stehen in anderen keine eigene Abteilung und auch nur wenige Mitarbeiter*innen zur Verfügung, die sich um die Sterbenden kümmern. Einige der Gefängnishospize arbeiten zudem mit einem Peer-Support-Modell, bei dem Mitgefangene den Sterbenden als ehrenamtliche Mitarbeiter*innen beziehungsweise hospizliche Begleiter*innen beistehen. Dabei wird betont,

„that the participation of prisoner volunteers is not only cost-effective but also provides more comprehensive and personalized end-of-life care than that provided by health care staff only. Inmates who volunteer have reported an increased sense of purpose in prison life, and others see the opportunity as a way to ‚pay back‘ for their crimes. Prison volunteers receive education and development in how to provide end-of-life peer care and are provided with formal and informal mentoring and ongoing peer support.“ (S. 221)

Sicherlich muss man solche und ähnliche im Buch beschriebene Einrichtungen und Entwicklungen der caring justice gerade unter den gegebenen Bedingungen einer retributiv-punitiven Kriminalpolitik begrüßen. Man kann allerdings auch die Auffassung vertreten, dass ein menschenwürdiges Sterben nur außerhalb des Strafvollzuges möglich ist, da das Ideal eines selbstbestimmten Sterbens schnell an die Grenzen der „totalen Institution“ (Goffman) Gefängnis mit ihrer Bürokratie und ihren Sicherheitsvorschriften gelangt. So gesehen sollten schwerstkranke und sterbende Gefangene aus Gründen der Menschwürde von der Haft verschont beziehungsweise aus ihr entlassen werden.[2]

Dieses Argument wiederum ist in zweierlei Hinsicht zu relativieren: Zum einen können nicht alle Inhaftierten nach ihrer Entlassung mit einer angemessenen geriatrischen oder hospizlich-palliativen Versorgung rechnen. Zum anderen ist einigen Gefangenen das Gefängnis zu dem Ort geworden, an dem sie ihre sozialen Bezüge und Kontakte haben und an dem sie sich sicher (gewissermaßen: zu Hause) fühlen. Es ist genau diese Ambivalenz, die die Autor*innen mit ihrem Konzept der „caring justice“ adressieren: nämlich einerseits Maßnahmen zu ergreifen und Arrangements zu ermöglichen, die den Rechten und Bedürfnissen sowie der Würde älterer Personen im Gefängnis gerecht werden, und andererseits die rechtlichen Vorgaben so zu verändern, dass die Justizvollzugsanstalten die Betreuung gegebenenfalls auf Familienmitglieder oder andere Einrichtungen übertragen können (S. 231). An dieser Stelle könnte es sich meines Erachtens lohnen, zukünftig auch Überlegungen zu compassionate communities[3] oder auch zu einer kommunalen Sorgekultur[4] einzubeziehen.

Insgesamt bietet das Buch einen ungeschönten Blick auf die besonderen Lebensgeschichten und Traumata, auf die Bedürfnisse, die Widerständigkeiten und die Resilienz älterer Gefangener. Es problematisiert darüber hinaus auf gelungene Weise das Älterwerden und Sterben im US-amerikanischen Gefängnissystem. Die Konzeptualisierung einer caring justice ist in diesem Kontext ein durchaus überzeugendes Plädoyer für eine sozial mitfühlende Strafvollzugspolitik gegenüber alten, betagten, schwerstkranken und sterbenden Gefangenen. Dass dieser fürsorgliche Ansatz über die Personengruppe der Alten hinaus plausibilisiert und als Alternativkonzept für die rassistisch geprägte US-amerikanische Einsperrungspolitik dienen kann, ist allerdings zu bezweifeln. In einem Land, dessen Gefangenenrate im Jahr 2020 mit 655 Gefangenen pro 100.000 Einwohner die höchste der Welt und damit etwa neunmal so hoch war wie die in Deutschland,[5] braucht es sicherlich grundsätzlichere Reformen und Ansätze, etwa einer restorative, transformative oder auch healthy justice.[6]

  1. Vgl. für Deutschland Christian Prüter-Schwarte / Martin W. Schnell, Integrative Palliativversorgung. Psychiatrie, Maßregel- und Strafvollzug und das Sterben, in: Martin W. Schnell / Christian Schulz Quach (Hg.), Basiswissen Palliativmedizin, 3., völlig überarb. Aufl., Wiesbaden 2019, S. 289–296.
  2. Vgl. hier für die deutsche Diskussion Mechthild Bereswill / Anke Neuber, Sterben im Strafvollzug. Praktiker_innen im Spannungsfeld zwischen dem Ideal des selbstbestimmten Sterbens und der autoritären Struktur der Institution, in: Sozial Extra 43 (2019), 4, S. 249–253.
  3. Allan Kellehear, Compassionate Communities. End-of-Life Care as Everyone’s Responsibility, in: QJM. An International Journal of Medicine 106 (2013), 12, S. 1071–1075.
  4. Klaus Wegleitner / Andreas Heller / Patrick Schuchter, Public Health als kommunale Sorgekultur. Ethische und existentielle Vertiefungen von Sorge am Lebensende, in: Henning Schmidt-Semisch / Friedrich Schorb (Hg.), Public Health. Disziplin – Praxis – Politik, Wiesbaden 2021, S. 285–302.
  5. René Bocksch, Die USA haben die meisten Gefangenen weltweit [22.9.2021), in: Statista, 9.9.2021.
  6. Vgl. hierzu z.B. die Beiträge in Nadine Ochmann / Henning Schmidt-Semisch / Gaby Temme (Hg.), Healthy Justice. Überlegungen zu einem gesundheitsförderlichen Rechtswesen, Wiesbaden 2016.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.

Kategorien: Care Familie / Jugend / Alter Gesundheit / Medizin

Henning Schmidt-Semisch

Henning Schmidt-Semisch ist Professor am Fachbereich Human- und Gesundheitswissenschaften der Universität Bremen und leitet im Institut für Public Health und Pflegeforschung die Abteilung Gesundheit und Gesellschaft.

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