Käthe von Bose | Rezension |

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Rezension zu „Situation und Affekt“ von Basil Wiesse

Basil Wiesse:
Situation und Affekt
Deutschland
Weilerswist-Metternich 2020: Velbrück Wissenschaft
180 S., 34,90 Euro
ISBN 9783958322318

Disruptive Ereignisse oder Potenziale, dynamische Intensitäten, Phänomene mit Eigenlogik, sozial relevante Faktoren – was unter Affekten oder Affektivitäten zu verstehen ist und welche Bedeutung sie für Sozialität und deren Erforschung haben (sollten), fragen sich Soziolog_innen schon seit Längerem. Insbesondere in Forschungsarbeiten des wissenschaftlichen Nachwuchses finden sich zunehmend Ansätze, die affekttheoretische Zugänge aus dem affective turn auch für soziologische Forschung produktiv machen wollen. Dabei ist eine immer wiederkehrende und schwer zu beantwortende Frage diejenige nach der empirischen Dimension: Wie lassen sich Affekte (und mit ihnen Gefühle, Stimmungen, Atmosphären) konkret in Feldforschungen beobachten, wie in Interviews einfangen, in Sequenzen oder Kategoriensystemen analysieren? Und wie kann verhindert werden, dass sie dabei auf sprachliche Äußerungen reduziert oder individualisiert werden, womit letztlich ihr erklärendes Potenzial verspielt würde?

Basil Wiesse setzt mit seiner Dissertation an diesem Punkt an und nimmt eine weitgehend ethnomethodologisch verortete Sicht auf den Zusammenhang von Situation und Affekt ein. Ausgangspunkt seines Buches ist die kritische und sowohl naheliegende als auch berechtigte Feststellung, dass in der noch spärlichen (oder nur selten ausdrücklich so bezeichneten) soziologischen Affektforschung zumeist auf aus der Philosophie stammende Affekttheorien zurückgegriffen werde. Dieses „unbefriedigende“ Vorgehen (S. 10) ergebe aus methodologischer Sicht eine „bestenfalls unvollständige“ (S. 11) Theoriegrundlage, die in der empirischen Affektforschung „schlimmstenfalls zu konzeptionellen Sackgassen“ (ebd.) führe. Aus diesen Sackgassen will der Autor herausführen, indem er sich der Frage widmet, „ob für die Ausarbeitung affektsoziologischer Problemstellungen nicht ein affektsoziologisches Theorievokabular entwickelt werden könnte, welches affekttheoretische Positionen nicht einfach übernimmt, sondern zu diesen vielmehr soziologische Äquivalente und Anschlussstellen ausfindig macht, die in bestimmten Punkten von den Ideen des affective turn profitieren können“ (ebd., Hervorh. i. O.). Diese etwas umständlich formulierte Frage setzt den Ton des Buches und offenbart sogleich dessen eigenen Anspruch: Es geht nicht darum, das Rad neu zu erfinden, vielmehr sollen produktive „Anschlussstellen“ für soziologische Forschungsfragen aufgezeigt werden. Dabei versucht Wiesse, konsequent einer prozessualen Perspektive auf die Entstehung sozialen Sinns gerecht zu werden.

Vorab sei festgehalten, dass der Autor insgesamt wichtige Fragestellungen zur Erforschung von Sozialität aufwirft, diese mit Blick auf das theoretisch-empirische Problemfeld „Situation“ schlüssig diskutiert und mit dieser Brille soziologische Affektverständnisse auf fokussierte Weise auslotet. Der empirische Bezug des Buches jedoch bleibt hinter dem formulierten Anspruch zurück.

Nach einer übersichtlichen Einführung in aktuelle affekttheoretische Diskussionen und Theoriepositionen (S. 11-15) widmen sich die beiden Hauptkapitel des Buches – wenig überraschend – den Grundbegriffen Situation (S. 21 ff.) und Affekt (S. 86 ff.). Diese Aufteilung wirft im chronologischen Lesefluss zunächst das ein oder andere Fragezeichen auf, geht es doch um das Zusammendenken beider Konzepte; zahlreiche Querverweise zwischen den Kapiteln bieten jedoch ausreichend Orientierung. Ein knappes viertes Kapitel resümiert und thematisiert darüber hinaus empirische Zugänge und Forschungsfelder.

Im Kapitel zur Situation stellt der Autor zunächst die Situationsverständnisse verschiedener Sozialtheorien vor und prüft sie auf Synergie- oder Abstoßungseffekte mit Affekttheorien. So erläutert er etwa, warum das Mikro-Makro-Modell und die Affect Theory „in ihrer Prozess- respektive Substanzorientierung [...] nur auf gegenseitiges Desinteresse stoßen“ (S. 30) können, sind mit der Unterscheidung zwischen substanziellen und prozessualen Ansätzen doch ganz verschiedene Grundannahmen verbunden: Während erstere von in sich geschlossenen Entitäten ausgehen, die in Situationen miteinander in Interaktion treten, sind letztere an sozialen Prozessen an sich interessiert und folglich auch daran, wie soziale Situationen zustande kommen. Da substanzielle Ansätze laut Wiesse der Situation lediglich eine Scharnierfunktion zwischen Individuum und Gesellschaft zu- und ihr jegliche Eigendynamik oder „Erklärungskraft“ (S. 28) absprächen, böten sich hier keine Anschlussstellen für die soziologische Affektanalyse. Größeres Potenzial sieht er bei prozessualen Ansätzen, insbesondere der weitgehend ethnomethodologischen Position von Anne Rawls und dem „repräsentationalen Situationalismus“ von Karin Knorr Cetina. Hier seien sowohl eine Dezentrierung des Subjekts wie auch eine prozessuale Auffassung von einem „Situationsdefinieren“ (S. 43) und von Sinnerzeugung zu finden.

In ausführlichen Auseinandersetzungen mit ethnomethodologischen Debatten erörtert Wiesse in diesem Kapitel konkurrierende Konzeptionen sozialer Ordnung, aufschlussreiche Kritiken an methodischen Engführungen auf eine ,Eigentlichkeit‘ des Sozialen bis hin zu der viel diskutierten Frage nach dem (gesellschafts-)kritischen Potenzial der Ethnomethodologie. Letzteres sieht er mit Rawls und Thomas Scheffer darin, eine „aufklärende, kritische Spiegelung der Tätigkeiten von Situationsteilnehmer/innen“ (S. 64) zu bieten. In diesen Auseinandersetzungen werden die Situation, ihre Akteur_innen und deren Voraussetzungen als praktiziert, ungleichzeitig und prozessual hervorgebracht konzipiert sowie als nicht unbedingt auf Faktoren wie eine körperliche Ko-Präsenz angewiesen – ein doing situation, bei dem nach dem ,Wie‘ ihrer Entstehung gefragt wird. Als Beispiele zieht Wiesse dabei immer wieder online-Szenarien heran, was zum einen auf sein Forschungsinteresse, zum anderen auch darauf zurückzuführen sein dürfte, dass sich heutzutage alle Methodologien an solchen Situationen messen lassen müssen, die Lokalität, geteilte Aufmerksamkeit, körperliche Anwesenheit und Synchronizität zumindest teilweise in Frage stellen. Welche Rolle Körperlichkeit dennoch spielt und wie es um Aufmerksamkeit in Situationen bestellt ist, benennt der Autor als zentrale situationistische Anschlussstelle für das Thema Affizierbarkeit/Affekt, das – „endlich“, mögen ungeduldige Leser_innen denken – im folgenden Kapitel (S. 86 ff.) behandelt wird.

Zu Beginn dieses Abschnitts formuliert Wiesse zwei für affekttheoretisch Interessierte kaum überraschende „Hauptthesen“ (S. 86): 1) Eine Betrachtung von Affektivität aus soziologischer Perspektive dürfe nicht „vorschnell auf psychologistische Erklärungen zurückgreifen“, schließlich gehe es um eine „vom Individuum losgelöste [...], öffentliche soziale Affektivität“ (ebd.) und 2) dürfe man Affektivität keine „inhärente Logik“ (ebd., Hervorh. i. O.) – etwa Intentionalität oder Stringenz – unterstellen. Beides sieht er eher in affekttheoretischen denn emotionssoziologischen Ansätzen verwirklicht. Auf der Suche nach Anschlussstellen zwischen dem bereits erarbeiteten Situationsverständnis und Affektivität beschränkt der Autor sich in der Literaturauswahl nachvollziehbar auf einen schmalen Ausschnitt: nämlich „neuere Positionen“, die „Emotionen als Bestandteil situativer Praktiken (Interaktionsrituale, Ethnomethoden) für die Herstellung situativer Ordnung zum zentralen Untersuchungsgegenstand machen und dabei den methodologischen Fokus auf soziale Situationen [...] beibehalten“ (S. 88). Anstatt mehr oder weniger eindeutig identifizierbare Gefühle wie Scham in den Blick zu nehmen, geht es Wiesse um „grundsätzlich relationale körperliche Affizierungen“ (ebd.) und ganz allgemein darum, „was unter ,affektiven Phänomenen‘ aus dezidiert soziologischer Perspektive zu verstehen sein könnte“ (S. 89). In emotionssoziologischen Arbeiten von Arlie R. Hochschild bis Eva Illouz vermisst Wiesse einen Ansatz, der diesem Anspruch gerecht werden könnte, – weil immer wieder implizit Dualismen wie der zwischen Individuum und Gesellschaft, Innen und Außen oder emotionalem Vorder- und affektivem Hintergrund reproduziert würden, die einer solchen Perspektive widersprechen. Mehr Potenzial sieht der Autor in Randall Collins‘ Konzept „emotionaler Energie“ (S. 98 ff.), das Affektivität systematisch einbeziehe, indem sie als „Kitt“ von Situationsverläufen gefasst wird. Es wirkt etwas künstlich, diesen Affekt und Situation ja von vornherein zusammendenkenden Ansatz erst an dieser späten Stelle im Buch einzuführen; einen Grund für dieses Vorgehen bleibt Wiesse schuldig. Interessant an dessen Ausführungen ist, dass Collins den Aspekt der Hierarchie einbezieht, die darüber bestimme, wie sich emotionale Energie in Situationen auswirkt. Auch die Rolle von Gewalt werde von Collins berücksichtigt und zum einen situativ, zum anderen transsituativ (etwa milieuspezifisch) gedeutet. Ausgehend von dem „Nutzen“, den Wiesse trotz einiger Kritik an Collins‘ biologistischer Konzeption körperlicher Kopräsenz in dessen Theorie sieht, wendet er sich erneut Rawls‘ Lesart von Durkheim zu, um über die Mausssche Gabe schließlich auf die Praxeologie zu sprechen zu kommen. Mit den vor allem von Andreas Reckwitz in den letzten Jahren ausgearbeiteten „affektiven Praktiken“ und Ansätzen, die dem body turn zuzurechnen sind, betritt Wiesse hier schließlich ein Terrain, das aktuell viel rezipiert wird, wenn es um eine genuin soziologische empirische Erforschung von Affekt geht. An der Praxeologie kritisiert der Autor, sie unterschätze die Situativität von Praktiken, wohingegen körpersoziologische Ansätze hier ein „wichtiges Korrektiv“ (S. 133) darstellten. In Auseinandersetzung mit Robert Schmidt plädiert er dafür, eher von Affizierung als von Verkörperung zu sprechen, um die Prozessualität noch stärker einzuholen. Die Rolle, die Affekt oder Affizierung in manch einem praxeologischen Ansatz spielt, bewertet Wiesse als ungenügend. So werde Affektivität etwa darauf reduziert, Praktiken und ihre Akteur_innen miteinander in Verbindung zu bringen (bei Reckwitz würden Affekte beispielsweise vorwiegend Anreize schaffen, an Praktiken teilzunehmen). Fragen „nach dem konkreten Vollzug von Praktiken“ (S. 142) könnten auf diese Weise nicht beantwortet werden. So macht der Autor noch einmal deutlich, worum es ihm geht: ein Verständnis von Affektivität als konstitutiv für Praktiken und als praktische Errungenschaft zugleich.

Der definitorische Satz im vierten und letzten Kapitel – „Praktiken vollziehen sich in Situationen, und sie affizieren ihre Teilnehmer/innen in ihrem Vollzug; und erst im Vollzug einer Praxis werden auch Situationen und Affekt schlussendlich ,sinnhaft‘.“ (S. 145) – bringt noch einmal alle Schlagworte zusammen, die über die Länge des Buches aufgeschlüsselt wurden. Das Fazit des Buches ist vor dem Hintergrund seines empirischen Anspruches besonders aufschlussreich, schließlich versucht Wiesse hier, das erarbeitete Theoriegerüst für empirische Forschung nutzbar zu machen. Der aufgebauten Spannung zum Trotz passiert auf den folgenden Seiten das, was einem Theorie-Empirie-Transfer und manch einem letzten ,anwendungsorientierten‘ Kapitel allzu häufig eingeschrieben ist: Die Vorschläge für empirische Settings, Methoden und Forschungsfelder bleiben hinter dem zurück, was zuvor theoretisch erarbeitet wurde. Mehr noch: Sie banalisieren es beinahe. Bei den thematisierten Forschungsfeldern etwa stützt sich Wiesse zunächst auf Vorschläge der zuvor rezipierten Autor_innen, die teils sehr offensichtlich affektiv aufgeladene Settings heranziehen (zum Beispiel eine therapeutische „Begegnung“, S. 147), bevor er erneut auf „digitalsoziologische“ (S. 148) Felder eingeht.

Das Buch ist dicht geschrieben und setzt nicht gerade wenig Vorwissen in Affekttheorien und soziologischer Theorie voraus. Der stets betonte konsequente Bezug auf empirische Anschlussstellen hätte zudem nahegelegt, mehr empirische Beispiele einfließen zu lassen. In der Narration des Buches irritiert die sehr traditionelle Wir-Form, die nicht nur stilistisch, sondern auch mit Bezug auf das Harawaysche situierte Wissen zu überdenken ist.

Ein Verdienst des Buches ist, dass es mit Blick auf die soziale Situation durchaus Anschlussstellen für affektinteressierte Forschungsansätze aufzeigt und dabei durch eine Fülle an Sozialtheorien führt. Das gelingt dem Autor auf strukturierte und nachvollziehbare Weise. Das etwas abrupte Ende des Buches mit den erwähnten Bezügen zu empirischen Feldern lässt allerdings zugleich fragen, wie weit sein Ansatz trägt: Lässt sich die situative Affektivität, die erforschbar werden soll, doch nur in ganz spezifischen Forschungssettings realisieren? Es hätte gelohnt, hier noch die eine oder andere Seite zu schreiben. So wäre beispielsweise interessant gewesen, zu erfahren, wie der Autor selbst das Verhältnis von situativen und transsituativen Faktoren bestimmen würde – wie würde er historisch gewachsene Macht- und Herrschaftsverhältnisse in seiner empirischen Forschung konkret berücksichtigen? Derlei Aspekte hatte Wiesse zwar gelegentlich in seinen Ausführungen zu einzelnen Theoriesträngen thematisiert, die Umsetzung jedoch jeweils zu Recht kritisiert (etwa Rawls‘ Analyse eines Othering oder Collins‘ Auseinandersetzung mit Gewalt). Inwiefern die durchaus aufschlussreichen Ausführungen und das schrittweise Zusammenführen von Situation und Affekt sowie die dabei konsequent eingeforderte Perspektive auf die prozessuale, praktizierte, affizierte Entstehung von Situationen tatsächlich das leisten können, was sie sollten – nämlich einer soziologischen empirischen Analyse von Affektivität eine theoretische Basis bieten –, wird sich letztlich erst empirisch zeigen.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.

Kategorien: Affekte / Emotionen Handlungstheorie Körper Methoden / Forschung

Käthe von Bose

Dr. Käthe von Bose ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sie hat zu Reinigungsarbeiten im Krankenhaus promoviert und arbeitet derzeit an ihrem DFG-Projekt zu Zugehörigkeitspraktiken in exklusiven Clubs.

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