Anna Henkel | Rezension |

Artefakte allerorten

Rezension zu "Materiale Organisierung der Gesellschaft. Artefaktanalyse und interpretative Organisationsforschung" von Ulrike Froschauer und Manfred Lueger

Ulrike Froschauer / Manfred Lueger:
Materiale Organisierung der Gesellschaft. Artefaktanalyse und interpretative Organisationsforschung
Deutschland
Weinheim 2020: Beltz Juventa
S. 207, EUR 24,95
ISBN 978-3-7799-6253-3

Die Soziologie ist ihrem Selbstverständnis nach diejenige Disziplin, die das Soziale verstehen und erklären will. Der Band Materiale Organisierung der Gesellschaft. Artefaktanalyse und interpretative Organisationsforschung von Ulrike Froschauer und Manfred Lueger, der 2020 bei Beltz Juventa erschienen ist, geht von der Prämisse aus, dass ein umfassendes Verständnis dieses Sozialen – und zwar unabhängig von der jeweils gewählten theoretischen Perspektive und den empirischen Schwerpunkten – der Einbeziehung von Artefakten bedarf. Betrachte man sein Umfeld, so sehe man „eine Vielzahl von Gegenständen, die Menschen meist in Kooperation mit anderen hergestellt haben, die mit Bedeutung versehen sind, in denen wir uns orientieren, sie nutzen oder von deren Wirkung wir betroffen oder gar abhängig sind“ (S. 7). Angesichts der Omnipräsenz von Artefakten sei es überraschend, dass kaum ausgefeilte Methoden verfügbar sind, um dieses Material sozialwissenschaftlichen Analysen zugänglich zu machen (ebd.). Hier will der Band Abhilfe schaffen durch die Entwicklung der Methodologie und Methode der interpretativen Artefaktanalyse, die die AutorInnen im ersten Teil darlegen, im zweiten auf Organisationen anwenden und im dritten als Gesellschaftsanalyse zu verallgemeinern suchen.

Als Artefakte bezeichnen Froschauer und Lueger alle von Menschen erzeugten oder modifizierten Gegenstände (S. 10). Artefaktanalyse basiere auf einer Erweiterung und Anwendung der interpretativen Sozialforschung für die Erschließung der Bedeutung solcher Artefakte. Für sie wird, ausgehend von einer Passage mit eher erzählerischer Alltagsevidenz und zahlreichen Beispielen, geworben. Daran schließt eine ebenso kenntnisreiche wie übersichtliche theoretisch-methodologische Begründung der Artefaktanalyse an. Verschiedene theoretische Bezüge der interpretativen Sozialforschung werden als Kontext aufgespannt, etwa werden Sinnhorizont, Sinngebiete und historisch geformter Interpretationsraum eingeführt. Dem hermeneutischen Zugriff entsprechend ist Kern der Artefaktanalyse, bereits verfügbares Wissen im Vorgriff auf die Einheit des Sinns des Artefakts zu nutzen, dieses Wissen in seinen Voraussetzungen der Anwendung zu begründen und entsprechende Schlüsse mit Alternativen zu konfrontieren (S. 33). Für die Interpretation ist die methodologisch angeleitete Entwicklung von Gedankenexperimenten zentral (S. 49).

Diese aufgrund vieler Referenzen sehr dichte theoretische Einordnung der Artefaktanalyse wird anschließend mit Hinweisen für ihre praktische Durchführung operationalisiert. Dazu gehören einmal konkrete Hinweise zur formalen Durchführung einer Artefaktanalyse, etwa mit Bezug auf die Interpretation im Team, das Forschungsdesign oder die Einordnung unterschiedlichen Datenmaterials (S. 51–57). Dazu gehören außerdem Darstellungen verschiedener Analyseebenen, von den Existenzbedingungen des Artefakts bis hin zur Integration der Analyse (S. 57–70). Es liegt damit ein Leitfaden vor, der auch in der interpretativen Sozialforschung bislang Unerfahrenen leicht zugängliche Hilfestellungen bei zugleich komplexer Einordnung bietet. Einige Hinweise zu möglichen methodischen Erweiterungen der Artefaktanalyse bilden den Abschluss des ersten Buchteils.

Der etwa 70 Seiten umfassende Teil zur Methodologie und Methode der Artefaktanalyse ist in sich geschlossen, sehr gut lesbar und über Verweise sowohl auf Klassiker als auch eigene Schriften der AutorInnen gut in den Forschungskontext eingebettet. Damit eignet er sich als Einstieg in eine weiterführende Beschäftigung mit der Artefaktanalyse im Kontext der interpretativen Sozialforschung. Den AutorInnen geht es jedoch um mehr: Bereits in der Einführung wird ihr Anspruch deutlich, mit der Artefaktanalyse soziologische Sichtweisen insgesamt zu erweitern. Eine Evidenz dieses Anspruchs wird abgeleitet aus der Vorstellung, wie anders das Soziale ohne Artefakte aussähe – „wir säßen nackt in der unberührten Natur“ (S. 7).

Diese Grundüberlegung verbindet die Darstellung der Methodologie und Methode der Artefaktanalyse mit den beiden folgenden Teilen zu Organisationen aus Artefaktperspektive und zur Artefaktanalyse als Gesellschaftsanalyse. Da Artefakte ganz generell für das Soziale bedeutsam seien, komme ihnen auch bei der soziologischen Untersuchung von Organisationen grundsätzlich Relevanz zu – bliebe doch, so wiederum der Rekurs auf Alltagsevidenz, von Organisationen ohne Gebäude, Produkte oder Infrastruktur nicht viel übrig (S. 76 f.). Während in bestehenden organisationstheoretischen Ansätzen Artefakte eher implizit vorkommen (S. 77 ff.), untersucht die interpretative Artefaktanalyse den organisationalen und interaktiven Verweisungszusammenhang, aus dem sich eine plausible und in sich differenzierte Bedeutungs- und Sinnstruktur ergibt und in dem Artefakte einen wesentlichen Bezugspunkt bilden (S. 92).

Die interpretative Analyse geht davon aus, dass schon die Bedeutung von Artefakten eine Frage der Ausdeutung ist (S. 93) und deshalb auf allen Ebenen der Organisation und ihrer Analyse relevant ist. Artefakte seien zentral für Menschen und Beziehungen in Organisationen (Kapitel 5), für das Arbeiten in Organisationen (Kapitel 6), als Technik in und um Organisationen (Kapitel 7), für die organisationale Raumgestaltung und Inszenierung (Kapitel 8) und schließlich für die Untersuchung von Organisationen im gesellschaftlichen Kontext (Kapitel 9). Diese Überlegungen zur Bedeutung von Artefakten in Organisationen sind wiederum gut lesbar und bieten mit Fragen, die die Kapitel jeweils abschließend zusammenfassen, einen Einstieg in das Spektrum dessen, was mit einer Artefaktanalyse in Bezug auf Organisationen untersuchbar wäre.

Der zweite Buchteil hat einen explorierenden und insofern öffnenden Charakter. Gerade indem jedoch ein sehr breites Themenspektrum aufgemacht wird, bleibt die Darstellung vergleichsweise generell. Dies ist an sich unproblematisch, gewährleistet es doch einen schnellen und gut lesbaren Überblick über soziologische Organisationsforschung und mögliche Ansatzpunkte einer Artefaktanalyse. Nach der ausführlichen Darlegung der Artefaktanalyse als Methodologie und Methode im ersten Teil und dem Aufspannen der interpretativen Sicht auf Artefakte im organisationalen Kontext im vierten Kapitel hätte man sich allerdings gewünscht, diese Methodologie im Kontext von Organisationen zumindest an einzelnen Beispielen konkreter angewendet zu sehen. Es hätte dies helfen können, sowohl das analytische Potenzial für die Organisationsforschung als auch die Umsetzbarkeit der Artefaktanalyse noch besser nachzuvollziehen.

Die Ausführungen im dritten Teil zur Artefaktanalyse als Gesellschaftsanalyse bleiben ebenfalls generell – wird doch wiederum eher öffnend darauf verwiesen, dass Artefaktanalysen zum besseren Verstehen des Alltags hilfreich wären (S. 182) und auf der Ebene der Gesellschaft die in Artefakten vergegenständlichten, repräsentierten und evozierten Wissensbestände sowie die komplexen Gefüge von Abhängigkeiten und Verfügungsrechten untersucht werden könnten (183 ff.). Einige methodologische Überlegungen zur Modifikation der Artefaktanalyse, Einbindung in Forschungsstrategien, Qualitätssicherung und Standards schließen den Teil ab.

Insgesamt bietet der Band eine sehr anschauliche und leicht nachvollziehbare Einführung in die Artefaktanalyse als Methodologie und Erweiterung der interpretativen Sozialforschung. Er bietet außerdem zahlreiche Anregungen, in welchen Hinsichten Artefaktanalysen für die Organisationsforschung fruchtbar gemacht werden können und er eröffnet die Perspektive, Artefaktanalysen auch über Organisationen hinaus zur Analyse von Alltagssituationen und Gesellschaft zu nutzen. Indem der Band für die Einbindung von Materialität in die interpretative Sozialforschung plädiert, reiht er sich ein in das in der Soziologie seit den 1980er-Jahren an mehreren Stellen unternommene Unterfangen, Materialität in die soziologische Untersuchung stärker einzubeziehen. Nachdem Materialität bei den Klassikern vor allem zur Abgrenzung des Sozialen (wie etwa bei Weber oder Luhmann) oder mit Blick auf die ihr gesellschaftlich zugewiesene Bedeutung relevant war (wie etwa bei Bourdieu oder Simmel), entstehen mit der Actor-Network-Theory Ansätze, die Materialität selbst einen gewissen Akteursstatus zuschreiben.[1] Aus ganz unterschiedlichen soziologischen Perspektiven wird ausgelotet, inwieweit klassische Positionen zur Einbeziehung von Materialität erweitert oder neue Ansätze entwickelt werden können.[2] Der vorliegende Band bezieht sich zwar an einzelnen Stellen auf einzelne dieser Ansätze, beispielsweise auf Latour im Kontext der Auseinandersetzung mit Technik in Organisationen. Insgesamt wählt der Band jedoch einen Duktus, der eine Berücksichtigung von Artefakten in der soziologischen Analyse erstmals zu begründen scheint, was irritierend wirkt angesichts der soziologischen Tradition einer Auseinandersetzung mit Materialität in einem weiten, auch Artefakte umfassenden Sinne. Eine zumindest rahmende Verortung in dieser soziologischen Tradition hätte geholfen, den Beitrag einer interpretativen Artefaktanalyse zum Verhältnis von Soziologie und Materialität beziehungsweise Artefakten insgesamt besser zu verstehen. Als systematische Erweiterung der interpretativen Sozialforschung, sehr anschauliche Einführung in die Methodologie der Artefaktanalyse und als Hinweis auf ihren Anwendungsbereich insbesondere im Organisationskontext ist der Band gleichwohl hilfreich.

  1. Als Überblick vgl. etwa die Beiträge zu STS und Soziologie in Stefanie Samida / Manfred Eggert / Hans Peter Hahn (Hg.), Handbuch Materielle Kultur, Stuttgart 2014.
  2. Vgl. etwa die Beiträge des Sonderhefts: Anna Henkel / Gesa Lindemann, Struktur – Institution – Regelmäßigkeit: Welche Konsequenzen hat die Einbeziehung von Materialität für die Beobachtung "des Sozialen"?, in: Soziale Welt 68 (2017), 2–3.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Jakob Borchers.

Kategorien: Philosophie Technik

Anna Henkel

Anna Henkel ist Professorin und hat seit 2019 den Lehrstuhl für Soziologie mit Schwerpunkt Techniksoziologie und nachhaltige Entwicklung an der Universität Passau inne. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der soziologischen Theorie sowie der Wissens-, Materialitäts- und Nachhaltigkeitsforschung sowie im Bereich Digitalisierung. Sie verbindet gesellschaftstheoretische Perspektiven mit empirischer Forschung, etwa bei der Frage nach dem Wandel von Verantwortungsverhältnissen.

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